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Rainer Maria Rilke - SPANISCHE TÄNZERIN



Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei, eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten zuckende Zungen streckt —.• beginnt im Kreis naher Beschauer hastig, hell und hei ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
      Und pltzlich ist er Flamme, ganz und gar.
      Mit einem Blick entzndet sie ihr Haarund dreht auf einmal mit gewagter Kunstihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken,die nackten Arme wach und klappernd strecken.

      Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp, nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde und schaut: da liegt es rasend auf der Erde und flammt noch immer und ergibt sich nicht —.
      Doch sieghaft, sicher und mit einem sen grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht und stampft es aus mit kleinen festen Fen.
      Spanische Tnzerin gehrt zur Schaffensperiode des mittleren Rilke. Die Gedichte jener Jahre bereichern die deutsche Lyrik um einen neuen Formtypus — den des sogenannten Dinggedichtes —, der durch Eduard Mrikeund Conrad _ Ferdinand Meyer vorgebildet, bei Rilke seine gltige Prgung erfhrt. Die Dinggedichte sind sprachlicher Vollzug einer existentiellen Wendung des Dichters: aus dem Sich-Verstrmen, der Preisgabe an die Abgrnde der Welt in das Sich-Ent-halten, Heraustreten aus dem Raum des unmittelbaren Erlebens, Absage an die kreisende Selbstaussprache des Stunden-Buches.
      Wie ein bildender Knstler steht Rilke seiner Vorlage gegenber , nennt als Bezugspunkt kein sich aussprechendes lyrisches Ich. Den Gegenstand betrachtet Rilke als Gewordenes und behandelt ihn als ein Auen: Nach- und Neugestaltung, geprgte Flle von Welt ohne Trbungen durch falsches Gefhl. Der Terminus Dinggedicht meint vor allem diesen Proze der Versachlichung, Objektivierung von Wirklichkeit, die man sich nicht mehr durch Gefhl sondern durch nchternes Schauen aneignet. So wird dem Schauenden alles zum Kunst-Ding. Das Gesagte bleibt an eine vorgeformt-vorhandene Erscheinung gebunden, es will diese nicht in einer beliebigen Situation erfassen, sondern in ihrer inneren Gesetzmigkeit, zu der auch Handlung
— als Vorgang und Bewegung begriffen — gehren kann. Gerade rhythmische Bewegung ist wesensbestimmende Eigenschaft der Tnzerin.
      Der Gedichttitel — ebenfalls nach Gepflogenheiten der bildenden Knstler gesetzt — hebt das Ding sofort als Ganzes in die Vorstellung.
      Bewegung ist vorrerst alles: finite Verben als Ausdruck von Dynamik herrschen vor . Einen Bewegungsablauf beschreibt die Trgerin der Tanzfigur: beginnen — ausbreiten — sein — zusammennehmen
— austreten.
      Ins optisch zu erfahrende Bild steigt der Bewegungseinsatz durch den Kunstgriff des Vergleiches: Aufflackern eines Streichholzes und Tanzbeginn. Der Vergleich ist ein doppelter: nicht nur Schwefelzndholz und runder Tanz werden zum Zweck der Veranschaulichung verknpft sondern auch der umgreifende Raum der beiden stofflichen Bereiche: die Hand und der Kreis naher Beschauer.
      Wie zuckende Zungen entzndet sich das Streichholz, die Vorstellungskraft des Auges wird durch die Alliteration gesteigert und angefacht. Formal entspricht diesem Anreim jener im anderen Vergleichsmoment: hastig, hell und hei breitet sich der Tanz aus.
      Auf die erste Strophe, die das Geschehen in seinem Beginn verbildlicht, folgt eine Zeile, deren Bedeutung die Stellung auerhalb der strophischen Strukturierung rechtfertigt: Und pltzlich ist er Flamme, ganz und gar; der Übergang von den ersten Tanzschritten zum Hhepunktvollzieht sich unerwartet, abrupt, aber nicht willkrlich, sondern ist Ausdruck eines beabsichtigten Überraschungeffekts.
      Die beiden Stoffkreise verschmelzen, Ähnlichkeit wird zur Gleichheit, der Vergleich zur Metapher. Die nchste Strophe ist Veranschaulichung der Identitt Tnzerin und Tanz unter dem suggestiven Bild der Flamme. Die Tnzerin bestimmt selbst den Augenblick des intensiven Ausweitens der tnzerischen Bewegung, sie ist sich selbst Antrieb , geht in bewuter Weise, mit gewagter Kunst, gleichsam in der Feuersbrunst auf, verliert sich aber nicht vllig, steht zugleich ber dem Tanz; Beweis dafr: die nackten Arme, die wach sich dem flammenden Rhythmus entziehen, ja sogar durch musikalische Untermalung — und klappernd — dessen Tempo bestimmen.
      Die dritte Strophe spiegelt den umgekehrten Vorgang der ersten: Verebben des Vorganges. Ebenso meisterhaft wie die Tnzerin Bewegung wurde, schaltet sie Bewegung ab. Zuckend lie sie den Tanz beginnen, noch getrennt von ihm, wurde selber Tanz und wchst nun ber ihn hinaus, als wrde ihr das Feuer knapp.
      Auch jetzt beschliet sie durch Kraft der eigenen Entscheidung das Hinaustreten aus dem Tanz; wie ein Kleidungsstck wirft sie ihn ab , distanziert sich von ihm, sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde.
      Die Schluzeilen verklren das Image der Tnzerin, unterstreichen auch durch die Lautsymbolik ihre auergewhnliche Meisterschaft. Rilkes Dinggedicht ist synthetisch konzentrierte Aussage, die sich durch sprachliches Ab-bilden von gegebener Wirklichkeit realisiert.
      In der Wahl der Vorlage, die zum Anla des Gedicht-Gestaltens wird, liegt aber subjektive Entscheidung. Vorlage ist immer nur, was das Vorhandensein einer inneren Beziehung zwischen Dichter und Ding dazu zwingt, es zu sein. Es wird unsentimental von Erscheinungen gesprochen, die durch ihr So-Sein befhigt sind, Existenzanliegen des Sprechenden auszudrcken. Dichtung begreift sich einerseits als Rettung von Welt; Das Ding ist bestimmt, das Kunst-Ding mu noch bestimmter sein: von allem Zufall fortgenomm-en, jeder Unklarheit entrckt, der Zeit enthoben und dem Raum gegeben, ist es dauernd geworden, fhig zur Ewigkeit, schreibt Rilke an Lou Andreas-Salome. Andererseits sind die Dinggedichte zugleich aber auch Sinn-bilder von des Dichters Seins-bild.
      So offenbart sich hinter dem sinnlich-greifbaren Bild der Tnzerin ein geistiges Etwas. Das Gedicht vergegenwrtigt durch die Beschreibung das objektiv Seiende, beschreibt aber nur das Wesentliche, Symbolhai-
|tige: aus der Formgebung erwchst die Deutung- Die Tnzerin beherrsch* das, was sie befhigt eben Tnzerin zu sein: ihr Metier. Das gestaltete Was hebt vor allem das Tanzen-Knnen hervor. In der hheren Einheit von Ruhe und Bewegung, Eins-sein und Getrennt-sein gestaltet Rilke ein Sinnbild der Daseinsbewltigung. In der mitreienden aber gezgelten Tanzgebrde werden die Zwiesplte des Lebens aufgehoben; die Tnzerin hat den Tod als Grenze und Feind berwunden ...
      In den Sonetten an Orpheus wird die Chiffre Tnzerin hnlich ausgedeutet:
Tnzerin: o du Verlegungalles Vergehens in Gang: wie brachtest du's dar.
      Und der Wirbel am Schlu, dieser Baum aus Bewegungnahm er nicht ganz in Besitz das erschwungene Jahr.
     

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Rainer  Maria  Rilke  -  SPANISCHE  TÄNZERIN    





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