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Walter Mitty, der chronische Tagträumer



Mein Interesse an Thurbers Kurzgeschichte ist aber primär kein soziologisches, sondern ein poetologisches. Es geht also darum, Thurbers Art und Weise, das Phänomen des Tagtraums zu nutzen, in ihrem Prinzip zu verdeutlichen.
      Dieses Prinzip sieht so aus, dass die objektive Wirklichkeit und die subjektive Wirklichkeit für den Leser sofort erkennbar auseinander gehalten werden. Wir sehen, was Walter Mitty in welcher Situation träumt. Er träumt insgesamt fünfmal, während er am Steuer seines Autos seine Frau in die Stadt fährt, sie vor ihrem Friseur absetzt, den Wagen auf einem Parkplatz zurücklässt, durch die Straßen eilt, zwei Besorgungen macht, um schließlich in einer Hotelhalle auf seine Frau zu warten. Thurber setzt in allen fünf Fällen die Traumwelt kommentarlos neben die Realität des Alltags, aus der sie aufsteigt. Und doch ist immer sofort klar, wann uns die Traumwelt und wann uns die Welt des Alltags geschildert wird. Die Erzählung bezieht ihren Reiz, nämlich ihr Pathos und ihre Komik, aus der Diskrepanz beider Welten.

      Im Unterschied zu Puschkins Vorgehen im Schneesturm und Dürrenmatts Vorgehen im Verdacht, worin jeweils die Nahtstelle zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit auf gezielte Weise unkenntlich gemacht wurde, sieht das Vorgehen Thurbers im Geheimen Leben des Walter Mitty so aus, dass die Trennungslinie zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit der Fiktion für jeden Leser unzweideutig sichtbar ist.
      Sehen wir uns an, was da als Serie von fünf Tagträumen in einem ßewusst-sein aufsteigt und wie die Lebenssituation aussieht, aus der diese Tagträume ihren Anlass beziehen. Walter Mitty, der »kein junger Mann mehr« ist, träumt sich an einem einzigen Tage in jeweils zentraler Rolle in folgende »Welten« hinein:

- in die Rolle des Commanders eines viermotorigen Wasserflugzeugs der US Marine angesichts eines herannahenden Hurrikans; alle um ihn herum sind von ihm, Walter Mitty, abhängig, denn nur er verfügt über die Kaltblütigkeit, in einer extremen Gefahrensituation nicht den Kopf zu verlieren;
- in die Rolle eines Chirurgen, der, umgeben von Kollegen und Personal, an dem Bankier Wellington McMillan, einem Freund Theodore Roosevelts, einen gefährlichen Eingriff vornimmt, bewundert als Koryphäe inmitten zweier Spezialisten, Dr. Remington aus New York und Dr. Pritchard-Mit-ford aus London, die eigens herbeigezogen wurden, ohne aber helfen zu können;
- in die Rolle eines Angeklagten, der vor Gericht im Tumult der Schaulustigen seine Unschuld beweist: Er trug am 14. Juli seinen rechten Arm verletzt in einer Schlinge, so dass er Gregory Fitzhurst nicht erschossen haben kann. Ein hübsches, schwarzhaariges Mädchen wirft sich Mitty in die Arme. Der Staatsanwalt schlägt auf sie ein und Mitty versetzt ihm einen Kinnhaken, ohne sich auch nur von seinem Stuhl zu erheben;
- in die Rolle eines Bomberpiloten im Ersten Weltkrieg, der in Frankreich seinen Flug gegen die Deutschen allein antreten will, sich mit einem Glas Brandy stärkt und mit einem Schlager auf den Lippen seine Mission antritt;
- in die Rolle eines furchtlosen Kriegsgefangenen, der sich »aufrecht und reglos, stolz und verächtlich« dem Erschießungskommando stellt, als »Walter Mitty, der Unbesiegte, unergründlich bis zuletzt«.
      Die Rollen, die Walter Mitty in seinen fünf Tagträumen in kürzester Zeit vor unseren Augen durchläuft, sind jeweils Reaktionen auf seine uns gleichzeitig vor Augen geführte alltägliche Wirklichkeit. Schauplatz ist Waterbury in Connecticut. Einmal die Woche nämlich fährt Walter Mitty seine Frau von New Milford in die Stadt. Es fällt auf, dass Frau Mitty keine Gelegenheit aus-lässt, ihren Mann zu maßregeln oder zumindest zu ermahnen. Ich lasse mich hier nicht auf die Frage ein, ob ein chronischer Tagträumer wie Walter Mitty eine solche Gängelung nötig macht, weil sie ja nur zu seinem Besten ist. Ãoberhaupt soll in dem hier anstehenden Kontext nicht >soziologisch< argumentiert werden. Nur so viel sei gesagt: Die Disposition zum Tagtraum inmitten des Alltags hat ihren Grund ganz offensichtlich im geringen Selbstwertgefühl Walter Mittys. Seine kompensierenden Selbsterhöhungen im Tagtraum lassen ihn wiederum gegenüber der vom Alltag geforderten Praxis unaufmerksam werden, so dass er die ständigen Ermahnungen seiner Ehefrau, die von
Thurber als narzisstische Wächterin des alltäglichen Besorgens allerdings karikaturistisch überzeichnet wird, durchaus verdient haben mag.
      In poetologischer Hinsicht ist zu beachten, dass Walter Mittys Tagträume seine Alltagssituation explizit und implizit verarbeiten. Explizit, indem jeder der fünf Tagträume von einem bestimmten Detail der objektiven Wirklichkeit seinen Ausgang nimmt:
- so der sich ankündigende Hurrikan im ersten Tagtraum vom schlechten Wetter, das sich über Waterbury zusammenbraut;
- so der Operationssaal des zweiten Tagtraums von dem Hinweis Frau Mittys, Walter möge seinen Hausarzt Dr. Renshaw aufsuchen; auch zieht sich Mitty im Auto Handschuhe an und fährt, nachdem er seine Frau abgesetzt hat, auf dem Weg zum Parkplatz an einem Hospital vorbei; die trotzig wieder abgestreiften Handschuhe zieht er sich im Tagtraum als bewunderter Chirurg wieder an;
- so der Gerichtssaal des dritten Tagtraums von einem Zeitungsjungen, der die Schlagzeile des Waterbury-Prozesses ausruft;
- so der Kriegsschauplatz des vierten Tagtraums durch die Ãoberschrift in einer »alten Nummer« der Zeitschrift Liberty, die Mitty aufgreift, als er in der Hotelhalle, wie verabredet, auf seine Frau wartet; die Ãoberschrift lautet »Kann Deutschland mit einem Luftkrieg die Welt erobern?« und verweist auf Fotos, auf denen Bomber und zerstörte Straßen zu sehen sind;
- und schließlich lehnt sich Mitty im Schneeregen an die Außenwand eines Drugstore, worin seine Frau etwas kauft, was sie vergessen hat und ihn warten lässt, ihn, der nun offenen Auges seiner Erschießung entgegensieht. Dieser fünfte und letzte Tagtraum schließt thematisch an den vierten an.
      Soweit die expliziten Initialzündungen für die jeweils im Tagtraum ausgemalte Welt. Implizit lassen die fünf Tagträume Mittys Disposition zur Flucht aus seiner tatsächlich gelebten Unauffälligkeit ins phantasierte öffentliche Heldentum erkennen, Resultat der Respektlosigkeit, die ihm im Alltagsleben mit seiner Frau als zentraler Bezugsperson entgegenschlägt. Es fällt auf, dass sich die Heldenrollen vom Commander und Chirurgen zum Angeklagten und zu einem zum Tode Verurteilten wandeln: ganz offensichtlich Folge von Schuldgefühlen eines schwachen Ich, das die herablassenden Ermahnungen der Ehefrau als gerechtfertigt empfindet.
      Walter Mittys geheimes Leben enthält sein Psychogramm. Thurber lässt die Prinzipien sichtbar werden, nach denen sein Held auf die objektive Realität reagiert. Mitty selbst sind diese Prinzipien nicht bewusst: Sie sind die Motoren seines Phantasierens. Alle seine Tagträume werden vom Ehrgeizgeprägt und entfalten sich melodramatisch. Sie verraten in allen Details den Kitschmenschen, der noch seine Erschießung narzisstisch goutiert. Gewiss, es bietet sich an, zu fragen, ob Walter Mitty seine Phantasien aus Hollywood-Filmen bezieht und deshalb nur über ein Innenleben aus zweiter Hand verfügt. Dies zu bejahen, würde jedoch verkennen, dass der Hollywood-Film immer schon unseren kitschigen Tagträumen mimetisch auf der Spur ist. Sie sind es, die Hollywood hervorgebracht haben, nicht hat uns Hollywood als Traumfabrik unsere Träume beigebracht. Der melodramatische Exzess, in dem sich der Kitschmensch selbst unmittelbar genießt, ist keine Erfindung eines Regisseurs, der um jeden Preis wirken möchte, sondern gehört zu den unabschaffbaren Wirklichkeiten unserer Seele, die von den besten Regisseuren in ihrer Unmittelbarkeit auf die Leinwand gebracht werden - so wie Puschkins Schneesturm in Wahrheit nicht Trivialliteratur nachahmt, sondern die Geburt der Trivialliteratur aus dem Geist unserer intimsten Phantasien vor Augen führt.
      Walter Mittys sozio-psychische Disposition sorgt dafür, dass kränkende Reize der Außenwelt unmittelbar in den erlösenden Tagtraum umgesetzt werden - und das wird von Thurber so gestaltet, dass wir als Leser zu unmittelbaren Zeugen solcher Umsetzung werden. Der Tagtraum wird hier also explizit als reaktive Bewältigung der Wirklichkeit gestaltet. Der Tagträumer erscheint so als Dichter innerhalb der Dichtung und der Tagtraum als Fiktion innerhalb der Fiktion.
     

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