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Wielands Entwicklungsbegriff



In Wielands Vorstellungen von der lebensgeschichtlichen Entwicklung des einzelnen Menschen verbinden sich die Elemente der beiden im 18. Jahrhundert kursierenden gegensätzlichen Lehren, der Präformations- und der Milieu-Theorie . Schon der 'Vorbericht" des Agathon stellt den 'Indi-vidual-Character" und 'die Umstände einer jeden Person" als bestimmende Faktoren nebeneinander . Die Bemühung um eine Synthese , aber auch die große Bedeutung, die Wieland im Anschluß an Montesquieu und Helvetius den äußeren Einflüssen einräumt, wird in einer längeren programmatischen Erklärung des Agathon-Erzählers greifbar: 'Absicht des Autors" sei es gewesen, das Werden eines 'tugendhaften Weisen" zu schildern, -

'und zwar solchergestalt, daß man ganz deutlich möchte begreiffen können, wie ein solcher Mann - so gebohren - so erzogen - mit solchen Fähigkeiten und Dispositionen -mit einer solchen Bestimmung derselben - nach einer solchen Reihe von Erfahrungen, Enrwiklungen und Veränderungen - in solchen Glüks-Umständen - an einem solchen Ort und in einer solchen Zeit - in einer solchen Gesellschaft - unter einem solchen Himmels-Strich - bey solchen Nahrungs-Mitteln — bey einer solchen Diät -kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen [...] ein so weiser und tugendhafter Mann habe seyn können" .
      Zu den 'Fähigkeiten und Dispositionen" Agathons gehört seine moralische Sensibilität und das Gefühl, der Idee des Guten verpflichtet zu sein. Aber dies ist nicht nur eine naturgegebene Anlage, die sich wie ein Trieb auswirkt. Vielmehr meldet sich in den spontanen moralischen Regungen die sittliche Natur des Menschen, die er durch den rechten Gebrauch seiner Freiheit verwirklichen soll. Damit ist der dritte Faktor benannt, der neben Anlage und Umwelt den Lebensgang des Einzelnen mitbestimmt. Mit diesem Konzept nähert sich Wieland der Vorstellung, die der klassische Goethe über die Komponenten des Bildungsprozesses entwickeln wird. In seinem Aufsatz Das Geheimniß des Kosmopoliten-Ordens von 1788 hat Wieland seine Bildungsvorstellung auf eine knappe Formel gebracht:
'Die Natur hat einem jeden Menschen die besondere Anlage zu dem, was er sein soll, gegeben, und der Zusammenhang der Dinge setzt ihn in Umstände, die der Entwicklung derselben mehr oder weniger günstig sind; aber ihre Ausbildung und Vollendung hat sie ihm selbst anvertraut" .
     

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