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Situation



Eine Situation ist dadurch definiert, dass jemand in ihr steckt: hier und jetzt. Das Ich-Hier-Jetzt steckt immer in einer Situation . Ein situationsloses Dasein gibt es nicht. Wer in einer Situation steckt, befindet sich in einer ganz bestimmten Stellung zur Umwelt.
      Grundsätzlich ist zwischen objektiver und subjektiver Situation zu unterscheiden. In ein und derselben objektiven Gefahrensituation reagieren verschiedene Individuen jeweils anders: Der eine verliert den Mut, der andere erleidet einen Schock, ein Dritter lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und plant kaltblütig die Rettung. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich über jede Situation zu erheben. Das heißt: In der Reaktion auf eine objektive Situation situiert sich das Subjekt jeweils auf seine Weise. Das Resultat könnte man die »subjektive Situation« nennen. Sie aber ist die wahre Wirklichkeit des Subjekts. Die Situation, in der ein Ich-Hier-Jetzt objektiv oder vermeintlich objektiv steckt, führt immer zur subjektiven Situation als Reaktion des Subjekts auf jene und ist damit eine Befindlichkeit. Erlebter Raum wird immer auseiner Befindlichkeit erschlossen. Befindlichkeit und Raumerleben sind aufeinander angewiesen.

      Wenn >Situation< erst jetzt zum Thema wird, so deshalb, weil dieser Begriff primär einen räumlichen Charakter hat. Dass Befindlichkeiten in der Zeit verlaufen, bleibt davon unberührt. Dasein ist immer befindlich. Befindlichkeiten reichen vom ruhigen theoretischen Hinsehen des Wissenschaftlers auf den Gegenstand seiner Disziplin bis zum Eifersuchtswahn Othellos. Das Beispiel Othello zeigt, wie eine vermeintlich objektive Situation aussehen kann.
      Umwelt wird also immer aus einer Befindlichkeit heraus erschlossen. Mit einem Wort: Erlebte Zeit und erlebter Raum konstituieren die Situation des Ich-Hier-Jetzt.
      Die Herstellung einer objektiven Situation, aus der die Reaktion eines Subjekts, das in ihr steckt, als subjektive Reaktion nachvollziehbar wird, gehört zur Verfahrensweise des poetischen Geistes. In besonderen Fällen kann die Unklarheit der objektiven Situation ein Ziel der Darstellung sein. So stellt Tolstoj in der Kreutzersonate keine Gewissheit darüber her, ob Posdnyschews Frau ihm tatsächlich untreu gewesen ist. Der Leser sieht sich mit dem Eifersuchtswahn des Mörders konfrontiert.
      Fazit: >Welt< aus einer Befindlichkeit begegnen zu lassen, macht das Können des Künstlers aus.
      Das Ich-Hier-Jetzt als zentraler Bezugspunkt für jegliches Zeit- und Raumerleben meint immer das Verhalten eines Subjekts in einer objektiven oder vermeintlich objektiven Situation. Die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Situation hat somit etwas Künstliches. Sie soll aber gerade verdeutlichen, dass es eigentlich nur die so genannte subjektive Situation gibt: nämlich das Ich-Hier-Jetzt, das sich durch sein Verhalten situiert. Die Situie-rung hat dynamischen Charakter, während die darin berücksichtigte objektive Situation gerade in ihrer Objektivität ein Konstrukt bleibt. Man darf also den Ausdruck >Situation< durchaus für die subjektive Situation des Ich-Hier-Jetzt reservieren.
     

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