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Zeit als Vergänglichkeit



Welche Möglichkeiten aber gibt es für die Thematisierung von Zeit innerhalb der Dichtung selbst? Sehen wir uns Beispiele an. Friedrich Schiller vermerkt in seinem Spruch des Konfuzius :
Dreifach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, Ewig still steht die Vergangenheit.
      Man sieht: Hier wird auf eine ganz neutrale Weise der Vorgang des Vergehens von Zeit zum Thema der Dichtung. Den gleichen Gedanken verarbeitet Hugo von Hofmannsthal - dies aber nicht neutral wie Schiller, sondern gepackt vom Grauen angesichts der Endlichkeit des individuellen Daseins. Hofmannsthals berühmte Verse lauten:


Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als dass man klage: Dass alles gleitet und vorüberrinnt.
      Und dass mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,

Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.
      Mit diesen Terzinen Ãober Vergänglichkeit beschwört Hofmannsthal das Erleben von Zeit als etwas so Grauenvolles, dass keine Klage diesem Geschehen, dem wir vollkommen ausgeliefert sind, gerecht werden kann.
      Auf wiederum andere Weise nimmt Nathaniel Hawthorne zur Vergänglichkeit Stellung - in seiner Erzählung Dr. Heideggers Experiment, die 1837 erschienen ist . Es handelt sich um eine belehrende Konstruktion: Dr. Heidegger wird als »Vater Zeit« vorgestellt, der mit seinen Gästen ein Experiment durchführt. Es sind dies drei alte Herren mit weißen Barten, Mr. Medbourne, Colonel Killigrew und Mr. Gascoigne, sowie die Witwe Wycherly, eine alte Dame. Die drei Herren waren in ihrer Jugendzeit die Geliebten der jetzigen Witwe Wycherly und haben sich damals aus Eifersucht fast gegenseitig umgebracht. Durch Dr. Heideggers »Wasser der Jugend« verjüngt, werden alle vier wieder genauso töricht wie damals. Hawthorne veranschaulicht den Gedanken, dass eine Wiederholung der Jugend nichts anderes bedeuten würde als eine Wiederholung der Torheiten der Jugend und damit ein Verschütten des Wassers der Jugend - deshalb solle man auf die Möglichkeit einer Wiederholung der Jugend nicht pochen, auch wenn sie praktikabel wäre. In Dr. Heideggers Experiment rechtfertigt sich die Zeit im Namen dessen, was verdient, dass es vergeht.
      Der amerikanische Romantiker Nathaniel Hawthorne lebte von 1804 bis 1864; er hat also den deutschen Philosophen Martin Heidegger, der von 1889 bis 1976 lebte, nicht kennen können: aus zeitlichen Gründen. Es berührt deshalb sehr eigentümlich, dass der Philosoph Heidegger in seinem von Hawthorne geschaffenen literarischen Namensvetter einen Vorläufer sui ge-neris gefunden hat, dem es nämlich auf seine Weise um Sein und Zeit gegangen ist. Zu Martin Heideggers komplizierten Ãoberlegungen, von denen er selbst allerdings sagt, dass sie nur etwas Einfaches zur Sprache bringen wollen, wird sogleich noch ein besonderes Wort nötig sein.
      Halten wir zunächst fest: Wie Schiller, Hofmannsthal und Hawthorne deutlich werden lassen, legt die Zeit, gefasst als Vergänglichkeit, von sich aus demjenigen, der sie erfährt, keine bestimmte Haltung nahe. Es kommt darauf an, wie sich der Einzelne zur Vergänglichkeit stellt - er kann dies auf stoische

Weise tun oder gepackt von unnennbarem Grauen oder auch in moralisierender Bejahung. So kann also Zeit dadurch literarisches Thema werden, dass die Vergänglichkeit als solche benannt und ein erlebendes Ich zu ihr in eine emotionale Beziehung gesetzt wird.
     

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