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Südostdeutscher Autor - binnendeutscher Verlag - binnendeutscher Leser



Weil ein heutiger österreichischer Germanist mit der aus kulturpolitischen Gründen intensiv geführten Debatte über die Eigenständigkeit der österreichischen Literatur aufgewachsen ist, fällt ihm vielleicht besonders deutlich auf, daß eine solche Debatte über die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit der Literatur der Südostdeutschen zur deutschen Literatur nur sehr eingeschränkt geführt wird. Bei den Angehörigen der Minderheiten hat die Tendenz zum Vermeiden dieser Diskussion wohl ebenfalls kulturpolitische Gründe, aber die entgegengesetzten: legt Ã-sterreich Wert auf seine kulturelle Selbständigkeit, so besteht für die Minderheiten die Gefahr, durch eine solche Debatte die überlebenswichtigen Verbindungen zum binnendeutschen Raum noch weiter zu schwächen. Zwar betont beispielsweise Peter Motzan in einem 1980 in Rumänien veröffentlichten Buch die Auswirkungen der sozialistischen Gesellschaftsordnung auch auf die rumäniendeutsche Literatur, spricht aber dann keineswegs ausdrücklich von deren Zugehörigkeit zur rumänischen Nationalliteratur, sondern zieht sich mit dem Satz aus der Ã"ff äre: 'Damit findet auch die Frage nach der Zugehörigkeit der rumäniendeutschen Literatur eindeutige Antwort."3; eine ausdrückliche Abgrenzung von der deutschen Literatur nimmt er nicht vor.

      In Deutschland und Ã-sterreich führt man diese Debatte wohl vor allem aus Interesselosigkeit nicht; diejenigen, die sich des Problems hierzulande angenommen haben, verbleiben vielfach auf einer Ebene großer Allgemeinheit.
      'Die aus nationaler Sicht als selbstverständlich gesetzte Verbindung von deutscher Sprache, Literatur in dieser Sprache, Auftrag der deutschen Germanistik, Zugehörigkeit zur deutschen Literaturgeschichte" wird so mehr oder minder mit schlechtem Gewissen und eher schlampig fortgeschrieben.
      Der Frage der Zuordnung der Literatur deutschsprachiger Minderheiten in Südosteuropa möchte ich mich von einem literatursoziologischen Standpunkt her nähern, selbstverständlich ohne hier mehr tun zu können, als auf eine methodische Möglichkeit aufmerksam zu machen. Ich folge dabei Ãoberlegungen, die in Zusammenhang mit der Literatur Ã-sterreichs angestellt worden sind. So hat der in den USA tätige vertriebene Ã-sterreicher Egon Schwarz in der Besprechung einer besonders emphatischen Verteidigung der Eigenständigkeit der österreichischen Literatur nachdrücklich an die enge Verflechtung der Literatur aus Ã-sterreich mit dem Literaturbetrieb Deutschlands erinnert, ohne den die österreichischen Autorinnen und Autoren verhungern würden, und unter anderem aus diesen literatursoziologischen Gegebenheiten eine gewisse Skepsis gegenüber der Behauptung einer von der deutschen unabhängigen ,österreichischen Literatur' abgeleitet. Albert Berger argumentiert in einem kritischen Ãoberblick über verschiedene Darstellungen angeblicher überhistorischer Besonderheiten der .österreichischen Literatur' mit anderer, ja gegenteiliger Absicht ähnlich: Er stellt patriotischen Globalbehauptungen genaue Analysen des literarischen Lebens in Ã-sterreich gegenüber, die nun doch eine Reihe österreichischer Besonderheiten in der Literatur ergeben hätten.
      Wenn die Einbindung in den Literaturbetrieb, der in den deutschen Ländern jeweils dominiert, also in den des Deutschen Reiches oder den der alten kleinen und jetzt neuen großen Bundesrepublik Deutschland ein Argument gegen die Autonomie einer österreichischen Literatur', ein zeitweise doch recht eigenständiger österreichischer Literaturbetrieb eines für diese Autonomie ist, müßte man wohl auch auf die Einbindung oder Nicht-Einbindung der deutschsprachigen Literatur Südosteuropas in den Literaturbetrieb der ,binnendeutschen' Länder achten und sich einmal die grundsätzliche Frage stellen, ob 'die deutsche Literaturgeschichte Ostmittel- und Südosteuropas" überhaupt Bestandteil der deutschen Literaturgeschichte ist. Diese Frage ist, soweit ich sehe, bisher kaum gestellt worden, wohl aus der naiven, bis weit in dieses Jahrhundert freilich selbstverständlichen Ansicht, alle Literatur in deutscher Sprache sei auch deutsche Literatur. Gerade das Beispiel der österreichischen Literatur' - ob es sie nun gibt oder ob sie doch eine Chimäre ist - zeigt, daß die Gleichsetzung von Literatur in deutscher Sprache mit,deutscher Literatur' unterschiedliche historische Entwicklungen völlig außer acht läßt und den Blick für die komplexen Beziehungen verschiedener Subsysteme innerhalb der deutschsprachigen Literatur verstellt. 'Das geringe Maß an Rückkoppelung mit dem binnendeutschen Literaturraum fördert [...] die Herausbildung eines geschlossenen Produktions-Rezeptions-Kreis-laufs in den Entstehungsländern" der Minderheitenliteraturen, es kann mindestens das Entstehen eines solchen relativ geschlossenen Systems fördern. Zu bedenken ist allerdings auch, daß die Bindungen in verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark sein können und daß von einem Wechsel einer Periode enger Kontakte zwischen südostdeutscher und binnendeutscher Literatur mit einer der 'geistig-literarischefn] Autarkie" im Sinne jenes geschlossenen Kreislaufs auszugehen ist.
      Hier interessiert mich ausschließlich die Präsenz der südostdeutschen Autoren im ,binnendeutschen' Raum, den ich hypothetisch mit der ,deutschen Literatur' identifiziere. Daß Autoren aus den Randgebieten in ihrer Heimat auch dann zur Kenntnis genommen worden sind, wenn sie im binnendeutschen Raum veröffentlicht haben, versteht sich ohnehin von selbst. Wenn sie dort erfolgreich gewesen sind, haben sie eben Anteil an beiden Systemen; wenn nicht, dann nur an dem der jeweiligen südostdeutschen Minderheit.
      Hans Mieskes' Klage in der Neuausgabe ausgewählter Schriften Michael Alberts trifft eben diesen Sachverhalt:
Daß die großdeutsche Fachwelt einen deutschen Dichter 'aus Europas längstvergessener Ecke" erst gar nicht bemerkt, mag sein Künstlertum noch so verdienstvoll sein, gehört seit jeher zu einem hartnäckig geübten Brauch. [...] Einheimischen Sachkennern zufolge zählt Albert zu den Mitbegründern der 'schönen Literatur" in Siebenbürgen [...]; derartiges Verdienst findet indes z.B. in Fritz Martinis vielbenutztemWerk 'Deutsche Literaturgeschichte" von 1948 [...] keine Erwähnung."
Mieskes' Erklärung ist aber falsch: Albert kommt bei Martini nicht deshalb nicht vor, weil sich die 'großdeutsche Fachwelt" für diesen 'deutschen Dichter" nicht interessiert, sondern weil es Albert nicht gelungen ist, zum 'deutschen Dichter" zu werden. Und dieses Mißlingen ist vor allem damit zu erklären, daß sich die deutschen Verleger und die deutschen Herausgeber nie für ihn interessiert haben, daß seine Bücher mehr oder minder ausschließlich für ein sächsisches Publikum in Hermannstadt und Schäß-burg erschienen sind. Literatur besteht eben nicht nur aus den Autoren, sondern auch aus den Lesern und den Vermittlern; und die Vermittler haben aus verschiedenen Gründen - manchmal wohl auch in Ãobereinstimmung mit den Autoren - die in Südosteuropa entstandene Literatur deutscher Sprache einem binnendeutschen Publikum, zu dem letztlich auch die 'Fachwelt" gehört, vorenthalten.
      Dieser Eindruck liegt auch Alexander Ritters vielfach geäußerten Klagen über das Desinteresse bundesdeutscher Verlage und Medien an deutscher Literatur aus Südosteuropa zugrunde13; Michael Klein hat für denTeilbereich der Lyrik der Bukowina das Phänomen der Nicht-Rezeption überzeugend nachgewiesen. Einige Faktoren, die für diesen Abstand zwischen südostdeutscher und binnendeutscher Literatur ausschlaggebend sein könnten, versuche ich an Beispielen deutlicher herauszuarbeiten. Ich habe aufgrund meiner freilich beschränkten Kenntnisse der deutschsprachigen Literatur dieses Raumes einige Autoren ausgewählt und versucht, mir anhand des Gesamtverzeichnisses des deutschen Buchhandels einen bibliographischen Ãoberblick über ihre Veröffentlichungen zu verschaffen. Das Ergebnis war verblüffend: Ein deutschsprachiger Autor aus Südosteuropa hat in fast allen Fällen entweder in seiner Heimat oder im Deutschen Reich und in Ã-sterreich veröffentlicht, aber so gut wie nie sind in der gleichen Phase seines Lebens Bücher von ihm sowohl in Siebenbürgen oder im Banat als auch im ,binnendeutschen' Raum erschienen. Dafür können schwerlich nur rechtliche Gründe ausschlaggebend gewesen sein.
      In einigen Fällen hing die Abkehr von den Publikationsmöglichkeiten in Kronstadt, Czernowitz undTemeswar mit einer Ãobersiedlung des Autors nach Deutschland oder Ã-sterreich zusammen, ging ihr voraus oder folgte ihr: etwa bei Egon Hajek oder Heinrich Zillich. Manche südostdeutsche Autoren, vor allem solche, die früh nach Nordwesten zogen, haben überhaupt nie in den kleinen und wenig durchschlagskräftigen Verlagen ihrer Herkunftsregionen publiziert; das gilt schon für Karl Wilhelm von Martini16, später etwa von Adam Müller-Guttenbrunn und von Franz Xaver Kappus.

     
   Ein Sonderfall sind die deutschsprachigen Autoren, die nach 1945 in Rumänien geschrieben haben und von denen außerhalb dieses Staates allenfalls in der Deutschen Demokratischen Republik Werke herausgekommen sind; so hoch die Literaturfreundlichkeit dieses Landes einzuschätzen ist, so gering ist doch die Effizienz seines Buchhandels gewesen; somit waren die Veröffentlichungen eines Alfred Margul-Sper-ber und anderer in DDR-Verlagen für den größten Teil des deutschen Sprachgebiets kaum weniger zugänglich als die in Rumänien erschienenen. Umgekehrt haben sich Aussiedler aus Rumänien wie Oskar Pastior, Herta Müller und Richard Wagner in hohem Maße in die Literaturszene der Bundesrepublik Deutschland eingegliedert, sieht man allenfalls von ihrenThemen ab, und waren in Rumänien kaum noch wahrnehmbar.
      Wenig nach der Mitte des 19. Jahrhunderts konnte der weiterhin in Siebenbürgen tätige Joseph Haltrich seine Märchensammlung in Berlin herausbringen, doch könnte das seinen Grund eben darin haben, daß es sich hier um Märchen handelte. Warum Haltrich sie nicht in Siebenbürgen erscheinen ließ, wäre noch zu ermitteln. Weitere Auflagen sind allerdings bei Graeser in Wien erschienen, einem Verlag, der einem Siebenbürger gehörte und auch ein siebenbürgisches Programm hatte. Auswahlausgaben dieser Märchen gibt es übrigens in Deutschland und Ã-sterreich auch im 20. Jahrhundert immer wieder, zum Teil in kleinen Verlagen; die wichtigste Neuausgabe ist im Verlag eines ausgesiedelten Sachsen herausgebracht worden.

     
   Zwei Jahrzehnte später hat Michael Albert, mit ganz anders gearteten Werken, kaum noch Publikationsmöglichkeiten außerhalb seiner Heimat - sieht man von dem schon genannten in Wien ansässigen, aber im Grunde siebenbürgischen Verlag Carl Graeser ab -, Traugott Teutsch überhaupt keine, mindestens soweit es um Bücher geht.
Im 20. Jahrhundert verschärft sich die Polarisierung: entweder veröffentlicht man in Czernowitz oder man hat einen Berliner Verlag. Alfred Margul-Sperber ist, mit Ausnahme der DDR-Publikationen, nie mit einem Buch auf dem deutschen Markt vertreten gewesen - obwohl er sich nachweislich um literarische Kontakte in Ã-sterreich bemüht hat. Das betrifft nun Neuausgaben älterer ebenso wie jüngere Autoren: von Michael Albert sind zwischen 1911 und 1965 drei Bücher in Rumänien erschienen, keines außerhalb dieses Staates. Von Karl Wilhelm v. Martini sind Neuausgaben nur in Temeswar erschienen ; obwohl er nur seine Jugend im Banat verlebt hat, bestand allein dort noch Interesse an seinen dieser Landschaft freilich auch thematisch verbundenen Werken.
      Egon Hajek hat in den zwanziger Jahren noch eine Reihe von Büchern in Siebenbürgen erscheinen lassen; schon 1923 ist jedoch ein Buch in Kassel verlegt worden {Der tolle Bruß), allerdings in einer 'Auslanddeutschen Reihe". 1934 erscheint noch ein Laienspiel Hajeks zugleich im Wiener Selbstverlag und in Kronstadt; die späteren Publikationen erscheinen dann ausschließlich in Deutschland und Ã-sterreich . Für Alfred Kittner gilt dasselbe wie für Alfred Margul-Sperber; er hat allerdings auch in der DDR kein Buch veröffentlichen können.
      Meschendörfers Stadt im Osten hat zwar ihre Erstausgabe in Hermannstadt erlebt ; seit 1932 ist das relativ erfolgreiche Buch vom Langen-Müller-Verlag in München betreut worden. Die Publikationen in Deutschland brechen allerdings mit dem Ende des ZweitenWeltkriegs ab. Nach 1931 sind von diesem Autor - der insofern eine Ausnahme ist - zu seinen Lebzeiten allerdings noch fünf Veröffentlichungen in Rumänien erschienen, weitere nach seinemTod.
      Ã"hnliches gilt für Karl v. Möller, der 1923 inTemeswar das Laienspiel Schwaben hat erscheinen lassen, dann aber vor allem seit Ende der dreißiger Jahre in deutschen Verlagen unterkommt, unter anderem mit mehrerenTiteln im NS-Parteiverlag Eher.
      Neben Meschendörfer waren Wittstock und Zillich wohl die im ,binnendeutschen' Raum erfolgreichsten Autoren nicht nur aus Siebenbürgen, sondern aus allen südostdeutschen Siedlungsgebieten. Beide wurden wie jener in den dreißiger Jahren bei Langen-Müller verlegt24; Wittstock ließ allerdings auch noch damals Schriften politisch-rechtlicher Art, die vor allem für die Sachsen Bedeutung hatten, in Siebenbürgen erscheinen; für Zillich sind in den zwanziger Jahren ausschließlich Kronstadt und Mediasch als Verlagsorte verzeichnet, während seit Mitte der dreißiger Jahre seine Bücher nur noch in Deutschland erscheinen.
      Von Heinrich Kipper, der früh nach Niederösterreich übersiedelt ist, ist nur eine einzige Publikation in der Bukowina - obendrein im Selbstverlag - erschienen, so sehr er thematisch dem Land seiner Herkunft verbunden geblieben ist - mit den Worten Horst Fasseis: ein Schriftsteller aus der Bukowina, aber nicht in der Bukowina.

     
   Schließlich sei noch ein Blick auf Otto Alscher geworfen, der im 20. Jahrhundert vielleicht der erste südostdeutsche Autor gewesen ist, von dem Bücher in bekannten und literarisch anspruchsvollen Verlagen erschienen sind: schon vor 1914 bei S. Fischer und dann bei Langen in München, von Beiträgen in angesehenen Zeitschriften wie dem 'Brenner" einmal abgesehen. Obwohl Alscher bald nach Südosteuropa zurückgekehrt ist und dort bis zu seinemTod gelebt hat, hat er nur einmal inTemeswar publiziert und ist sonst bis 1933 - in diesem Jahr erschien sein letztes von mir nachweisbares Buch - im deutschen Verlagswesen integriert geblieben.
      Mit dem Ende des ZweitenWeltkriegs ändert sich sowohl aus der Sicht der Autoren, vor allem jener, die in Rumänien geblieben sind, wie aus der Sicht der Verlage die Situation vollkommen: Ihre Bücher erscheinen in der Rumänischen Volksrepublik und in der Deutschen Demokratischen Republik; die Publikationsmöglichkeiten in der Bundesrepublik und in Ã-sterreich stehen lange Zeit hindurch nur noch jenen offen, die in den Westen übergesiedelt sind. Ausnahmen sind zwei Romane Ciseks, die bei Suhrkamp erschienen oder wieder erschienen sind , sowie schon 1948/49 drei Bücher WittStocks bei Hoffmann und Campe in Hamburg, 1952 und 1954 weitere Werke dieses Autors - allerdings als Lizenzausgaben für das damals von den deutschen Verlagen abgeschnittene Ã-sterreich - bei Stiasny in Graz, wo dann 1968 auch Paul Schusters Roman Fünf Liter Zuika veröffentlicht worden ist. Ebenfalls in Graz, bei Leykam, sind 1951 gleich drei Tierbücher des Siebenbürger Autors Emil Witting herausgekommen.
      Trotz solcher Ausnahmen konzentrieren sich diese Buchveröffentlichungen im binnendeutschen Raum auf eine bestimmte Zeit und auf einen Verlag: auf die Jahre nach 1933 und auf den Verlag Langen-Müller in München, nicht zufällig der Verlag Hans Grimms. Die Fusion der Verlage Albert Langen und Georg Müller, die beide dem 'Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband" gehörten, hatte 1931 'den politisch-ideologischen Polarisierungsprozeß des literarischen Buchmarkts zugunsten der Nationalen Rechten wesentlich" vorangetrieben, und über seinen Eigentümer kam der Verlag schließlich sogar indirekt in Parteibesitz. Dennoch war es kein direkt nationalsozialistischer, aber doch ein national-konservativer Verlag, in dem die südostdeutschen Autoren im Sinne der Volkstumsideologie instrumentalisiert werden konnten, und sei es gegen ihrenWillen. Die Stadt im Osten wurde, übrigens durch Vermittlung des Nationalsozialisten Langenbucher, als 'Beitrag des Verlags zur ideologischen Unterstützung des , Auslandsdeutschtums'" in das Programm des Verlags übernommen; Wittstocks Bruder, nimm die Brüder mit wurde 'unter dem Schlagwort .Deutsches Volksleben in Siebenbürgen' verkauft." Der sudetendeutsche Schriftsteller Pleyer berief sich dann in einem Brief von 1933 auch auf dieses ,grenzdeutsche' Image des Verlags.
Ohne daß ich hier in Details gehen könnte, sei daher ein genauerer Blick auf den Langen-MüUer-Verlag geworfen, zumal auch dessen Zeitschrift 'Das Innere Reich" gelegentlich südostdeutsche Autoren veröffentlichte: Krasser , Wittstock und Zillich.

     
   Gustav Pezold, Verlagsleiter des Münchner Verlags, hatte eben im Jahre 1933 in einer vervielfältigten Denkschrift mit demTitel Schrifttum und Buchhandel und ihre Bedeutung im Leben der Nation^ Auskunft über seine Literaturauffassung gegeben. Er unterschied zwischen dem gegen deutsche Eigenart handelnden, volksfremden .Literaten' und dem ,Dichter', der 'Hüter und Erhalter der Volkssitte" sei. 'Aus ihm wirkt die konservative Volksart gegen jede Entartung." Aus solchen Positionen ergibt sich die Haltung des Kampfes gegen das liberale, linke, jüdische Verlags- und Pressewesen, besonders gegen den S. Fischer-Verlag. Es kann nicht verwundern, daß die Zeitschrift eines Verlags, der sich solche Leitlinien gibt, schon vor 1938 österreichischen und sudetendeutschen Autoren besondere Aufmerksamkeit schenkt; das Interesse an südostdeutschen Autoren muß man in Analogie dazu sehen. Die sehr zeittypischen Zitate sollen im übrigen selbstverständlich nicht die damaligen Autoren des Verlagshauses diffamieren, sondern nur auf die Problematik einer bestimmten Rezeption südostdeutscher Schriftsteller in Deutschland aufmerksam machen. Entsprechend der Präsenz der südostdeutschen Autoren im Programm von Langen-Müller sind mehrere Veröffentlichungen Egon Hajeks im Grazer Leopold Stocker-Verlag zwischen 1938 und 1942 zu sehen.

     
   Was Karl Kurt Klein emphatisch als den 'Eintritt der Siebenbürger in das zeitgenössische binnendeutsche Schrifttum" feiert, hat Hans Bergel, der in der literarischen Blüte Siebenbürgens in den dreißiger Jahren eine 'Scheinblüte" sieht, besser und nüchterner beschrieben: 'Denn es kann heute nicht mehr übersehen werden, daß -ungeachtet des Könnens dieser Autoren - im Deutschland der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre die aus politischem Kalkül betriebene Förderung auslandsdeutscher Literatur deren Auflagenhöhen erklärt; ohne diese Absicht der offiziösen Kulturpolitik wären Verbreitung und öffentliche Resonanz der Literatur der Südostdeutschen in Deutschland während dieses Zeitabschnitts nicht zustande gekommen."

   Die Schriftsteller, vor allem die aus Siebenbürgen, befanden sich also mit der Betreuung durch diesen Verlag in dieser Zeit in einem literarischen Ghetto, aus dem freilich gerade die jüdischen Autoren ausgeschlossen waren. Sie waren Repräsentanten einer bestimmten Kulturpolitik; mit deren katastrophalem Ende mußte jedes Interesse an ihnen schwinden.
      Zu dieser Ghetto-Situation, die sich schon vorher abzeichnete, noch einige Beispiele: Gar nicht so wenige Veröffentlichungen der uns hier interessierenden Schriftsteller waren von vornherein mit dem Markenzeichen ,volksdeutsch', ,auslandsdeutsch' oder ,südostdeutsch' auf den deutschen Buchmarkt gekommen; insbesondere Heinrich Kipper hat mehrere Bücher mit Untertiteln versehen, in denen diese Adjektive vorkommen, Bücher anderer Autoren sind in Buchreihen erschienen, die sich in diesem Sinne spezialisiert haben .
      Auch die Rezeption erfolgte zum Teil kollektiv; etwa im 'Inneren Reich" 1939 in Form einer Sammelrezension Siebenbürgische Dichtung, die insgesamt fünf Bücher von siebenbürgischen Autoren oder mit siebenbürgischerThematik behandelt. Insbesondere von Zillich sind in der oben genannten Zeitschrift Bücher allerdings auch ohne dieses Etikett besprochen worden. Wieweit das Markenzeichen ,südostdeutsch' generell eine Rolle in der Rezeption der Autoren gespielt hat, müßte gesondert untersucht werden.
      Die Folgerungen, die ich aus diesen Beobachtungen gezogen habe oder ziehen will, müssen insofern mit einem Fragezeichen versehen werden, als ich vor allem Autoren nachgegangen bin, die ich wenigstens dem Namen nach kannte, die also im Rinnen-deutschen' Raum nicht ganz unbeachtet sind. Meine Perspektive ist also wahrscheinlich ein bißchen verzerrt, da ich Autoren, die hierzulande nie publiziert haben, vermutlich zu wenig beachte.
      Nun also die Schlußfolgerungen aus diesem bibliographischen Exerzitium, von denen die erste in derTat die sein sollte, daß eine genaue bibliographische Erfassung des Werks südostdeutscher Autoren der Einzelforschung unbedingt vorauszugehen hätte. Mehr kommt es mir aber auf die folgenden Punkte an:
1. Nur ganz wenigen deutschsprachigen Autoren, die im ostmitteleuropäischen oder südosteuropäischen Raum gelebt haben, ist auf Dauer der Durchbruch auf dem deutschen Buchmarkt geglückt. Binnendeutsche Verlage haben sie vor allem unter politischem Aspekt gefunden; es wäre noch zu überprüfen, wieweit sie mindestens in den dreißiger Jahren in anderen Zeitschriften als dem 'Inneren Reich" publiziert haben.
      2. Die Autoren, die nach Ã-sterreich oder Deutschland übersiedelt sind, haben sich in der Regel konsequent der ,deutschen Literatur',angeschlossen' und die Region ihrer Herkunft auch mit ihren Büchern verlassen, wenngleich die Thematik wenigstens zum Teil von dieser Herkunft geprägt bleibt. Das gilt von Müller-Gutten-brunn, Kappus, Georg Maurer bis herauf zu Pastior und anderen, die Rumänien verlassen mußten. Manche haben ihre literarische Karriere von vornherein in Wien oder in Deutschland begonnen , bei einigen ist der Wechsel derVerlage mit der Ãobersiedelung in Verbindung zu bringen .
      Von den Autoren, die in ihrer Heimat geblieben oder in diese zurückgekehrt sind, haben zwar ein paar durchaus auch, zumindest zeitweise, Verleger in Deutschland gefunden, wie Alscher, Cisek und Wittstock; doch war es vom südostdeutschen Raum aus auf jeden Fall sehr viel schwieriger, in deutschen Verlagen unterzukommen und ein deutsches Publikum zu erreichen. Nur wenigen ist es geglückt, wobei hier am ehesten Autoren aus Siebenbürgen den Durchbruch geschafft haben, aber auch das - sieht man vor allem von Haltrich ab - vorwiegend unter bestimmten, nur scheinbar günstigen politischen Umständen. Die Schriftsteller aus der Bukowina, aus Ungarn und Jugoslawien sind in Ã-sterreich und Deutschland kaum wahrgenommen worden. .
      3. Die Erfolglosigkeit der Czernowitzer Schriftsteller dürfte aber nicht nur mit dem Judentum der meisten Autoren zu tun haben, sondern auch mit der von ihnen bevorzugten Gattung. In der Bukowina ist vor allem Lyrik geschrieben worden; und es ist ganz offensichtlich, daß für südostdeutsche Autoren es weit eher möglich war. mit erzählenden Werken zu reüssieren als mit Gedichten. In Romanen ließ sich etwa das reizvoll-exotische Milieu des Südostens viel besser zur Geltung bringen.
      4. Völlig unklar bleibt vorerst, wieweit südostdeutsche Autoren, die in ihrer Heimat geblieben sind, sich überhaupt um deutsche Verlage bemüht haben. In einigen Fällen wissen wir davon, etwa in dem von Traugott Teutsch, dessen Scheitern bei solchen Bemühungen in Berlin vor kurzem Gegenstand eines eindringlichen Vortrags von Stefan Sienerth gewesen ist.

     
   Andere Autoren haben möglicherweise in erster Linie ihre Aufgabe darin gesehen, für das Publikum in ihrer Heimat zu schreiben, aus der - von Michael Albert geäußerten - Auffassung heraus, nur 'die heimische Muse" könne die 'innersten Freuden und Leiden" der, in diesem Fall sächsischen, Volksgenossen zum Ausdruck bringen.45Wieweit man wenigstens bei einzelnen Autoren in diesem Sinn mit einem Selbstausschluß aus der deutschen Literatur zugunsten einer Wirkung im heimischen Raum rechnen muß, bedürfte wiederum einer genaueren Untersuchung.
      5. Umgekehrt bleibt vorerst ungewiß - und könnte wohl auch nur aus Dichternachlässen und Verlagsarchiven geklärt werden -, warum ,binnendeutsche' Verlage
Manuskripte aus dem uns interessierenden Raum, die ihnen gewiß angeboten wor- den sind, abgelehnt haben. Es waren sicher nicht immer Gründe der Qualität.
      Man könnte immerhin die Vermutung wagen, daß der reale räumliche Hintergrund von Werken südostdeutscher Autoren den Verlagen Bedenken eingegebenhat: Würden Bücher, die nicht in Berlin, nicht in der Lüneburger Heide, ja nicht einmal in den Tiroler Alpen spielen, sondern in Czernowitz, in der Batschka oder in den Karpaten, von Kielern oder Münchnern gekauft werden? Und das betrifft selbstverständlich nicht nur die räumliche Situierung der Bücher, sondern auch ihre Thematik. Um, wenigstens heute, Die Stadt im Osten zu lesen, bedarf es eines gewissen Interesses an Siebenbürgen, das die deutschen Verleger bei den Käuferinnen und Käufern ihrer Bücher wohl nicht ohne weiteres vorauszusetzen wagten.
      Dafür noch ein Indiz aus jüngster Zeit. Von Franz Hodjak erschien 1988 die von Wulf Kirsten besorgte Auswahl Sehnsucht nach Feigenschnaps in der Deutschen Demokratischen Republik, ein Buch, das übrigens durch seine auch graphische Sorgfalt nicht nur dem Autor, sondern ebenso dem Verlagswesen der ehemaligen DDR Ehre macht. 1990 erschien in der edition suhrkamp die Gedichtauswahl Siebenbürgische Sprechübung desselben Autors, herausgegeben von Werner Söll-ner. Zwischen den beiden Auswahlbänden gibt es bezeichnende Unterschiede: Während in der Berliner Veröffentlichung knapp ein Viertel der Gedichte ausdrücklich Bezug auf siebenbürgische Orte und Ereignisse nehmen, ist der Anteil solcherTexte in dem Frankfurter Band wesentlich geringer: knapp 13%; allerdings kommt in diesem Buch Siebenbürgen im Titel vor. Der Unterschied dürfte, auch wenn der Autor an der Auswahl beteiligt war, nicht zufällig sein: der westliche Verlag mußte mehr Rücksicht auf das potentielle Publikum nehmen, das mit Ortsnamen wie 'Schäßburg" oder gar 'Tartlau" nichts anzufangen weiß. Im Suhrkamp-Bändchen gibt es daher auch einige knappe Erläuterungen.

     
   Dieser unterschiedliche Umgang mit dem Werk des bedeutenden Lyrikers deutet doch an, daß die spezifisch ostmitteleuropäischeThematik die Verlage bei ihren Entscheidungen beeinflußt und wahrscheinlich seit jeher beeinflußt hat.
      Der Reiz des Exotischen und in gewisser Hinsicht auch Internationalen - kamen in diesen Büchern doch neben den Deutschen in der Regel auch Rumänen, Serben, Zigeuner und andere Völker vor - dürfte bei den meisten Verlegern die Angst vor dem möglicherweise nicht verständlichen und daher nicht ankommenden' ostmitteleuropäischen Hintergrund nicht aufgewogen haben.
      Möglicherweise ist bei den in den binnendeutschen Raum übersiedelten Autoren wie Kipper, Müller-Guttenbrunn und Zillich das Geschick in der Anpassung der Motive an die Aufnahmefähigkeit der nicht aus der Minderheit stammenden Leserinnen und Leser größer als bei denen, die in der Heimat geblieben sind. Dieser Aspekt scheint mir bisher ebenfalls noch nicht beachtet worden zu sein; systematische Vergleiche zwischen Werken deutschsprachiger Autoren aus Südosteuropa vor und nach ihrer Ãobersiedlung in den binnendeutschen Raum liegen meines Wissens nicht vor. 6. Auch die Verspätung der südostdeutschen Autorinnen und Autoren in der Wahl ihrer Verfahrensweisen könnte ein Grund dafür sein, daß insbesondere große Verlage und Zeitschriften ihre Werke nicht oder erst dann herausbringen wollten, als ,altmodische' Verfahrensweisen zum kulturpolitischen Prinzip erhoben worden waren.
      7. Für die Zeit nach 1945 kann man schließlich als weiteren Grund für die geringe Beachtung von Literatur aus diesem Raum die Reaktion auf die Scheinblüte der dreißiger Jahre annehmen, darüber hinaus die Infragestellung aller, auch die der durchaus nicht aggressiven nationalen'Vorstellungen, andererseits auch den Kalten Krieg, dessen Klima lange Zeit hindurch die Rezeption von Autoren erschwerte, die nicht nur in einem sozialistischen Land geblieben waren, sondern auch in diesem und einem anderen - nämlich der Deutschen Demokratischen Republik - veröffentlichten und sich dem sozialistischen System integrierten, es als selbstverständlichen Hintergrund ihrer Arbeiten voraussetzten.
      8. Daß die Lyriker der Bukowina in letzter Zeit doch etwas mehr Aufmerksamkeit gefunden haben, hängt mit einem weiteren Umstand zusammen, der sonst die südostdeutsche Literatur gerade nicht begünstigt hat: mit einer überragenden Gestalt, in diesem Fall selbstverständlich Paul Celan, durch den wohl viele Leser überhaupt erst darauf aufmerksam geworden sind, daß es Czernowitz gibt und daß diese Stadt Schauplatz einer Blüte von Kultur in deutscher Sprache gewesen ist. Das Interesse an Celan, dem Dichter wie dem Menschen, hat dann auch Interesse an seinem Umfeld ausgelöst. Solche überragenden Gestalten fehlen anderswo in der Literatur der Südostdeutschen, sie sind zumindest im Westen als solche nicht wahrgenommen worden.
      Ich kehre zu dem Problem zurück, von dem ich ausgegangen bin. Ich habe eine literatursoziologische Frage, die nach der Distribution der Arbeiten südostdeutscher Autoren, weniger beantwortet - obwohl ihre detaillierte Beantwortung für das Schreiben einer Literaturgeschichte dieses Raumes von größer Bedeutung wäre - als zum Ausgangspunkt dafür genommen, eine gewisse Eigenständigkeit, möglicherweise eine Eigenständigkeit wider Willen, der südostdeutschen Literatur oder Literaturen zur Debatte zu stellen. Die Integration vonWerken aus diesem Raum in den Literaturbetrieb der ,binnendeutschen' Länder ist nur unter ganz besonderen Umständen in nennenswertem Umfang erfolgt ; daraus könnte man im Sinne eines komplexen Begriffs von Nationalliteratur ableiten, daß die Literatur der südostdeutschen Minderheiten eigentlich nicht oder nur zumTeil Bestandteil der deutschen Literatur ist. 'Die literaturgeschichtliche Zugehörigkeit von Minderheitenliteraturen ist unterschiedlich begründbar." Diese Ãoberlegung muß jedenfalls in Untersuchungen zur südostdeutschen Literatur immer mitbedacht werden, bis hin zu extremen Vorstellungen vom 'deutschsprachigenTeil [einer] jeweils anderen Nationalliteratur"55, von einer 'fremden Literatur in der eigenen Sprache."

   Freilich lassen sich solche Hypothesen nicht ,objektiv' beweisen, und ich möchte mit einem Gegenargument schließen. Während das in den deutschsprachigen Literaturbetrieb sehr viel stärker integrierte Osterreich aus politischen und kulturpolitischen Gründen eine österreichische Literatur' haben will und sie wahrscheinlich unter anderem gerade deshalb hat, habe ich den Eindruck, daß, ebenfalls aus politischen und kulturpolitischen Erwägungen, die Deutschschreibenden Südosteuropas -trotz aller zeitweise eindeutig vorhandenen Loyalität gegenüber Rumänien und Ungarn - doch eher zur deutschen Literatur gehören wollten. Und daß viele Autoren aus jenen Gebieten die 'fortgesetzte Abkoppelung der Minderheitenliteraturen von dem Literatursystem, auf das sie sich qua Sprache beziehen", beklagen, ist immerhin ein starkes Argument dafür, sie auch in die »deutsche Literatur' einzuordnen.
      Das durch Celan angeregte neue Interesse an der deutschsprachigen Dichtung der Bukowina zeigt darüber hinaus, daß solche Ausgrenzungen nicht dauerhaft sein müssen; daß Autoren wie Cisek und Wittstock, Alscher oder Meschendörfer selbst Jahrzehnte nach ihrem Tod die Beachtung in der Rezeption durch Literaturwissenschaft, Kritik und Leser finden könnten, die die zu ihren Lebzeiten nur zum Teil geglückte Integration in die deutsche Literatur vollendet.
     

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