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Siebenbürgisch-sächisches Volkslied - DER DRUM - DER TRAUM



DER DRUM
Ech gang an mänes Vueters Guertenniderlua und schliufa,ech draeme mer a Draemeleng,at schnuat iwer mech;ja, ja, at schnuat iwer mech.
      Et bläten ok drua Ruiselenj,da hangen iwer mech,diu nüm ech da drua Ruiselenjund bund mer ene Krunz;ja, ja, und bund mer ane Krunz.
      Und dau der Krunz nau jiertich wor,diu wor der Drum schui aus,ech wül ok giern heme g'du,ech hat kei ejen Haus:ja, ja, ech hat kei ejen Haus.

      A Heiske wal ech mir bänaos Pitersilenk.

      Mat wot sal ech et di'eken?
Mat weiße Lilijen;ja, ja, mat weiße Lilijen.
      Mat wat sal ech et weiß müke?
Mat weißem, weißem Kreit,und deniu dran wuinemir zwie gang Leit;ja, ja, mir zwie gang Leit.

     
DER TRAUM
Ich ging in meines Vaters Garten, niederlegen und schlafen, ich träumte mir ein Träumelein, es schneite über mich; ja, ja, es schneite über mich.
      Es blühten auch da drei Röselein,die hingen über mich,da nahm ich die drei Röseleinund band mir einen Kranz;ja, ja, und band mir einen Kranz.
      Und da der Kranz nun fertig war,da war der Traum schon aus,ich wollt auch gern nach Hause gehn,ich hau' kein eigen Haus;ja, ja, ich hatt' kein eigen Haus.
      Ein Häuschen will ich mir bauenaus Petersilie.

      Womit soll ich es decken?
Mit weißen Lilien;ja, ja, mit weißen Lilien.
      Womit soll ich es weiß machen? Mit weißer, weißer Kreid, und dann darinnen wohnen wir zwei junge Leut; ja, ja, wir zwei junge Leut.
      Das tief schwermütige Gedicht vom Traum und dem tragischen Hausbau erschien erstmalig 1931 in der von Gottlieb Brandsch bei Krafft & Drotleff herausgebrachten, bisher vollständigsten Sammlung siebenbürgisch-sächsischer Volkslieder. Anscheinend vom Herausgeber selbst erst im nachhinein mit Das Blumenhaus überschrieben, wurden die Strophen, laut Brandsch, 1900 in Botsch von einem Rektor Zikeli aufgezeichnet. Hier soll das Lied als das älteste der Gemeinde gegolten haben; Brandsch selbst will seine Existenz bis um die Mitte des 18Jahrhunderts nachweisen können, nimmt aber gleichzeitig an, daß es wahrscheinlich viel älter sei, indem er zum Vergleich eine Variante heranzieht, die Erk-Böhme in ihrem Deutschen Liederhort aufgenommen haben. Lesarten des Gedichts finden sich gleichfalls in der Sammlung Gottlieb Brandschs und wurden von Friedrich Kraus 1817, in Schönbirk und 1918 in Budak aufgezeichnet. Die hier behandelte Botscher Variante erschien ein zweitesmal als Nachdruck ohne Titel in der von Norbert Petri und Viorel Ganea besorgten Sammlung Alte siebenbürgisch-sächsische Volklieder und wurde schließlich als Der Drum, von Ernst Irtel neu gesetzt, in der Kronstädter Wochenschrift Karpaten Rundschau abgedruckt.
      Das Lied, in dessen Kern das uralte Motiv vom Liebestod, vom gemeinsamen Sterben aus unerfüllbarer Zuneigung auflebt — freilich in einer metaphorisch verschleierten und den landschaftlich-mundartlichen Gegebenheiten entsprechenden Abwandlung —, darf ohne Zögern zu den faszinierendsten Schöpfungen siebenbürgisch-sächsischer Volksdichtung gezählt werden. Hinter seiner leisen Verhaltenheit ballt sich eine Welt von riesig tragischen Ausmaßen.
      Der Text selbst setzt ruhig und scheinbar harmlos ein; der lyrische Held, besser die lyrische Heldin, denn es handelt sich wohl um eine junge Frau, um eine Magd oder Maid, die sich in der zweiten Strophe einen Kranz windet, geht in ihres Vaters Garten niederlua, zu ruhen und zu schlafen. Weder Rhythmus noch Bildwahl lassen etwas von ihrer Not erahnen. Auch die nächste Verszeile gibt sich still und verschwiegen. Mehr noch, der Traum, den sie sich träumt, ist ein Drae-meleng, lächelnd und spielerisch verniedlicht durch die Nachsilbe.
      Urplötzlich aber bricht die Bedrohung hervor: im Traum fällt Schnee über die Träumende. Das erste böse Zeichen, so oft und gerne im Volkslied gehandhabt . In die Kälte dieses Schneefalls wachsen Rosen hinein. Drei an der Zahl , neigen sie sich zum Mädchen hinab und ihr entgegen . Auch ihnen ist die verkleinernde Nachsilbe -lenj beigegeben, diesmal wohl ihre Zartheit, ihr wehrloses Ausgesetztsein dem Schnee und der Kälte andeutend. Sie stehen, wie zumeist in der Volksdichtung, stellvertretend für die Liebe, hier für eine tiefe Sehnsucht, die mit dem Schnee der Umwelt konfrontiert wird. Der leise Versuch ihrer Erfüllung und Rettung vollzieht sich im Traum: das Mädchen windet die drei

Ruiselenj zum Kranz, der möglicherweise als Brautschmuck dienen soll, freilich nur in den noch heilen Bereichen des Scheins und der Unwirk-lichkeit.
      Aber noch ehe die Rosen ihre Bestimmung erfüllen können, bricht der Traum entzwei. Mit einem Schlag ist die harte, unerbittliche Realität wieder gegenwärtig, härter als je zuvor: das Kind, das zu Beginn des Gedichts noch in seines Vaters Garten ging, ist urplötzlich heimatlos .
      Hier deutet sich, gerade im Hinblick auf des Vaters Garten, eine Problematik an, die in der siebenbürgisch-sächsischen Volks- und Kunstdichtung immer wieder aufgegriffen worden ist. Die Liebe zweier junger Menschen wird durch elterlichen, meist väterlichen Einspruch unerfüllbar und schlägt tragisch in den Tod um. Der starre Standesdünkel des sächsischen Bauern, seine klobige Konsequenz mischt in solchen Geschichten mit. In unserem Falle scheint die Problematik ähnlich zu liegen: offensichtlich ist das Mädchen aus seinem väterlichen Hause verstoßen worden.
      Demzufolge wird es sich ein eigen Heiske bauen müssen, und auf den ersten oberflächlichen Blick, irregeführt auch durch den von Brandsch dem Lied aufoktruierten Titel, ergibt sich eine zwar auch wehmütige, doch nicht tragische Lösung: in Fortsetzung des Traums kommt eine zwar unwirkliche, aber dennoch märchenhaft versöhnende Blumenwohnung für die beiden Liebenden zustande.
      Erst ein genaueres Hinhorchen läßt eine weitaus erschütternde Wendung des lyrischen Geschehens in Erscheinung treten. Schon die — ebenfalls von Brandsch aufgezeichnete — Melodie dieses Lieds läßt ein Unheimliches ahnen: sie ist langgezogen und klagend, die eines Totenlieds. Der Text selbst liefert dann die Argumente.
      Das Heiska wird aus Pitersilenk gebaut, deren Wurzel um ihres süß-herben Geschmacks willen in sächsischen Wirtschaften vielfach Verwendung findet. Im Gedicht also ist wohl auch jener Teil der Pflanze gemeint, der in die Erde wächst, und somit im Gedicht die Lage des neuen Heiske lokalisiert. Das Haus wiederum wird mit weiße Lilijen gedeckt. Es genügt hier, daran zu erinnern, daß zumindest seit der Renaissance die Lilie als Blume und Zeichen des Todes gilt. In Abwandlung der umgestürzten Fackel in den Händen des antiken Todesknaben wurde sie, christlich verbrämt, dem Todesengel beigegeben. Das Volkslied hat nicht selten diese Deutung übernommen: Drei Lilien, drei Lalien, die pflanzt ich auf mein Grab... Ein weiterer Hinweis sei hier noch herangezogen: in der Budaker-Variante des Textes werden vier Fuder Steine auf das Haus gelegt.
      In den beiden ersten Verszeilen der letzten Strophe soll das Mädchen sein Heiske nun weiß müke mit weißem, weißem Kreit. Zunächst muß hier zur Vermeidung eines Mißverständnisses kurz erwähnt werden, daß die Kreide in Nordsiebenbürgen mundartlich auch alse Neutrum gebraucht wird und also eine Interpretation des Kreit als Kraut, abgesehen von lautlichen Argumenten, falsch ist. Welche Bewandtnis es nun dennoch mit dem weiß müke mit weißen Kreit hat, darüber gibt die siebenbürgisch-sächsische Brauchtumsforschung zur Genüge Aufschluß. Einem Bericht des Kronstädter Archivars Gernot Nussbächer zufolge ist in Katzendorf noch 1969 bei der Beisetzung des Ortspfarrers das Grab innen mit Kalk ausgestrichen und der Grube gleichzeitig ein regelrechtes Balkenhaus eingebaut worden, in welches der Sarg des Toten zu liegen kam. Der ganze Bau wurde dann mit einer beträchtlichen Schicht Erde und Steinen zugeschüttet. Auch weiteres kann zur Bestätigung der Tatsache angeführt werden, daß die Auffassung vom Grab als Haus oder letzte Wohnung bei den sieben-bürger Sachsen sehr verbreitet war und es teilweise heute noch ist. In einem Aufsatz des Schäßburger Lehrers Georg Schuller, der unter dem Titel Volksthümlicher Glaube und Brauch bei Tod und Begräbnis im Siebenbürger Sachsenlande im Programm des evangelischen Gymnasiums in Schäßburg und der damit verbundenen Lehr-Anstalten, Jahrgang 1864/65, erschien, wird berichtet, daß beispielsweise in Zendresch während der Totenklage ausgerufen wird: Ruht wohl in Eurer neuen Stube ohne Fenster! Im gleichen Aufsatz wird angeführt, daß in Petersdorf der Pfarrer in seiner Leichenrede die Beerdigung mit die Schlafkammer bauen und den letzten Dienst erweisen umschreibt.
      So ist denn das Heiske, das in unserem Lied gebaut wird, nichts anderes als das Grab. In den Text bricht mit all seiner tragischen Gewalt der Liebestod herein und reißt die zwie gang Leit in die Verr nichtung. Das alte Motiv von Tristan und Isolde tritt neu hervor, transponiert ins Brauchtum dieser Landstriche und in die mundartliche Färbung des Siebenbürgisch-Sächsischen. Die verbrämende, zurückhaltende Metapher vom Blumenhaus ist nur dazu angetan, dem gemeinsamen Sterben aus unerfüllbarer Zuneigung, dem Sichvereinigen im Tod als konsequenteste und letztmögliche Modalität der Verwirklichung besondere Leuchtkraft zu geben.
     

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