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Ästhetik des Schmerzes



Zur Ästhetik der literarischen Darstellung des Schmerzes hat Lessing mit seiner Laokoon-Diskussion Entscheidendes gesagt, indem er die Darstellung von Schmerz und Leiden in der Malerei anderen ästhetischen Normen unterwirft als in der Poesie. Es wäre in unserem Jahrhundert zu fragen, ob sich das, was Lessing über die Malerei sagt, auf den Film übertragen lässt. Manches in der Praxis eines Sergej Eisenstein, etwa im Panzerkreuzer Potjom-kin, spricht dafür. Das Äußerste wird ausgeblendet auf der langen Treppe in Odessa wie auch in Alfred Hitchcocks Psycho unter der Dusche. Zweifellos aber sind Lessings Überlegungen zum Philoktet und seiner übel riechenden Wunde, seinen Klagen und Schreien auszuweiten auf Tolstojs Darstellung des durchdringenden und lang gezogenen Schreis des vom Tode gezeichneten Iwan Iljitsch . Wie aber steht es ästhetisch mit der Schilderung der Wunde des Jungen in Kafkas Erzählung Ein Landarzt7. Es heißt dort:
[...] und nun finde ich: ja, der Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftgegend hat sich eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend an den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich aufsammelnden Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. Wer kann das ansehen, ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinen kleinen Fingern gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Inneren der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde.
Es kommt offensichtlich darauf an, diese Wunde als Metapher für die Wunde, die dem Dasein immer schon mitgegeben ist, zu erfassen, um sie zu vergeistigen: »[...] an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde.« Das heißt doch wohl, hier blüht der Tod, als gehöre er zum Leben.
      »Nenne mir dein Verhältnis zum Schmerz, und ich will dir sagen, wer du bist«, versichert uns Ernst Jünger in seiner Abhandlung Über den Schmerz aus dem Jahre 1934 . Und dieses Diktum lässt sich nicht nur anästhetisch, sondern auch ästhetisch verstehen.
     

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