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Zielsetzung und Leistung im Bereich der epischen Literatur
Die siebenbürgisch-sächsischen Prosawerke der zweiten Jahrhunderthälfte lassen den Eindruck entstehen — und die literarhistorischen Arbeiten, die sich darauf beziehen, betonen dies —, daß das Hauptziel der erzählenden Dichtung, das ästhetische, durch bildende und erzieherische Nebenziele ergänzt und bisweilen verdeckt wurde. Im Bewußtsein der Erzähler und ihrer zeitgenössischen Kritiker gab es allerdings oft keine Trennung zwischen dem — gelegentlich nicht sehr anspruchsvoll aufgefaßten — künstlerischen Hauptziel und Nebenzielen aller Art. Wissenschaftliche, besonders historische und volkskundliche Bildung und soziale Erziehung waren so sehr dem künstlerischen Anliegen verbunden, daß sie mit ihm vielfach identifiziert werden konnten. Die ästhetische Qualität trat so oft in der wissenschaftlich-bildenden und sozialpädagogischen Komponente in Erscheinung. Dies konnte um so eher geschehen, als unter den Wissenschaftlern und Erziehern zahlreiche Dichter waren, eine Folge des Umstandes, daß die 'Traditionsgebundenheit" des sächsischen Bürgertums 'nicht selten zu Prestigeleistungen auch auf literarischem Gebiet" geführt hatte. Bezeichnend für die Tendenz, die Ziele von Wissenschaft und Kunst gleichzusetzen, ist beispielsweise, daß Friedrich Teutsch die Wörter 'schöngeistig" und 'wissenschaftlich" kontaminierte und wiederholt von der — an sich unmöglichen — 'schönwissenschaftlichen" Literatur sprach.
Die erzieherische Note der Prosadichtung jener Zeit ist übrigens nicht nur der siebenbürgisch-sächsischen Literatur eigen, sondern ist Ausdruck einer in der zweiten Jahrhunderthälfte durch die europäische Literatur des poetischen Realismus allgemein geförderten Tendenz, mit Vorliebe moralischen Fragen nachzugehen. Ursache für das sich hieraus ergebende 'Übermaß an Moralisierung des Weltbildes und der menschlichen Konflikte" war, daß der 'politische Druck" nach 1849 die 'moralische Kraft des Einzelnen auf die Probe" stellte und dieser, um die Probe bestehen zu können, am Glauben 'an die sittliche Autonomie des Menschen und an eine sogenannte sittliche Weltordnung", am Glauben an die 'Willensfreiheit und moralische Verantwortung" des Individuums festhielt. 3 Dies waren hohe Ansprüche, und der siebenbürgisch-sächsischen Literatur blieben sie nicht fremd. Doch ergaben sich, aus ihren
Bedingungen, auch ganz spezifische erzieherische Ziele. Sie wurden gelegentlich allzu undifferenziert formuliert im Sinne einer 'stam-mesgebundenen Haltung", mit all den sich daraus ergebenden Konsequenzen, die vor allem darauf gerichtet waren, den 'Lebenswillen" der Sachsen zu kräftigen. Hierbei wurde zuweilen übersehen, daß dies nur ein Teilaspekt war und daß auch seine Annahme in widersprüchlichem Vorgang erfolgte. Die Literatur der Zeit als 'ein Band, das das Volk zusammenhielt" , auszugeben, bedeutete von vielem abzusehen, was sich nicht strikt den ideologischen Leitsätzen fügte, die von der bürgerlichen Führung der Siebenbürger Sachsen propagiert wurden. Damals — vielmehr: auch damals — lebte eine 'Generation, der die eigne Individualität zum Problem geworden war und die sich nicht widerspruchslos mit der patriarchalischen Lebensform und der älteren Generation abfinden konnte" 6. Die Widersprüchlichkeit des Bildes erklärt auch, warum die für die Prosaliteratur der Zeit reklamierte 'Volkstümlichkeit" nicht als pauschale Wertung gelten kann. War sie tatsächlich so volkstümlich, wie von ihr gerühmt wurde? Wie weit reichte diese Popularität? Dies wäre im Einzelfall zu untersuchen, der Tatsache eingedenk, daß man früher die Kennzeichnung 'volkstümlich" frei-giebiger gebrauchte und sich auch darüber etwas vorschnell geeinigt hatte, daß die gesellschaftlichen Voraussetzungen einer derartigen 'Volksnähe" angeblich günstig gewesen seien. So müßte beispielsweise die Feststellung kritisch reflektiert werden, 'daß das literarische Schaffen bei den Sachsen nicht Sache einzelner auserwählter Talente" war, 'sondern ehrliches Bemühen einer ziemlich breiten, aus dem ganzen Volke der Sachsen rekrutierten Gebildetenschicht", wodurch 'im wahrsten Sinne des Wortes eine Volksliteratur zustande" gekommen sei.
Die künstlerischen Ziele auf dem Gebiet der Prosadichtung und ihre Verwirklichungen sind auf die Maßstäbe zu beziehen, die von den literarischen Strömungen jener Zeit aufgestellt und beachtet wurden. Immer noch wirkten sich in der einheimischen Literatur Nachklänge der Romantik aus, deren Wesen allerdings schon vielfach verfälscht war. So bedeutete die Literatur, die sich im romantischen Geist entfaltete, verquickt mit anachronistischem 'Bie-dermeiertum, das von der Spätromantik der Schwäbischen Schule allmählich zu einer stillen, träumerisch-idyllischen Stimmung abgeklungen war", vielfach nur mehr den 'Aufstand der Mittelmäßigkeit gegen die Wahrheit" 8. Der Romantik und ihren Auswüchsen war auch die Abenteuer- und Sensationsliteratur der zweiten Jahrhunderthälfte in mancher Hinsicht verpflichtet. Aus der Fülle derartiger Produktion lassen sich als Beispiel die Erzäh-lungen von Franz Josef Löffelmann anführen. Seine Novelle Andreas Batori, Cardinal und Fürst von Siebenbürgen strotzt vor willkürlichen Einfällen, die den Leser nicht an die Ereignisse der Vergangenheit heranführen, sondern ihn von diesen geradezu entfernen. Was der Erzähler dem Publikum zumutet an Episoden mit rachedurstigen Übeltätern, mit Alchemisten, die in einem unterirdischen Labor Gold herzustellen versuchen, wird mit dem Anspruch auf Glaubhaftigkeit vorgebracht, ruft jedoch nicht den Eindruck des Authentischen hervor. Auch Die Rache ist — mit Duell, Kindesraub, teuflischen Racheplänen usw. — ein Beispiel schauerromantischer Prosa. Dabei ist der soziale Gedanke dem Verfasser nicht fremd, wie vor allem seine Erzählung Die schöne Unbekannte n zeigt, die hauptsächlich das Geschick leibeigener Bauern auf dem Gut eines Bojaren in der Moldau darstellt und dabei das Krasse und Unvereinbare gesellschaftlicher Gegensätze aufzeigt.
Wichtiger als die Prosa im Geist der verspäteten Romantik war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Dichtung des kritischen und des poetischen Realismus. Im Bewußtsein der Schreibenden jener Zeit nicht streng getrennt, sondern dem realistischen Konzept allgemein untergeordnet, sind beide Richtungen — bei aller, heute deutlicher als damals erscheinenden Distinktion — zwei einander ergänzende Seiten des gleichen Prinzips, zwei Spielarten des bürgerlichen Realismus gewesen. Der kritische Realismus bezeichnete bloß einen — allerdings wichtigen — Zug der Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Sozialkritik war auch hierzulande ein Anliegen der Literatur, allerdings nicht das dominierende. Immerhin ließ sich auch über den siebenbürgisch-sächsischen Prosaschriftsteller jener Zeit sagen, er bleibe 'den gewählten Stoffen gegenüber nicht ein bloß objektiver Beobachter, sondern er wertet sie kritisch nach ihrer Bedeutung für den Fortschritt in der gesellschaftlichen Entwicklung" 12. Als Beispiel kann — abgesehen von Michael Alberts Prosaarbeiten und anderen Texten — Franz Oberts Erzählung Die Magranten 13 dienen, in der die teils geglückte, teils gescheiterte Integration schwäbischer Siedler in eine siebenbürgische Gemeinde geschildert wird. Mit kritischem Blick wird erfaßt, wie die Dynamik der Einwanderer mit der Stabilität der vielfach erstarrten sächsischen Lebensformen in Konflikt gerät.
Auch der Begriff poetischer Realismus kann für die sächsische Erzählkunst beansprucht werden, da er — sei es durch direkte Beeinflussung, sei es durch Eigenbildung, wie sie die ähnlichen Lebensbedingungen mehrerer Länder nach 1849 hervorgebracht haben — nicht nur in der deutschen, sondern auch in der österreichischen und in der, räumlich näheren, ungarischen Literatursich durchgesetzt hatte und somit auf mehreren Wegen in den heimischen Bereich drang und Fuß faßte. Die Zeitumstände verhinderten auch hier 'die Entfaltung eines umfassenden und folgerichtigen Realismus, so daß dieser Realismus von vornherein einen gemäßigten, beschränkten Charakter" hatte. Einer seiner Wesenszüge war die — allerdings nicht übertriebene — Neigung zum idealistischen Verklären des Dargestellten. Zahlreich sind die Texte, die von dieser Ausrichtung Zeugnis ablegen. Sie zeigen jedoch auch, daß es richtig ist, bei der Erörterung der einheimischen Prosaliteratur den Gesichtspunkt und die Erfordernisse des kritischen und des poetischen Realismus in einem zu sehen und vom Realismus schlechthin zu sprechen. Und dies, obwohl, je nach dem Gegenstand der Arbeiten — Geschichte, zeitgenössische Verhältnisse in Stadt und Land —, es mehrere spezifische Ausprägungen des poetischen und kritischen Realismus gibt. Soweit die geschichtlichen Schilderungen in den Bereich authentischer Dichtung hineinreichen, was nicht von allzu vielen gesagt werden kann, wird der historische Realismus durch Texte von Gustav Seivert, Traugott Teutsch, Johann Michaelis u. a. sowie von den Verserzählungen Gustav Schullers belegt. Was an ihren Werken nicht nur gewürdigt, sondern auch kritisch ausgesetzt wurde, war, daß das 'culturhisto-rische Detail im Vordergrunde des dichterischen Interesses" steht, daß also etwa Gustav Schullers Arbeiten 'die orliebe des Dichters, die inJessen zugleich die Schranke seines Talents bildet, für das culturhistorische Kleinbild" zeigen.lo Vertreter der jüngeren Generation hielten es deshalb für geraten, sich anders zu orientieren. Johann Leonhardt beispielsweise äußerte 'als Anhänger des realistischen Principes", er lege 'stets auf das psychologische Motiv das Hauptgewicht, Landschaft und Culturgeschichte sind blos Hintergrund und Elemente für das einheimische Localcolorit" 16. — Das Leben der Gegenwart fand, mit besonderer Berücksichtigung landschaftlicher Gegebenheiten, seine Widerspiegelung in Arbeiten, deren Spannweite von den Schilderungen sächsischen Landlebens durch Franz Friedrich Fronius, Franz Obert und Martin Malmer bis zu den — teilweise exotisch anmutenden — Erzählungen von Ludwig Adolf Staufe-Simiginowicz, eines längere Zeit in Siebenbürgen wirkenden Bukowiner Schriftstellers, Theochar Alexi, einem gleichermaßen in rumänischer und deutscher Sprache schreibenden Autor, und Albert Amlacher reicht.
Allerdings war in der Prosaliteratur neben der Neigung zu einer gewissen Verklärung auch die gegenläufige Tendenz zur unbe-schönigten, naturalistischen Darstellung wirksam. Dies führte dazu, daß man im heimischen Realismus eine Form des — gemäßigten —
Naturalismus sah. Die Behauptung, daß Aufkommen und Entfaltung des Naturalismus 'innerhalb der sächsischen Literatur keine Spuren hinterlassen" habe 17, wird durch diesen Hinweis etwas relativiert. Allerdings nur, wenn man geneigt ist, einen gemäßigten Naturalismus noch als solchen anzusehen. Naturalismus in abgeschwächter Form,, also eigentlich Wirklichkeitskunst, war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in steigendem Maß auch hierzulande Ziel der literarischen Schilderungen. Man bekannte sich zum 'Naturalismus" als dem Überdauernden, man praktizierte ihn, konsequenter allerdings erst nach der Jahrhundertwende. Und doch ist an den folgenden Ausführungen über Naturalismus und Realismus nichts,, was nicht auch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts seine Verfechter gefunden haben würde: der Naturalismus 'wird bestehen und immer wieder zum Durchbruch kommen, nicht die-krankhaften und abstoßenden Begleiterscheinungen desselben, sondern seine Idee, die Rückkehr zur Natur, die Anlehnung an dieselbe" 19. Wert festgehalten zu werden ist, daß der Naturalismus in hiesiger Auffassung, d.h. in manchem landesüblicher Realismus, ebenso wie in Deutschland mit der Heimatkunst in engem Zusammenhang gesehen wurde. Man verstand diese auch hier als ein Produkt und eine Abzweigung des Naturalismus: Sie,, 'aus dem Boden des Naturalismus emporgewachsen", sei 'jene Kunst, die Menschen und Natur auf einen bestimmten und besonderen, durch seine Eigenart von anderen sich abhebenden Boden darstellen wird. Und der Künstler, verwachsen mit dem Boden, aus dem er hervorgegangen, schafft die Kunst der Heimat, seiner Heimat".
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