Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Spielarten des Dramas

Spielarten des Dramas



In einem etwas heftigen Hiatus setzt nach der Analyse lyrischer Texte die Interpretation von Dramen ein; auf die Kleinform folgt die Großform, sogar, da der Roman nicht behandelt wird, die ,größte' im vorliegenden Band. Sprachlich und konzeptionell weniger konzentriert als die Lyrik, mag das Drama einfacher, nachvollziehbarer und bis zu einem gewissen Grade auch lebensnäher sein, wobei man freilich bei der Tragödie eher von ,Todesnähe' sprechen müsste. Jedenfalls: Gesprächssituationen, wie sie das Drama kennt, kennen wir alle, und auch Konflikte, wie sie das Drama speisen, sind uns nicht fremd. Im Vergleich zur Lyrik ließe sich verkürzt sagen: Die Lyrik ist die Gattung des erfüllten Augenblicks, das Drama die Gattung der auszufüllenden Dauer. Schon die Zeit der Darstellung eines Dramas umfasst meist weit mehr als eine Stunde, die dargestellte Zeit, die Dauer der Handlung umfassend, mag weitaus länger sein. Vom Drama ist somit zu erwarten, wenn nicht zu verlangen, dass es die Zeit in ihrem Verlauf sinnvoll, nachvollziehbar und ,spannend' ausfüllt. Das Drama setzt Konflikte ins Werk, die im Verlauf der Handlung aufgelöst werden. Dies geschieht in der Tragödie durch die finale Katastrophe, in der Komödie durch den glücklichen Ausgang. Dem Drama ist also aufgetragen, den Zeitverlauf durch Handlung zu erfüllen und die Dauer des Handlungsverlaufs durch verschiedene Spannungsmomente auszugestalten. Dauer allein schafft noch kein Drama, ,Dramatisches' für sich genommen noch keine Dauer.

      Die verschiedenen Situationen und Personenkonstellationen halten die Handlung in Gang, können sie beschleunigen oder, die Spannung erhöhend, verlangsamen: Auch dies sind Faktoren des Zeitverlaufs. Für das Verständnis eines Dramas ist das jeweilige Verhältnis von Situation und Handlung von entscheidender Bedeutung: Situationen können durch Handlungen verändert werden, wodurchneue Situationen entstehen; umgekehrt können auch geplante Handlungen durch neue Situationen modifiziert oder ganz aufgegeben werden, wobei dann neue Handlungen entstehen. Wie dem auch sei: Dieses geschieht so lange, bis am Ende kein Handeln mehr möglich oder kein Handeln mehr nötig ist und das Drama aus innerer Notwendigkeit an sein Ende kommt.
      In beiden Fällen, der Tragödie wie der Komödie, entstehen Situationen von besonderer Prägnanz: solche, in denen das Entsetzen kulminiert, solche aber auch, in denen die komischen Verwicklungen zum Vergnügen des Lesers / Zuschauers ihren Höhepunkt erreichen. Anders als lyrische Texte sind dramatische auf bestimmte Zeitpunkte und, definitiv, auf ihr Ende hin ausgerichtet. Der Verlauf eines Dramas kennt aber auch Ruhe- und Haltepunkte, bei denen jenseits der jeweils konkreten Handlung das Tragische, das Komische momenthaft erfahrbar werden. Auf beides, den Ablauf der Handlung und deren Haltepunkte, hat eine Dramenanalyse ihr Augenmerk zu richten.
      Ein solcher Stillstand in bestimmten Augenblicken mag hinführen auf ein weiteres Charakteristikum des Dramas im Unterschied zu allen anderen literarischen Gattungen. Das Drama spielt sich nicht nur in der Zeit ab, sondern auch im Raum - egal ob die Bühne, wie im Theater, konkret gegeben ist oder beim Lesen nur als Vorstcllungsbild aufgerufen wird. Obwohl die »Ausfüllung' dieses Raumes vor allem die Inszenierung betrifft, ist sie doch dem Dramentext, und sei es nur gedanklich, hinzuzufügen. Die Figuren handeln nicht nur in der Zeit; sie spielen auch im Raum. Dabei erfährt die Bühne gleichsam eine Ausdehnung in den Zuschauerraum hinein, denn das Spiel vor leeren Rängen ergibt keinen Sinn. Entsprechend sitzen wir auch bei der Lektüre und Analyse eines Dramas nicht nur zu Hause, in der Schule oder der Universität, sondern immer auch in einem Theater unserer Vorstellung.
     

 Tags:
Spielarten  Dramas    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com