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Sozialgeschichtliche Interpretation



Sozialgeschichtliche Interpretation bedeutet, daß nicht beansprucht wird, alle Texte oder literarische Phänomene könnten durch die Rückbindung an ihre soziale Situation besser verstanden werden; auch nicht, daß sich durch solche Rückbindung literarhistorische Kohärenz zwischen den Werken ergibt. Die sozialgeschichtliche Interpretation ging ursprünglich aus von der Position des jungen Lukäcs: « Das wirklich Soziale [aber] in der Literatur ist: die Form », von der Ã"sthetik der Kritischen Theorie und von der Ideologiekritik. In funktionsgeschichtlicher Orientierung besteht sie darauf, daß es Texte gibt, die zentral von da her zu verstehen sind, daß sie auf bestimmte sozialhistorische Probleme antworten. Dies ist nicht im Sinne einer Widerspiegelung oder Wiedergabe sozialer Fakten gemeint, die derart aus dem Kunstwerk als einer Quelle für die Sozialgeschichte erkennbar würden, sondern so, daß diese Texte sozialhistorische Probleme in einer Weise darstellen, wie sie nur im Medium der Literatur möglich ist.

      Als Beispiel eine Interpretation von Heinrich L. Wagners Trauerspiel «Die Kindermörderin». Nach Heinz-Dieter Weber verschränken sich hier literarische und sozialgeschichtliche Entwicklung: Mit der Thematisierung des Kindsmordes in der Form des Trauerspiels verbindet sich die neue gesellschaftliche Sicht des Kindsmordes als einer Handlung von tragischer Qualität. Dabei ist Wagners Drama gerade keine sozialgeschichtliche Studie über das Elend der wirklichen Kindesmörderinnen. Es geht vielmehr um ein ästhetisches Problem: Gibt der Fall einer Kindsmörderin in literarischer Behandlung nur eine traurige Geschichte ab und kann als Unglück Teilnahme und Mitleiden beanspruchen? Oder eignet er sich als tragisches Paradigma? Letzteres hätte, im Verständnis des Begriffs seit dem 18. Jahrhundert, die Kollision gegensätzlicher Normen, für die es keine Lösung gibt, also den unvermeidbaren Konflikt je für sich berechtigter oder garnotwendiger, aber unvereinbarer Alternativen zum poetischen Prinzip. - Schon bevor Wagner die Situation der Kindsmörderin als tragische literarisch behandelte, bereitete sich ihre gesellschaftliche Neuinterpretation als tragisch in der juristischen Diskussion seit der Jahrhundertmitte vor. Mehr und mehr sah man nicht nur die kriminelle Schuld und das soziale Unglück, sondern erblickte in der sozialen Ausweglosigkeit der betroffenen Frauen einen unausweichlichen Konflikt. Dabei war es Funktion dieser gesellschaftlichen Neuinterpretation, als tragisch, verstehbar zu machen, was vorher bloß gräßlicher, unverständlicher Mord war. Man erkannte an, daß diese Konfliktsituation in denselben naturrechtlichen Normen ihren Ursprung hat wie jene Gesetze, mit denen das Verhalten in der Konfliktsituation kollidiert: Die literarischen Figuren Evchen oder Goethes Gretchen vertauschen bezeichnenderweise das unterbürgerliche Milieu ihrer prosaischen Vorbilder mit dem bürgerlichen und betonen so den Schritt vom sozialen Mitleid zum tragischen Konflikt.
      Wagners Drama läßt aber, wie sich schon dadurch andeutet, daß in einer zweiten Fassung kein Kindsmord stattfindet, weil der Vater noch rechtzeitig zur Einlösung des Eheversprechens eintrifft, auch die Lesart als warnendes Exempel zu: Wenn der ehewillige Verführer nur durch Intrige zurückgehalten wird, dann geschieht der Kindsmord gewissermaßen nur voreilig, nicht aufgrund eines unausweichlichen Konflikts. Das führt zu der Sicht, daß tragisch hier nicht die äußeren Umstände sind, sondern der innere Konflikt der Heldin, wie Wagner es sie ja auch aussprechen läßt: Nicht die äußeren Umstände führen zum tragischen Konflikt, sondern, daß die in ihnen geltenden Normen von der Heldin internalisiert wurden; es ist ein Konflikt des Gewissens, weil sie Gefühlen gefolgt ist, die im Widerspruch zu ihren eigenen Normen stehen.
     

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