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Theorie des Grotesken und des Fragments
Ebenso folgenreich ist aber auch die Theorie des Grotesken. Diderot hatte sie im Neveu de Rameau umkreist. Victor Hugo entwickelte sie in der Vorrede seines Cromwell als Teil einer Dramentheorie. Sie stellt wohl überhaupt den bedeutendsten Beitrag zum romantischen Ideengut dar, der von französischer Seite geleistet wurde. Ihre Wurzeln liegen vermutlich in Fr. Schlegels Äußerungen über Witz und Ironie, zu deren Umkreis Begriffe gehören wie: Chaos, ewige Agilität, fragmentarisch, transzendentale Bouffonnerie. Mehrere Einzelheiten indessen scheinen originell zu sein, sind blitzartige Einfälle des 25jährigen Dichters, denen man freilich nicht allzuviel Durchdachtheit abnötigen darf. Aber sie sind vorausweisende Symptome der Modernität.
Ursprünglich war ein Ausdruck der Malersprache undbezeichnete das ornamentale, meist fabulösen Motiven entnommene Rankenwerk eines Gemäldes. Seit dem 17. Jahrhundert erweiterte sich seine Bedeutung und umfaßte nunmehr das Bizarre, das burlesk Spaßige, das Verzerrte und Absonderliche auf allen Gebieten. So auch bei Victor Hugo, der hierbei Anregungen Friedrich Schlegels aufgriff. Doch bezieht er auch das Häßliche ein. Seine Theorie des Grotesken ist ein weiterer, aber der nunmehr energischste Schritt in der Einebnung des Schönen und Häßlichen. Das bisher Disqualifizierte, nur in den niederen literarischen Gattungen und an den Randzonen der bildenen Kunst Erlaubte wird erhoben zu einem metaphysischen Aussagewert. Victor Hugo geht aus vom Begriff einer Welt, die wesensmäßig gespalten ist in Gegensätze und die nur kraft dieser Gespaltenheit als höhere Einheit zu bestehen vermag. Das ist vor ihm schon oft gesagt worden, ist ein antiker Gedanke. Er aber akzentuiert in neuer Weise die Rolle des Häßlichen. Es ist nicht mehr bloß der Gegensatz zum Schönen, sondern ein Selbstwert. Im Kunstwerk erscheint es als das Groteske, als ein Gebilde des Unvollständigen und Unstimmigen. Unvollständigkeit aber . Man sieht, wie unter der bedeutungs-verschobenen Bezeichnung der Begriff der Disharmonie vordringt: Disharmonie der Fragmente. Das Groteske soll uns von der Schönheit entlasten und mit seiner deren Monotonie beseitigen. Es spiegelt die Dissonanz zwischen den animalischen und den höheren Schichten des Menschen. Indem es die Erscheinungen zu Bruchstücken zerschlägt, bringt es zum Ausdruck, daß das uns überhaupt nur als Bruchstück wahrnehmbar ist, weil das nicht mit dem Menschen übereinstimmt. Welches Ganze? Bezeichnenderweise bleibt die Antwort aus oder ist verworren. Mag es auch, wie Victor Hugo glaubt, christlich gemeint sein - es ist eine leere Transzendenz. Nur seine Trümmer in den Fratzen des Grotesken sind für ihn da, und diese selbst haben nichts mehr mit dem Lachen zu tun. Das Lachen des so gedeuteten Grotesken weicht dem Grinsen oder dem Schauder. Es wird Grimasse, provozierende Erregung und Reizmittel einer Unruhe, nach welcher die moderne Seele mehr verlangt als nach der Entspannung.
Das sind romantische Theorien, wenige Jahre später auch bei Th. Gautier zu finden. Sie gehören zu den Stigmata, von denen Baudelaire spricht. Sie weisen den Weg, auf dem Verlaines Harlekingedichte auftauchen werden, die Grimassenpoesie Rimbauds und Tristan Corbieres, der der Surrealisten und ihres Vorläufers Lautreamont, schließlich die Absurditäten der Modernsten. Dies alles dient dem dunklen Ziel, in Dissonanzen und Bruchstücken eine Transzendenz anzudeuten, deren Harmonie und Ganzheit niemand mehr wahrnehmen kann.
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