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Wunde und Schmerz



Dichtung besteht aus Situationen. Es geht nun darum, den Situationsbegriff, der in meine bisherigen Erörterungen bereits verschiedentlich hereinspielte, im Detail zu verdeutlichen. Dies sei an der literarischen Darstellbarkeit von Schmerz und Angst durchgeführt.
      »[...] und wenn wir an eine Wunde denken, so können wir schwerlich verhindern, uns den Schmerz vorzustellen, der auf sie folgt.« So erläutert David Hume das dritte Prinzip der Ideen-Assoziation in seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand ; und es sei hier daran erinnert, dass Hume unsere Ideen-Assoziation mit nur drei Prinzipien kenntlich macht: Ã"hnlichkeit , Nachbarschaft in Zeit oder Raum und Ursache oder Wirkung . Kurz gesagt: Schmerz lässt sich, grundsätzlich gesehen, auf zweierlei Weise literarisch darstellen: durch Schilderung einer Wunde oder durch Schilderung der Ã"ußerung des Schmerzes dessen, der verwundet wurde. Von der Schilderung der Wunde schließen wir auf den Schmerz, von der Schilderung der Ã"ußerung des Schmerzes schließen wir auf die Verwundung. Im Sinne des dritten Hume'schen Assoziationsprinzips heißt das: von der Ursache schließen wir auf die Wirkung; oder: von der Wirkung schließen wir auf die Ursache.

      Ich gehe hier davon aus, dass wir im Normalfall beim Anblick fremden Schmerzes Mitleid empfinden. Ja, die Darstellung des Schmerzes, die Darstellung fremden Schmerzes ist ganz offensichtlich besonders dazu geeignet, die Anteilnahme des Lesers oder Zuschauers zu wecken. Es bleibt anzumerken, dass eine Darstellung fremden

Schmerzes auch dann vorliegt, wenn der vom Schmerz Heimgesuchte in der Ich-Form spricht. Das fremde Ich spricht sich dann in der Ich-Form aus.
      Es geht nun darum, zu zeigen, auf welche Weise sich die Darstellung von Schmerz bewerkstelligen, nämlich ins Werk setzen lässt. Eingangs hatte ich festgestellt, dass sich entweder die Wunde oder die Schmerzensäußerung darstellen lässt. Es ist nun eine weitere Verdeutlichung des Gegenstandes vorzunehmen: Die Wunde kann entweder körperlicher oder seelischer Natur sein . Aufschlussreich ist, dass das Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie von Uwe Henrik Peters nur den Begriff Trauma als Lemma führt, nicht aber den Begriff Wunde. Man darf nicht vergessen, dass die Beschäftigung mit dem psychischen Trauma am Anfang der psychoanalytischen Lehre steht . So ist es heute weithin, aber eben durchaus nicht ausnahmslos üblich, bei einer seelischen Verwundung von einem Trauma zu sprechen. Halten wir also grundsätzlich fest: Es gibt körperliche und seelische Verwundungen mit den entsprechenden Schmerzen und Schmerzensäußerungen.
      Soviel ist nun klar: Schmerz ist kein literarisches Seitenthema, das hin und wieder vorkommt, sondern etwas, das mehr oder weniger zentral vorkommt, wenn es um den Menschen, ja, wenn es um Lebewesen geht, wobei nichtmenschliche Lebewesen in Analogie zum Menschen empfunden werden .
      Die literarische Darstellung von »Schmerz« ist gattungspoetisch nicht auf die Tragödie beschränkt. Die Komödie lebt ebenfalls von den Leiden des Menschen, nur dass in der Komödie niemand ernsthaft zu Schaden kommen darf. Allerdings lässt sich feststellen: In der Komödie, wo der empirische Mensch zu Hause ist, rückt das körperliche Leiden immer wieder in den Vordergrund , während in der Tragödie, die den intelli-giblen Menschen, den Menschen in seiner Freiheit darstellt, das seelische Leiden im Vordergrund steht. Man denke noch einmal an Hamlet. Er wird durch zwei verschiedene Erlebnisse, die eng zusammenhängen, traumati-siert, durch die Nachricht von der Ermordung seines Vaters und die Nachricht von der Eheschließung seiner Mutter mit dem Mörder seines Vaters. In dem Schauspiel, das Hamlet aufführen lässt, bringt er in der Mitte des dritten Aktes, d. h. im Zentrum des Stücks seine eigenen Verletzungen, seine psychischen Traumata auf die Bühne, so dass sie allen Beteiligten sichtbar werden. Alles, was vorausgeht , und alles, was aufdas Schauspiel folgt, das ja nicht zu Ende gespielt wird, ist Schmerzensäuße-rung, ist Verarbeitung des Schmerzes. Die Tragödie Hamlet demonstriert uns die Wunde und den Schmerz der Titelgestalt, aber auch die vergebliche Verarbeitung des Schmerzes durch Rache und Zurückweisung Ophelias.
      Viktor von Weizsäcker hat in seiner 1956 erschienenen Monographie Pa-thosophie unter dem Stichwort »Schmerz« vermerkt, es sei zwar »ein Unterschied zwischen Zahnschmerz, Wundschmerz, Bauchweh, Kopfweh, Herzschmerz und Seelenschmerz zu beachten und doch die Genialität der Sprache zu bewundern, die alles dieses mit dem Worte Schmerz vereint.«
Vielleicht könnte man sogar die Behauptung wagen, dass die Reaktion auf eine Wunde immer etwas Psychisches ist: eine Reaktion des Lebens auf einen Todesboten. Diesen Gedanken hat Ernest Hemingway immer wieder gestaltet. In seinem Roman In einem andern Land findet sich die programmatische Feststellung »Die Welt bricht jeden, und hinterher sind viele stark an den gebrochenen Stellen.« . Und in seiner Erzählung Schnee auf dem Kilimandscharo {The Snows ofKili-manjaro, 1948) reagiert der Protagonist auf eine tödliche Infektion, die allmählich seinen Körper erfasst, mit einer Hoffnungsphantasie. Es heißt im Text:
Seit der Brand [gangrene] in seinem rechten Bein begonnen hatte, war er ohne Schmerzen [no pain], und mit den Schmerzen war das Grauen [horror] vergangen, und jetzt fühlte er nichts weiter als eine große Müdigkeit und Zorn [anger], dass dies das Ende war.
Mit dem Aufhören des physischen Schmerzes beginnt der seelische Schmerz und mündet in Zorn und danach, als Versuch einer Verwindung des Unaus-denklichen, in die Hoffnungsphantasie. Harry träumt seine Rettung, während er stirbt. Literarhistoriker wissen, dass sich Hemingway hier von der Erzählung Eine Begebenheit an der Owl-Creek-Brücke {An Occurrence at Owl Creek Bridge; 1891 in: Tales of Soldiers and CivilianS) seines Landsmanns Ambrose Bierce anregen ließ. Schmerz wird in beiden Fällen, bei Hemingway und bei Bierce, durch ein gedankliches Insistieren des Betroffenen auf Rettung beantwortet und gelangt dadurch zentral, aber unterschwellig zur Darstellung. Die Situation des Sterbenden ist hinter seiner Hoffnungsphantasie nachträglich zu erschließen, durch Rekapitulation des bereits Gelesenen.
      Hemingway pocht auf die körperliche Wunde, von der der Geruch des Todes ausgeht, Shakespeare hingegen pocht auf die seelische Wunde , die das Leben vergiftet. Beide Male gehört die Wunde zum Leben, provoziert die Wunde das Leben, weil sie der Bote des Todes ist. Es zeigt sich jetzt etwas Eigentümliches: Die psychische Wunde ist in der Empirie offensichtlich eine Metapher der körperlichen, physischen Wunde. In der Literatur aber ist es umgekehrt: da ist die physische Wunde immer sofort Metapher für Missgeschick, das vom Autor auf diese Weise sichtbar gemacht wird und die verschiedensten Begründungszusammenhänge vertreten kann. Man denke nur an die übel riechende Fußwunde des sophokleischen Philoktet, die ihn sozial vollkommen isoliert. Ich verweise auf die von Dietrich von Engelhardt benannten vier Geltungsbereiche von Krankheit: Sie wirkt sich physisch, psychisch, sozial und geistig aus. Dies gilt per analogiam auch für Wunde und Schmerz. In dem hier explizierten Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass Literatur immer geistige Verarbeitung von Wunde und Schmerz bedeutet, mit automatischer Metaphorisierung des anschaulich vor Augen Gebrachten.
     

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