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Vergangenes



Zeit kann, konkret gesprochen, literarisch so dargestellt werden, dass jemand von einem Ereignis der Vergangenheit in seiner Gegenwart regelrecht heimgesucht wird. Man denke an den König Ã-dipus des Sophokles. Zwei Ereignisse der Vergangenheit ragen plötzlich in die Gegenwart des Königs Ã-dipus hinein: Er muss feststellen, dass er seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hat. Ernst Bloch hat in seiner Betrachtung Philosophische Ansicht des Detektivromans den Ã-dipusstoff als den »Urstoff des Detektorischen schlechthin« bezeichnet . Und in der Tat bezieht ja die klassische Verarbeitung des Stoffes durch Sophokles ihre äußere und innere Spannung aus der allmählichen Aufklärung dessen, was vergangen ist. Wenn Ernst Bloch in solchem Zusammenhang vom »Detektorischen« spricht, so gibt er damit das Stichwort für eine ganze literarische Gattung, die davon lebt, dass ein furchtbares Ereignis der Vergangenheit, ein Verbrechen, seiner Aufklärung zugeführt wird. Gemeint ist der Detektivroman, die Detektivgeschichte, deren klassische Beispiele im 19. Jahrhundert E. T. A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi und Edgar Allan Poes Die Morde in der Rue Morgue sind. In beiden Werken wird ein Geschehen der Vergangenheit auf Umwegen ins Bewusstsein der Gegenwart hineingetragen. Der Blick dieser Texte betrachtet, wenn man so sagen darf, das Gegenwärtige in seinem Zeugniswert für das, was vergangen ist. Erhellend ist auch der Hinweis Ernst Blochs, dass viele Stücke Ibsens an die »detektivische Erzählform« erinnern, so Nora, oder ein Puppenheim , Gespenster oder auch Die Wildente . Noch andere Stücke von Ibsen ließen sich nennen - in der Literaturwissenschaft spricht man von einem Enthüllungsdrama oder von einem analytischen Drama. Der Blick solcher Werke ist auf die Vergangenheit gerichtet: auf ein bestimmtes Ereignis der Vergangenheit, das meistens so geartet ist, dass es das Licht zu scheuen hat und nun allmählich und schließlich >plötzlich< an den Tag kommt. Halten wir fest: Detektivgeschichte und Enthüllungsdrama orientieren sich primär an einem bestimmten vergangenen Ereignis. Die Vergangenheit gewinnt hier Macht über das Bewusstsein.

      Auf eine ganz andere Weise gilt dies auch für Marcel Prousts berühmten Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit . Vergangenheit ist für Proust »verlorene Zeit«, die wiedergefunden zu werden hat. Solches Wiederfinden wird aber gerade nicht als primär detektivischer Akt gestaltet,der etwa Schuldverhältnisse zu klären hätte, sondern ist in seinem Wesen ein Entgegennehmen dessen, was durch »unwillentliche Erinnerung« an Vergangenem auftaucht. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist Phänomenologie des Gedächtnisses. Die Vergegenwärtigung der Vergangenheit wird hier zur Selbstversicherung der Unersetzlichkeit der menschlichen Individualität. Jeder von uns hat andere Erinnerungen, hat seine eigenen Erinnerungen, und doch erkennt sich jeder in den von Proust gestalteten Erinnerungen wieder: weil hier das Wesen unseres Gedächtnisses gegenüber dem, was in uns selber für immer vergangen ist, zur Darstellung gebracht wird. Dieses persönliche und damit im weitesten Sinne private Gedächtnis ist etwas anderes als das historische Gedächtnis. Dieses wird von Lew Tolstoj in seinem Roman Krieg und Frieden veranschaulicht, worin zentral der Feldzug Napoleons gegen Russland mit der berühmten Schlacht bei Borodino im Jahre 1812 geschildert wird, in der 28 000 Franzosen und 50 000 Russen gefallen sind, ohne dass von einem klaren Sieg der französischen Waffen die Rede sein konnte. In Tolstojs Krieg und Frieden ist das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation hinterlegt: Kein Russe soll jemals vergessen, was es mit Napoleon, dem »Feind des Menschengeschlechts«, auf sich hatte. Maßgebend für Tolstojs Darstellungsweise ist das chronologische Nacheinander. Sämtliche Ereignisse werden in der Reihenfolge erzählt, in der sie stattgefunden haben. Natürlich kommen Parallelisierungen vor, denn Tolstoi erzählt uns mit demselben Engagement vom Schicksal einzelner Familien zu Hause wie vom Schicksal der Kämpfenden auf dem Schlachtfeld.

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