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Versuch einer Abgrenzung und Wesensbestimmung der Lyrik



Die Grundstruktur der Periode 1849—90 stellt sich in ihren lyrischen Ausdrucksformen als vielschichtig und vielgestaltig dar, was von vornherein jeden Versuch ihrer Wesensbestimmung erschwert. Die Lyrik so verschiedener Dichternaturen wie Friedrich Krasser und Viktor Kästner, um nur die Extremfälle anzuführen, läßt sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen, und die Mannigfaltigkeit der lyrischen Formen und Gattungen spricht auch für die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Epoche.

      Trotz allem kann, als Ausdruck einer kollektiven Bewußtseinserfahrung, ein untergründiger Zusammenhang und eine innere Kohärenz nicht übersehen werden. Sie treten nicht nur in den Dichtungen der unterschiedlichsten Lyriker hervor, sondern verleihen der gesamten Periode ihre Eigengesetzlichkeit und heben sie von der voraufgegangenen und folgenden ab.
      Obwohl in der Theorie und in der literarischen Praxis dieser Zeit allgemein die Meinung galt, das als positivistisch bekannte Zeitalter könne in epischer und dramatischer Darstellungstechnik adäquater erfaßt werden 1, stehen die lyrischen Produktionen jenen der anderen Gattungen keinesfalls nach, gehören doch — pauschal betrachtet — die Gedichte Friedrich Krassers, Friedrich Wilhelm Schusters, Viktor Kästners und Michael Alberts zum Besten, was hierzulande jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde.
      Die Abgrenzung des bezeichneten Entwicklungsabschnitts vom Vormärz und der Jahrhundertwende bietet sich nicht aufdringlich an: Grenzbündel und kaum wahrnehmbare Ãœbergänge kennzeichnen sowohl Anfang als auch Ende der Periode. Das lyrische Gesamtwerk einer ganzen Reihe von Dichtern widersetzt sich einer strengen zeitlichen Zuordnung, weil sein Beginn entweder schon in den Vormärz fällt oder weil es über das Jahr 1890 hinausgeht. Trotzdem kann, in Anlehnung an den Großteil der Fachliteratur, die zweite Llälfte des 19. Jh. von der vorhergehenden und nachfolgenden lyrischen Entwicklungsstufe abgehoben werden, da sie von zwei für die Siebenbürger Sachsen wesentlichen Ereignissen markiert wird, die auch auf die Lyrik nicht ohne Wirkung ge-blieben sind. Das Werk der bedeutendsten Dichter dieser Periode ist hauptsächlich in dieser Zeit, kurz vorher oder kurz nachher entstanden und hat in dieser Zeitspanne sowohl seine höchste Entfaltung als auch das Abklingen seiner Wirkung erlebt.
      Natürlich könnte man, was den Neuansatz betrifft, einwenden, Fr. W. Schuster und

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Kästner hätten einen nicht geringen Teil ihrer Lyrik schon vor 1848 geschrieben. Desgleichen, daß Johann Karl Schuller, einer der produktivsten Lyriker der Zeit, auch nach 1848 Gedichte verfaßt und veröffentlicht habe2, und Karl Kirchner, der zu den bedeutendsten Vormärzdichtern gehört, erst nach 1848 mit einem eigenen Gedichtband an die Öffentlichkeit getreten sei3. Jedoch ist Fr. W. Schuster in Geltchs Liederbuch 4 nur mit sechs Gedichten vertreten, die wenig vom späteren Schuster verraten; auch gehören

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Kästners Gedichte durch Haltung und Gestaltung, trotz etwas 'Vormärzluft", durchaus in die neue Epoche5. Es muß noch erwähnt werden, daß J. K. Schuller zwar weiterhin Gelegenheitsgedichte veröffentlichte, von seinem gewohnten Ton aber kaum abwich. Kirchners Gedichtband erscheint erst in den fünfziger Jahren, doch seine Verse stehen — mit wenigen Ausnahmen — noch durchaus im Strahlungsbereich des Liederbuchs und sind im gewandelten Zeitalter sozusagen unbeachtet geblieben.
Schwieriger läßt sich das Ende dieser Entwicklung mit dem Jahre 1890 abgrenzen, vor allem, weil man sich hier nicht auf ein so einschneidendes geschichtliches Ereignis, wie die 48er Revolution stützen kann und weil ein großer Teil der Lyriker die neunziger Jahre überlebt haben. Die zweite Auflage der Gedichte Fr. W. Schusters, von ihm selbst herausgegeben und teilweise umgearbeitet, erscheint erst 1896. Ein Jahr vorher gab Adolf Sohullerus Kästners Gedichte heraus, und Traugott Teutsch veröffentlichte eine Sammlung seiner Gedichte erst nach der Jahrhundertwende. So ist es durchaus verständlich, wenn Karl Kurt Klein gelegentlich auch das Jahr 1918, das ihm durch seine geschichtliche Bedeutung stichhaltiger erscheint, als Grenzdatum setrt. 7 Albert stirbt aber schon 1893, im Todesjahr Fr. Krassers und G. D. Teutschs. Ein Jahr nachher stirbt Leopold Maximilian Moltke. Fr. W. Schusters lyrisches Werk war um diese Zeit auch schon abgeschlossen.
      Die siebenbürgisch-sächsische Lyrik der Jahrhundertwende nimmt in manchem das Gedankengut der siebziger und achtziger Jahre wieder auf. Dies ist aber nur eine Richtung unter vielen anderen und bei weitem nicht die bedeutendste, weil gegen Ende des Jahrhunderts neue dichterische Orientierungen immer stärker hervortreten. Zwar bekennen sich Friedrich Rheindt, Josef Lehrer,

Wilhelm Hermann u. a. noch offen zu M. Albert und T. Teutsch, und

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Kästner findet gerade um 1890 die meisten Nachahmer — es kommt zu einer der seltensten Erscheinungen in der rumiä-niendeutschen Literatur, daß nämlich ein einheimischer deutscher Dichter Fortführer und Schüler findet —, aber den neuen Zeitumständen entspricht diese Lyrik nicht mehr, und schon die Zeitgenossen empfinden sie als epigonal und überlebt.
      Mit dem sogenannten 'Sachsentag" des Jahres 1890, der oft als Grenzlinie für den Abschluß einer Periode gesetzt wird, hatte sich nämlich die nationale Lage der Sachsen geändert, weil es mit der ungarischen Regierung zu einer 'Aussöhnung" gekommen war. So erschien jede Dichtung, die weiterhin auf diese Problematik einging, als unecht und nicht zeitgemäß. Mit Regine Ziegler, Hermann Kloß und Eduard Schullerus, die ihre ersten lyrischen und theoretischen Beiträge in den Akademischen Blättern veröffentlichen, beginnen sich, zwar noch schüchtern, die ersten andersgearteten lyrischen Tendenzen abzuzeichnen.
      Die zweite Hälfte des 19. Jh. läßt sich vom lyrischen Standpunkt schwer auf einen Nenner bringen, ihre Einheit liegt eher in ihrer Widersprüchlichkeit, aber sie besitzt immerhin eine Eigengesetzlichkeit, selbst wenn sich auch hier, wie Im allgemeinen in der Literaturgeschichte, strenge Scheidungslinien nicht ziehen lassen. Weder ist der Charakter dieser Lyrik theoretisch definiert, noch ist sie historisch richtig 'angesiedelt" worden. Die frühere Literaturgeschichte behalf sich da — aus Mangel an entsprechenden Ordnungsbegriffen und in Analogie zu literarischen Moden der Zeit — mit Metaphern wie 'Butzenscheibenpoesie und Goldschnittlyrik", die die Vielschichtigkeit dieses dichterischen Entwicklungsabschnittes keineswegs erfassen. Auf Schwierigkeiten stößt der Literarhistoriker nicht nur, weil die textkritischen Voraussetzungen eines solchen Unternehmens von der Literaturwissenschaft noch nicht erarbeitet worden sind — vieles liegt verstreut in Zeitungen, Zeitschriften und Kalendern jener Jahre —, sondern vor allem, weil diese recht heterogene Lyrikepoche der methodischen Erfassung Hindernisse entgegenstellt. Der Weg, den die Literaturgeschichtsschreibung einst einschlug, durch einfache Aufzählung und Aneinanderreihung der in Frage kommenden Dichter das lyrische Image dieser Zeit zu erfassen 9, hat sich als nicht ergiebig erwiesen. Die für siebenbürgisch-sächsische Verhältnisse immerhin große Zahl der schriftstellerisch Tätigen anzuführen, hieße bereits Gesagtes wiederholen, denn anders als in Stichworten kann über gelegentlich Verse schreibende Intellektuelle wie Georg Daniel Teutsch, Josef Haltrich, Franz Gebbel — um nurdie bekanntesten zu nennen — nicht gesprochen werden. Das Auffächern dieser Dichtungsepoche nach minder bedeutenden Autoren birgt auch die Gefahr, das Gemeinsame, Verbindende im Wust der Einzelerscheinungen zu verlieren.
      Einen Schritt weiter kommt man, wenn man diese Lyrikepoche in einzelne Etappen mit relativer Eigengesetzlichkeit gliedert. Es läßt sich nämlich feststellen, daß im ersten Jahrzehnt nach der 48er Revolution, während des Absolutismus, die politische Lyrik, rein mengenmäßig, abnimmt und die Natur- und Liebeslyrik überwiegt. Erst während und nach den bedeutendsten politischen und wirtschaftlichen Ereignissen der sechziger und siebziger Jahre konnte das politische Gedicht die Vorherrschaft der Natur-und Liebespoesie brechen. Allerdings erlahmte die sozial engagierte Lyrik auch im ersten Jahrzehnt der zweiten Jahrhunderthälfte nicht vollständig, denn gleichzeitig mit den Natur- und Liebesgedichten Kästners, Schusters und des frühen Albert erscheinen auch Franz Oberts Gedichte eines Verschollenen 10. Hingegen bleiben auch zwischen 1870 und 1880, als Fr. Krasser, Fr. W. Schuster, M. Albert, Theochar Alexi und Julius Römer zum Zeitgedicht finden, die vom Menschen ungeformte Natur und die Liebe engere Themenbereiche siebenbürgisch-deutscher Lyrik.
      Die revolutionäre Gesinnung der Vonmärzdichter, von der Geltchs Liederbuch und Marlins Lyrik wohl das beste Zeugnis ablegen, war rasch abgeflaut. Von ihr werden in die neue Zeit nur noch die Begeisterungs- und Mahngesänge 11, die zur Verherrlichung des eigenen Volkstums und seiner Geschichte dienten, hinübergenommen. Das ehemalige Pathos weicht einer gedämpfteren Stimmung, und wo der pathetisch-schönrednerische Ton trotzdem beibehalten wird, entspricht er nicht mehr der geschichtlichen Wahrheit und klingt falsch.
      Während in Geltchs Liederbuch, je nach der Einstellung des Dichters, zur Union Siebenbürgens mit Ungarn verschieden Stellung genommen wird, finden wir in der Lyrik nach 1850, vor allem jedoch nach 1867, vorwiegend eine ablehnende Haltung dem ungarischen Staate gegenüber. Das ist vor allem auf die Ma-gyarisierungsbestrebungen der damaligen Regierungen zurückzuführen.
      Freilich ging dabei auch ein gewisser Hang zum Internationalen verloren, der den bedeutenden Vertretern der Revolutionsdichtung noch eigen war . Sieht man von Fr. Krasser, Th. Alexi und Fr. W. Schuster ab, so kann man feststellen, daß die meisten Dichter der Zeit dem 'kleinsäch-sischen" Denken verhaftet sind. Nur so läßt sich erklären, daß Meschendörfers in den Karpathen ausgesprochene Forderung nach geistigem Austausch mit den Rumänen und Ungarn als so neu erschien und unter den Zeitgenossen so viel Aufsehen erregte. Allerdings war das Bestreben der Dichter in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, über die sächsische Problematik hinauszugehen, auch in dieser Zeit nicht ganz verschwunden.
      Die Zukunftsgläubigkeit und -Zuversicht, die die wenigen pessimistischen Stimmen des Liederbuchs übertönten, waren mit der nachrevolutionären Lage nicht mehr vereinbar. Statt dessen kommen Resignation und Beschränkung auf einen eng zugeschnittenen Lebensraum zur Sprache, aber auch biedermeierliche Behaglichkeit dringt oftmals durch. Nicht zufällig betitelt K. Kirchner eines seiner Gedichte Der Genügsame15; Fr. W. Schusters Guter Rat und M. Alberts Bauernstube1T behandeln eine ähnliche Thematik.
      Die sächsische Vormärzlyrik wirkte, bei aller Mannigfaltigkeit der lyrischen Stoffgebiete, als Literaturströmung mit relativ einheitlichem Programm. Diese Einheitlichkeit äußert sich nicht nur in den wiederholten Aufrufen Geltchs18, sondern sie liegt dem ganzen Liederbuch zugrunde und ist an einzelnen Gedichten nachweisbar.
      Im Hinblick auf die Zeit nach 1850 ist man weniger geneigt, an eine literarische Strömung oder Schule zu denken, da die bedeutendsten Dichter der Zeit kaum miteinander verkehrten und in der Gestaltung eigene Wege beschritten. Ihre Gemeinsamkeiten sind eigentlich nur durch die Tendenzen des Zeitalters bedingt. Die Lyrik der Zeit war — Fr. Krasser ist diesbezüglich eine Ausnahme — nicht so sehr auf Wirkung angelegt. Sie ist zunächst für einen bestimmten Leserkreis gedacht und geschrieben worden und ohne die Erwartungen dieser 'Gruppe" nicht zu denken. Die Ansprüche des Mühlbächer Intellektuellenkreises, in dem Fr. W. Schuster verkehrte und für den die erste Ausgabe der Gedichte veranstaltet wurde 19, waren anders geartet als jene des Hermannstädter Lesezirkels um J. K. Schuller, dem

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Kästner seine Gedichte präsentierte 20, und unterschieden sich von jenen der Schäß-burger Arbeitsgemeinschaft um G. D. Teutsch, zu der auch der junge Albert gehörte 21. Und wenn Fr. W. Schuster und M. Albert auch gemeinsame Freunde — Josef Haltrich, Friedrich Müller u. a. — hatten , so war Schusters Verhältnis zu seinen Altersgenossen ein anderes als das zwischen M. Albert und seinen ehemaligen Lehrern. Hinzu kommen noch sprachliche Momente. Schuster verfügte, aus der Familie, über gute hochsprachliche Voraussetzungen, Kästner be-schränkte sich bewußt auf die Mundart. Albert und Krasser wählten den schwierigen Weg der angelernten Hochsprache. Solche Vorbedingungen sind auch auf die Lyrik nicht ohne Einfluß geblieben, sie haben an der Eigenart der jeweiligen lyrischen Aussageweise auch Anteil gehabt.

   Betrachtet man die lyrischen Stoffgebiete genauer, so ist eine gewisse Armut unverkennbar. Rein quantitativ sind weiterhin die Gelegenheitsgedichte vergänglichster Art gut vertreten, da die Zeitungen und Zeitschriften jener Jahre ihre Spalten hauptsächlich diesen öffneten. Aktuelle politische Verse zum Tagesgeschehen werden auch jetzt noch verfaßt, doch fehlt ihnen das Aufrührerische und Zündende. Sie sind oft noch viel enger als früher an die Zeitereignisse gebunden, so daß sie heute ohne die nötigen Erläuterungen nicht mehr verstanden werden können. In den besten Leistun-den des Zeitgedichts wird — wie im Falle Fr. W. Schusters — der künstlerischen Formgebung mehr Beachtung geschenkt als zuvor.
Den Gedichten, die Sachsentum und Geschichte besingen, war auch im Liederbuch ein breiter Raum zur Verfügung gestellt worden. Sie sollten aber erst nach der Jahrhundertmitte, zur Zeit intensiver Magyarisierungsbestrebungen, das richtige Echo finden. Man könnte meinen, daß diese deutschtümelnden, volksverherrlichenden Gedichte in der Zeit der Ãœbergriffe gewisser ungarischer Kreise einen pragmatischen Wert hatten und teilweise berechtigt waren. Sie passen in diese Epoche eher als in die weltoffene und zu geistigem Austausch mit den mitwohnenden Völkerschaften bereite Vormärzlyrik. Die Dichtung des Vormärz war an Revolutionsziele gebunden und ist aus der Sprachkampfsituation der Zeit verständlich. Aus diesem Grunde wirkt sie mobilisierend, aufrufhaft und ist zukunftsgerichtet. Die Lyrik nach 1850 ist traditions-verankert und wirkt, der gewandelten Situation entsprechend, mal> nend und bewahrend.
      Wenn man die beiden Dichtungsepochen vor und nach der 48er Revolution gegeneinander abwägt, kann man weder eine merkliche Stofferweiterung noch eine -Verengung, sondern vielmehr eine Akzentverschiebung wahrnehmen. Zwar hat die Lyrik der zweiten Jahrhunderthälfte einige 'Verluste" zu verzeichnen, wie die immer mehr zurückgehenden Turn- und Trinklieder, doch macht sie diese Einbuße durch eine Vielzahl von Liebes- und Naturgedichten wett, die — trotz epigonalem Klang — doch stärker ins Gewicht fallen als die feucht-fröhlichen, kneipenromantischen Trink- oder die von Enthusiasmus strotzenden Turnlieder.
     
Was jedoch die besten lyrischen Leistungen der Zeit nach 1850 — pauschal betrachtet — von jenen ihrer Vorgänger deutlich abhebt, ist die größere Aufmerksamkeit, die Formproblemen gewidmet wird. Die meisten Vonmärzautoren, denen Wirkung als oberstes Prinzip galt, schenkten dem Verschmelzen künstlerischer Vorstrukturen zum Gedichtganzen kein besonderes Augenmerk, und so übernahmen sie für ihre eigenen lyrischen Erzeugnisse oft nicht nur die Liedweise ihrer Vorbilder, sondern mitunter sogar ganze Fügungen.

   Damit ist jedoch noch nicht gesagt, daß nach 1850 alles besser gemacht worden wäre. Dagegen spricht allein schon die Lyrik Marlins, um nur das hervorstechendste Beispiel zu nennen. Allgemein gesehen, durfte der nachrevolutionäre Dichter länger an seinen Produkten feilen, als es der für Tageszwecke schreibende Vormärzdichter zu tun vermochte. Eine für siebenbürgische Verhältnisse auffällige Sprachgewandtheit und ein nicht gerade alltägliches Formkönnen ist den Dichtern der zweiten Jarhundert-hälfte nicht abzusprechen.
      Und doch wird man auch in dieser Lyrikperiode kaum eine eigene, selbständige Formensprache antreffen. Der sächsische Dichter dieser Zeit bediente sich der Fülle von ererbten Themen, Stimmlagen und Formulierungen, die ihm die klassische und romantische Poesie zur Verfügung stellte. Ein Dichten in Variationen der Tradition erleichterte zwar den Schöpfungsakt erheblich, verbaute aber gleichzeitig die Möglichkeiten eigener Prägung. Und selbst dort, wo man glaubte, einen eigenen Ton gefunden zu haben, handelte es sich meist nur um Abwandlung von bereits Gesagtem und nicht um Eigenleistung. Die hergebrachten poetischen Bilder und Formen wurden besonders von kleineren Talenten so oft bemüht, daß sie schließlich für eine Wirklichkeitsaussage untauglich wurden. Das ernste künstlerische Anliegen, das die wertvollsten Dichter vertraten, und das, wenn auch nicht immer realisiert, wenigstens als Tendenz existierte, erhält hier, wie seinerzeit im Vormärz, ebenfalls nur eine zweitrangige Bedeutung. Die neuen Orientierungen, die sich um die Jahrhundertwende im siebenbürgisch-sächsi-schen Geistesleben ankündigten und die vor allem von Meschen-dörfens Karpathen propagiert wurden, wandten sich in erster Linie gegen diese Verflachung.
      Nicht zuletzt ist die charakteristische Sprachgebung der Dichtung jener Zeit auch mit dem gewandelten Verhältnis zum Volkslied in Verbindung zu setzen. Auch der Vormärz hatte zur Volksdichtung ein positives Verhältnis. Allerdings sind Marlins Liederin volksliedhaftem Tone gering an Zahl, und J. K. Schullers folkloristische Bemühungen verfolgen in erster Linie sprachliche und nicht literarische Besonderheiten. In der zweiten Jahrhunderthälfte haben die sächsischen Geistesschaffenden, angesichts einer lebensfremd gewordenen Kunstdichtung, des öfteren auf das Volkslied als 'Quickborn" hingewiesen. Die Lyriker nahmen dem Volkslied gegenüber eine gerechte Haltung ein. Einerseits lobte man an ihm 'Unmittelbarkeit, Wahrheit und Stärke der Empfindung,. die Einfachheit und Größe", auf der andern Seite jedoch warf man ihm künstlerische Unbeholfenheit und mangelndes Formbewußtsein vor. 28 Von solchen Erwägungen ausgehend, versuchte der Kunstdichter das Volkslied entweder an Schlichtheit des Ausdrucks und Spontaneität des Gefühls zu erreichen, wie im Falle

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Kästners etwa, oder er distanzierte sich im Bewußtsein eines aussichtslosen Wettkampfes davon und fand nur mittelbar, über andere 'volkstümliche" Dichter, zu ihm, wie M. Albert über Heine und Fr. W. Schuster über Goethe. Es gab aber auch Fälle, wo die künstlerische Sprachgebung des Volkslieds bewußt abgelehnt wurde, da es mm an ernstem Formwillen gebreche, und wo statt dessen anspruchsvollere Gattungen den Vorzug erhielten. 29 Der erste Weg, den die Mehrheit einschlug, war der leichteste,, zugleich aber auch der gefahrvollste. Denn statt des Unmittelbaren und Schlichten, das man anstrebte, begegnet man — Kästner ausgenommen — In den meisten Dichtungen dem Gesuchten und Gekünstelten. Das gilt, mit wenigen Ausnahmen, für die gesamte Natur- und Liebespoesie der Blüthenlese, der einzigen Lyrikanthologie jener Jahre. Der Versuch, mit Hilfe des Volkslieds die starre, schale siebenbürgisch-sächsische Lyrik aufzulockern und zu beleben, sollte nur teilweise gelingen.
      Die Lyrik des Vonmärz war in erster Linie Ideendichtung im weitesten Sinne des Wortes. Sie bevorzugte verallgemeinernde Begriffe, die gewöhnlich in leicht verständlichen Aussagesätzen erscheinen. Den widersprüchlichsten Einflüssen — Ideengut der Romantik, Dichtung der Freiheitskriege, Junges Deutschland —, die in dieser Lyrik zusammenfließen, entsprach eine solche Sagweise^ wohl am meisten. Jedem sei es klar, schreibt Fr. Geltch, daß 'der Organismus des Staates und seine Idee als diejenige, welche außer der Idee von Gott oder dem Allgeiste, die schwungvollste und erhabenste" 31 sei, zu welcher der Menschengeist gelangen könne. Man braucht dieser Auffassung nur Schusters Äußerung 'Die Poesie verträgt keine reine Abstraktion" 32 entgegenzuhalten, und die-Unterschiede treten deutlich hervor. Allerdings kam es auch hierzu keinem schroffen Abbruch, denn in der nachrevolutionären Zeit waren Schillersches Pathos, Körnersche und Arndtsche Begeisterungstiraden noch gang und gäbe. 33 Die bekanntesten Lyriker der Zeit lehnten jedoch diese Ausdrucksweise ab, weil sie durch ihre unadäquate Anwendung überholt und leer wirkte. Und selbst dort, -wo das Grundgefüge der Gedankenlyrik beibehalten ist, wie im Falle von Fr. Krasser, J. Römer und Th. Alexi, wo das Denkerische und Prosaische das Schwebende und Stimmungshafte ersetzen, wird die Rhetorik auf das Mindestmaß reduziert. Daß z. B. Fr. W. Schuster für Goethe eine besondere Vorliebe hegte, mag nicht nur persönliche Ursachen haben. Die Hinwendung zur 'objektiven", vom Einzelnen zum Verallgemeinernden fortschreitenden Dichtung Goethes und die Ablehnung Schillers 34 ist bei Schuster wohl auch historisch begründet.
      Allgemein ist in der Lyrik der Zeit eine Abkehr vom Ideellen -und eine Hinwendung zum Konkreten zu bemerken. Die Idee, der sich Fr. Geltch, L. M. Moltke und J. Marlin, in Anlehnung an die allgemeine Zeitrichtung, verschrieben hatten, konnte keine revolutionären Umwandlungen hervorrufen. Ihre Energie wurde vergessen, und mit dem Aufkommen der aufs Empirische ausgerichteten Einzelwissenschaften fand auch in der Literatur, selbst in dem abgelegenen Siebenbürgen, eine Hinwendung zum Wirklichen statt. .Auch die Lyrik schenkte der greifbaren Einzelerscheinung mehr Beachtung, als sie es früher getan hatte, und richtete den Blick auf das Allernächste, auf siebenbürgisch-sächsische Gegenständlichkeit. Nicht nur in

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Kästners Gedichten in sächsischer Mundart und in M. Alberts Dorfbildern kommt diese Haltung zum Ausdruck, obwohl sie hier ihre beste Ausprägung -erfahren hat, sondern sie schimmert fast immer durch, so daß man den Begriff 'Realismus", mit all seinen Schattierungen, mit Recht auch für die Lyrik dieser Epoche gebrauchen kann.
      Zu dieser Haltung gesellt sich ein moralisieren d-erzieherischer Zug, der in dieser Zeit besonders gefördert wurde. Sozialpädagogische und nationale Absichten, die den Tendenzen des deutschen Realismus ähnlich sind, treten nicht nur in den Gedichten M. Alberts und

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Kästners, sondern auch, allerdings in bescheidenem Maße, in jenen Fr. W. Schusters hervor. Desgleichen charakterisiert diese Lyrik, global betrachtet, ein gewisser Hang zu gesellschaftlicher Vermitteltheit wie auch die Tendenz zur poetischen Verklärung von Wirklichkeit und Geschichte, so daß sich die beiden Hauptausrichtungen des europäischen Realismus auch hier vermerken lassen.
      Die Zuwendung zum engen sächsischen Lebensraum war jedoch ein problematisches Unterfangen. Einerseits konnten dadurch greifbare Wirklichkeiten _ in die Lyrik eindringen, deren Bezuglosigkeit aufheben und ihr einen tragfähigen Unterbau verleihen, andererseits lief aber die Lyrik Gefahr, im kleinsächsischen Kreis zu versiegen. Der innere Zwiespalt zwischen Wirkung im engen Räume und der Sehnsucht nach breiter Anerkennung kommt in der recht widerspruchsvollen, vielschichtigen Lyrik jener Zeit besonders deutlich zum Ausdruck.
     

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