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Theorie: Arno Schmidt und Sigmund Freud



Arno Schmidt hat in seinen Berechnungen die These aufgestellt, Dichtungen seien Gedankenspiele, und gelangt zu der Formel

LG = E I + E IL
Das heißt, in Worten ausgedrückt: Das Längere Gedankenspiel ist jeweils die Summe von objektiver Realität und subjektiver Realität . Schmidt wörtlich:
Das Gedankenspiel ist kein seltener oder auch nur extremer Vorgang, sondern gehört zum unveräußerlichen Bestand unserer Bewusst-seinstatsachen: ohne der Wahrheit Gewalt anzutun lässt sich behaupten, dass bei jedem Menschen die objektive Realität ständig von Gedankenspielen, meist kürzeren, nicht selten längeren, überlagert wird
- wobei sich dann natürlich die wunderlichsten Interferenzerscheinungen ä la Don Quijote ergeben können.
Dass Schmidt den Ausdruck Traumspiel vermeidet, weil im »Traum« die subjektive Realität »in ausschlaggebendem Maße passiv erlitten« werde, »während beim Gedankenspiel das Individuum wesentlich souveräner, aktiv-auswählend schaltet« , scheint mir ein müßiger Streit um Worte. Ich verwende Tagtraum, Traumspiel, Gedankenspiel als Synonyme. Allerdings bleibt darauf aufmerksam zu machen, dass Arno Schmidt Dichtungen im Allgemeinen als »Gedankenspiele« auffasst, zu denen oft allerdings »uns leider E I fehlt« . Dichtungen als »reine E I« seien die wesentlich selteneren, wie zum Beispiel Coopers Die Ansiedler an den Quellen des Sus-quehanna. Meist liegen uns »hinreißende Gemische« aus E I und E II »ihres Autors« vor.
      Es stelle sich deshalb die Aufgabe, aus dem Text als vorliegendem »Gedankenspiel« die implizite Erlebnisebene I in den Klartext zu übersetzen. Schmidt wünscht sich dies insbesondere für Poes Bericht des A. Gordon Pym, Klopstocks Gelehrtenrepublik, Brontes Sturmhöhe, Wells' Zeitmaschine und Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde. Für seine eigene Dichtung Schwarze Spiegel könne er mit Sicherheit behaupten, E I sei seine Kriegsgefangenschaft im Jahre 1945 gewesen.
      Damit aber bezieht Schmidt die gleiche Position wie Sigmund Freud in seiner Abhandlung Der Dichter und das Phantasieren : der Werkcharakter des literarischen Textes wird außer Kraft gesetzt. Anders ausgedrückt: Das Intentum wird vom Interpreten ins Biographische verlagert und ist deshalb aus dem Leben des Autors zu rekonstruieren. Sigmund Freuds berühmter Satz »Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte« darf also auch als die Formel der Dichtungstheorie Arno Schmidts bezeichnet werden . Für Freud ist jede Dichtung ein Tagtraum ihres Autors, mit dem sich dieser einen verbotenen Wunsch verwirklicht hat. Um den Tagtraum adäquat zu deuten, hat der Leser hinter dem manifesten Trauminhalt den latenten Trauminhalt aufzuspüren, der durch die Traumarbeit »entstellt« worden ist.
      Wir tun also einen Blick in das Innenleben des Dichters, sobald wir eine Dichtung verstehen. Ja, Freud behauptet und hat dies in seiner Abhandlung Der Dichter und das Phantasieren im Detail ausgeführt, dass wir, um eine Dichtung adäquat zu verstehen, anhand dieser Dichtung einen Blick in das Innenleben ihres Autors tun müssen, seine Lebensgeschichte zu rekonstruieren haben. Freuds These über die Entstehung einer Dichtung sieht folgendermaßen aus:
Ein starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein früheres, meist der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun der Wunsch ausgeht, der sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft; die Dichtung lässt sowohl Elemente des frischen Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen.
Gewiss, Arno Schmidt beruft sich mit seiner Theorie des »Längeren Gedankenspiels« nicht auf Freud und behauptet auch nicht, alle Dichtungen seien »Längere Gedankenspiele«, denn es gibt ja für ihn auch solche Dichtungen, die nichts anderes als Darstellung der »objektiven Realität«, also der Erlebnisebene I sind, wenn auch solche Dichtungen in der Minderzahl seien. Für jene Dichtungen, die objektive und subjektive Realität als »Längeres Gedankenspiel« interferieren lassen, postuliert Arno Schmidt das Aufspüren der Erlebnisebene I, aus der das Gedankenspiel hervorging. Mit solchem Postulat wird also das Leben des Autors einer Dichtung als notwendig für das Verständnis dieser Dichtung ins Spiel gebracht: ein Wissen über die Lebensumstände, unter denen die Dichtung als »Längeres Gedankenspiel« entstanden ist.
     

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