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Stellenwert, Thematik und Struktur der dramatischen Literatur



Die geschichtlichen Ereignisse der Jahre 1849—90, die sich auf die politische Situation der Sachsen in Siebenbürgen nachhaltig auswirkten, verwiesen die Dichtung auf das Gebiet des historischen Schauspiels. Die dramatische Behandlung geschichtlicher Stoffe mit unverkennbarer Zeitbezogenheit erweist sich nicht nur als ein Spiegelbild politischer Interessenbereiche und bewußter Parteinahme sächsischer Intellektueller für die eigene nationale Sache, sondern gleichzeitig auch als ein poetisch konstruiertes Modell des Selbstverständnisses der Siebenbürger Sachsen. Fast ausnahmslos haben die Dramenschreiber des Jahrhunderts an der Zeichnung dieses Selbstbildnisses mitgearbeitet. In dem dramatischen Wer!-; Traugott Teutschs und Michael Alberts erreicht diese historisch motivierte Selbsteinschätzung mit Vorbildcharakter ihren Höhepunkt.

      In der ersten Jahrhunderthälfte forderte Ungarn wiederholt den staatsrechtlichen Anschluß Siebenbürgens, das als Großfürstentum mit eigenem Landtag von Österreich regiert wurde. Die Siebenbürger Sachsen erklärten sich gegen die 'Union" und setzten sich für die Erhaltung ihrer nationalen Eigenständigkeit ein. Diese Problematik wurde mit dem 1867 getroffenen österreichisch-ungarischen Ausgleich wieder aktuell, besonders auch nachdem 1876 die Sächsische Nationsuniversität als autonomer Verwaltungskörper auf dem Königsboden aufgelöst und die Magyarisierungspolitik intensiver als bisher betrieben wurde.
      Diesen politischen Gegebenheiten galt es, im Dienste der Wahrung nationaler Eigenständigkeit, ein würdiges Geschichtsbild entgegenzuhalten. In diesem Sinne spiegelt vorzüglich die Dramatik der zweiten Jahrhunderthälfte vieles von jener 'erstaunlichen Disziplin" 1, die auf dem abgeschlossenen Königsboden entstanden war. Gleichzeitig aber gibt gerade diese Dichtung Aufschluß über die Diskrepanz zwischen sozial-politischer Wirklichkeit und illusionärem Geschichtsbild. Und das um so mehr, als die historische Dramatik des 19. Jh. das erfaßte, was die Siebenbürger Sachsen von sich selbst ausgesagt haben wollten. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang eine Besprechung von Anton Freytags Michael Weiß, der Richter -von Kronstadt. Der Rezen-sent verweist auf den 'Grundfehler" in der Charakterzeichnung von Michael Weiß, in dessen Gestalt die 'edlen sächsischen Tugenden" ins Wanken geraten: 'Das ist unser Weiß, den unser Volk ehrfurchtsvoll im Herzen trägt, nicht mehr und — sei sein Verfehlen noch so menschlich — uns stößt es ab."
Zur Gestaltung der sächsischen Lebensproblematik jener Zeit bevorzugt die Dramatik siebenbürgisches Geschehen. Weiter abliegende Stoffquellen lassen bloß mittelbare Beziehungen zur heimischen Existenz deutlich werden. Friedrich Wilhelm Schusters Al-boin und Rosimund bleibt so, trotz seiner Zeitbezogen-heit, ein Fremdkörper in dieser Dramatik. Noch weniger Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang Friedrich Christian Maurers 'germanischen" Tragödien Harra, Ganna, Ulf das zu. Auch Carl von Baussnerns bürgerliches Drama in fünf Akten August Rose4, das 1859 erschienen ist, steht im Kontext heimischer Schauspiele vereinzelt da; Künstlerproblematik wird hier in der Manier eines rührseligen Familienstückes behandelt.
      Vorarbeit zur Entstehung einer eigenständigen Dramatik leistet in der zweiten Jahrhunderthälfte die Forschung. Die Hinwendung zur Volkskunde und die Erforschung der eigenen Geschichte ermöglichen und bestimmen auch das historische Schauspiel. Das dichterische Vorbild aber liefert die deutsche klassische Literatur. Nicht nur die gebundene Form der Jambendramen, sondern auch die Typenzeichnung und der Aufbau erinnern an Schillers Dramen.
      Mit Traugott Teutschs Sachs von Harteneck 5 setzen die historischen Dramen ein, die in einer Zeitspanne von ungefähr fünfundzwanzig Jahren erscheinen: Die Flandrer am Altü, Harteneck und Ulrich von Hütten von Michael Albert, Zwei Pilger im Osten 9 von Martin Malmer und Johannes Honterus von Traugott Teutsch.
      Trotz der unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten und -fä-higkeiten der einzelnen Autoren läßt sich, mit einigen Akzentverschiebungen, ein einheitliches weltanschauliches Gerüst nachweisen, das bei einer Gesamtschau das Bild des Welt- und Selbstverständnisses der Siebenbürger Sachsen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. ergibt. Allerdings ist hervorzuheben, daß der Tendenzcharakter dieser Dichtung vor allem jene positiven Seiten des gesellschaftlichen und sittlichen Lebens betont und teilweise überbetont, die sich als Waffe im politischen Tageskampf einsetzen lassen. Bedeutende historische Ereignisse aus der eigenen Vergangenheit werden als beispielhafte Bemühungen um die Erhaltung nationaler Eigen-ständigkeit dargestellt. So werden historische Gestalten wie Hermann von Nürnberg oder Harteneck als Volkshelden gezeichnet, die sich für die nationale Freiheit der Sachsen eingesetzt haben.
      Der äußeren Bedrohung setzen die Dramatiker ein Bild der inneren Einheit und Sittlichkeit entgegen. Die Siebenbürger Sachsen erscheinen in den einzelnen Stücken als eine klassenlose Gemeinschaft von freien und gleichberechtigten Bürgern. Diese Einheit wird gefährdet, wo das Fremdnationale in die Gemeinschaft eindringt — und sei es auf dem Wege zwischenmenschlicher Beziehungen. So werden die Liebesbeziehungen zu einem nichtsächsischen Partner als individuelle Verirrung, die die Gemeinschaft gefährdet, dargestellt. Soweit es sich in dieser Hinsicht nicht um billige Bühneneffekte handelt, sind gerade aus dieser Problematik echte dramatische Szenen erwachsen. Eine Ausnahme von dieser Einstellung bildet M. Malmers Zwei Pilger im Osten. Hier führt die Liebe zwischen der Ungarin Ilona und dem Mährenfürsten Svatopluk zur Versöhnung zweier feindlicher Völker. Das Werk setzt sich für ein friedliches Zusammenleben aller Bewohner Siebenbürgens ein. n
Das Bewußtmachen sittlicher Werte als ein Weg zur inneren Kräftigung der Gemeinschaft ist ein weiteres Anliegen, das die dramatische Dichtung vertritt. Die Wahrung und Achtung der geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, männliche Tugenden und sittliche Bewährung der Frau werden anhand von historischen Beispielen den Zeitgenossen zur Nachahmung vorgehalten.
      Lassen sich bei einem Gesamtüberblick nur wenige allgemeingültige Bemerkungen im Hinblick auf die Problematik der dramatischen Werke machen, so erweist sich eine allgemeine Einschätzung der künstlerischen Gestaltung dieser Fragen noch viel schwieriger. Als Kennzeichen der angeführten Werke gilt zunächst ihre Zuordnung zum Drama. Obwohl mehrere, von ihren Autoren, als Trauerspiel bezeichnet werden, entsprechen sie den Gattungsanforderungen nur zum Teil. Weder Rosimund noch T. Teutschs Harteneck sind tragische Gestalten.
      In den meisten Dramen verbindet sich mit dem historisch-politischen Geschehen eine individuelle Konfliktsituation. Der politische Gegensatz zu dem siebenbürgischen Kanzler Bethlen wird in beiden Harteneck-Dramen durch die persönliche Schuld des Titelhelden vertieft. Auch Hermann, der Führer der 'Flandrer", steht nicht nur im Kampf gegen die Kumanen und ungarischen Adligen, sondern auch gegen den Verrat an den gemeinschaftlichen Inter-essen in der eigenen Familie. Eine nähere Betrachtung führt zur Schlußfolgerung, daß wir es in den meisten dramatischen Werken mit einem Konfliktschema zu tun haben, in dem die historisch-poiitische und menschlich-individuelle Problematik in die Formel eines bereits geprägten Geschichts- und Gesellschaftsbildes eingesetzt wird. Der klassiche Konflikt zwischen Pflicht und Neigung wird recht einfallsarm abgewandelt. Eigentliche literarische Werte sind deshalb nur dort zu suchen, wo die dramatische Gestaltungskraft des Autors, über die tagespolitischen Absichten hinaus, das Konfliktschema zu echter menschlicher Problematik vertieft. M. Albert kann mit seinem Harteneck als der Höhepunkt der vaterländischen Dramatik gelten. Nicht nur die geschickte Verflechtung individuell-persönlicher und politischer Problematik, sondern auch die sichere Handlungsführung und die strenge Verknüpfung der sich steigernden Konflikte sowie die meisterhafte Zeichnung der Harteneck-Gestalt weisen das Werk als echtes Drama aus. Auch Alberts Ulrich von Hütten vermittelt die Einsicht in die Tragik einer Gneration, der persönliche Erfüllung wegen der widrigen gesellschaftlichen Umstände nicht gegeben war.
      Da nach 1890 die politischen Spannungen zwischen den Siebenbürger Sachsen und dem ungarischen Staat zu einem Ausgleich hinstrebten, gleichzeitig sich aber auch neue literarische Einflußbereiche in der Dichtung geltend machten, lockerte sich auch der Stoff- und Themenbereich der Dramatik auf. Damit verzweigen und vervielfältigen sich auch die Darstellungsformen.

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