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Situation und >objektives Korrelat«



Wir konnten eingangs feststellen, dass die Angst im Unterschied zur Furcht immer gegenstandslos sei, dass aber literarische Darstellung immer auf ein

»objektives Korrelat« angewiesen sei, um Verständlichkeit garantieren zu können. Was ist hier unter einem »objektiven Korrelat« zu verstehen? T. S. Eliot gibt folgende Definition:
Die einzige Möglichkeit, eine Emotion in der Form der Kunst auszudrücken, besteht darin, ein »objektives Korrelat« zu finden; mit anderen Worten, eine Reihe von Gegenständen, eine Situation, eine Kette von Ereignissen, die die Formel dieser besonderen Situation abgeben sollen; so dass in dem Moment, wo die äußeren Fakten, die in sinnlicher Erfahrung gipfeln müssen, gegeben sind, die Emotion unmittelbar hervorgerufen wird.

Das Können des Künstlers zeigt sich also nach T. S. Eliot darin, dass ein objektives Korrelat zu der Emotion aufgebaut wird, die der Künstler übermitteln will. Das heißt: Der Leser eines literarischen Textes hat in dieselbe Situation, in dieselbe Befindlichkeit versetzt zu werden wie die geschilderte Gestalt. Eliots Definition des objektiven Korrelats ist komplex und präzis. Dreierlei wird als konstitutiv für das objektive Korrelat aufgeführt: einmal eine Reihe von Objekten , also das, was, mit Heidegger gesprochen, innerweltlich begegnet und entweder die Seinsart des Zuhande-nen, des Vorhandenen oder des Mitdaseins hat; zum anderen die Situation , aus der heraus dieses innerweltlich Begegnende entdeckt und erschlossen wird; und schließlich, drittens, eine Kette von Ereignissen , mit der die begegnenden Objekte und die Situation, aus der heraus diese Objekte erfahren werden, in der Bewegung gezeigt werden. Durch die Einbringung des Situationsbegriffs wird deutlich, dass zum objektiven Korrelat immer auch ein Subjekt gehört, das dieses objektive Korrelat so, wie es gemeint ist, wahrnimmt: erst mit dem Subjekt, das entsprechend reagiert, wird jene besondere Situation veranschaulicht, für die das objektive Korrelat die Zauberformel liefert.
      Hier liegt ganz offensichtlich ein Problem verborgen, das T. S. Eliot überhaupt nicht diskutiert. Die Frage nämlich, ob wir durch eine bestimmte Situation, in der wir objektiv stecken, zu einer bestimmten Befindlichkeit verpflichtet werden können. Diese Frage ist zweifellos zu verneinen. In ein und derselben Gefahrensituation reagiert der eine aktiv und mutig, der andere passiv und mutlos. Beide Haltungen sind plausibel, sind nachvollziehbar. Eine bestimmte Situation muss also nicht eine bestimmte Befindlichkeit dessen, der in ihr steckt, nach sich ziehen. Das objektive Korrelat kann uns von sich aus nicht zu einer bestimmten Befind-lichkeit verpflichten. Und doch hat sich immer dann, wenn jemand in eine bestimmte Befindlichkeit geraten ist, ein objektives Korrelat eingestellt. Die Objektivität des objektiven Korrelats muss also ganz als eine Leistung der Subjektivität des Subjekts aufgefasst werden, das sich in einer bestimmten Situation befindet. Das heißt: Eliots Begriff des objektiven Korrelats setzt immer schon voraus, dass ein von einer bestimmten Situation betroffenes Subjekt auf eine ganz bestimmte Weise auf diese Situation reagiert. Ein anderes Subjekt könnte aber auf dieselbe Situation anders reagieren, und das objektive Korrelat wäre ein anderes. Das objektive Korrelat ist also etwas ganz und gar Subjektives, das sofort verschwindet, wenn die Gestimmtheit verschwindet, aus der heraus es entdeckt wird und erschlossen vorliegt.
      Aufgrund dieser Ãoberlegungen ist zwischen einer objektiven und einer subjektiven Situation zu unterschieden, sowie zwischen einer tatsächlichen und einer vermeintlichen Situation. Was weiter oben in aller Kürze ausgesprochen wurde, sei jetzt ausführlich erläutert.
      Als objektive Situation seien jene Umstände bezeichnet, auf die verschiedene Subjekte verschieden reagieren können. Im Resultat entsteht die subjektive Situation eines bestimmten Subjekts, der das objektive Korrelat seiner Befindlichkeit entspricht. Der subjektiven Situation geht das Erfassen der objektiven Situation voraus: jene ist die Reaktion auf diese.
      Die subjektive Situation kann aber auch dadurch gekennzeichnet sein, dass sie lediglich Reaktion auf eine vermeintliche und nicht auf eine tatsächliche Situation ist. Auch in einem solchen Fall bleibt die Objektivität des objektiven Korrelats bestehen, denn es ist für die Realität einer Befindlichkeit vollkommen gleichgültig, ob ihr eine tatsächliche oder eine vermeintliche Situation zugrunde liegt, solange das betroffene Subjekt diese Unterscheidung nicht vollzieht. Solange nämlich die Täuschung über die tatsächliche Situation anhält, ist die vermeintliche Situation genauso real, als sei sie tatsächlich gegeben. Als klassisches Beispiel für unsere Reaktion auf eine vermeintliche Situation, die sich aber nicht als solche zu erkennen gibt, sei unser emotionales Verhalten im Traum aufgeführt. Sobald wir erwachen, ist der Spuk vorbei. Die durchlebten Befindlichkeiten aber waren deshalb nicht weniger real als solche, die wir im Zugriff einer tatsächlichen Situation durchleben würden.
      Dass es wichtig ist, zwischen der objektiven und der subjektiven Situation sowie zwischen der tatsächlichen und der vermeintlichen Situation zu unterscheiden, dürfte für die Frage nach der literarischen Darstellbarkeit der Angst auf der Hand liegen. Angst kann, weil sie gegenstandslos ist, in den harmlosesten Situationen aufsteigen. Für die Befindlichkeit der Angst lässt sich kein plausibler Zusammenhang angeben zwischen der objektiven Situa-tion, in der jemand steckt, und der subjektiven Situation, die Folge der Reaktion auf die objektive Situation ist. Angst kommt auf ohne Grund. Und deshalb entfällt hier auch die Unterscheidung zwischen der tatsächlichen und der vermeintlichen Situation, in der jemand steckt. Furcht verfliegt, sobald ich die Situation, in der sie mich überfallen hat, als eine vermeintliche durchschaue. Ich sehe dann, dass ich keinen Grund hatte, mich zu fürchten. Angst aber verfliegt nicht, wenn ich die Situation, in der ich von ihr überkommen wurde, als eine vermeintliche durchschaue. Weil die Angst keinen Grund in der Welt hat, kann ihr eigentlicher Grund auch niemals entfallen, er kann nur durch ein Aufgehen des Subjekts in der Welt verdeckt werden.
      Man könnte auch sagen: Die Befindlichkeit der Angst ist dadurch gekennzeichnet, dass das von ihr betroffene Subjekt unablässig nach einem objektiven Korrelat, auf das es reagieren könnte, sucht, dieses aber nicht finden kann, weil in der Angst alle Bezüge zur Welt entgleiten. Dem Dasein in der Angst wird das In-der-Welt-sein zu einem ständig sich erneuernden Nicht-zuhause-sein. In der Angst ist einem >unheimlich< - das heißt nun: Das Dasein in der Angst sucht die Leerstelle des objektiven Korrelats immerfort durch vertraute Realitäten zu besetzen, die aber jeweils sofort in sich zusammensinken.
     

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Situation  >objektives  Korrelat«    





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