» » Vorgeschichte des Begriffs im I9. Jahrhundert
Vorgeschichte des Begriffs im I9. Jahrhundert
Anfang des 19. Jahrhunderts nachweisen. Fritz Martini hat entdeckt, daß der Dorpater Professor Karl von Morgenstern in einigen um 1820 erschienenen Vorträgen und Abhandlungen sich mit dem 'Wesen des Bildungsromans" und seiner Geschichte befaßt hat. Allerdings gelangen diese Aufsätze noch nicht zu einer eindeutigen und breiterer Wirkung fähigen Definition. ,Bildung' erkennt Morgenstern einmal in der Lebenserfahrung und in der inneren Entwicklung des Autors, wie sie sich an seinem Werk ablesen läßt. Außerdem verweist er auf 'des Helden Bildung", die der Roman in ihrem Fortschreiten vorführt, und drittens auf 'des Lesers Bildung", die durch diese literarische Gattung in besonderer Weise gefördert wird .
Der von Morgenstern geprägte Begriff des Bildungsromans bürgerte sich zunächst nicht ein, obwohl man schon früh erkannt hatte, daß im Gefolge des Goetheschen Wilhelm Meister eine deutlich umrissene Romantradition entstanden war. Jean Paul hatte schon in seiner Vorschule der Ästhetik davon gesprochen, daß der Wilhelm Meister 'einige bessere Schüler gebildet" habe . Das Brockhaus-Lexikon von 1817 stellt in einem umfangreichen literaturtheoretischen und literaturgeschichtlichen Artikel fest, dem 'unsterblichen Göthe in seinem Wilhelm Meister" sei es vorbehalten gewesen, 'im Roman die Palme zu ersiegen"; Aufgabe des Romans sei die 'dichterische Verherrlichung der Menschheit selbst", sein Thema die 'individuelle Bildungsgeschichte derselben" . Auch die Romanautoren der Epoche benutzen gelegentlich den Begriff ,Bildungsgeschichte', ohne sich damit allerdings eindeutig auf eine literarische Gattung zu beziehen. So publiziert etwa ein anonymer Verfasser_1 einen Roman mit dem Titel Wilhelm Gradesinns Lebens- und Bildungsgeschichte, und Karl Immermann nennt eine Episode seines Münchhausen 'Fragment einer Bildungsgeschichte".
Ganz unbekannt war der Gattungsbegriff ,Bildungsroman' im mittleren 19. Jahrhundert allerdings nicht, auch wenn er bei Hegel und bei anderen prominenten Autoren nicht auftaucht. So fehlt in Friedrich Theodor Vischers Ästhetik der Gattungsbegriff, obwohl seine Überlegungen zum Roman ganz um den Wilhelm Meister kreisen und der später von Dilthey gegebenen Bestimmung des Bildungsromans sehr nahekommen . Immerhin hat Vischer den Begriff ,Bildungsroman' schon 1833 in Überlegungen zu Mörikes Maler Nolten benutzt . Auch später taucht der Gattungsbegriff gelegentlich in seinen literaturkritischen Schriften auf, wie übrigens auch bei Theodor Mundt, der in seiner Geschichte der Literatur der Gegenwart den Wilhelm Meister als den 'großen deutschen Bildungsroman" bezeichnet .
|