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Theodor Storni - ABSEITS



Es ist so still; die Heide liegt

Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt

Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter bliihn; der Ueidcduft

Steigt in die blaue Sommerluft.
      Laufkäfer hasten durchs Gesträuch In ihren goldnen Panzcrröckchen, Die Bienen hängen Zweig um Zweig Sich an der Edclheide Glöckchen, Die Vögel schwirren aus dem Kraut Die Luft ist voller Lerchenlaut.

      Ein halbverfallen niedrig Haus Steht einsam hier und sonnbeschienen; Der Kätner lehnt zur Tür hinaus, Behaglich blinzelnd nach den Bienen; Sein Junge auf dem Stein davor Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.
      Kaum zittert durch die Mittagsruh Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten; Dem Alten fällt die Wimper zu, Er träumt von seinen Honigernten. — Kein Klang der aufgeregten Zeit Drang noch in diese Einsamkeit.
      Mit Theodor Storni geht in der deutschen Literatur eine Lyriktradition zu Ende, deren Merkmal das liedhafte Erlebnisgedicht ist. Literaturgeschichtlich war es die Zeit des Realismus, in der er seine Werke schrieb. Der klaren Beobachtung und der vorbehaltlosen Wirklichkeitsschilderung entsprach gattungsmäßig die Erzählung oder der Roman. Storm war vornehmlich Novellist, obwohl er sich selbst als Lyriker bezeichnete. Lyrik müsse unmittelbar ansprechen, ihre Wirkung solle, schrieb er, zunächst eine seelische sein, aus der sich dann die geistige von selbst ergibt, wie aus der Blüte die Frucht. Und an anderer Stelle: ... bei einem lyrischen Gedicht muß nicht allein... das Leben, nein, es muß geradezu das Erlebnis das Fundament desselben bilden.
      Das hier zur Diskussion stehende Gedicht wurde vermutlich im Sommer 1847 nach einem Spaziergang geschrieben, in einer Zeit, als Theodor Storm zurückgezogen in der kleinstädtischen Unberührtheit Husums lebte. Doch war «eine Existenz alles andere als ungetrübt: Wolken zogen an Deutschlands politischem Horizont herauf, es wehte der beunruhigende Wind des Vormärz, und selbst Storms Familienleben stand unter der Spannung einer Liebe zu zwei Frauen — zu Constanze Esmarch, seiner Frau, und zu Doris Jensen, ihrer Freundin . Daher tragen sämtliche Gedichte dieser Zeit den Stempel einer urgründlichen Düsterkeit, die in das geordnet-überschaubare Dasein der Gegenwart dringt und es ins Zwielichtige rückt.
      Vorerst scheint das Gedicht Abseits ein ausgewogenes, Sprache gewordenes Stück Natur zu sein. Vier einheitlich gefügte Strophen zu je sechs vierhebigen Zeilen versinnbildlichen die äußere Regelmäßigkeit und Harmonie. Die ersten vier Zeilen jeder Strophe werden durch Kreuzreim zusammengehalten, während die letzten beiden Zeilen mittels Reimpaar zu einer Einheit verschmolzen sind . Der Eindruck der Ordnung wird zudem vom ausgeglichenen Bewegungsverlauf des jambischen Grundmusters getragen, das weich und geschmeidig, unberührt von auffallenden rhythmischen Unregelmäßigkeiten dahinplätschert. Das Gefälle im Versfluß entsteht durch starke Pausen im Innern der Verse, durch Zeilensprung und Wortumstellungen. Meistens umfaßt ein Satz zwei Zeilen, manchmal eine oder auch nur eine halbe Zeile. Dadurch wirkt das Gefüge übersichtlich; der Leser kann den Sinngehalt jedes Satzes mit einem Blick erfassen. In der einfachen, dem Volkslied entlehnten parataktischen Anordnung fügen sich die Sätze, deren jeder einen isolierten Tatbestand aussagt, wie Sternchen zu einem Mosaik.
      Das Gedicht beginnt mit der Feststellung Es ist so still. /st-Betonung und Präsens lassen die Stille als absolut und ewig erscheinen: kein Laut ist zu hören, keine Bewegung zu sehen. Ein erster Eindruck ist aufgenommen worden, nun versenkt sich der Betrachter in den Anblick der Natur, die Stille zu ergründen- So erfordert die Frage wie? Nichtdas Da-Sein, sondern das So-Sein der Stille will ergründet werden. Es folgt die zweite, Raum und Zeit eingrenzende Feststellung. Der lauernden Monotonie in der zweiten Zeile ist durch Zusammenziehung und Umkehrung der normalen Wortfolge zu Mittagssonnenstrahlen die Spitze abgebrochen: nun fällt die Betonung auf i und die nicht ganz erfüllten Hebungen auf o und a fluten dem stumpfen Zeilenende entgegen. Bewegung kommt in die statische Natur. Der Schimmer roter Rosen fliegt wie ein Vorbote kommender Unruhe durch das Bild; die alten Gräbermale, so natürlich sie auch eingefügt zu sein scheinen, heben sich wie aus unnennbaren Tiefen kommend durch ihre dunklen Vokale von den pastellfarbenen Tönen der vorher- und nachherstehenden Verse ab. Symmetrisch zu den beiden ersten sind die beiden letzten Zeilen der Strophe angelegt. Erneute Bewegung entsteht, der Heideduft, aus dem Bereich der Geruchswahrnehmung metaphorisch ins Visuelle übertragen, steigt — rein klanglich eine aszendente Linie! — in die blaue Sommerluft. Der im Wort steigt gestaute Rhythmus reißt sich betonen die Schlichtheit der in die Natur gesenkten und mit ihr verschmolzenen menschlichen Existenz. Kein Laut der Außenwelt dringt in das Idyll, auch der Schlag der Dorfuhr markiert kaum den unveränderlichen, unabänderlichen Tagesablauf, der sich zur Ewigkeit dehnt. Die rastlose Zeit wirft keine Schatten hier, dem Alten fallen die Augen zu und erträumt von Ernten, die ihm die Natur in den Schoß wirft, ohne daß er sich darum bemühen müßte. Bis zum Ende der zweiten Strophe stieg die Bewegung an, dann flaute sie ab und fiel in der letzten Strophe ganz in sich zusammen. Strukturell gesehen, gehören die ersten vier Zeilen der letzten Strophe zur vorhergehenden. Mit ihnen hat sich das Bild gerundet. Es ist so still stimmte den Leser auf das Thema ein; nun schwingt es aus, Mensch und Natur dämmern in der Mittagsruhe. Auch das Geheimnis des Gedichttitels ist enträtselt: Abseits — das ist weitab von den befahrenen Wegen der Welt, von der ruhelosen Zeit.
      Ein vollkommenes Idyll hat sich vor dem Leser aufgetan. Klassische Epitheta , warm getönte Metaphern, Diminutivformen , onomatopöische Verben, Lautmusikalität festigen die gefüblsträchtige Bildhaftigkeit der Aussagesätze, lassen beglückte Teilnahme und Erfülltsein von der Harmonie des Gesehenen erkennen, die sich vom Dichter auf den Leser überträgt. Es werden keine hochfliegenden Gedanken ausgesprochen, nur Bilder und Vorgänge aneinandergereiht. Die Worte besitzen geringe Bedeutungskraft, dafür um so größere Fähigkeiten zur Suggestion, zur Sättigung des Gedichtes mit sinnlicher Freude.
      Und doch ist dies Idyll nichts weniger als gefährdet.
      — Kein Klang der aufgeregten Zeit Drang noch in diese Einsamkeit.
      Auch hier sind Klangfarben rhythmusbildend: Der lautalternierende Glok-kenton kein Klang und die dumpfen Vokale pochen wie Schicksalsschläge. Noch drang kein Klang in die Einsamkeit, noch liegt der Ort abseits — jedoch verweist die Partikel auf die imminente Bedrohung, ja Zerstörung. Wie lange bleibt diese Welt noch heil? Die Frage erfährt keine Antwort.
      Durch Einführung des Imperfekts in den letzten beiden Zeilen distanziert sich der im Hintergrund verharrende lyrische Sprecher von dem bisher Gesagten und schiebt das gegenwärtige Bild aus dem Durativen ins Vergangene, ins nicht mehr oder bald nicht mehr Mögliche. Die objektive lyrische Haltung ist aufgegeben, der Sprecher kommentiert, relativiert also das Idyll und bekennt sich damit zu einer — bereits mehrmals symbolhaft und mehr lautmelodisch angeklungenen — tragischen Grundhaltung. Damit verliert das kunstvoll aufgebaute Naturbild urplötzlich von seinem Glanz, die Symbole tauchen ins Zwielicht: die jetzt schon fragwürdige Geborgenheit des einsamen Hauses wird sich bald in gänzliche Ungeborgenheit verkehren; Gräber werden ihren Dekorationswert verlieren und den Kätner in sich aufnehmen; der Schlag der Dorf-uhi| erklingt wie der Stundenschlag der Welt, unwiderruflich unheilverkündend — alles trägt den Stempel der Vergänglichkeit. Wird der Junge auf dem Stein wachen und zur Verteidigung blasen? Pfeifen aus Kälberrohr sind wahrlich nicht dazu geeignet, Leute aus ihren süßen Träumen zu erwecken oder gar dem Feind Angst einzujagen. Und auch zum Einstimmen in den Klang der aufgeregten Zeit taugen sie kaum. Elegische Töne dringen mit den letzten Zeilen ins Gedicht, verkünden, mahnen, beklagen; legen die Problematik bloß. Sind die Klänge einer anderen Zeit Vorboten revolutionärer Umstürzlerei , konkreter politischer Spannungen oder nur allgemeines Ahnen einer neuen Weltepoche, die die patriarchalischen Zustände bedroht? Wohl nicht allein. Eine abgeschlossene, in sich ruhende, im Gleichgewicht befindliche Welt liegt im Gedicht vor dem Leser ausgebreitet, in der Einsamkeit nicht Isolation sondern Einssein des Menschen mit der Natur bedeutet. Das Glück, an dem der Betrachtende teilhat, scheint nur ein Traum, der vom Alltag bald verdrängt wird. Einige Augenblicke lang war der Traum Wirklichkeit, mit dem letzten Satz trat er ins Irreale zurück, ein melancholischer Schleier legte sich über das Ganze, so daß es nurmchr wie ein Gebilde von irisierender Schönheit aus dem Wasser der Vergänglichkeit blinkt.
     

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