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Walther von der Vogelweide



'Under der lindenan der beide,da unser zweier bette was,

Da muget ir vindenschone beidegebrochen bluomen unde gras.
      Vor dem walde in einem tal,tandaradei,schone sanc diu nahtegal.
      Ich kam gegangenzuo der ouwe:do was min friedel komen e.
      Da wart ich empfangen,here frouwe,daz ich bin saelic iemer me.


      Küste er mich? wol tüsentstunt:tandaradei,seht wie rot mir ist der munt.
      Do hete er gemachetalso richevon bluomen eine bettestat.
      Des wirt noch gelachetinnecliche,kumt lernen an daz selbe pfat.
      Bi den rosen er wol mac,tandaradei,merken wä mirz houbet lac."Unter der Lindeauf der Heide,wo ich bei meinem Liebsten saß,da könnt ihr noch finden,wie wir beidedie Blumen brachen und das Gras.

      Vor dem Wald in einem Tal,
Tandaradei! -sang so süß die Nachtigall.
      Ich kam gegangenhin zur Aue,und mein Geliebter war schon da.
      Da ward ich empfangen,

Himmelsfraue,o welches Glück, daß ich ihn sah!
Ob er mir auch Küsse bot?

Tandaradei! -
Seht, wie ist mein Mund so rot!
Da hat er gemachetunter Scherzenvon Blumen eine Lagerstatt.
      Heut noch wird gelachetrecht von Herzen,kommt jemand an denselben Pfad

An den Rosen er wohl mag,
Tandaradei! -sehen, wo der Kopf mir lag.
      Daz er bi mir laege,wesse ez lernen
, so schämte ichmich.
      Wes er mit mir pflaege,niemer niemenbevinde daz, wan er und ich,und ein kleinez vogelin:tandaradei,daz mac wol getriuwe sin.'
Wüßte das einer,daß gebliebener bei mir, wie schämt ich mich!
Möge doch keiner,was wir trieben,erfahren je, nur er und ichund ein kleines Vögelein:
Tandaradei! -das muß wohl verschwiegen sein."
Der Dichter gilt als Vollender mittelalterlicher höfischer Formkunst, indem er ihre Stilisierung überwand und das hohe Minnelied mit vagantisch-volksnahen Gattungen zu einer neuen Einheit verschmolz. Seine neue Auffassung der Minne ist gleichzeitig ein Zurückgreifen auf den frühen Minnesang. Aber auch Wailthers unminnecüche Lieder wurzeln in der höfischen Welt und bleiben - selbst wenn sie sich wie das aus seiner reiferen Zeit stammende Under der linden... an mittellat. Vorbilder anlehnen - eine große Leistung adliger Kunst. Den Text entnehmen wir der Gesamtausgabe von H. Protze, Niemeyer Verl. Halle, 1963, die Übertragung Hera Auswahl-Band v. R. Schaeffer, Reclam Verl. Leipzig /1961/
Beim ersten Lesen dieses Gedichtes fällt der beschwingte Ton auf. Die Strophen erinnern an ländliche Tanzlieder der Mädchen, die zu Reigen und Ballspiel im Freien gesungen wurden. Lieder dieses Typs haben durch Walther auch auf die ritterliche Lyrik einen Einfluß ausgeübt. Während die Gedichte eines Friedrich von Hausen oder Reinmar von Hagenau ganz dem inneren Erlebnis, der Selbstanalyse gewidmet sind, dem zur Hohen Minne stilisierten Gefühl, finden wir in Walthers Lyrik ein Zurückgreifen auf ursprünglichere Formen, unmittelbare Beziehung zwischen Erleben und Umwelt, einer Umwelt, die hier als typisch lyrische Landschaft den Rahmen abgibt. Die Linde ist das lyrische Zubehör einer solchen Landschaft, wir finden sie auch in den meisten Natureingängen Dietmars von Eist , und später wurde sie in die Volksdichtung gleichfalls übernommen. Die einführende Ortsbestimmung des Gedichtes Under der linden wird durch eine zweite ergänzt, die den lyrischen Raum erweitert und ihn etwas menschenfern ansetzt. Nicht in der Nähe von Ritterburg und Schloß, sondern losgelöst von allem Ständischen, zwischen Feld und Wald in einer bukolischen Landschaft, spielt sich ab, wovon ein Mädchen übermütig und glückselig erzählt. Die ersten Verse werden in synonymischer Wiederholung immer wieder aufgenommen: vor dem walde, in einem tal; zuo der ouwe; bi den rosen und zuletzt durch den geheimnisvollen Hinweis, daß dort ein kleines Vögelein auch dabei gewesen ist. Allediese Landschaftselemente vermitteln echtes Fühlen, obwohl sie durchaus stereotype, der damaligen Mode entsprechende Bildungen sind . Als dichterische Mittel leiten sie von der lyrischen Landschaft zum lyrischen Erleben hinüber. Das Lager aus Blumen und Gras sowie die singende Nachtigall wollen nämlich nicht bloß als Zeit- und Ortsbestimmungen aufgefaßt werden.
      In der zweiten Strophe hebt der Erlebnisbericht unmittelbar mit dem Ich an, dem von nun an regelmäßig das Er zur Seite gestellt wird. Er wurde im zwölften Vers als min friedet vorgestellt, so erfahren wir auch, daß das berichtende Ich ein weibliches Wesen ist. Statt des erwarteten Partners, der nach ständischer Einschränkung man, d.h. Lehensmann oder ritter genannt werden sollte, tritt min friedet. Die Anrede friedet ist älter und bezeichnet den Geliebten unabhängig von seiner gesellschaftlichen Zugehörigkeit. Friedet ist im Einklang mit Walthers literarischen Gestaltung der niederen Minne, die die ständischen Grenzen durchbricht. Der Dichter ist von der höfisch geprägten minne zur liebe, auch herzeliebe zurückgekehrt. Er meint damit ein ursprünglicheres und echteres Verhältnis zwischen Mann und Frau ohne die Satzungen ständischer Sitten und vor allem ein Erlebnis, das Gegenseitigkeit voraussetzt. Doch im ganzen Gedicht kommt weder das Wort minne noch liebe vor, denn es wird nicht darüber gesprochen, es wird ein Geschehen dargestellt, das die Erinnerung des Mädchens aus der Vergangenheit ganz nahe rückt und das vorbehaltlos ausgesprochen ist. Die hochhöfische Lyrik beschränkte sich in den meisten Fällen auf Meditation über Minne, hier gelangt sie selbst zur Darstellung, blutdurchwärmt und lebensnah, ohne Einstilisierung in die poetischen Muster des Lehenswesens, unbefangen ausgesprochen.
      Die Form des Gedichtes ist denkbar einfach, berichtend, mit Volkssuperlativen tusentstunt oder hintergründigen Ausdrücken der Liebessprache, wie etwa gebrochen bluomen für das Liebeserleben, durchsetzt. Als Kehrreim steht in jeder Strophe das Tandaradei, ein Jubelruf des Mädchens im Taumel ihres Liebesglücks. Was unaussprechbar bleibt, wird künstlerisch bewundernswert in diesen Ausruf transponiert, der vielleicht den Ruf der Nachtigall nachahmen will. Mit dem Kehrvers und mit dem Volkssuperlativ stilistisch im Einklang sind auch die Ausrufe nü enwelle got! und here frouwe . Das mittelhochdeutsche frouwe ist das eigentliche Leitwort des Hohen Minnesangs und könnte bei Walther, analog zu anderen Gedichten , statt friundin stehen und die so Angeredete zu höchstem Wert erheben. Gleichzeitig ist here frouwe im Mittelhochdeutschen als Anruf für die heilige Maria belegt. Es könnte, in diesem Sinne, als beglückter Ruf, neben den anderen Ausrufen des

Gedichtes stehen. Die neuhochdeutschen Übersetzungen und die Auslegungen der Altgermanisten widersprechen einander, und es fällt schwer, eine Lösung zu empfehlen, wo kompetente Köpfe sie nicht finden konnten. Auch wenn wir den Vers für einen spontanen Ausruf halten, weil er sich als solcher dem Ganzen eher einzugliedern scheint, als eine Opposition, ist es angebracht, über die Einstellung des Dichters zu seiner weiblichen Partnerin ein paar Worte zu sagen. Trotz des unmittelbar wirkenden Tons geht das Lied mit seinen Motiven auf antike und mittellateinische Vorbilder zurück. Doch es ist keine einfache Nachahmung etwa vagantischer Dichtung, von der es sich gerade durch die Einstellung unterscheidet . Hier jedoch ist Liebe ein Erlebnis der Gegenseitigkeit, von ursprünglicher Echtheit, das jede Erniedrigung ausschließt.
      In der Lyrik von Walther verbindet sich die Liebeserfüllung der Frühlyrik und vagantischen Dichtung mit der Frauenverehrung des Minnesangs zu einer Synthese. Dem Mädchen, das in Unter der Linden sein Erlebnis preisgibt, steht die Bezeichnung friundin ebenso zu wie frouwe, wenn wir im Sinne des Dichters interpretieren. Dies gilt unabhängig davon, ob Vers 14 sie oder die heilige Maria meint.
      Das Gedicht Unter der Linden ist nach der Annahme Burdachs und von Kraus' in Walthers reiferer Zeit entstanden. Nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Form läßt es sich den Liedern vagantisch-volkstümlichen Tones eingliedern, die man auch als Lieder der niederen Minne zusammenfaßt. Bei fast allen Gedichten dieser Gruppe läßt sich das volkstümliche Viertakterprinzip beobachten, so auch hier. Die Strophen folgen dem Gesetz der Dreiteiligkeit. Zwei gleichgebaute Versgruppen, mit je 8 Takten - man bezeichnete diese als Stollen und Gegenstollen - bilden den Aufgesang. Sie folgen demselben Reimschema. Der dritte Teil ist selbstständig und auch durch eigenen Reim vom Aufgesang unterschieden. Man nennt ihn Abgesang. Im Falle unseres Gedichtes enthält der Abgesang auch einen Kehrreim, der jedoch im deutschen Minnesang relativ selten vorkommt. Er steht in dem regelmäßigen Reimschema von Unter der Linden verselbständigt als Waise, d.h. reimlos.
      Die Dichter des Mittelalters setzten ihren ganzen Ehrgeiz darein, kunstvolle Strophenformen zu schaffen: das Ergebnis war eine große Mannigfaltigkeit von doenen. Walthers Beitrag besteht darin, auch in der Form volksnahe und archaische Besonderheiten mit höfisch-hoher Minnekunst verbunden zu haben.
     

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