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Wilma von Vukelich: Eine Chronistin des Judentums in Mitteleuropa



Wilma von Vukelich gehört zu jenen Schriftstellern der alten Donaumonarchie, deren Leben und Schaffen durch die Zugehörigkeit zu einer Nation und zu einem enggezogenen Kulturkreis nicht zu erklären sind. Einer jüdischen Familie aus Ungarn entstammend, verlebte sie die meisten Jahre ihres Lebens in Kroatien, beim Schreiben bediente sie sich aber ausschließlich der deutschen Sprache, obwohl ihre Werke den eigentlichen deutschen Raum nicht einmal thematisieren. Die Einordnung eines Autors in eine bestimmte nationale Literatur hängt in erster Linie von seinem Bewußtsein von der Zugehörigkeit zu einem Volke ab. In unserem Fall hilft auch diese Einsicht wenig, denn Wilma von Vukelich fühlte sich - insoweit wir aus der grundlegendenThematik ihres Werkes Schlüsse ziehen dürfen - heimatlos.

      Die Geschichte ihrer jüdischen Familie bewegte sie sehr, einen Roman widmete sie der Problematik des Judentums, auch in den anderen tauchen häufig die Gestalten von Juden auf. Eine Zuneigung für die jüdischen Bräuche, für ihre religiöse Mystik und die Abtrennung von den anderen Völkern kannte sie jedoch nie. Die zehn in Ungarn verbrachten Jahre waren eine zu kurze Zeit, um dort eine Heimat zu finden. Deutsch war zwar ihre Muttesprache, doch die politische Entwicklung, die im Faschismus gipfelte, machte es unmöglich, daß Ã-sterreich auch zu ihrem Vaterland wurde. Ihre Verbundenheit mit Kroatien war am stärksten: Zwanzig Jahre verbrachte sie in Osijek, fast vierzig in Zagreb, das Kroatische war die Muttersprache ihres Gatten und ihrer Kinder, vier ihrer Romane behandeln die Geschichte und die Gegenwart des kleinen Landes. Sie war jedoch ein zu großer Kosmopolit und Freigeist, um in einem lokalen Patriotismus die Erfüllung ihres Lebens finden zu können. Der Ausnahmezustand, sich außerhalb aller nationalen und konfessionellen Schranken zu befinden, verleiht ihrem Werk eine besondere Objektivität und kritische Einstellung. Andererseits ist dieses Nirgendsdaheimsein daran schuld, daß ihr Werk, schon am Tage der Entstehung, dazu verurteilt war, keinen Weg zum Publikum zu finden. Denn der Um- stand, daß unsere Autorin in Kroatien lebte und dennoch deutsch schrieb in einer
Zeit, wo es auf Zagreber Straßen längst verstummt war, ist daran schuld, daß ihre Romane nicht verlegt wurden.
      Das einzige literarische Werk Wilma von Vukelichs, das an die Ã-ffentlichkeit gelangte, ist der im Jahre 1923 in Wien gedruckte Roman Die Heimatlosen. Schon aus dem Titel geht hervor, daß die Autorin ihre Aufmerksamkeit nicht auf einen Helden,
sondern auf eine ganze Gesellschaftsgruppe richtet. Es ist eine sozial-kritische Studie
über die Juden in Ungarn, über eine ethnische Gemeinschaft ohne eine richtige Ver-
bundenheit mit Landschaft und Menschen der Wahlheimat. Die Heimatlosigkeit fügt ihnen unterschiedliche innere Schäden zu, macht sie empfänglich für alle denkbaren Ideen, Moden und neue Lebensweisen; alles in dem Bestreben, irgendwo doch Wurzeln zu schlagen, ein Zuhause zu finden. Der Roman verfolgt den mühsamen und an Irrtümern und Fallen reichen Prozeß des Aufwachsens von fünf jüdischen Jünglingen, die sich zu einem Freundesbund zusammengeschlossen haben. Sie kommen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten: aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und einer bäuerlichen, orthodox-talmudischen Familie, aus der bitteren Armut eines Trödelladens und aus dem üppigen Luxus der Neureichen oder aus den Kreisen des Ver-dienstadels. Sie vertreten verschiedene Lebensauffassungen und folgen unterschiedlichen Neigungen: Es ist ein Künstler unter ihnen, der um seine Musik ringt; ein Journalist in fanatischem Eifer, die Gesellschaft auf einer sozial gerechten und übernationalen Basis neu aufzurichten; ein grüblerischer Jüngling, der sich von der Last und dem Leid der tausendjährigen Geschichte des verfolgten Volkes nicht befreien kann; ein immer an der Oberfläche der mondänen Großstadt bleibender Dandy, und schließlich ein Kunstfanatiker, der für den Geist und die Harmonie lebt und zuletzt völlig dem Weiblichen verfällt. Auf diese Weise fängt der Roman die bunte Vielfalt des ökonomischen und geistigen Lebens ein und wird zu einem breit angelegten Gesellschaftsroman, in dem das letzte Jahrzehnt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sehr überzeugend und dramatisch zum Vorschein kommt.
      Die Akteure sind, wie in den meisten expressionistischen Werken jener Zeit, junge Menschen, die gegen das geregelte bürgerliche Dasein hitzig rebellieren, sich an allen greifbaren Ideen wahllos berauschen: von Marxismus und Zionismus bis Buddhismus. Die Verbündeten schwärmen davon, eine Zeitung herauszugeben, die, 'ohne jede Richtung, ohne jede Bindung", unmittelbar 'dem Volkswillen und der Menschenbeglückung" dienen sollte. Indem die Autorin aber diese umstürzlerischen Gedanken skeptisch und mit spürbarer Ironie darlegt, steht sie gleichzeitig auch der gesamten Gesellschaft kritisch gegenüber, denn diese vermochte dem Enthusiasmus der jungen Menschen keine wahren Ziele anzubieten. Die oberen Zehntausend werden hier schonungslos bloßgestellt, unabhängig davon, ob sie Juden oder Magyaren sind. Sie kennen keine Ideale, weder politische noch moralische, glauben an keinen Gott außer an Geld und ihr skrupelloses Tun wird durch Pragmatismus und Egoismus bestimmt. Unterwürfig steht ihnen die Presse bei, verarbeitet ihre Profite, je nach Bedarf, in oppositionelle Demonstrationen oder in leidenschaftliche Kriegsbegeisterung. Im übrigen langweilt sich die führende Gesellschaft und lebt von Sensationen: Die extravagante sezessionistische Mode,Tanzfeste und Skandalgeschichten bestimmen ihre Interessen. Einem Gesellschaftsroman angemessen, schildert die Autorin auch die Zwänge, die die übergeordnete soziale Struktur dem einzelnen auferlegt. Es gilt, entweder die herrschenden Normen zu akzeptieren und ein Dieb unter Dieben zu werden oder in einem Kampf gegen die Institutionen zu unterliegen, ein Außenseiter zu werden, von Haß getragen und gejagt, bis man zuletzt doch von den Flügeln der Windmühle zermalmt wird. Die beiden Wege verlaufen jedoch nicht geradlinig. Der eine widersetzt sich manchmal der gewaltigen Assimilation; der andere wieder, der Kämpfer, wird müde und ist bereit, Kompromisse zu machen, Brechts Kragler nicht unähnlich: 'Und aß sein erstes warmes Nachtmahl seit langem. Und zog ein reines Hemd an!" Der Mensch sträubt sich, versucht dem Unausweichlichen aus dem Wege zu gehen: Der Charakter, die innere Bestimmung, trägt jedcoh den Sieg davon, und der Konformist bekommt sein Stück vom Kuchen der Welt, während der Unangepaßte wieder seine Rosinante besteigt. Und alle diese Kämpfe gegen die anderen und gegen sich selbst werden in der brausenden Großstadt ausgetragen - so ist Die Heimatlosen auch ein Roman über Budapest. Vergeblich wird der Leser nach einem einzigen Landschaftsbild suchen, nach der ungarischen Pußta. Auch die Stadt wird kaum sichtbar in den prunkvollen Fassaden und den breiten Boulevards, es handelt sich vielmehr um eine Vision:
Er sah Budapest zu dieser Nachtstunde, ein einziges großesTingeltangel. Die Stadt der Dirnen und käuflichen Minister. Die Stadt der Eleganz, die Vornehmheit vortäuscht. Der leichten Geste, die die Geste des Sich-selber-Wegwerfens ist. Die Stadt der Literaturbörsianer und der verhungernden Dichter. Die Stadt der kleinen Beamten, die eine Monatsgage dem Zigeuner als Trinkgeld hinschmeißen, daheim aber verkümmern ihr Weib und ihre Kinder. [...] Und er liebte Budapest mit seinem heißen und wirbelnden Lebenspuls. Mit seiner Fülle von Gegensätzen. [...] Er ist daheim in dieser Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und aller jener, die emporkommen wollen. Rücksichtslos. Ohne Skrupel. Einer über den Kopf des andern.
Das angebotene Gesellschaftsbild Ungarns enthält aber im Mittelpunkt immer die Problematik des Judentums. Zur Entstehungszeit des Romans konnte die Autorin nicht ahnen, was für ein entsetzlicher Pogrom ihrem Volke bevorstand, sie kannte aber nur zu gut die Geschichte des ewig verfolgten Volkes, und so kam sie zur Erkenntnis, daß Judentum nicht nur ein Volkstum und eine Religion sei, sondern - ein Schicksal! Ein Schicksal auch dann, wenn man anscheinend gut und sorglos lebt. 'Die Heimatlosen" berichten über die höheren Stände, über ein Jugendstil-Milieu, das verfeinert und voller Kultur ist. Die Gestalten des Romans geben sich Mühe, jede Erinnerung an die trübe Vorgeschichte ihrer Familie aus ihren Gedanken zu verscheuchen. Die Väter mit den krummen Buckeln, Emporkömmlinge, die sich durch Schuften und Spekulieren hochgearbeitet haben, werden in den Hintergrund gedrängt; die Autorin sorgt jedoch dafür, daß sie einen dunklen Rahmen für ihr Bild der hohen Gesellschaft bilden. Herr Görgei versteht im größten Stil Geld zu machen, wird aber eben deswegen von seiner noblen Familie verachtet. In skizzenhafter Darlegung seines Lebens entrollt sich ein Stück der gemeinsamen jüdischen Vergangenheit in Mitteleuropa. Von klein auf an die schwerste und ausdauernde Arbeit, an einen knurrenden Magen und Fußtritte gewöhnt, lernt er die befreiende Macht des Geldes kennen und verwächst schließlich mit seinem Geschäft:
Kann man mit etwas anderem ein Mensch werden als mit Geldverdienen? Und wenn man es schließlich zum Geschäft gebracht hat, dann ist einem das Geschäft wie ein Stück vom eigenen Fleisch und Blut. Dem man seinen Fleiß, seine jungen Jahre, seine Bequemlichkeit gibt, um etwas daraus zu machen. Man spart sich alles ab. Man gönnt sich nichts. Denn das Geschäft ist die Hauptsache. Das Geschäft ist einem das Vergnügen und die Ruhe. Das Geschäft ist einem auch Weib und Kind. Denn aus dem Geschäft kommt ja alles: Geld, Ehre und Ansehen. Die elegante Frau und der feine gebildete Sohn.
Bittere Erfahrung hat ihn gelehrt, daß alles und jeder auf dieser Welt käuflich ist und daß der Jude Geld machen muß, damit er sich bei den Christen irgendwelche Freiheit verschaffen und Ansehen erkaufen kann. Herrn Görgeis Sohn aber schwärmt für die Musik, tut gar nichts und lebt wie ein Fürst. Ã"hnlich in der Familie Weinberger. Die Mutter plagt sich im Geflügelhof und Kuhstall herum, der Vater erkauft sich teuer den Adelstitel, während die Töchter in der vornehmen Erziehungsanstalt in Budapest 'von früh bis abends nobel essen, gähnen, reden und sich ausschweigen".
      Nachdem aber die Kluft zwischen dem jüdischen Gestern und Heute aufgedeckt wurde, wendet sich die Autorin entschieden dem schönen Schein einer Welt zu, die nur 'Genuß, Freude und das schöne Erlebnis" beschwört. Im Verlauf von zwei, drei Generationen nämlich waren die erfolgreichsten Juden bestrebt, das ehemalige Ghetto in ein Großstadtparadies umzudichten. Eine neue, heiß angebetete Gottheit beherrscht die marmornen Paläste: Geld. Die Ã"ngste und Erniedrigungen von gestern werden jetzt überschwenglich kompensiert: durchToiletten undTheater, Reisen und Jours, Bewunderung und Flirt - in einer Vergnügungssucht ohne Grenzen. Diese meisterhaft dargestellte, berauschende Oberfläche des Lebens bleibt aber nicht die letzte Wahrheit über die oberen Zehntausend. Die Kulissen werden zerstört, und vor dem Leser taucht ein entblößter Mensch auf, in seiner ganzen Ratlosigkeit, ohne irgendwelchen Halt und ohne greifbares Ziel. Diese erstaunliche Porträtierungskunst, die gleichzeitig den äußeren und inneren Menschen aufdeckt und dramatisch einander gegenüberstellt, sie beruht nicht nur auf den Wahrnehmungen der Sinne, sie mobilisiert auch die intellektuelle und kritische Urteilskraft und schafft die integralen, synthetischen Porträts von sprudelnder Lebendigkeit. Die jähen Einschnitte in eine Persönlichkeit oder in die Mentalität einer Gruppe erfolgen oft in wenigen und knappen Sätzen , ein anderes Mal wieder in einer analytischen Auslegung, die sonderbar von expressionistischer Ekstatik geprägt wird:
Die Brautjungfern aber, Mucis Freundinnen und Rivalinnen, denen sie zuvorgekommen, waren ausgesprochene Typen der dritten Generation, auf Lieblichkeit, Individualität und schäumendes Temperament eingestellt, je nachdem die Mittel es erlaubten. Alle bewußt. Alle dekadent. Ein Schuß Alraunentum und ein Schuß blonde Bestie. Eine Linie Ibsenismus und ein paar Töne Dirnentum. Und viel naive Genußsucht. Und doch auch eine Spur Müdigkeit. In der Geste. In den altklugen und wissenden Bemerkungen. Und unglaublich viel Eleganz, Toiletten, Schmuck und Blumen. Blumen über alles. Ganze Farborgien von Blumen, Symphonien von Duft. Und unter krausen Haaren neugierig ins Leben spähende Mädchenaugen. Und Sehnsucht. Zuletzt doch immer auch diese Sehnsucht, die irgendwo im verborgenen ihren Herd hat und, weil sie kein Ziel kennt, sich auf alles richtet. Lebensgier an sich wird. Und sich mit bunten Lappen behängt. Weil sie den einen, den letzten Weg ins Freie nicht findet ...
Die offene und auffallende Kritik einer solchen Lebensart bleibt aber meistens aus, und die Autorin übernimmt anscheinend und ohne Einschränkung die Denkweise ihrer Helden. Alle bedeutenden Ereignisse, ja die lebensverändernden Wendepunkte werden auf die leichte und verspielte Art der Operette präsentiert, ohne Tiefe, ohne Tragik - folgenlos. DenTöchtern aus den aristokratischen Häusern wird schon in den exklusiven Pensionaten 'der letzte Schliff" und 'ein Duft der echten Vornehmheit" beigebracht, und dieses Raffinement macht sie von Anfang an unfähig zu spontanen Reaktionen. Alles an ihnen erstarrt zu einer leblosen Form, sie werden an die reichen und älteren Männer vergeben, 'die große Schüssel" wird ihnen vorgeschoben, aus der sie uneingeschränkt schöpfen können. Es ist dadurch verständlich, daß für diese 'Alamode-Wesen" alles auf die gleicheWeise amüsant ist: Ballabende und Kurpromenade, ein Selbstmord und der Ausbruch des Krieges. Die ganze Stadt ist verblüfft von einem Arrangement blauer Rosen auf Lydias Sarg, niemand aber trauert aufrichtig um sie, die ein Wunder an Lebendigkeit war und eben deswegen von der gefühllosen Umgebung vernichtet wurde. Indem die Autorin diesen krankhaften Hang zur Repräsentation und Inszenierung des Lebens als den eines natürlichen 'modus vivendi'' darlegt, weckt sie beim Leser einen stärkeren Widerwillen einem so sinnentleerten und inhaltlosen Dasein gegenüber, als wenn sie es mit unverhüllter Satire angegriffen hätte.
      In der jüdischen Gemeinschaft gibt es natürlich auch Menschen, besonders unter den Jugendlichen, die nicht bereit sind, dem Leben den ganzen Ernst zu nehmen und ihre Heimatlosigkeit im Luxus zu vergraben. Sie sehnen sich leidenschaftlich nach einer großenTat und hoffen in der Gemeinsamkeit mit den Ungarn, einem allgemeinen Fortschritt und einer großen Zukunft entgegenzugehen. Sie sind entschlossen, die alten Traditionen aufzugeben, sich den Interessen des Ungarntums ganz und gar unterzuordnen. Ihr Eifer stößt aber auf eine ablehnende, ja feindliche Haltung: 'Lassen sich tausend Jahre Geschichte einfach abtun? Und im dritten und vierten Gliede noch werdet ihr Juden sein und werdet das Judentum wie ein Fatum in euch selber empfinden." Anderseits scheuen die Ungarn eine jüdische Assimilation, weil dadurch ihre eigene Tradition gefährdet wird:
Euere Wurzellosigkeit treibt euch von Experiment zu Experiment, weil ihr ja doch nirgends daheim seid. Aus dem Ghetto seid ihr direkt in unser Haus gekommen. Ohne Erinnerung, ohne Pietät. Was gab es da für euch zu ehren oder zu schonen? Unsere Werte waren ja nicht euere Werte. Gegen unser Altgewohntes setztet ihr euer Neues. Leben eurer Art. Ziele in eurem Sinn. Werte nach eurem Begriff.
      Und da ihr heimatlos seid, faßtet ihr Wurzel in jeder neuen Idee. Fandet euch rasend schnell und ohne Ãobergang in allem Neuen zurecht. [...] Ihr aber steckt uns an mit euren verrückten Ideen und bringt uns in Gegensatz mit uns selber.
Die Heimatlosigkeit wird dadurch zu einer brennenden Wunde, das ewige Exil zu einer Last, die man nicht mehr ertragen kann. In einem der Helden, der nicht zufällig nach dem standhaften biblischen Propheten Daniel benannt ist, reift eine rettende Vision: die Rückkehr in die fast vergessene Heimat. Diese Rückkehr schließt aber mehr in sich ein, als eine bloße Reise nach Palästina; es ist eine Rückbesinnung auf das Ursprüngliche der jüdischen Kultur, das auf der tausendjährigen Wanderschaft durch fremde Länder und Zivilisationen beinahe verlorengegangen ist.
      Und er sah die Folgen einer überstürzten Anpassung, die wahllos und fast mit Ekel das Alte von sich tat und wahllos das Neue in ihren Lebenskreislauf aufnahm. Er erkannte die modernen Zwittergestalten der Gesellschaft als Ausgeburten dieser ungesunden Ausnahmebedingungen, er sah denVerfall des Judentums, das mit seiner Eigenart auch seinen Kern preisgibt, das sich verliert, indem es sich verleugnet.
Alle Deformationen am jüdischen Wesen - Männer ohne Stolz und Rückgrat, Lustspielfiguren für ein christliches Publikum, Kriecher und Speichellecker, politische Abenteurer, Marodeure des Geschäftslebens, Ausbeuter im Salonrock - sollen im neuen Land überwunden werden. Denn dort wird man nicht mehr das Brot der Knechtschaft essen, sondern das eigene Brot, und dazu aus voller Brust eigene Lieder singen. Es ist allzu verständlich, daß diese Vision der Urheimat zu einem neuen ,Hohelied' gesteigert wird und daß an Daniel die wirkliche Erhabenheit eines Apostels haftenbleibt. Das Judentum wird zuletzt zu einer Mission für die gesamte Menschheit deklariert: Jahrhundertelang den härtesten Versuchungen ausgesetzt, haben die Juden gelernt, alles zu erdulden, und fühlen sich in Anbetracht des drohenden Krieges zu einer dringenden und heiligen Sendung berufen - eine allgemeine Aussöhnung und Nächstenliebe zu vermitteln, überall Frieden zu stiften. Ihr Tempel auf dem Berg Zion sollte zu einem Leuchtturm des Friedens für die ganze Erde werden. Das Finale wird von dem flammenden Pathos und dem utopischen Pazifismus des Expressionismus getragen: 'Menschen sanken lachend und jauchzend einander in die Arme. Friedensfeste wurden gefeiert." Eine allgemeine Verbrüderung findet statt; alle nationalen, sozialen und konfessionellen Differenzen werden im Begriff 'Gottesmenschentum" versöhnt. Dieser, für die zwanziger Jahre charakteristische Idealismus und eine messianische Schwärmerei müssen als die Schwächen des Romans bezeichnet werden.
      Ein Herbeibeschwören eines 'neuen Landes" ist ein zentraler Aspekt der expressionistischen Poetik. Der neue Raum bleibt jedoch Undefiniert , wie auch 'das Werk" und 'die große Tat", die dort zu vollbringen sind. Nur der 'Aufbruch", die Scheidung von der bürgerlichen Gesellschaft und die enormen Energien, die dabei entfaltet werden, sind wichtig: Das Unterwegs ist spannend, nicht die Ankunft. In dieser Hinsicht ist der Roman Vukelichs viel zielstrebiger und wahrhaftiger - 'das neue Land" ist historisch und geografisch eine Realität! Die emphatisch proklamierte 'Gemeinschaft" der 'neuen Menschen" bleibt immer eine expressionistische Abstraktion. Das Zusammenfinden der in der ganzen Welt verstreuten Juden ist aber eine konkrete Aufgabe mit zahlreichen politischen, ökonomischen und kulturellen Implikationen. Da kann man wirklich von einem 'Neubeginn" reden und von einem 'Werk", das eine mobilisierende, überzeugende und verbindende Kraft enthält. Wenn wir uns dazu noch auf die früher bemerkte kritische Einstellung unserer Autorin ihrer Zeit gegenüber besinnen, dann ist die Behauptung zulässig, daß der Realitätsgehalt ihres Werkes viel höher liegt als in den meisten Werken der zwanziger Jahre. Ein weiterer Beweis liegt in derTatsache, daß sie sich mit den leidenschaftlichen Visionen ihrer Helden nicht zufrieden gibt, sie greift die Fülle von real existenten Fragen auf, die um die Jahrhundertwende die schnell aufsteigende zionistische Bewegung in heftige Auseinandersetzungen verwickelte. Obwohl noch von zu Hause mit den zionistischen Bestrebungen vertraut, bewahrt sie eine nüchterne Betrachtungsweise, die auch die unangenehmen Fragen aufkommen läßt: Sind die kulturell und sprachlich zersplitterten Juden überhaupt ein Volk? Haben sie nicht endgültig die Beziehung zu ihrem uralten, nicht gerade gütigen Gott verloren? Können die modernen Juden die mittelalterliche Lebensart im verwahrlosten Palästina ertragen? Ist der Orient in ihnen noch lebendig, oder gehören sie längst dem europäischen Rationalismus an? ... In ihrer Objektivierung geht sie so weit, daß sie die Redner unumwunden 'ein paar Schwärmer und Idealisten" nennt, sie bisweilen exaltiert gestikuheren oder ihre Stimmen kreischen läßt, wodurch sie dann ihre Glaubwürdigkeit einbüßen.
      Ein bedeutendes Segment des Romans ist der Problematik des künstlerischen Reifens und Schaffens gewidmet. Dem jungen Komponisten Alfred begegnen wir schon in der ersten Phase seiner Entwicklung, wo er jugendlich Ungestüm von Ruhm und Künstlergröße träumt, ohne noch das 'große"Thema für seine Musik gefunden zu haben. Seine Einsamkeit und die fast ausschließliche Beschäftigung mit dem eigenen Ich bedrücken ihn, und so hofft er, in der Kunst den Weg zu finden, der ihn zu den Menschen hinführt. Ein Glaube an das große, erlösende Werk trägt ihn dahin, 'wo die Firne in ihrer Reinheit und Kühle gleißen, und wo nur jene gedeihen, die Einsamkeit und Gottesnähe ertragen". Alfred gestaltet aus einem glühenden, inneren Zwang heraus, einem Klosternovizen gleich, ganz der Arbeit und der Einsamkeit ergeben: Alle Verlockungen des Lebens verblassen, und er formt seine große Sehnsucht in 'Das Lied von der Heimat". Schon auf den ersten Blick ist evident, daß diese Metaphysik des Schöpfertums ihren Ursprung in Nietzsches Werk hat. Wilma von Vukelich hat überhaupt 'den Puls der Zeit" genau abgehorcht und nähert sich dabei den 'Diagnosen" Thomas Manns und Hermann Hesses. Dazu einige Beispiele: Künstlerische Begabung ist gleichzeitig eine Gabe Gottes und eine schwere Last, das fertige Werk löst sich von seinem Schöpfer und wird ihm fremd, eine erniedrigende Preisgabe des Heiligtums der eigenen Seele an ein sensationssüchtiges Publikum; der Künstler beobachtet und bewundert das Leben, ohne an ihm teilnehmen zu können. Das will nichts weiter besagen, als daß alle drei Autoren aus der gleichen Quelle geschöpft haben. Eine Parallele mit dem neun Jahre jüngeren Filip Latinovic des kroatischen Autors Miroslav Krleza ist ebenso legitim. Die beiden Helden. Musiker Alfred und Maler Filip, sind auf eine besondere Weise heimatlos und ohne einen festen Halt im Leben. Filip kennt seinen Vater nicht und ist durch einen langen Aufenthalt in Paris seiner rustikalen Heimat entfremdet. Alfred ist infolge seines Judentums ohne jegliche Orientierung. Das Erringen einer persönlichen Identität ist bei ihnen die Voraussetzung für ein künstlerisches Selbstverständnis. Seine erste Symphonie widmet Alfred der ungarischen Heimat: Unendliche Sehnsucht nach Geborgenheit und die Bewunderung des stürmischen Magyarenblutes wurden zum schöpferischen Anlaß, aber 'die Heimat verschloß sich ihm. Das Lied klang farblos und leer. War nur ein Weinen. Das Weinen des ewig Verdammten". Dieser verratenen Hoffnung und der künstlerischen Niederlage folgt ein erneutes Suchen, bis schließlich die zionistischen Ideen aufleuchten:
Aber es war die jüdische Heimat, die seineTöne suchten. Ihr war seine Seele zugekehrt. Es war ein Aufschrei aus jüdischer Volksseele, in dem der Schmerz und die Not der Jahrhunderte sich zusammenpreßte. In dem auch seine Seele sich erlöste. [...] Nach der Mutter schrie er. Die immer Mutter bleibt, auch wenn ihr Kind sich tausendmal von ihr kehrt. Auch wenn es sich am Wege verliert. Die ihm die Arme auftut und es wieder aufnimmt. Auch wenn am Wege vieles verlorengegangen ist: die Reinheit und der Glaube, die Glut des Ringens und die Lauterkeit desWollens. Die immer Mutter bleibt, auch wenn ihr Kind in Lumpen naht. Mit wunden Füßen und krankem Herzen. Auch wenn es Irrtum auf Irrtum gehäuft. Wenn seine Hände krank sind von Sündigkeit und sein Angesicht vom Laster entstellt. Auch dann.
Alfred entdeckt seine wahre künstlerische Berufung, es ist ihm aber nicht beschieden, sie zu erfüllen. Er wird in einen sinnlosen Krieg geschickt, paradoxerweise für ein Land, das sich immer geweigert hat, ihn in mütterliche Obhut zu nehmen. Seine Virtuosenhand, geschaffen, um das Zarteste auszudrücken, um in tausend Herzen Begeisterung zu erwecken, ist dazu verurteilt, nach der Mordwaffe zu greifen.
      Auf der Ebene eines Künstlerromans ist unbedingt auch eine Szene aus dem Atelier des Malers Gero zu erwähnen. Er, ein überlegener Weltmann, empfindet 'die große, reine Freude" an der Schönheit von Lydia und brennt darauf, sie in einem Kunstwerk zu verewigen und 'groß an ihr zu werden". Sie, noch durchaus mädchenhaft in die eigene Schönheit verliebt, wird durch seine Blicke - 'der Künstler war und Mann" -zur Frau erweckt. Ein 'Frühlingserwachen" erschüttert ihr ganzes Wesen, sie verwandelt sich über Nacht, und nach einem vergeblichen Kampf gegen die Scham und gegen einen ausgeprägten Stolz kommt sie zu Gero, um ihm für ein Aktbild Modell zu stehen. Sie kommt, entschlossen, ihm 'das Letzte zu geben ... restlos und ohne zu feilschen". Der Maler aber betrachtet sie 'sachlich", sieht in ihrem von der Begierde fiebernden Leib nur eine 'vollendete Form" und ein 'Objekt für die Kunst". Lydia fühlt sich mutterseelenallein in ihrer hilflosen Nacktheit, beschämt und verletzt, und sie bricht zusammen. Die Anspielung auf Wedekind ist nicht zu überhören. Auch bei ihm gibt es eine effektvolle Szene, in der sich der Maler und sein Modell auf eine höchst dramatische Weise messen. In dem 30 Jahre zuvor entstandenen Erdgeist jedoch rast im Atelier 'das wilde, schöne Tier", windet sich um den naiv-hilflosen Maler wie eine Schlange die dämonische Lulu. Als eine Verkörperung des reinen Geschlechtstriebs entzieht sie sich jedoch jeder psychologischen Kohärenz und Deutung. Auch die jungen expressionistischen Autoren verschmähten die 'Zufälligkeiten einer Individualität" und spotteten über den 'Schlamm des Charakters". Obwohl Wilma von Vukelich im ekstatischen expressionistischen Stil ihre Sprache gefunden hat, bewahrt sie konsequent die Treue einer subtilen psychologischen Gestaltung ihrer Helden. Es ist eine Qualität, die nicht übersehen werden dürfte!
Ihre Bindung an die damals vorherrschende literarische Strömung ist auch in ideeller Hinsicht außer allem Zweifel, sie wird jedoch von der expressionistischen Flut nicht einfach fortgerissen. Sie behält eine indvidiuell-bedingte, schöpferische und denkerische Autonomie bei. Erörtern wir das an einigen Beispielen. Die Expressionisten berauschen sich an der Idee der 'Menschheit". Hannah und Lajos, die Gestalten aus Vukelichs Roman, schwärmen ganz im Sinne Rubiners, Kaisers oder Tollers von einem 'endgültigen Sieg über Rassen und Klassen", denn sie wissen, daß alle Menschen 'Kinder eines Gottes sind, und eine Erde hat sie genährt". Wenn aber Lajos mit einem Vortrag gegen die nationalen Empfindungen an die Ã-ffentlichkeit tritt, wird er fast gelyncht. Vergeblich schreit er 'Brüder!", weil das Volk seine Schranken braucht, wie es auch den Haß gegen die anderen braucht; den Haß, der ihm eine Illusion der Stärke und der Zugehörigkeit zu einer Gruppe gibt. Die Idee wird also aus ihrem luftleeren Raum in die Lebensrealität herabgelassen, und sie zeigt sich mit einem Schlag als eine abstrakte, d.h. leblose expressionistische Illusion. Wilma von Vukelich tut noch einen weiteren Schritt: Ihr Daniel reist nach Palästina, um dort konkrete Hilfe zu leisten. Als Arzt will er Menschen heilen, ihnen Trost und Mut zusprechen: 'Der Menschheit dienen, indem ich dem Menschen diene, von Fall zu Fall."
Die Anführung von unterschiedlichen Stellungnahmen zum Krieg ist von ähnlicher Komplexität. Die anfängliche Erwartung 'einer großen Zeit" und 'einer Befreiung aus dumpfer quälender Enge" ist auch hier nicht ausgespart: Die angetrunkene Menge jubelt auf der Straße, undTibor, einer der fünf Helden, erhofft im Krieg eine Erlösung aus seinem sündhaften Leben und begrüßt ihn in hymnischem Ton: 'Für mich ist dieser Krieg gekommen. Hekatomben werden fallen, damit ich aufs neue Mensch werden kann. Blut wird in Strömen fließen, um mich reinzubaden". Alfred, der Künstler, sträubt sich zwar gegen das bevorstehende Morden, doch zuletzt verspricht er sich vom Krieg Erfahrungen, die seine Musik mit den 'letzten Offenbarungen des Lebens" bereichern! Diese nietzscheanisch anmutenden Gedanken werden dann auf indirekte Weise widerlegt, indem die Autorin verbittert über das wahre Gesicht des Krieges spricht: Die zu Hause Gebliebenen versinken immer tiefer in einen moralischen Sumpf, und die grauen Kolonnen an der Front marschieren in ihre Massengräber. Auch die Pazifisten ergreifen leidenschaftlich das Wort, sie schleudern ihre Anklage in die Welt, bemitleiden 'arme, verblendete Menschen" und entwerfen ihre utopischen Friedensvisionen. Die Autorin muß sie nicht einmal widerlegen, sie werden einfach von der Wirklichkeit eingeholt. Der durch das Leiden und die Verzweiflung zerrüttete Lajos beginnt seinen einsamen Amoklauf und erschießt einen Zeitungsverleger, der den 'Giftsamen des Krieges" gesät hat. DieTat dieses selbsternannten Messias wird aber nicht angenommen, seine Opferung war umsonst, die nationalistisch fanatisierte Masse bespuckt ihn und schlägt ihm ins Gesicht und sieht in ihm einen Verräter des Vaterlandes, einen Judas also. Während in Tollers Die Wandlung am Ende eine Botschaft der Liebe verkündet wird und bei Rubiner die Gewaltlosigkeit den Sieg feiert, ist der Krieg in den Heimatlosen unvermeidlich, obwohl sinnlos, und es ist kein Zufall, daß der Roman mit dem Wort 'Menschenblut'" schließt. Die Autorin hat sehr scharfsinnig über die ökonomischen Ursachen des Krieges geurteilt und die hetzerische Wirkung der Presse gebrandmarkt; in Illusionen flüchten konnte sie nicht.
      Auch die anderen Elemente der expressionistischen Poetik sind leicht zu entdek-ken. Der Generationskonflikt wird jedoch nicht so drastisch, auf Leben und Tod, wie bei Bronnen oder Sorge ausgetragen. Dem Sohn wird keine Gelegenheit zu pathetischen Aussagen gegeben; die Autorin verfolgt seine Unterwerfung durch eine tempe-ramentvolleTänzerin eher mit gutmütigem Humor. Nietzsches 'Wille zur Macht" wird nicht affirmativ, im Rahmen eines noch akzeptablen Vitalismus, dargeboten, sondern in seiner gefährlichsten Konsequenz:
Und diese große Gier emporzukommen. Dieser unstillbare Hunger, Macht zu haben über viele. Herr zu sein, vor dem die anderen zittern. Massen zu beherrschen durch die Gewalt des Willens, durch die Kraft des Gedankens, durch das lebendige Wort.
Die bewegte Imagination junger Helden verfällt oft traumhaften Vorstellungen in Strindbergs Manier. Nicht nur die Heimat und Zion werden herbeigezaubert, auch die Gottheit der weiblichen Schönheit erstrahlt manchmal in goldenem Glanz. Im Fieber eines Abends erlebt Daniel eine berauschende Verklärung von Lydia und verteidigt sein Idealbild vor den prahlenden und frechen Husaren, nur mit der Reinheit seiner Liebe bewaffnet: 'Ich verachte eure Kraft. Ich schmähe eure Ãoberlegenheit. Eure Säbel zerbrechen an mir, denn ich fürchte sie nicht." Einem Heldentum des Geistes war bei Rubiner noch ein Triumph beschieden - Macht und Rüstung werden einfach 'zerblasen", Daniel wird aber einem Gelächter preisgegeben, wird erniedrigt und beschmutzt. Seine angebetete Lydia ist der Inbegriff einer exaltiert-expressionistischen Lebensform:
Durfte man es sich einfallen lassen, ethische Maßstäbe an Lydias Tun zu legen, die sich schon durch ihr bloßes Dasein erfüllte? Die ihr Gesetz in sich trug, so wie Sonne, Wind und Regen das ihre in sich tragen und sich erfüllen, ohne danach zu fragen, ob sie Schaden oder Nutzen stiften dabei?
Ihre Natürlichkeit ist also 'jenseits von Gut und Böse", sie ist ein Mensch, 'dessen Seele sich verschwendet", um wiederum Nietsche zu zitieren. Für ihn war derTanz ein Sinnbild eines freien und dynamischen Lebens, und Lydia gleicht im Rausch desTanzes 'einer trunkenen Mänade". Ihr kurzes Leben war nichts anderes als ein ununterbrochener Wirbeltanz, bis sie aus 'Mangel an Liebe" in einer von Konventionen beherrschten Welt sterben mußte.
      Fast ausnahmslos sind die expressionistischen Werke betont ich-bezogen, sie sind offene Bekenntnisse, Verlautbarungen einer ergriffenen Innerlichkeit und finden deswegen einen angemessenen, die Unmittelbarkeit fördernden Ausdruck in der Ich-Form des Erzählens. Demgegenüber ist Wilma vonVukelich ein ausgesprochen aukto-rialer Erzähler: Sie greift energisch in die Geschichte ein, charakterisiert direkt, kurz und bündig ihre Gestalten, beurteilt sofort ihr Benehmen. Ihre Erzählhaltung ist durch eine permanente distanzierende Einstellung ihren Gestalten gegenüber geprägt. Sie billigt ihren Müßiggang und ihre Verwöhntheit nicht und läßt dies in einer ironischen Intonierung oft aufklingen. Ein andermal ist die Kritik in gedämpften Humor gefüllt: 'Sie rauchte Nargileh, wovon ihr übel wurde"; der große Apostel des Okkultismus, unter dem chaldäisch klingenden Namen Elagabel, kommt eigentlich aus Großbecskerek und ist ein Schwindler... Diese kritische Darstellungsweise bedeutet jedoch nicht, daß die Gestalten zu Karikaturen herabgewürdigt sind. Die Autorin findet meist Verständnis für ihre allzumenschlichen Schwächen, entschuldigt sie durch die Ausnahmebedingungen des jüdischen Daseins und berichtet mit merklicher Liebe zum Gegenstand ihres Erzählens. DerText ist betont intellektualistisch gestaltet: Der Erzähler hat eine zuverlässige Ãobersicht über die brennenden Probleme des politischen und kulturellen Lebens jener verwirrenden Zeit, wo viele Anzeichen eines nahen Untergangs der Monarchie schon offensichtlich werden. Wilma vonVukelich versetzt dabei ihren Leser in Erstaunen durch die Breite ihres geistigen Horizonts, durch einen Spürsinn für das Zeit-Charakteristische und dessen scharfsinnige und spannende Gestaltung, durch ihre treffsicheren Beurteilungen der Vorgänge in der führenden Gesellschaftsschicht Ungarns. Sie läßt oft unterschiedliche, ja entgegengesetzte Stellungnahmen nebeneinander erklingen. Keine von diesen leidenschaftlich vorgetragenen Ideen wird favorisiert oder kategorisch abgelehnt: Jede Einstellung wird von ihrer inneren Logik bestimmt und ernst genommen. Es ist bewundernswert, wie es der Autorin gelungen ist, allen Elementen dieses geistigen Wirrwarrs die gleiche Ãoberzeugungskraft zu geben: dem lauten, aber wankelmütigen Geschrei der Straße, dem fanatischen Klerikalismus in Verbindung mit dem ungarischen Nationalismus, der rechts- und linksorientierten Presse, dem orthodoxen Judentum und dem Zionismus, dem utopischen Sozialismus, der Bonvivant-Logik der Ãoberreichen ... Jede Orientierung spricht aus sich heraus, nur die Ironie der Autorin umspielt jede Orientierung in gleichem Maße. Ihre Distanziertheit schafft eine sonderbare Faktographie der Leidenschaften, die sich in ihrem unhaltbaren Nebeneinander selbst denunziert. All die pathetisch verkündeten Ideen sind ein Indiz für die Krankheit der Zeit, in der die Menschen von den Ideen überschattet werden. Jeder Fanatismus, ungeachtet seiner Färbung - ein nationaler, politischer oder konfessioneller - ist eine Gefahr, eine Reduzierung des Menschen auf nur eine Dimension, eine Beeinträchtigung seines vernünftigen Verhaltens. Auch dann, wenn die Ideen auf ein positives und bedeutendes Ziel hinweisen, ist eine Einschränkung unserer Lebensbedürfnisse unumgänglich. Das Leben für eine Idee, für eine Zukunft ist immer ein Verzicht auf die Gegenwart, und Hanach klagt deswegen:
Sie wissen, wie sehr ich glühe für die Idee. Und doch ... mir ist so bang. So namenlos bange ist mir um unsere Gegenwart. Das Leben rollt vorüber ...! [...] Und ich frage mich oft: ist es richtig, ein lachendes Lebensgebilde einerTheorie aufzuopfern?
So sind Die Heimatlosen kein Roman im Dienste einer Idee, sondern ein Roman über die führenden Gedanken seiner Zeit.
      Die Einwirkung der expressionistischen Poetik auf diesesWerk ist am deutlichsten im Bereich der Sprache nachzuweisen. Die traditionelle Syntax der erzählenden Kunst wird hier zerbrochen, die einzelnen Syntagmen sind verselbständigt. Es überwiegen kurze, elliptische, exklamative Sätze, sehr oft reduziert auf ein einziges Wort - auf den tiefgreifenden expressionistischen 'Schrei". Der Rhythmus des Erzählens ist forciert, was einerseits dem beschleunigten Pulsschlag der jungen Helden entspricht und andererseits den Lebensrhythmus der Großstadt wiedergibt. Die emotionelle Ergriffenheit der Gestalten ist häufig in einer gegenseitigen Durchdringung des geistigen Rausches und der äußerenTat gegeben, die Aktion und die Kontemplation erfolgen zugleich. Wenn aber eine Idee eines besonderen Heiligenscheins bedarf, dann geht die betont rhythmische Strukturierung schon in eine eigenwillige Poesie über:
Und jedesWort und alle Energie war auf den einen Punkt gerichtet: die Heimat.Was sich zerstreut hatte und verloren in tausend Zielen, glühte auf in einem einzigen übergroßen Trieb ... und wurde ein Schrei ... der die tausend und abertausend Stimmen in einer Stimme sammelte, und wurde ein Jauchzen, das die Heimat grüßte, die erst als Gedanke emporgeblüht, die als Sehnsucht tausend taufeuchte zitternde Blätterchen entfaltet und ans Sonnenlicht gereckt. Die unser Blut entzündet, daß es rein ward von seinen Schlak-ken und Niedrichkeiten ... lautere Sehnsucht. So daß wir Männer werden, wie die Heimat sie braucht ... Wie die Heimat sie verdient ... die strahlende ... die lichte ... die Fata Morgana im Morgenlande unserer Sehnsucht... um die wir klagen in unseren Gebeten, und die Gott uns wiedergeben will am Ende aller Tage.
Die Pathetik der Sprachgebärden, der unzähligen Sprechpausen, der Wiederholungen und Variationen eines Gedankens ermüdet den heutigen Leser, verhindert aber gleichzeitig, daß diese Aussage zu einer politischen Proklamation wird. Glücklicherweise beweist die Autorin ihre Gestaltungskraft häufig in der Darstellung von bewegten Massenszenen. Der bunte Wirbel derTanzfeste, ein Stimmengewirr im Foyer, das Durcheinander der Vorstadtkneipen, ein Sich-Begucken der Hochzeitsgäste - da leistet sie Unübertreffliches, da zeigt sie die mondäne Gesellschaft von innen und außen, samt der spezifischen Atmosphäre, die sie umgibt. In bezug auf den gebrauchten Wortschatz läßt sich im Vergleich mit der damaligen deutschen Literatur ein leicht archaischer Zug entdecken, eine unverkennbare provinzielle Färbung, was aber in Anbetracht des Themas dem Text einen besonderen Reiz verleiht.
      Der Expressionismus hat - gemessen an der lyrischen und dramatischen Produktion - vergleichsweise weniger Prosawerke hervorgebracht, besonders auffällig ist der Mangel an Romanen. Diese Tatsache erhöht zusätzlich die historische Bedeutung der 'Heimatlosen". Da aber der Roman in den Bibliotheken kaum noch erhältlich und der Literaturgeschichte völlig unbekannt ist, erscheinen ein Neudruck des Werkes sowie die Veranlassung einer Ãobersetzung ins Ungarische und Hebräische als dringende Aufgaben.
     

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Wilma  Vukelich:  Eine  Chronistin  Judentums  Mitteleuropa    





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