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Wolf Aicbelburg - AUF DIESER HÖHE



Auf dieser Hbe trifft der Wind nur Stein. Schafe haben wandernd eine Heimat. Sollte dir, dem Wanderer im Grn, Frhling tuschen einen Aufenthalt?
Auf dieser Hhe halt die Sonne Rast. Tiere wissen nicht von Glck, sie wandern. Kferflgel, Vogelflugmander schlfern ein, doch du bist nicht zu Gast.
      War diese Hhe jemals Wurzelgrund? Der Baum war nur ein Schatten. Du bist wach. Und war es Schuld, wenn du hier Htten bautest im Frhling, Herbergen aus Glck und Wind?

Wolf Aichelburg, geboren am 3.01. 1912 in Pola, studierte nach dem Besuch des Hermannstdter Gymnasiums in Klausenburg, Dijon und Berlin Germanistik und Romanistik, lebt heute, nach wechselvoll bewegtem Schicksal als Journalist, Schriftsteller, Übersetzer, Komponist und Musikkritiker freischaffend in Hermannstadt. Mit siebzehn begann er Gediente zu schreiben; auer den zahlreichen und verschiedenartigen Arbeiten in der deutschsprachigen und rumnischen Presse erschienen von ihm 1969 die beiden Bndchen Herbergen im Wind. Gedichte und Die Ratten von Hameln. Geschichten.
Das Gedicht steht ganz unter der aus dem Titel in jeden Strophenanfang bernommenen hinweisenden Gebrde. Hingewiesen wird auf diese Hhe, auf einen — sprachlich kommt das im Gebrauch des Demonstrativpronomens zum Ausdruck — klar abgezirkelten, przis gemeinten Bereich, den das lyrische Ich anschaubar vor sich hat, derlandschaftlich vergegenwrtigt wird, dessen genauere Kenntnis es aber erst zu erwerben gilt. Diese Hbe, bildlich als Landschaftsgipfel erfat, wird denn auch durch entsprechende Bestimmungen nher beschrieben. Es ist der hchste Gipfel im Sichtkreis, da die Sonne darauf Rast hlt; so hoch, da sie vom Steigen ermdet ist; der Wind trifft nur Stein darauf; Vegetation ist keine zu denken, denn sonst erbrigte sich die Frage: War diese Hbe jemals Wurzelgrund? Öde, erstarrte Unfruchtbarkeit ist also das Kennzeichen dieses genau begrenzten, als Landschaft vorgestellten Bereichs.
      Wenn das Gedicht auch ganz in konkreter Bildlichkeit verharrt, so darf der Aufnehmende ohne Zweifel verallgemeinern und das, was hier rumlich anschaulich wird, beispielsweise zeitlich auslegen. Jene Hhe wre dann der hchste Gipfel der Zeiten, jener bestimmte Moment, den wir Gegenwart nennen. In der erstarrten Drftigkeit und kargen Öde, die sie kennzeichnen, fragt das lyrische Ich nach Wurzelgrund und Siedlungsmglichkeiten, nach einem sinnvollen Seinsbegriff. Dies aber ist zugleich die thematische Frage, die das ganze Gedicht bewegt und erfllt, die das lyrische Ich sich selber stellt und zu beantworten sucht. Denn wenn im Gedicht auch immer wieder ein Du angeredet oder angerufen wird, so ist dies dennoch immer identisch mit dem Ich, das mit sich selbst im * Zwiegesprch begriffen ist; in einem Zwiegesprch, das auf die Grundfrage des Gedichtes Antwort zu sein versucht.
      Diese Antwort wird auf dem Wege antithetischer Betrachtung und Erfahrung gesucht. Es ist auffllig, wie die Begriffspaare Tiere — Du , wandern — Heimat, Schatten — Wachsein zu einem spannungsreichen Beziehungssystem verflochten werden, und es lohnt sich, ihren Verknotungen systematisch nachzugehen. Zunchst wird in jeder Strophe das Ich als Seinsphnomen in Gegensatz zu auermenschlichen Seinsformen gesetzt, fr die in der ersten Strophe der Begriff Schafe, in der zweiten der allgemeinere Tiere und in der dritten Baum steht. Was den Gegensatz zwischen Ich und Auerindividuellem, den Unterschied zwischen menschlichem und auermenschlichem Leben ausmacht, wird jeweils in der zweiten Zeile jeder Strophe ausgesprochen, am deutlichsten in der zweiten Zeile der zweiten Strophe: Tiere wissen nicht von Glck, sie wandern. Besitz oder Fehlen jenes Wissens um Glck unterscheidet also die beiden Seinsformen. Bewutseinsfreies Sein vermag sich einem reflexionslosen, fraglosen Dahinleben berlassen, kann sein Dasein als reine Wanderung genieen, ohne nach einem Ziel zu fragen; der bewute Mensch hingegen fragt gerade nach Glck, nach Sinn und Finalitt seines Daseins. Er sucht Wurzelgrund, Verankerungsmglichkeiten, sucht Heimat, gegrndetes Verweilen. Die Antithese Wandern — Heimat ist sprechend. Was aber kann Heimat sein, wo kann der Mensch sich anbauen? Einzigjene Hhe bietet sich dafr an, ein ungnstiger Boden, eine schttere Zeit. Hier an Aufenthalt zu denken, wre Tuschung; du bist nicht zu Gast. Die voreilige Schlufolgerung einer Oberflchenlogik wre also die, da eine Verwurzelung unmglich und damit unbewutes Sein der Schwere des Menschlichen vorzuziehen sei.
      Die erregend unkonventionelle Wendung des Gedichtes ist nun die, da der Dichter gerade anders, gegenteilig wertet. Das zeigt sich im letzten Gegensatzpaar Schatten — Wachsein und bahnt sich im Gedichtaufbau allmhlich an. Kferflgel, Volgelflugmander / schlfern ein; Der Baum war nur ein Schatten. Gemessen an klar-bewutem, menschlich-wachem Leben ist solch reflexionsfreies Dasein ein blasses, sche-menhaft-traumhaftes Vegetieren. Wachsein, auch wenn es hart ist, wird als Vorzug genommen. Und daraus ergibt sich der Schlu, der — behutsam und in der Ungewiheit der Frageform — dennoch das Siedeln und Bauen befrwortet. Freilich sind, was der Mensch unter solchen Bedingungen aufrichten kann, keine dauernden und gegrndeten Heima-ten; es sind Herbergen in der Öde, gebaut nur zum einen Teil aus Glck, zum andern aus Wind, dem Flchtigen und Kalten. Gerade auf dieses Dennoch scheint es dem Dichter jedoch anzukommen, auf das Glck, das dem Wind abgerungen wird, auf die Sigkeit, die aus Hrte, Bitternis und Darben reift. In irgendeiner Gestalt findet sich dieser Gedanken in fast allen Gedichten Aichelburgs, so da die letzte Zeile des besprochenen Gedichtes nicht zufllig direkt an den Titel des Bandes anklingt, dem es entnommen wurde: Herbergen im Wind.
      Typisch ist auch die dichterische Verwirklichung dieser Anschauungen. Man kann Aichelburgs Verfahren wohl naturmetaphorisch nennen. Gesprochen wird weitgehend in Begriffen der Natur und der Landschaft, gemeint werden damit immer menschliche Belange. Dabei ist die gebrauchte Metapher dem gemeinten Hintergrund so angemessen, da es in dieser Lyrik selten zu hartnckigen Verstndigungschwierigkeiten kommt. Hinzu kommt, da Aichelburg gewhnlich eine dominierende allgemeine Metapher whlt , deren einzelne Zge und Elemente nicht nur ergiebig sind, sondern sich auch so selbstverstndlich zueinander ordnen und zum Gesamtbild streben, da diese Gedichte den Eindruck einer souvernen Geschlossenheit und kundigen Gefgtheit hinterlassen. Der hintergrndigen Gedankeneinheit entspricht auch im Vordergrund jene Bildeinheit, die den Gesamteindruck einer geflligen und fast mchte man sagen klassizistischen Harmonie der Gliederung erweckt.
     

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