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Unbekannte Nachlaßmaterialien zur siebenbürgisch-deutschen Literatur des I9. Jahrhunderts



Am 24. September 1848, mitten aus den Wirren der Revolution, schrieb Martin Schenker aus Hermannstadt - etwas voreilig - an seinen in Leipzig studierenden Freund Franz Obert: 'Der ungrische Staatsparoxismus [...] ist vorüber; die allgemeine Nationalitätenbrandung in Pannonien ist beschworen und Gottlob! das arme Sachsenvölkchen ist unversehrt hervorgegangen aus jenem fürchterlichen Chaos. Das Drama hat sich wunderbar entwickelt! Zerronnen sind die Kossuthschen Ideale, das Prinzip des allgemeinen] Völkerrechtes hat den Sieg davongetragen über die ver-dammlichen Separationsgelüste, über den exclusiven Magyarismus, welcher egoistisch genug, die Idee der Gleichheit und Freiheit nur für sich in Anspruch nahm, indem er allgewaltig die von Natur ihm gleich gestellten heterogenen Elemente tyrani-sieren wollte [...]. Freilich müssen wir bedauern, muß jeder Liberale bedauern, daß dieser Sieg das schändliche Werk der Reaktion [...], jener fürchterlichen Hydra, die nur dann ihr feiles Spiel zu treiben aufhören wird, wenn der Weltgeist allem Sein ein Ende macht - wir müssen bedauern, daß die Tendenzen der Magyaren nicht homo-pathisch, sondern alle pathisch kuriert waren; wir müssen bedauern, daß wieder nur Gott geholfen hat; wir müssen bedauern, daß wir [die Siebenbürger Sachsen - Anm. St. S.] nie selbständig aufgetreten sind, nicht auftreten können, daß wir einmal schwarzgelb, einmal rothblau, daß wir nicht stets schwarz-roth-golden uns gezeigt und bewährt haben. O! wann wird unser Philistertum ein Ende nehmen! Wann werden wir sagen können: ,Wir sind deutsch?'"


Dieser Brief eines Augenzeugen und Mitgestalters der revolutionären Ereignisse in Siebenbürgen, aus dem wir ausführlich zitierten, weil er ein Licht auf die komplizierten Verhältnisse des Revolutionsgeschehens wirft, Schlüsse - freilich etwas verfrüht - zu ziehen versucht und die Entwicklung des politischen und literarischen Denkens der Siebenbürger Sachsen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorausdeutet, stammt aus einem umfangreichen, bislang für die Literaturgeschichte nicht gesichteten Nachlaß des siebenbürgischen Schriftstellers, Publizisten und Pädagogen Franz Obert , den wir im Hermannstädter Staatsarchiv einsehen konnten. ÃoberTeile dieses Nachlasses soll des weiteren die Rede sein.
      Wir sind der Ansicht, daß es einer künftigen Literaturgeschichte der Deutschen Südosteuropas, nicht allein an synthetisierenden Abhandlungen mangelt, sondern auch an vertiefter Detailforschung gebricht. Gerade eine Literatur wie die siebenbür-gisch-deutsche der zweiten Jahrhunderthälfte, die heute nur mühsam lesbar ist und für die eine meist negative Erwartungshaltung besteht - und in den anderen Regionen und Epochen dürfte es ähnlich gewesen sein -, könnte vor allem durch eine Interpretation ihrer Werke und Autoren aus einem breiten Vor- und Umfeld heraus an Interesse gewinnen. Eine Literaturgeschichte dieser Räume sollte, im Unterschied auch zu den bisherigen Untersuchungen. nicht allein eine Kette von Autoren- und Werkporträts bieten, sie müßte ein Plus an literarischem Leben in die Darbietung einbringen. Der heutige Leser einer solchen Literaturgeschichte - und nicht nur jener, der aus diesen Regionen kommt - sollte, will man ihm die Materie anregend gestalten, mehr über die Lebens- und Schreibbedingungen eines deutschsprachigen Autors in Südosteuropa erfahren, über Bildungserlebnisse und Lektüreerfahrungen, über Beziehungen zu den Schriftstellern inner- und außerhalb der Region - und nicht nur zu den deutschschreibenden - sowie über deren Verdienst- und Veröffentlichungsmöglichkeiten. Informationen über literarische und künstlerische Gruppenbildungen, Presse-, Zeitschriften- und Verlagswesen, Buchhandlungen und Bibliotheken müßten, freilich mit ständigem Blick auf das Literaturgeschehen, auch mitgeliefert werden. In den deutschen Sprachinseln kann Literatur, noch viel weniger als anderswo, allein auf den vergleichsweise geringen Bestand an schöngeistigen Werken reduziert werden; Schriften und Briefe der Künstler, Historiker, Kulturhistoriker, Sprachwissenschaftler, Journalisten und Verleger sollten, vor allem dort, wo sie Kontaktstellen und Bezüge zu den Dichtern und ihren Werken aufweisen, in die Betrachtung mit einbezogen werden.
      Zur Exemplifizierung dessen, was ich hier theoretisch bloß andeuten wollte, sollen zwei siebenbürgisch-deutsche Schriftsteller angeführt werden, die in keiner der bisherigen Literaturgeschichten sonderlich erwähnt werden, und wenn, dann nur in den Fußnoten. Es sind dies Eugen vonTrauschenfels und Friedrich Schuler von Libloy , deren Bedeutung für die siebenbürgische Literatur ich anhand der Briefe, die sie an Franz Obert richteten, hervorheben möchte.
      Eugen vonTrauschenfels, von dem Franz Obert zwischen dem 14. April 1859 und dem 4. Mai 1881 rund 70 Zuschriften erhielt, ist in die siebenbürgisch-deutsche Kulturgeschichte hauptsächlich als Herausgeber des ersten bedeutenden Kalenders, des Sächsischen Hausfreundes, der zweiten Folge des Magazins für Geschichte, Literatur und alle Denk- und Merkwürdigkeiten Siebenbürgens und der Deutschen Fundgruben zur Geschichte Siebenbürgens sowie als zeitweiliger verantwortlicher Redakteur der 'Kronstädter Zeitung" eingegangen. Die Rolle, die sein Kalender - er redigierte ihn von 1860 bis 1885 - in der Entwicklung der sieben-bürgisch-deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gespielt hat, ist bislang nur ungenügend erkannt worden."* Das nimmt schon ein wenig wunder, wenn man bedenkt, daß bereits der Dichter Michael Albert , der, wie auch Traugott Teutsch , seine erste größere literarische Arbeit im Hausfreund veröffentlicht hatte und den Beginn der Freundschaft mit Teutsch von da an zu datieren pflegte, in einer biographischen und literaturgeschichtlichen RetrospektiveTrau-schenfels als 'wissenschaftlich durchgebildete", 'literarisch rührige und die Strebsamen aneifernde" Persönlichkeit bezeichnet hatte. Diesem Urteil hatte sich auch Friedrich Teutsch angeschlossen und in der Denkrede auf Eugen von Trauschenfels ihm die Fähigkeit bescheinigt, 'schlummernde Kräfte zu wecken, zur Mitarbeit anzuspornen und diese ganze Arbeit selbstlos als einen Dienst am Volksganzen zu treiben."
Der Sinn seines Lebens sei - hob Trauschenfels in einem Brief an Obert hervor -mitzuhelfen 'an der Begründung eines freien, evangelischen und reichen Sachsenvolkes". Mittel dazu waren ihm 'Ausbreitung der Bildung, Hebung der Industrie und Landwirtschaft, Herstellung eines guten Einvernehmens" mit den siebenbürgischen Mitbewohnern, vor allem mit den Ungarn. Für die Verwirklichung seines Lebensideals hat der 1833 in Kronstadt geborene, früh verwaiste, in der Obhut einer Tante aufgewachsene Trauschenfels - die Mutter starb bei seiner Geburt, Vater und Großvater verlor er während der Kindheit - so manches Opfer gebracht. Sowohl die Herausgabe des Magazins als auch jene des Hausfreundes war mit finanziellen Schwierigkeiten verbunden, nicht zuletzt auch deshalb, weil Trauschenfels - für siebenbürgisch-sächsische Verhältnisse - etwas überzogene Honorare an seine siebenbürgischen Schriftstellerkollegen zahlte. Er glaubte, die ausgebliebenen herausragenden literarischen Leistungen seiner Landsleute durch einen 'mangelnden nervus rerum" erklären zu können und hoffte, durch angemessene Vergütung der geistigen Arbeit nicht nur Abhilfe, sondern ebenso Bedingungen für ein florierendes literarisches und wissenschaftliches Leben bei den Siebenbürger Sachsen zu schaffen. In dieselbe Richtung ging auch sein Plan, sich mit Hilfe der von ihm herausgegebenen Periodika 'ein Publikum heran[zu]bilden, das weiterer geistiger Nahrung" bedürfe als dies die sie-benbürgischenTagesblätter seiner Zeit zu bieten vermochten. Im 'Mangel eines entsprechenden Leserkreises" vermutete er den Hauptgrund zu erkennen, warum es die Siebenbürger Sachsen 'nie zu einer rechten Literaturblüthe bringen konnten"1". Auch seien die sächsischen Verleger zu arm; Mäzene, wie bei den Ungarn, die eine 'durchgreifende Unterstützung der Lit[eratur] für ihre Standespflicht ansehen" , gingen den Sachsen ebenfalls ab. Nicht zuletzt trügen die 'Literaturprodukte" der sächsischen Autoren selbst die Schuld an diesen prekären Zuständen. Es gehöre ein gutes Maß an Selbstüberwindung dazu, die Schriften der sächsischen Dichter und Gelehrten zu lesen und selbst bei Joseph Bedeus, JosephTrausch und Michael Ackner müsse man 'ein Glas Wein oder Wasser" dazunehmen, um die 'trockene Kost hinunterzu-würgen". Erst Johann Karl Schuller und die Schäßburger würden ein minder antiquiertes und lesbareres Deutsch schreiben.
      Zu den besseren Schriftstellern rechnet Trauschenfels freilich auch seinen Freund Franz Obert, von dem er sich nicht nur leitartikelartige Stellungnahmen zu politischen und nationalen Fragen, übersetzte Märchen sowie Zeugnisse aus dem Nachlaß von Stephan Ludwig Roth erbittet, sondern auch poetische Beiträge.
      Trauschenfels hält Obert des öfteren dazu an, ihm eine Novelle, am besten im Stile Berthold Auerbachs, zuzusenden, macht ihn auf, seiner Meinung nach, vielversprechende Stoffe aufmerksam, wie beispielsweise auf die Problematik des sächsischen Pfarrers. In diesem Zusammenhang heißt es im Brief vom 5. Febr. 1860: 'Trotz Göt-he's treffender Bemerkung in ,Wahrheit u[nd] Dichtung', daß ein protestantischer Landgeistlicher der schönste Gegenstand einer modernen Idylle sei, trotz der ausgedehnten Pflege der Dorfgeschichte von Seite der Dichter u[nd] der warmen Aufnahme des Publikums hat sich meines Wissens noch keine deutsche Kraft diesem Thema zugewendet, während in England derVicar ofWakefield schon längst Nachfolger gefunden hat [...]. Ich hoffe dein sächsischer Pfarrer ist kein Anhänger der inneren Mission, stiftet auch nicht mit Malmer evangelische Gesellenvereine u[nd] läßt in Tageblättern [...] Predigten abdrucken."

   Fielen die literarischen Arbeiten des vielseitig beschäftigten Obert nicht zu Trauschenfels Zufriedenheit aus, ließ dieser ihn das unmißverständlich wissen: 'Die Erzählung Jaklebesch' sende ich dir mitfolgend zurück. Für eine Kalendergeschichte erscheint sie mir zu matt, zu wenig spannend, zu viel Erzählung, zu wenig Handlung. So einfache Vorwürfe, wie dieser, bedürfen meiner Ansicht nach bei der Ausführung einer unendlichen Kunst, um nicht gar zu sehr in den moralischenTon [...], an dem mir auch deine Arbeit zu leiden scheint, oder der Manieriertheit zu verfallen. Am besten gelungen ist auf diesem Gebiet, soweit ich es erkenne: Auerbachs Joseph im Schnee', wenn ich auch selbst diesen von dem Fehler der Unnatur nicht ganz freisprechen möchte."

   Mehrere ZuschriftenTrauschenfels handeln von den Erfahrungen, die er als Redakteur der 'Kronstädter Zeitung" machte, von den politischen und familiären Interessen und Auseinandersetzungen der Intellektuellen Kronstadts und enthalten so manche treffende Einschätzung der Zeit- und Ortsverhältnisse. Den Mitarbeitern der Kronstädter Zeitung stellt Trauschenfels nicht immer die besten Zeugnisse aus. Er möchte 'manchmal wahrhaftig desTeufels werden" - heißt es im Brief vom 23. Juni 1867 -, 'weil jeder in sein Loch krieche, bloß innerhalb seiner ,vier Mauern' brumme", im übrigen aber 'die Welt gehen" lasse. Kein Wunder, wenn unter solchen Voraussetzungen zuweilen Urteile wie das folgende in seiner Korrespondenz anzutreffen sind. Die 'Kronstädter Zeitung" sei - schreibt Trauschenfels am 4. Mai 1867 -ein 'Abort geworden, in den Jedermann seine politische Nothdurft" verrichte. Der 'Siebenbürger Bote" blase 'immer mehr u[nd] mehr zum Rückzug", und die 'Siebenbürgischen Blätter", das Organ der Jungsachsen, stünden sowieso 'außer aller Fragen"20. Und, bei Lichte betrachtet, wozu brauchten die Sachsen so viele belanglose Ã-ffentlichkeitsorgane, wo doch die politische Meinungsäußerung ja sowieso eingeschränkt und die Zahl jener Männer, auf die es ankomme, sehr bescheiden sei: in Schäßburg der Lehrkörper der Bergschule, in Mediasch Obert, im gesamten Alttal bloß Georg DanielTeutsch und in Kronstadt natürlich Trauschenfels.
      Die Kenntnis über das literarische Leben der Zeit bereichern auch die 25 Briefe, die der Jurist und Hochschullehrer an der Hermannstädter Rechtsakademie Friedrich Schuler von Libloy um das Jahr 1860 Franz Obert zukommen ließ. Dies um so mehr, als die Zuschriften aus einer Zeit - den ersten Jahrzehnten nach der Niederwerfung der Revolution - stammen, über die wir, verglichen mit den Jahrzehnten nach 1870, als die wichtigsten Werke von Michael Albert und Traugott Teutsch erschienen, nur lückenhaft unterrichtet sind.
      Was die jungen sächsischen Intellektuellen, die von den revolutionären Ereignissen mehr oder weniger betroffen waren, ein Jahrzehnt danach dachten und taten, wie sie sich politisch, literarisch und wissenschaftlich organisierten, unterhielten und äußerten, erfahren wir aus mehreren dieser Briefe. So berichtet Schuler von Libloy, daß sich im Jahre 1857 in Hermannstadt einmal im Monat, gewöhnlich am Dienstag, zwölf bis fünfzehn deutsche Intellektuelle trafen und den Abend in Geselligkeit und in freiem gedanklichen Austausch zubrachten. Zur Gruppe gehörten u.a. Johann Karl Schuller, Gustav Seivert, Albert Bielz, Michael Fuß, Joseph Trausch, Wilhelm Schmidt, Michael Ackner, Ferdinand von Zieglauer, Friedrich Schuler von Libloy, die alle literarisch, wissenschaftlich und publizistisch bereits tätig waren oder es werden sollten. Eines ihrer beliebtesten Gesprächsthemen war die prekäre Situation der heimischen Kultur. Bei einer dieser Zusammenkünfte, nachdem eine Menge Kaffee getrunken worden war, der schon damals, wie Libloy schreibt, die Lästerzungen löste, wurden 'außerordentlich viel schlechte Witze über die siebenbürgische Presse losgelassen." Begreiflich wurden 'Theaterreferate, Leitartikel, Gedichte u. dgl. persiflirt, pa-rodirt und lächerlich gemacht. Endlich mußte Brekner das Secret[ariat] versehen. Wir dictirten abwechselnd den neuen Siebenbürger Boten u[nd] [dieJTransilvania, und es gab durch den massenhaft geförderten Unsinn außerordentlich viel Spaß. " Die Folge war, daß alle Anwesenden einhellig verkündeten, es sei 'eine Schmach", am Boten mitzuarbeiten. Mit einem Blatt, in dem die 'entsetzlichenTheaterberichte" von einem ehemaligen Offizier stammten, der Hausdichter, Hufnagel mit Namen, vormals Barbierer war, und dessen ..Ã"sthetiker" ein gescheiterter 'Zuckerbäckerlehrling" aus Kronstadt sei, wolle man am liebsten nichts mehr zu tun haben.
     
   Zöge man diese Verhältnisse in Betracht - so die Meinung Libloys -, täte es äußerst not, das Kultur- und Volksbewußtsein der Siebenbürger Sachsen im 'Innern selbst zu heben u[nd] ihm nach Außen Anerkennung zu verschaffen. Das beste Mittel wären historische Erzählungen"2. in der Art, wie Schuler von Libloy dies selbst mit seiner Novelle Bürger und Bauer versucht habe. Um diese Erzählung, die Schuler von Libloy 1857 unter dem bislang nicht endgültig geklärten Pseudonym AdalbertWehrmann veröffentlicht hatte28, kreist ein Großteil der Korrespondenz. Der ausgezeichnete Jurist Friedrich Schuler von Libloy, der auf dem Gebiete der siebenbürgischen Rechtsgeschichte grundlegende Arbeiten verfassen sollte, hatte frühzeitig erkannt, daß er zum Gelehrten und nicht zum Poeten geschaffen sei. Für die Arbeit des Dichters sei er nur schlecht gerüstet. Der Jurist, heißt es in einem Brief, in dem er sich auf seine Novelle Bürger und Bauer bezieht, 'kann nicht Poesie treiben; gar bald war mir der Gegenstand verleidet; ich habe die letzteren Parthien so schnell zusammengeschrieben wie einen gewöhnlichen Brief, zum raschen Schlüsse hingedrängt und nicht einmal Kor-rectur, vielweniger nochmalige Abschrift genommen - so ist das Zeug, so gut es sich auch hätte behandeln lassen, gegen Ende sehr überstürzt." Daß aber in dem aus der Zeit der Reformation in Siebenbürgen aufgegriffenen Stoff mehr Poesie stecke, als er ihm abzugewinnen vermochte, dessen war sich Schuler von Libloy auch bewußt. Leider könne er selbst 'nur ein dürres Skelett geben", und er ärgere sich immer wieder 'über die Leichtfertigkeit und trockene Eckigkeit" seiner Feder. Da er aber aus diesem Stoff, an dem ihm sehr gelegen war, keine geschichtliche Abhandlung, sondern eine größere Erzählung machen wollte, weil erst die Erzählung 'Tausenden zugänglich wird und bleibt"31, schlug Schuler von Libloy Obert vor, nach dem Vorbild französischer Unterhaltungsschriftsteller in Compagnie zu arbeiten: 'Ich gebe den Grundplan, das Skelett, die rein historische Grundlage, Du mußt für das Schöne sorgen und namentlich dem Volkssinne und dem Charakter der Bauern Deine treffliche Feder widmen. Was ich in .Bürger und Bauer' gab, das wird mit wenigen Ã"nderungen beibehalten und hinzu, nach Gutzkows Musterbeispiel ein weiteres Nebeneinander' gegeben. Im Uebrigen halte ich dafür, daß wir zwar [einen] eignen Weg zu gehen haben, doch soll es etwa in der Art geschehen, wie Johannes Scherr Romane dichtet und darin Grundsätze niederlegt. Nie darf vergessen werden, daß wir zunächst den Leser zu unterhalten haben, also nie langweilig werden dürfen. Deshalb sind auch Liebeshändel sehr nöthig und der rothe Faden durch welchen Persönlichkeiten, Ereigniße und Zustände aneinandergeknüpft werden." Von Obert erbat sich Schuler von Libloy außerdem noch eine 'nachhaltige Aufbesserung des Monologs", der Bauerngespräche, der Fabel und die Schilderung der Zigeunerszenen nach dem Vorbild der 'Rothaut-Erzählungen" Coopers33. Mit Erfolg in breiten, nicht allein siebenbürgi-schen Leserkreisen sei erst dann zu rechnen, wenn die Autoren, bei nur lockerer Befolgung des historischen Sachverhaltes, 'wahre Lebenszüge zur Anschauung bringen und diese mit romantischem Interesse bekleiden" würden.
      Der Korrespondenz und den Unterlagen, die wir einsehen konnten, sowie den Informationen, über die wir bis zur Zeit verfügen, ist leider nicht zu entnehmen, ob der Roman, ein solcher sollte es nämlich bis zuletzt werden, vollendet und eventuell, auch unter Decknamen, publiziert worden ist. Einzelne Kapitel sind wahrscheinlich, wie es in den Briefen gelegentlich angedeutet wird, sehr zur Zufriedenheit Friedrich Schulers von Libloy von Obert um- und ausgearbeitet worden. Vielleicht tauchen eines Tages - wie das in der Literaturgeschichte oft geschieht - unvermutet diese Fragmente auf.
      Wie dem auch sei, das Vorhaben der beiden Schriftsteller stellt einen interessanten Versuch siebenbürgisch-sächsischerTeamarbeit dar und erbringt ein übriges Mal den Beweis, daß die Werke vieler siebenbürgischer Schriftsteller in ihrer ungewollten Un-abgeschlossenheit und oft mangelhaften künstlerischen Ausführung nicht nur einen Außenstehenden, sondern auch die Verfasser selber immer wieder zur Umarbeit provozieren.
     

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