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Rätsel mit Auflösung: Was ist ein Text?
Die Frage „Was ist ein Text?", in scheinbar kindlich-naiver Manier formuliert, soll nicht einer Manie der Definitionen das Wort reden, sondern nur, viel bescheidener, zur Klärung eines Begriffs beitragen, den wir täglich verwenden, ohne uns über seinen Inhalt Gedanken zu machen. Wie von Bildern, sind wir auch von Texten umgeben, mal hinschauend und zuhörend, dann wieder von den eigenen Gedanken fortgetragen, so dass Bilder und Texte nicht selten nur noch vage Schemen und bloßes Gemurmel im Hintergrund abgeben. Oft auch produzieren wir die Texte, redend und schreibend, selbst, ohne dass uns durch diese Praxis klarer würde, was Texte denn sind. Dies kann nur eine Theorie der Texte uns sagen und lehren.
/Text', obschon ursprünglich ein Fremdwort , hat durch den alltäglichen Gebrauch längst seine Fremdheit eingebüßt - was indes nicht bedeuten muss, das Wort sei damit vertraut geworden. Im Gegenteil bewirkt die häufige Verwendung von Begriffen oftmals ein Verschwimmen ihrer Inhalte, und die Selbstverständlichkeit, mit der solche Wörter gebraucht werden, trägt nicht eben zu ihrer Präzision bei. Die selbst in Bilder-Welten Quasi-Allgegenwart von Texten betrifft vor allem eine Wissenschaft: die Linguistik. Das Vorhaben, den Umgang mit literarischen Texten am Sprachmaterial selbst einzuüben, situiert diesen Versuch auf der Schwelle zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft; beide Wissenschaften werden damit zugleich auf ihr Grundelement, die Sprache, zurückgeführt. Der Text ist, obwohl es auch nicht-textuelle Verwendung von Sprache gibt , gleichwohl die übliche Erscheinungsform von Sprache.
Texte bestehen aus - zumeist vollständigen - Sätzen, die Sätze ihrerseits aus Wörtern. Diese - sowohl die Sätze als auch die einzelnen Wörter - sind nicht die Sache selbst, die sie benennen, sondern haben die Struktur von Zeichen. So ist zum Beispiel das Wort ,Hund' eine Lautfolge, die in keinem sachlichen Zusammenhang mit dem bezeichneten Tier steht - oder, wie es Derrida einmal ausdrückte: Das Wort ,Hund' beißt nicht. Aus diesem Grund gibt es in den verschiedenen Sprachen auch jeweils unterschiedliche Begriffe, mit denen derselbe Gegenstand bezeichnet wird - Hund, dog, chien, cane usw. Im Laufe der Geschichte und aufgrund der stillschweigenden Übereinkunft, einen Gegenstand durch eine bestimmte Lautfolge zu bezeichnen, entstand die Sprache als ein Zeichensystem. Das Zeichen selbst ist von anderer Art als das, was es bezeichnet: Das Verkehrsschild ,Bahnschranke' ist keine Bahnschranke, sondern nur deren Darstellung, wobei es bei einer solchen Repräsentation im Bild eine Ähnlichkeit zwischen Dargestelltem und Darstellung gibt. Bei der Sprache hingegen handelt es sich um ein durch Konvention entstandenes Zeichensystem; man spricht, mit dem Begründer der neueren Linguistik Ferdinand de Saussure, von der .Arbitrarität' des sprachlichen Zeichens, das eine Lautfolge mit einem Konzept, dem ,Begriff, verbindet. Weil die Zeichen der sogenannten natürlichen' Sprachen eben nicht von Natur aus gegeben sind und keine Ähnlichkeit mit dem Bezeichneten aufweisen, muss die Sprache von den einzelnen Mitgliedern einer Sprachfamilie erlernt werden; erst wenn wir, was viele Jahre in Anspruch nimmt, eine Sprache erlernt haben, können wir sie anwenden. Was ein Bild darstellt, brauchen wir hingegen nicht zu erlernen, da wir es spontan wiedererkennen - sofern wir das Dargestellte kennen, natürlich.
Wozu der auch bei einem Kind, das scheinbar mühelos lernt, schwierige Prozess des Lernens einer Sprache dient, wird deutlich bei der Frage nach der Funktion der Sprache. Aus Zeichen beste-hend, nimmt die Sprache Bezug auf etwas anderes, für das sie steht. Im Normalfall, der hier zunächst angenommen wird, bezieht sich Sprache auf eine ,Welt' oder auf das, was wir in unserer Vorstellung, in unserem Denken dafür halten. Diese Alternative bedarf vielleicht, damit nicht Verwirrung gestiftet wird, einer kurzen Erläuterung. Ob es nämlich die ,Welt', von deren .Erfahrung' wir im Alltag überzeugt sind, tatsächlich in strenger philosophischer Sicht auch gibt, oder ob sie nicht vielmehr unsere Konstruktion ist, etwas, an das wir nur glauben, ist keineswegs entschieden. In neuerer Zeit tendiert die Wissenschaft eher zu der ,Konstruktivismus'-These, die besagt, es gebe ,Welt' nur als Konstruktion unserer Vorstellung, eine Konstruktion, an der die Sprache zentral beteiligt ist, weil wir uns in ihr nicht nur ausdrücken, sondern in Sprache auch denken. Diese Debatte genauer zu referieren ist im gegebenen Zusammenhang nicht notwendig; auf sie zumindest hinzuweisen trägt zur Klärung bei und macht die Vorsicht bestimmter Formulierungen verständlicher.
Die Frage also, worauf sich die sprachlichen Zeichen beziehen - die oben kommentierte Alternative kann nun fortfallen - ist auf einfache Weise nicht zu beantworten, es sei denn, man stellt sich auf einen vorwissenschaftlichen Standpunkt, was für die Zwecke dieser Überlegungen vollkommen ausreichend ist. Wenn Texte sich auf unsere Welterfahrung beziehen, wird damit auch deutlich, dass sie handlungsrelevant sind. Mit dem Gebrauch von Texten will man zumeist etwas bewirken. Politische Reden, die auf Parteitagen gehalten werden, sollen bei den Abgeordneten zu einem bestimmten Verhalten bei der Abstimmung führen, Spendenaufrufe möchten Gelder für wohltätige Zwecke einwerben, Anträge auf Kostenübernahme beabsichtigen ähnliches. Ein Merkblatt mit Anweisungen für die Abfassung von wissenschaftlichen Hausarbeiten im Rahmen des Studiums soll den Studierenden bei eben diesem Vorhaben helfen. In einem wissenschaftlichen Vortrag bei einer Tagung vertrete ich eine bestimmte Position und möchte, dass sich die Kollegen ihr und mir anschließen. Wenn ich ein Buch schreibe, wünsche ich mir, verstanden zu werden - gleichsam einen Platz im Kopf der Leser zu bekommen.
Die Beispiele ließen sich fortspinnen, zeigen aber, in welcher Variation auch immer, dass Sprache Informationen vermittelt und Handeln ermöglichen oder erleichtern soll. Von Texten ist deshalb zu erwarten und zu verlangen, dass sie diesen Aufgaben Rechnung tragen - in beiden Fällen, gleich ob es um Handeln oder ,nur' um Wissen und Erkennen geht, ist die Klarheit der Mitteilung Voraussetzung für das Gelingen des Verstehensprozes-ses. Texte beziehen sich auf etwas und wollen etwas bewirken: Dies ergibt sich aus den Überlegungen zur Sprache als Zeichensystem. Damit ist jedoch die Bedeutung dieser Erscheinungs-, ja eigentlich Seinsweise von Sprache noch nicht vollends erfasst. Zeichen sind von dem, was sie bezeichnen, zeitlich und räumlich unabhängig. Wie ich, wenn meine Katze herumstreunend unterwegs ist, ihr Bild in meiner Vorstellung aufrufen kann, ist auch die Sprache in der Lage, Abwesendes gegenwärtig werden zu lassen: Was Kater Mephisto jetzt wohl gerade macht, denke ich mir ... Sprache schafft Präsenz im Geiste. Das gilt nicht nur für Gegenstände, die mit ihrer Bezeichnung, ihrem ,Namen', in Sprache Gegenwart werden, sondern auch für Gedanken, die sich in Sprache fassen und damit anderen vermitteln lassen. Die Sprache macht uns die Welt innerlich, geistig gegenwärtig, und was wir aussprechen, verbindet uns zugleich mit unseren Mitmenschen. Damit sind nicht alle Aspekte und Leistungen der Sprache als Zeichen erfasst; unter dem Aspekt der Frage nach dem literarischen Text, die am Ende gestellt werden soll, wird die Zeichenstruktur der Sprache erneut Gegenstand unserer Überlegungen sein.
Doch zunächst zurück zum Textbegriff. Die Selbstverständlichkeit zu äußern, dass Texte aus Sätzen, diese ihrerseits aus Wörtern bestehen, bedeutet zugleich, ein Problem zu benennen: Ist jede beliebige Abfolge von Sätzen schon ein Text oder müssen, damit von einem Text gesprochen werden kann, weitere Bedingungen erfüllt sein? Konkreter gefragt: Kann die folgende Zusammenstellung von Sätzen als ,Text' bezeichnet, als Text verstanden werden?
,Text'-Beipiel
An einem sonnigen Oktobertag ziehen leichte weiße Wolken über den Himmel. Nach langer konzentrierter Arbeit war die Kaffeetasse schon lange leer. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Han-nibal zog mit einem Tross von Elefanten gegen Rom. In neuerer Zeit gelten die Anstrengungen der Medizin verstärkt der Bekämpfung von Zivilisationskrankheiten. Ich habe einen erlebnisreichen Urlaub verlebt. Elvis Presley war soeben verstorben, als schon, durch den Kult seiner Person, ein moderner Mythos entstand.
Zwischen diesen Sätzen fehlt jeglicher Zusammenhang: Gegenwärtiges vermischt sich mit Vergangenem, Privates mit Historischem, Allgemeines mit Individuellem. Ein diesen Äußerungen insgesamt eigener Sinn ist nicht erkennbar. So muss das Fazit lauten, es handle sich nicht um einen Text, denn von einem solchen ist zu erwarten, dass er in seiner Gesamtheit Verstehen ermöglicht und nicht nur einzelne, in sich sinnvolle Sätze aneinander reiht. Für einen Text ist es erforderlich, dass er zwischen den Sätzen Verbindungen stiftet, wie ja auch im Satz die Wörter nach den Regeln von Grammatik und Syntax miteinander verbunden sind. Diesem Mangel an textinternen Beziehungen ist, wie das folgende Beispiel belegt, leicht abzuhelfen:
,Text'-Beispiel
Ich unterrichte seit einigen Jahren Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig. Die Gebäude der Universität befinden sich im Stadtzentrum, und die Studierenden gehören zum Stadtbild dazu. Im inneren Stadtring trifft man häufig auf Gruppen von Touristen. Sie kommen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus ferneren Ländern. Die japanischen Besucher sind insbesondere an den Bach-Stätten interessiert und besichtigen sie im Schnelldurchlauf, weil man in Japan nur sehr wenig Jahresurlaub bekommt. Auch die Komponisten-Gedenkstätten in Wien erfreuen sich regen Zuiaufs seitens der Japaner, und vor einigen Jahren wollte es sich das japanische Kaiserpaar nicht nehmen lassen, im Bonner Beethovenhaus einem Konzert beizuwohnen. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden dermaßen lax gehandhabt, dass man leicht eine Waffe hätte einschmuggeln können. Ich ging danach bald zur Tagesordnung über und widmete mich im Beethoven-Archiv dem Studi-um alter Quellen. Diese hielt ich auf einem Notebook fest, das ich indes bei meiner Abreise aus Bonn auf dem Bahnsteig vergaß. Zum Glück wurde es gefunden, so dass ich meine Arbeit fertig stellen konnte. Das Buch wird bald erscheinen.
Die Verbindungen zwischen den einzelnen Sätzen treten grammatisch deutlich hervor: Die Dichte der Pronomina ist klar sichtbar, die Bezüge auf bestimmte schon genannte Begriffe, auch über die Satzgrenzen hinaus, sind zahlreich. Jeder Satz bezieht sich, durch grammatische Relationen verdeutlicht, auf den vorhergehenden, so dass die Struktur eine große Dichte aufweist. Mit Recht lässt sich von einer hohen Kohärenz der verschiedenen Sätze untereinander sprechen. Verglichen mit dem Textbeispiel 1 ist in Beispiel 2 dort Abhilfe geschaffen, wo es um die Verknüpfungen der Sätze ging. Außerdem ist die Aussage offensichtlich im Erfahrungsbereich des Sprechers situiert. Doch lässt sich Beispiel 2 tatsächlich als Text bezeichnen? Wenn daran Zweifel aufkommen, wäre im weiteren zu fragen, warum auch dies kein Text ist. Das Beispiel weist eine hohe Zahl von assoziativen, aber nur wenige gedankliche Verbindungen auf - zu wenige, wenn sich der Begriff ,Text' durch Einheit und Nachvollziehbarkeit der Aussage definiert. Man weiß nämlich nicht, was der Sprecher / Autor mit dieser eng verbundenen Satzfolge eigentlich zum Ausdruck bringen will. Es fehlt trotz des grammatischen Zusammenhalts der Zusammenhang der Gedanken. Die Sätze folgen in rein assoziativer Weise aufeinander, ohne dass der Wille erkennbar wäre, etwas Bestimmtes auszusagen. Der einzige Sinn dieses Textes besteht darin darzulegen, was ein Text nicht ist, und ein solcher UnText kann aus didaktischen Gründen gleichwohl sinnvoll sein. Eine Satzfolge allein, so ist zu folgern, ergibt noch keinen Text, auch dann nicht, wenn die Sätze grammatisch dicht miteinander verknüpft sind.
Wer versucht, ähnliche , Texte' zu konstruieren, stellt bald fest, dass diese Art von Texterfindung nicht eben einfach ist, weil wir normalerweise so nicht reden, nicht argumentieren und nicht denken - welch ein Glück, möchte man hinzufügen. Was dem Beispiel fehlt, ist jener Sinnzusammenhang, der überhaupt erst Verstehen ermöglicht. Nicht jede beliebige Zusammenstellung von Sätzen, auch wenn sie in-terne Verknüpfungen aufweist, ist schon ein Text; eben dieses sollte durch das Beispiel deutlich werden. Im Übrigen setzt das Verstehen, auf das ein Text ausgerichtet ist, bereits auf der Ebene von Sätzen an, denen ebenfalls Verständlichkeit angesonnen werden muss. Die Sätze „Die Katze frisst den Kanarienvogel" und: „Die Katze frisst den Gesang" sind beide grammatisch korrekt, der eine aber ist sinnlos, weil er unserer Erfahrung widerspricht: Gesang kann man nicht essen, die Katze ihn folglich auch nicht fressen.
Der auf den Rezipienten gerichteten Kommunikation liegt auf der Ebene der Textproduktion die Absicht zugrunde, etwas auszusagen und es dem anderen verständlich zu machen: Texte sind kommunikative Akte. Sie treffen zusammenhängende, verständliche Aussagen über Sachverhalte, die in irgendeiner Weise -konkret oder nur in unserer Vorstellung - vorhanden sind, und vermitteln diese Inhalte einem Hörer oder Leser. Sie entfalten Sachlagen und beziehen sich auf Gegebenheiten, die innersprachlich und gedanklich, aber auch außersprachlich, in einer wie auch immer zu verstehenden ,Wirklichkeit', gegeben sind. Daraus ergibt sich für die Bestimmung von ,Text' die thematische Einheit und, damit verbunden, die Einheit der Aussageabsicht. Wenn in einem Text Beziehungen hergestellt oder auch schon außersprachlich vorhandene Relationen abgebildet werden, findet diese den Text auszeichnende Aktivität ihre Entsprechung in der Etymologie: ,Text' leitet sich her aus lateinisch ,tissere' = weben, das „textus" als Partizip Perfekt bildet. Ein solches ,Gewebe' besteht aus Kette und Schuss und definiert sich durch jenen Gedanken von inneren Zusammenhängen, die schon bei der Bestimmung des Begriffs noch vor dem Blick auf die Etymologie entwickelt worden waren. Unter diesem Aspekt ist ein Text eine Erscheinungsform von Sprache im Zeichen der Gleichzeitigkeit. Ein Gewebe ist als Produkt einer besonderen Weise der Verfertigung objekt- und momenthaft, ,synchron' gegeben - wie ein Webteppich zum Beispiel. Deshalb möchte ein Text, so wäre zu schließen, immer auch in seiner synchronen Gegebenheit erfasst werden - sozusagen als ,Gewebe im Kopf. Dieser Charakter einer inneren, gleich- und nicht nachzeitig vorhandenen Struktur ist zwar für den Text kennzeichnend, betrifft aber nur einen Teil sei-ner Besonderheit, denn der Text vollzieht auch einen Ablauf und entsteht in der Zeit: Man braucht Zeit, um zu sprechen, Zeit, um zu lesen. Normalerweise folgt man diesem Verlauf und lässt es damit sein Bewenden haben. Hier wäre an eine Linie zu denken, an jenen ,roten Faden', der sich, um das Verstehen zu ermöglichen, durch den Text hindurchzieht.
Doch ein Text kann auch mehr sein als sich im Verlauf der Lektüre, im bloßen Durchgang durch sein Wortmaterial zeigt. Reicht es bei einem gesprochenen Text aus, dem Verlauf der Rede, dem ,Diskurs', zu folgen, eröffnen geschriebene oder gedruckte Texte weitere Möglichkeiten des Verstehens und der nachvollziehenden Aufarbeitung. Wir können geschriebene Texte zweimal oder öfter lesen und damit den Verlauf verdoppeln oder vervielfachen, wir können beim Lesen innehalten und zurück- oder vorblättern, einen Begriff oder eine sprachliche Wendung auf andere Stellen des Textes beziehen und auf diese Weise den Verlauf des Textes durchkreuzen. Ein Text kann im besten Fall mehr sein als ein solcher Verlauf und vermag, mit Hilfe interner Entsprechungen oder Wiederholungen, durch diesen Ablauf noch ein Netzwerk zu legen, das bestimmte Aussagen besonders akzentuiert und zwischen den einzelnen Gedanken Verbindungen knüpft, die den Verlauf durchkreuzen. Eine verstehende Lektüre ist zumeist nicht nur ein lineares, sondern auch ein flächiges Geschehen: Die Abfolge der Sätze, durch eine syntagmatische, dem Textverlauf folgende Lektüre nachvollzogen, wird nicht selten von Beziehungen innerhalb des Textes begleitet , die man als paradigmatisch bezeichnet. Was das genau bedeutet, braucht hier nur angedeutet zu werden, weil es sich bei den Textanalysen verdeutlichen wird. Jedenfalls ist die Zeitlichkeit, die generell den Text ausmacht, bei gesprochenen und geschriebenen Texten von jeweils unterschiedlicher Art. Während das Hören dem Zeitverlauf folgt, ist dieser durch das Lesen zu durchkreuzen, so dass sich neben horizontalen Bezügen, wie sie auch im gesprochenen Text vorkommen, im geschriebenen Text verstärkt vertikale Bezüge ergeben. Dieser Befund ist, wie sich noch genauer erweisen wird, für das Verstehen literarischer Texte von erheblicher Bedeutung.
Die bisher gewonnenen Bestimmungen des Begriffs ,Text' lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
1. Ein Text besteht aus einer Folge von Sätzen, die grammatisch und/oder gedanklich miteinander verbunden sind. Er weist neben horizontalen auch vertikale Bezüge auf.
2. Ein Text macht Aussagen über Sachverhalte.
3. Ein Text folgt einer Aussageabsicht .
4. Ein Text teilt seitens des Sprechers dem Hörer oder Leser etwas mit. .
5. Ein Text hat eine Dauer, einen Verlauf in der Zeit.
Texte sind auf Verstehen hin angelegt, auch dann noch, wenn sie diesem Hindernisse in den Weg stellen, was bei ungeübten Sprechern, aber auch bei künstlerischen Texten geschehen kann, die bewusst,verdunkelt' sind. Das Verstehen von Texten ist oft nicht allein auf das Entschlüsseln der dargelegten Sachverhalte ausgerichtet, sondern kann sich auch auf Momente beziehen, die interpretiert werden müssen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:
Der Postbote klingelte. Nachdem ich die Tür geöffnet hatte, übergab er mir einige Briefe. Ich öffnete sie sofort.
Diese Minimalfolge von nur drei Sätzen ist ein Text entsprechend den oben angeführten Kriterien. Es gibt darin grammatische Verbindungen , einen Zeitverlauf vom Klingeln bis zum Übergeben der Briefe an mich und eine nachvollziehbare Handlung in einem gedanklich verständlichen Rahmen: Es muss nicht eigens gesagt werden, dass der Postbote an der Tür klingelt, wenn ich sie kurz danach öffne. Auch ist das Öffnen der Tür nach einem Klingelzeichen normal und entspricht dem üblichen Verhalten. So weit ist der Text verständlich, muss, damit Verstehen sich bilde, die Handlung nur nachvollzogen werden. Anders verhält es sich mit dem Satz „Ich öffne sie sofort." War an dem bis dahin Gesagten nichts zu deuten, lässt sich nun dieser Satz interpretieren: Warum öffne ich die
Briefe sofort? Weil ich von Natur aus neugierig bin, weil ich meine Zeit gut organisiere und deshalb sofort antworten möchte, weil ich die Briefe schon länger erwarte und endlich wissen will, was es mit dem Inhalt auf sich hat. Aus diesem einfachen Beispiel mag folgen, dass Texte oftmals mehr zum Ausdruck bringen als die benannten Sachverhalte, dass dem eigentlich Gesagten ein mehr oder minder klar Gemeintes beigegeben sein kann: Texte öffnen sich nicht nur, ihrer Bestimmung nach, dem Verstehen, sondern auch der Interpretation. Eben hierin liegt, das sei schon im Hinblick auf die kommenden Textanalysen angedeutet, das besondere Interesse literarischer Texte.
Trotzdem sind auch Alltagstexte von solchen interpretatori-schen Signalen nicht frei. Aus der Lektüre eines Leserbriefes in einer Zeitung erfahren wir nicht nur die Meinung dieses Lesers zu einem bestimmten Sachverhalt, sondern können uns unter Umständen indirekt auch - durch den Stil und die Art des Ausdrucks - ein Bild von der Person des Schreibers machen. Ebenso kann sich der Zeitungsbericht über ein Rockkonzert nicht nur auf die Musiker und das Programm beziehen, sondern auch etwas über die Reaktion des Publikums und über die Atmosphäre enthalten, die im Saal herrschte. Schildert eine Schauspielerin den Auftritt einer Kollegin und kritisiert ihn heftig, kann dies sowohl ein berechtigtes Bedenken als auch Ausdruck von Kollegenneid sein -je nach Interpretation. Aus diesen Beispielen folgt, dass Texte nicht nur Sachlagen darstellen, sondern auch Interpretationen dieser Sachlagen vornehmen können, die vom Leser wiederum interpretiert oder bewertet werden. Interpretationen entfalten gegenüber der Darstellung von Sachverhalten sekundäre Sinnebenen. Damit zeigen sich einerseits die Wahrnehmungs- und Verstehensprozesse, die in den Texten selbst vollzogen werden, andererseits aber auf einer weiteren Ebene auch jene Interpretationen, die nun den Texten ihrerseits zuteil werden. Um auch dies schon vorweg zu nehmen: Die Analyse literarischer Texte umfasst beides, das Verstehen und die Interpretation, und man könnte die Frage anschließen, warum ein literarischer Text interpretiert werden muss. Man würde diesen Begriff der Interpretation auf normale' Texte des alltäglichen Sprechens oder Schreibens kaum oder nur ausnahmsweise anwenden. Interpretieren muss man ei-nen Text dann, wenn er über seinen unmittelbaren Wortsinn hinaus noch weitere Bedeutungen hat.
Die Analyse literarischer Texte, um die es uns zu tun ist, führt den Leser nicht in völlig unbekannte Räume. Nicht nur deshalb, weil er vermutlich schon über Erfahrungen mit Literatur verfügt, sondern auch, weil ihm die Verstehensprozesse, die allgemeinsprachlicher und nicht nur literarischer Natur sind, bereits vertraut sind. In Bezug auf die Art der Texte, an denen sich diese Verstehensprozesse vollziehen und abarbeiten', muss noch eine letzte Überlegung angestellt werden.
Im lebenspraktischen Alltag haben gesprochene Texte, was ihre Menge anbelangt, Vorzug und Vorrang gegenüber geschriebenen. Meist tauschen wir uns mündlich aus, seltener schriftlich , und unsere Texte haben eher den Charakter der gesprochenen als der .literarischen' Sprache. Der Begriff .literarisch' mag an dieser Stelle überraschen, denn er bezeichnet offenbar doch mehr als nur die schriftliche Erscheinungsweise von Texten. Dem Worte nach aber bedeutet literarisch' zunächst nur geschrieben' - von lateinisch ,littera', Buchstabe. Im ursprünglichen Sinne sind literarische Texte solche, die schriftlich niedergelegt und damit dauerhaft sind über den Moment des Sprechens hinaus. Literarische Sprache ist Schriftsprache, und diese Bestimmung meint mehr als nur die Technik der Verschriftlichung. Wir reden anders, je nachdem, ob wir mündlich von unserem Urlaub berichten oder den Urlaub in einem Brief schildern, und ein Referat, das wir im Unterricht halten, unterscheidet sich in der Art, wie wir vortragen, von einer schriftlichen Hausarbeit. Ein geschriebener Text fordert mehr Sorgfalt in der Formulierung als ein gesprochener, der jedoch durch höhere Spontaneität ausgezeichnet ist.
Die Leser eines Buches haben es ausschließlich mit einem schriftlichen Text zu tun, was gegenüber einem gesprochenen einige Vorteile hat. Man kann innehalten, langsamer oder schneller lesen, zurück- oder vielleicht auch vorblättern, das Buch beiseite legen, bestimmte Passagen überschlagen oder sie und das ganze Buch mehrmals lesen. Statt wie ein Jogger einem bestimmten Weg kontinuierlich zu folgen, was der Hörer eines Textes automatisch und gewohnheitsmäßig tut, gleicht der Leser eher ei-nem zerstreuten Fußgänger, der öfter stehen bleibt, auch schon einmal, auf der Suche nach neuen Eindrücken, im Kreise läuft oder sich gedankenverloren völlig verirrt. All das entfällt bei einem gesprochenen Text, dem der Hörer, will er ihn verstehen, im selben Tempo kontinuierlich folgen muss. Einen geschriebenen Text hingegen lesen, rezipieren wir nach unserem Rhythmus, unseren speziellen Interessen gemäß und ohne räumliche Beschränkung: Ein Buch kann man an viele Orte mitnehmen, eine sprechende Person nicht. Wenn im Hörer, der einer Rede beiwohnte, der Wunsch entsteht, den Text danach zu lesen, signalisiert dies ein großes Interesse und das Bestreben, sich mit dem Thema intensiver auseinander zu setzen, als es in der kurzen Dauer des Hörens möglich war. Kurz, die Beziehung zwischen Leser und Text ist anders als jene zwischen Hörer und Sprecher: sie ist zugleich enger, weil sie eine intensivere Auseinandersetzung ermöglicht, und freier, weil der Leser einen Text nicht nur rezipiert, sondern seinen Leseakt auch gleichsam gestaltet.
Die Unterscheidung von gesprochenen und geschriebenen Texten betrifft nicht eine bloß zufällig verschiedene Art des Auftretens, sondern bezeichnet zugleich einen durchaus unterschiedlichen Umgang mit ihnen. Literarische Texte sind, ihrer Bezeichnung nach, verschriftlichte Texte, was Konsequenzen für die Art und Weise hat, in der wir ihnen begegnen. Doch die Etymologie allein macht noch keine hinreichende Definition des Literarischen aus, das offenbar mehr ist als bloße Schriftlichkeit: Ein Brief, den wir schreiben, ist dem allgemeinen Verständnis nach zumeist noch keine Literatur. So wäre das Literarische gleichsam ein Mehrwert gegenüber der reinen Schriftlichkeit. Worin dieses ,Mehr' besteht, soll nicht jetzt schon vorweg genommen, sondern an der Analyse jener Texte aufgewiesen werden, die, so viel ist klar, als literarisch gelten können.
Es ist schon mehrfach gesagt worden: Texte appellieren an unser Verständnis, setzen die Fähigkeit zum Verstehen voraus und schaffen dafür auch ihrerseits die Bedingungen. Am Schluss dieser Überlegungen zum Textbegriff sei auf ein Problem verwiesen, das, wenn es auch im gegebenen Rahmen nicht lösbar ist, dann doch in unserem Bewusstsein gegenwärtig sein sollte: Was ist eigentlich Verstehen, was spielt sich in unseren Köpfen ab , wenn Verstehensprozesse ablaufen? Und, im Weiteren: Ist Verstehen immer nur sprachlicher Art? Die letzte Frage ist einfacher zu beantworten als die erste. Sicher gibt es auch nicht-sprachliche Verstehensprozesse. Ein Mensch, der trauernd am Grab eines nahen Angehörigen steht, ist - durch den Ort, an dem er sich befindet, durch seine Haltung, durch seinen Ausdruck - verständlich, und jeder, der ihn sieht, wird ihm sein Befinden nachfühlen können, ohne dass darüber ein Wort zu verlieren wäre. Verstehen basiert auf einer Ähnlichkeit zwischen mir selbst und dem Gegenstand/dem Menschen, dem ich Verständnis entgegenbringe. Sympathie wäre ein geeignetes Wort, um diese Verbindung zu benennen, Affinität ein anderes. Auch wenn in Sprache Gedanken formuliert werden, die uns nicht einleuchten, müssen wir, um zu diesem Ergebnis zu kommen, doch erst ihren Verlauf nach vollzogen, die Argumentation verfolgt haben.
Verstehen ist, am Anfang, immer ein Sich-Einlassen, das eine Nähe schafft, die durch weitere Überlegungen bestätigt und bestärkt oder aber relativiert und schließlich ganz aufgegeben wird. Wer im Ausland eine Sprache lernt und mit den Menschen spricht, weiß aus Erfahrung, dass Verstehen nicht nur das Entschlüsseln der Sprache zum Inhalt hat, sondern dass man auch besser versteht, wen man schätzt und mag. Die verwendete Sprache ist in allen Fällen dieselbe, das unterschiedliche Verstehen eine Frage der persönlichen Affinität. So ist ein Verstehenspro-zess immer auch ein Lernprozess, der um so leichter gelingt, je näher uns der vermittelte Sachverhalt, je sympathischer uns der Mensch ist, der spricht oder schreibt . Im Prozess des Verstehens ist man einer Sache oder einem Menschen nahe, wobei diese Nähe vergrößert oder verkleinert, schließlich ganz hergestellt oder aber definitiv zerstört werden kann - je nachdem, ob man sich dem Sinnangebot, das diesem Prozess zugrunde liegt, anschließt oder sich ihm verweigert; aber das ist eine Frage des Gelingens von Verstehensprozessen, die in ihrem Verlauf wie auch in ihrem Ergebnis immer etwas sehr Persönliches sind.
Das Verstehen und Interpretieren von Texten ist keine Aufgabenstellung mit eindeutiger Lösung. Vielmehr macht der Text ein Sinnangebot, auf das der Leser in verschiedener Weise mit seinen Einsichten und Möglichkeiten reagiert. In einem Text kann man vieles erkennen, denn er ist nur selten eindeutig, in der Literatur noch seltener als in der Alltagskommunikation. Auch die fiktio-nalen Texte, mit denen es die Literaturwissenschaft in den meisten Fällen zu tun hat, sind sozusagen Angebote und Einladungen und schließen die Freiheit ein, das Angebot auszuschlagen und die Einladung abzusagen. Trotzdem sollte sich, wer literarische Texte interpretieren will, wie der Spaziergänger auf einen teilweise ungerichteten, oft auch zurücklaufenden Gang durch die Texte einstellen: Das Verstehen verläuft hier als ein Akt von besonderer Komplexität. Es gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen unserer Handlungsmotivationen, das, was wir tun, auch für wichtig zu halten. Dennoch muss ein ehrlicher Literaturwissenschaftler, der natürlich sein Tun für sinnvoll hält, einräumen, dass wir alle auf Literatur und Kunst keineswegs angewiesen sind und dass man auch ohne sie leben könnte; ob ein solches Leben angenehmer wäre, mag jeder für sich selbst entscheiden.
Über das Künstlerisch-Ästhetische als besondere Qualität von Texten wurden in diesen allgemeinen Bestimmungen des Textbegriffs allenfalls andeutende Aussagen gemacht. Was literarische Texte von Gebrauchstexten unterscheidet, soll aus den Textanalysen hervorgehen und wird am Ende, die dann schon vollzogene Praxis des Lesens zugleich resümierend und reflektierend, noch einmal als Frage gestellt werden, wenn es heißt: „Was ist das literarische' an literarischen Texten?"
Für die Methodik der Textanalyse sind durch die Überlegungen zum Textbegriif einige Schwerpunkte gewonnen, die in Form von Fragen sowohl das nun endende Kapitel resümieren als auch auf die kommenden Textanalysen vorausweisen sollen:
1. Text als Aussage über einen Sachverhalt: Was ist das Thema des Textes, welche Sachlage entfaltet er?
2. Welche Aussagen macht er über den Sachverhalt? Wird er ausführlich dargelegt, beschrieben, bewertet oder nur kurz benannt? Ist der Text in seiner Aussage, gemessen an unserer
Wirklichkeitserfahrung, vollständig oder entstehen ,Lücken' in der Information?
3. Text als Sinnsystem: An welchen Textstellen befinden sich und welcher Art sind jene Verknüpfungen, die für den Textbegriff bestimmend sind?
4. Text als Zeitverlauf: Wodurch ist dieser Verlauf vom Anfang zum Ende charakterisiert und woher gewinnt er seinen Impuls, seine Dynamik, seine Dauer?
5. Text als Kommunikation: Wer spricht mit wem? Welche Stimmen/Personen gibt es?
Nach diesen einleitenden Überlegungen, die entsprechend ihrem Thema etwas nüchtern und theoretisch anmuten mögen, kann der Leser mit der Vorstellung' Hugo von Hofmannsthals fortfahren, derweil sich das Gesagte etwas ,setzt' - oder er widmet sich sofort dem Kapitel über die Lyrik - ganz wie's beliebt, würde wohl auch der flexible und liberale Hofmannsthal gesagt haben.
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