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Stefan George



Komm in den totgesagten park und schau: Der schimmer ferner lächelnder gestade. Der reinen wölken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten pfade.
      Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau Von birken und von buchs. der wind ist lau. Die späten rosen welkten noch nicht ganz. Erlese küsse sie und flicht den kränz.
      Vergiß auch diese letzten asterti nicht, Den purpur um die ranken wilder reben. Und auch was übrig blieb von grünem leben Verwinde leicht im herbstlichen gesiebt.

      Das titefllose Gedicht ist dem berühmtesten und zugänglichsten Band Stefan Georges entnommen, der aus drei Teilen aufgebaut ist: Nach der Lese, Waller im Schnee, Sieg des Sommers. Es eröffnet den ersten Zyklus, ist mithin das Eingangsgedicht des Buches.
      Obwohl George seine Lyrikbände als große zyklische Einheiten gelesen haben wollte, worin ein Gedicht erst im Zusammenspiel mit allen anderen tiefere Bedeutung und Ausstrahlungskraft erreicht , scheint es nicht unumgänglich, vorliegendes Gedicht als in sich selbst geschlossene, ruhende Ganzheit zu deuten.

     
Gebieterisch setzt das Gedicht ein, es ist Imperativ in seinem Ansatz,
Aufforderung einen bestimmten Naturraum zu betreten, der völlig anders ist, als gemeinhin bisher verkündet wurde. Schon die erste Zeile ist lyrische Polemik gegen das traditionelle dichterische Herbstbild. Der Herbst ist nicht mehr Stunde der Melancholie und des Verfalls, er ist nicht leblos-abgestorbene Welt, sondern nur 'totgesagt", wird von Georges Machtwort aufgewertet und umgedeutet zum Höhepunkt, zur Zeit der Reife, die Werden und Vergehen gleichermaßen in sich trägt.
      Nicht regellos-freie Natur wird hier thematisch, sondern Natur, die schon ordnungsstiftende Tätigkeit des Menschen erfahren hat: ein Park.
      Der Aufforderung zum Eintritt In die Parklandschaft gesellt sich die Aufforderung zum Schauen; die Natur wird nicht durch teilnehmende Einfühlung erlebt, sondern anfangs aus einer übergeordneten Perspektive eingefangen und in ausholenden Gebärden beschrieben. Die parkhaften Elemente stehen im Vordergrund, die weiher und die bunten pfade sind eindeutig genannt und nicht metaphorisch verhüllt. Auf diese ist das Leuchten weiter kosmischer Räume bezogen. Sie fließen wunderbar-gelöst in den Park, bleiben in der Bildstruktur verschwebend-ungenau: Schimmer ferner lächelnder Gestade und Bläue zwischen Wolken, von hinter flüchtigen, reinen Wolken, die sich plötzlich auflösen und unverhofft nichts als blau sind . Es ist nicht von Belang, wen das lyrische Ich anspricht, wem Befehl und Aufruf gelten, auch die beiden nächsten Strophen geben keinen Aufschluß, ob der Leser, ein gleiehgesinnter Gefährte, eine Freundin gemeint sind, oder ob es einfach um eine Selbstaufforderung geht.
      Der Dichter will in jenem Bereich das kosmische Geschehen erfahren, worin es sich am augenfälligsten spiegelt: in einer Landschaft, die er schon kennt und die ihm vertraut ist, die ihn ihrerseits vertrauend aufnimmt, da sie schon seiner Tätigkeit Zeichen trägt. Naturereignis und menschliches Verhalten begegnen sich auch in den Reimen: schau/blau und gestade/'pfade. Damit ist der Bezirk umrissen, wo der Mensch den Herbst am intensivsten begreifen kann: in der begrenzten Parklandschaft. Das angesprochene Du hat der Aufforderung, in den Park zu treten und das Naturbild schauend aufzunehmen, Folge geleistet und die farbige Fülle vorerst passiv erlebt. Doch verführt ihn diese, wie gesagt, nicht zu rauschhaftem Eintauchen und preisender Hymnik, sondern ist Anstoß zu erneuter Aktivität, die nur dort geleistet werden kann. Nur noch ein einziger Satz ist reine Beschreibung, bestätigt durch den gefühlten Eindruck , was die erste Strophe plastisch aussagte. Das Hauptgewicht des weiteren lyrischen Ablaufs liegt nichtauf dem hingebenden Genuß sondern auf einer menschlichen Tätigkeit: das Winden eines Kranzes. Nicht willkürlich werden die Naturelemente zusammengebunden, sondern der Dichter steuert durch Zurufe das Werden des herbstlichen gesiebtes.
      So läßt er sich zuerst von ansprechenden Herbstfarben verleiten, die er sorgfältig näher bestimmt: das gelb ist nicht schreiend-grell, sondern tief und das grau nicht trostlos sondern schmiegsam-wez'cÄ, wie der laue Wind. Die beiden Farbwerte werden durch die geistigen und gefühlten Attribute einander nähergebracht, was durch den gleichen Anlaut bestärkt wird . Ebenso entsprechen sich im klanglichen Ansatz beziehungsweise Endreim weich und wind, grau und lau.
      Das Zusammenspiel der Klangfiguren entfernt aber nicht vom Sinngehalt, ist im Gegenteil dessen atmosphärisch-musikalische Untermauerung. Bisher war das Augenmerk des Dichters nicht auf differenzierte Naturdinge gerichtet sondern auf ihre farbige Zierfunktion, die aber durch die Beifügungen tiefere Bedeutung erhielt.
      Ebenso aufschlußreich sind die Attribute der Blumen; die Zeilen die späten rosen welkten noch nicht ganz und vergiß auch diese letzten Astern nicht umgreifen den Vers, der die Aufforderung zum Kranzbinden etwas pretiös-stilisiert ausspricht: Erlese küsse sie und flicht den kränz. Weiterhin wird die Naturwelt, wie in den beiden ersten Zeilen der zweiten Strophe, auf ihre farbliche Dimension untersucht; der Purpur wilder Reben und das grüne leben erhalten ebenfalls ihren Stellenwert im Kranz, der in der letzten Gedichtzeile nun als kunstvolle Spiegelung des Herbstes, als herbstliches gesiebt erscheint. Naturelemente — oder deren Reduktion auf das Sichtbare —, die in den Kranz aufgenommen wurden, stehen nicht für sich, sondern erreichen auch geistige Entsprechungen, durch die Art und Weise, wie sie veranschaulicht und umschrieben werden. Neben dem Jugendfrischen steht das Späte und Letzte , neben dem Kräftig-Leuchtenden, Vitalen das Reife und Duldsame .
      So wie der Dichter in der ersten Strophe den Park als harmonische Ganzheit erschaut hat, bindet er auch mit vollendeter Leichtigkeit den Kranz, der zum verknappten Zeichen des schillernden, vielschichtigen Lebens wird, das sich der formenden Menschenhand beugt. Die Wirklichkeit ist nur Anstoß zu ihrer Verwandlung in ein symbolhal-tiges Kunstding, in ein höheres Bild ihrer selbst...
      Im Jahr der Seele hat der Herbst den ersten Platz inne, er ist Anfang, Höhepunkt und Ende, hier erlebt sich die Seele am tiefsten, indemsie von schöpferischer Phantasie bewegt wird. Der vollendeten Rundung: des Kranzes entspricht die Vollkommenheit des sprachlichen Gefüges. So meint das schrittweise Winden des Kranzes zugleich die Entstehung dieses Gedichtes, das über sich selbst wie über ein Sinn-bild des Sems spricht: Denn hier ist ein Herbst und mehr als Herbst. . . Diese Jahreszeiten, diese Landschaften sind nichts als die Träger des Anderen .
     

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