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Puschkins Schneesturm: Marjas Gedankenspiel



Betrachtet sei also zunächst Puschkins Erzählung Der Schneesturm. Sie gehört zu dem Zyklus Die Erzählungen des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin, der 1831 erschienen ist. Im Schneesturm, der dritten von insgesamt fünf Erzählungen, wird geschildert, wie sich die siebzehnjährige Gutsbesitzerstochter Marja Gawrilowna in Wladimir Nikolajewitsch, einen armen Fähnrich, verliebt. Als ihre Eltern die leidenschaftliche Zuneigung zwischen den beiden jungen Leuten bemerken, verbieten sie ihrer Tochter jeglichen Umgang mit dem mittellosen Wladimir. Es heißt:
Unsere Liebenden standen im Briefwechsel und trafen sich jeden Tag im Kiefernwäldchen oder bei der alten Kapelle. Dort schworen sie einander ewige Liebe, beklagten ihr Schicksal und schmiedeten die verschiedensten Pläne.
Der Winter bereitet ihren Zusammenkünften ein Ende. Dafür wird ihr Briefwechsel immer reger. In jedem seiner Briefe fleht Wladimir Marja an, die Seine zu werden, sich heimlich mit ihm trauen zu lassen, sich einige Zeit versteckt zu halten und sich dann den Eltern zu Füßen zu werfen.
      Der Plan, sich heimlich trauen zu lassen, nimmt Gestalt an. Marja weiht ihre Zofe ein. Am festgesetzten Tag soll Marja nicht zu Abend essen und sich unter dem Vorwand von Kopfschmerzen in ihr Zimmer zurückziehen. Hinter dem Garten wird ein reisefertiger Schlitten bereitstehen. Marja wird sich hineinsetzen und in das fünf Werst entfernte Dorf Shadrino fahren: direkt vor die Kirche, wo Wladimir bereits auf sie wartet...
      Dieser Plan soll also zur Ausführung kommen. Als der entsprechende Abend da ist, erklärt Marja ihren Eltern mit »bebender Stimme«, dass sie nicht zu Abend essen wolle, verabschiedet sich vom Vater und von der Mutter und geht auf ihr Zimmer, wo sie von Tränen überwältigt wird. Die Zofe redet ihr zu, sich zu beruhigen. Wörtlich heißt es:
Alles war bereit. In einer halben Stunde sollte Mascha für immer ihr Elternhaus, ihr Zimmer, ihr stilles Jungmädchendasein hinter sich lassen. [...] Draußen tobte ein Schneesturm; [...]
Marja wartet, bis im Hause alles still wird, hüllt sich dann in Schal und Mantel und begibt sich zum hinteren Ausgang. Ein Dienstmädchen folgt ihr mit zwei Bündeln.

     
Sie begaben sich in den Garten. Der Schneesturm hatte nicht nachgelassen; der Wind blies ihr entgegen, als wollte er die jugendliche Missetäterin aufhalten. Mit Mühe gelangten sie ans Ende des Gartens. Am Wege wartete schon der Schlitten auf sie. Die frierenden Pferde konnten nicht stillstehen; Wladimirs Kutscher ging vor den Deichseln auf und ab und hielt die Ungeduldigen zurück. Er half dem Fräulein und ihrem Mädchen beim Einsteigen und beim Verstauen der Bündel und der Schatulle, nahm die Zügel, und die Pferde flogen davon.
      »Ãoberlassen wir«, so sagt Puschkins Erzähler nun, »überlassen wir das Fräulein der Obhut des Schicksals und der Kunst des Kutschers Terjoschka und wenden wir uns unserem jungen Liebhaber zu.« Es wechselt jetzt die Perspektive. Wladimir ist den ganzen Tag unterwegs gewesen, hat in Shadrino einen Geistlichen aufgesucht und ist mit ihm schließlich einig geworden. Auch stellt er drei Trauzeugen bereit, die nicht nur begeistert auf sein Vorhaben eingehen, sondern sogar schwören, dass sie bereit seien, für ihn ihr Leben hinzugeben. Als die Dämmerung heraufgezogen ist, schickt er seinen Kutscher Terjoschka mit der Troika zu Marja. Er selber fährt allein, d. h. ohne Kutscher, mit einem kleinen Schlitten und nur einem Pferd in Richtung Shadrino. Der Weg ist ihm bekannt. In zwanzig Minuten würde er dort sein.
      Doch kaum war Wladimir aus der Ortschaft auf das freie Feld hinausgefahren, als sich ein Wind aufmachte und ein solcher Schneesturm einsetzte, dass er nichts mehr erkennen konnte. Im Nu war der Weg zugeweht: die Umgebung verschwand hinter einem undurchsichtigen und gelblichen Schleier, durch den weiße Schneeflocken flogen; der Himmel verschmolz mit der Erde. Wladimir befand sich auf dem Felde und versuchte vergebens, wieder auf den Weg zu gelangen; das Pferd lief aufs Geratewohl und geriet alle Augenblicke in eine Schneewehe oder brach in eine Grube ein; der Schlitten schlug fortwährend um [...].
      Mit einem Wort: Wladimir verirrt sich im Schneesturm. Er gelangt erst am nächsten Morgen, nachdem sich das Unwetter längst gelegt hat, nach Shadrino. Die Kirche ist verschlossen. Er fährt zum Geistlichen. Auf dessen Hof keine Spur von Wladimirs Troika. »Was für eine Nachricht erwartet ihn!« ruft der Erzähler aus. Und wieder wechselt die Perspektive.
      Diesmal schwenkt Puschkin auf die Eltern Marjas ein. Wir sehen sie am nächsten Morgen. Sie schicken das Dienstmädchen zu Marja, das mit der

Auskunft zurückkommt, das Fräulein habe schlecht geschlafen, doch gehe es ihr inzwischen besser und sie werde sogleich ins Esszimmer kommen. Natürlich denkt der Leser jetzt, das sei gar nicht möglich. Doch heißt es: »In der Tat öffnete sich die Tür und Marja Gawrilowna trat herein, um ihre Eltern zu begrüßen.« In der Nacht aber wird Marja krank. Heftiges Fieber stellt sich ein, und die arme Kranke »befand sich zwei Wochen am Rande des Grabes«. Man schickt nach Wladimir, um ihm die Einwilligung zur Ehe mit Marja mitzuteilen, denn Armut sei keine Sünde - auf den Menschen komme es an. Doch Wladimir schreibt überraschenderweise einen »halbverrückten Brief« an Marjas Eltern. Nie werde er seinen Fuß wieder über die Schwelle ihres Hauses setzen: er sei ein Unglücklicher, für den der Tod die einzige Hoffnung bleibe. Wladimir reist ab zur Armee. Es ist das Jahr 1812.
      Marja findet »nach einigen Monaten« seinen Namen unter denjenigen, die sich in der Schlacht bei Borodino ausgezeichnet hatten oder schwer verwundet worden waren. Sie fällt in Ohnmacht. Ihr Vater stirbt und hinterlässt ihr als Erbin das gesamte Gut. Sie ist nun eine vielfach umworbene junge Frau. Ganz beiläufig wird vermerkt: »Wladimir lebte schon nicht mehr: Er war in Moskau gestorben, am Vorabend der Einnahme durch die Franzosen«. Marja hält sein Andenken heilig, hütet alles, was an ihn erinnern konnte, Bücher, die er einstmals gelesen, seine Zeichnungen und die Noten und Gedichte, die er für sie abgeschrieben hat. Unterdessen, so heißt es, »war der Krieg ruhmvoll beendet worden.« Die Offiziere, die in den Krieg »fast als Halbwüchsige gezogen waren, kehrten heim, im Kampf zu Männern herangereift und die Brust voller Orden.« Es herrscht in den beiden Hauptstädten und noch mehr in der Provinz Begeisterung über die heimkehrenden Sieger. Trotz ihrer abweisenden Kälte ist Marja weiterhin von Freiern umgeben. Unter ihnen tritt der verwundete Husarenoberst Burmin besonders hervor: sechsundzwanzig Jahre alt, verbringt er den Urlaub auf seinen Besitzungen, die »nicht weit von dem Dorfe Marja Gawrilownas« lagen. Er besaß jene Fähigkeiten, lässt Puschkin seinen Erzähler feststellen,die den Frauen gefallen: Anstand und Beobachtungsgabe, keinerlei Anmaßung und eine unbekümmerte Spottlust. Marja Gawrilowna gegenüber benahm er sich schlicht und zwanglos: doch was sie auch sagte oder tat, seine Augen, sein ganzes Wesen waren nur auf sie gerichtet.
      Am Teich unter einer Wiese in der Nähe ihres Schlosses trifft Burmin Marja, die ein Buch in der Hand hält und ein weißes Kleid trägt, »wie eine richtige Romanheldin«. Burmin gesteht ihr seine Liebe, erwähnt aber gleichzeitig, ermüsse ihr »ein furchtbares Geheimnis« mitteilen: Er sei bereits verheiratet, wisse aber nicht mit wem! Wörtlich sagt er:
»Ich bin schon das vierte Jahr verheiratet, und ich weiß nicht, wer meine Frau ist, wo sie ist und ob ich sie jemals wiedersehen werde!«
Und Burmin erzählt nun, er sei zu Anfang des Jahres 1812 auf dem Wege zu seinem Regiment in Wilna in einen entsetzlichen Schneesturm geraten. Der Kutscher verirrt sich. Burmin sieht plötzlich ein Licht: Es kommt aus einer Holzkirche. Ihre Tür steht offen. Hier rufen mehrere Stimmen. Er tritt in die Kirche, die schwach von zwei oder drei Kerzen erleuchtet wird. Ein Mädchen sitzt auf einer Bank in einer dunklen Ecke, ein anderes Mädchen reibt ihr die Schläfen. »Gott sei dank«, sagt dieses zu ihm, »endlich sind sie gekommen. Sie haben das Fräulein beinahe zu Tode gequält.« Ein alter Geistlicher tritt an Burmin heran, fragt: »Befehlen Sie zu beginnen?« »Beginnen Sie, beginnen Sie Väterchen«, antwortet Burmin zerstreut.
      Man stellt das Mädchen auf die Beine, und Burmin stellt sich neben sie vor den Altar. Drei Männer und die Zofe halten die Braut. »Wir wurden getraut«, so erzählt nun Burmin.
      »Küßt euch«, sagte man uns. Meine Frau wandte mir ihr bleiches Gesicht zu. Ich wollte sie gerade küssen ... Da schrie sie auf: »Ach, er ist es nicht! er ist es nicht!« und fiel ohnmächtig zu Boden.
      Die Zeugen blicken Burmin erschreckt an. Er dreht sich um, geht aus der Kirche, wirft sich in den Schlitten und »Vorwärts!«
Burmin weiß nicht, wie das Dorf heißt, wo er getraut wurde, erinnert sich auch nicht an die Poststation, von der er aufgebrochen ist. Sein Diener von damals ist während des Feldzugs gestorben, so dass er keine Hoffnung mehr hege, »jene zu finden, mit der ich solch grausamen Scherz getrieben und die nun so grausam gerächt« sei, weil er sich nicht mehr verheiraten könne.
      »Mein Gott, mein Gott!«, sagte Marja Gawrilowna, und ergriff seine Hand. »Sie waren das also! Und Sie erkennen mich nicht wieder?« Burmin erblaßte ... und warf sich ihr zu Füßen ...
      So endet Puschkins Erzählung. Sie hat ihren Lesern Rätsel aufgegeben. Was soll das Ganze? Was hatte Puschkin mit dieser Geschichte im Sinn, die voller Unwahrscheinlichkeiten steckt, in eine völlig absurde Pointe einmündet und dabei doch so angenehm zu lesen ist, ja, ein regelrechtes Lesevergnügen be-reitet! Mit realistischer Psychologie ist dem Motivationsgefüge offensichtlich nicht beizukommen.
      Puschkins Zeitgenossen haben den Erzählungen Belkins verständnislos gegenüber gestanden. »Man liest sie genauso, wie man Konfekt ißt, und danach ist alles vergessen«, schrieb genüsslich und überzeugt der Journalist und Puschkin-Feind Faddej Bulgarin. Ein anderes Urteil lautete: »Die Erzählungen Belkins lesen sich leicht, denn sie zwingen nicht zum Denken.« Auf solch anfängliches Abwinken ist inzwischen längst eine kanonisierende Forschung gefolgt und das fröhliche Unverständnis wurde durch gnadenlose Gelehrsamkeit abgelöst, die natürlich von Puschkins expliziten Verweisen auf die literarische Tradition ihren Ausgang nehmen durfte.
      So ist der Erzählung ein Motto aus Shukowskijs Ballade Swetlana vorangestellt. Swetlana ist eine der drei verschiedenen Ãobersetzungen, die Shu-kowskij von Gottfried August Bürgers Lenore angefertigt hat. Der thematische Bezug liegt auf der Hand: Auch Marja Gawrilownas Bräutigam zieht in den Krieg, wo er stirbt. In Shukowskijs Swetlana kehrt er allerdings lebendig zurück. Des Weiteren zitiert Puschkins Erzähler eine Zeile aus einem Sonett von Petrarca - auf italienisch: »Se amor non e, che dunque?« Wenn das nicht Liebe ist, was ist es dann? . Und Marja fühlt sich durch die Liebeserklärung Burmins »an den ersten Brief Saint-Preux' erinnert«, das heißt an Rousseaus Briefroman Julie oder Die neue He-loise.
      Die Puschkin-Forschung zum Schneesturm nimmt alle nur denkbaren Prä-Texte unter die Lupe und bezeichnet etwa Karamsins Erzählung Natalja, die Bojarentochter als »Muttertext« der russischen Entführungsgeschichten zur Zeit Puschkins. Fazit: Der Schneesturm müsse als »Kontrafaktur« gelesen werden, als ironische Replik auf die literarische Tradition. Puschkins Leistung gehe aber nicht im Begriff der Parodie auf, sondern sei in der Gestaltung eines eigenen Schicksalsbegriffs zu sehen . Das heißt: Puschkins Text wird in dem, was er nicht sein will, und in dem, was er sein will, erst verständlich, wenn wir die Prä-Texte genau kennen, auf die sich Puschkin mit seinem Text explizit oder implizit bezieht. Das ist die Position der bisherigen Puschkin-Forschung, die in dieser Sache nur im Detail, nicht im Grundsätzlichen zerstritten ist, denn ausnahmslos wird die Notwendigkeit intertextueller Analyse vorausgesetzt.
      Nun gibt es gewiss kein vernünftiges Argument dafür, literarhistorisches Wissen zu verachten. Warum nicht Washington Irvings The Specter Bride-groom mit Puschkins Schneesturm vergleichen? Sobald jedoch für das Verständnis eines Einzeltextes die Kenntnis seiner PräTexte zur notwendigen Bedingung gemacht wird, kommt es zu einer ganzbestimmten Blickeinstellung, in der das Kollektiv der Prä-Texte als Kontrastfolie ein Relationssystem hervorbringt, das zur Hauptsache wird.
      Ich behaupte nun, dass in solcher Blickeinstellung gegenüber Puschkins Text, zu der dieser selbst durch seine expliziten literarischen Verweise animiert, die poetologische Differenz unsichtbar bleibt. Dadurch kommt zwar durchaus Richtiges in den Blick, aber Nebensächliches. Die Hauptsache, nämlich das Intentum Puschkins, durch das alle Designata ihren Sinn erhalten, liegt darin, dass die Erzählung Der Schneesturm als Gedankenspiel der Heldin Marja Gawrilowna angelegt ist. Um dies zu sehen, ist kein literarhistorisches Wissen vonnöten. Wir dürfen nur unseren natürlichen Realitätssinn nicht ausschalten.
      Puschkin gestaltet die Scheu eines jungen Mädchens - Marja ist siebzehn
- vor der Festlegung auf einen bestimmten Partner. Es ist die Scheu vor der Individuation, die Karl Jaspers unter die »Grenzsituationen« rechnet . Konkret gesprochen: Marja hat den jungen Fähnrich Wladimir kennen gelernt, der nicht die Zustimmung ihrer Eltern findet und der sie deshalb zu überreden versucht, mit ihr zu fliehen und sich heimlich trauen zu lassen. Das ist die Situation der objektiven Realität, aus der sich Marjas Gedankenspiel entwickelt.
      Mit dem Wunsch Wladimirs konfrontiert, malt sich Marja aus, wie es sein würde, wenn sie sich auf das vorgeschlagene Abenteuer einließe. Die Ausführung des Plans, von zu Hause zu entfliehen und sich in Shadrino heimlich trauen zu lassen, ist reine Phantasie - wie auch alles, was danach folgt. Auch der Schneesturm ist eine Setzung Marjas: es ist der Schneesturm in ihrer Seele, der ihren wahren Wunsch zutage treten lässt.
      Puschkin entwirft seine Konstruktion von Personen und Handlung im Namen seiner Heldin. An allem, was im Schneesturm und danach geschieht, wird die Welt im Kopf Marjas ablesbar. Nur, dass eben innerfiktional überhaupt nicht die Rede davon sein kann, dass Marja den Schneesturm und alles danach nur träumt. Ja, Puschkin tut alles, um eine realistisch-psychologische Auflösung der Ereignisse als Traumspiel gerade nicht nahe zu legen. So erzählt er die gesamte Erzählung in der dritten Person, so träumt die innerfik-tionale, empirische Marja tatsächlich einige Träume, die als solche gekennzeichnet werden, bevor das Traumspiel im poetologischen Sinne einsetzt.
      Der Klartext aber, der den Ereignissen im Schneesturm und allem, was danach folgt, zugrunde liegt, sieht folgendermaßen aus. Marja wünscht sich
- aus Scheu vor der Individuation - dass der ihr bekannte Fähnrich Wladimir sich im Schneesturm verirrt, damit er in der Kirche nicht zur Trauung erscheinen kann. Und sie wünscht sich, dass anstelle des jungen Mannes, den sie kennt, ein anderer junger Mann, den sie nicht kennt, erscheinen möge,der ebenfalls im Schneesturm von seinem Wege abkommt und per Zufall in die Kirche geführt wird, wo sie auf ihn wartet. Natürlich würde sie in Ohnmacht fallen müssen, wenn sie den Fremden vor dem Altar erblickt. Er aber ist es, dem sie sich wahrhaft verbunden fühlt: der Unbekannte, von dem sie nicht weiß, wer er ist, den sie aber sofort als den ihren erkennen wird, wenn sie ihm begegnet. Und das ist der Fall, als sie Burmin, den Mann ihres Herzens kennen lernt. Natürlich muss er sich der Unbekannten verpflichtet fühlen, mit der er nolens volens getraut wurde - in der Holzkirche von Shadrino. So hält sie sich in ihrem Traumspiel, aus Scheu vor der Individuation, frei für den idealen Partner, den sie noch nicht kennt und trennt sich von ihrem armen Fähnrich, den sie zum Sterben in jenen Krieg zurückschickt, aus dem er gekommen ist.
      Dass Puschkin diese Geschichte im Stile der Trivialliteratur erzählt - mit faustdicken Klischees an Situationen, Personen, Gefühlen und sprachlichen Formulierungen, das hat einen durchaus >realistischen< Grund: Gedankenspiele bestehen aus solchen Klischees - und ich möchte hier nicht entscheiden, ob die Gedankenspiele das literarische Klischee nachahmen oder ob die literarischen Klischees den Stil unserer Gedankenspiele nachahmen. In Puschkins Text heißt es gleich zu Anfang: »Marja Gawrilowna hatte ihre Bildung aus französischen Romanen bezogen und war infolgedessen verliebt.« Solche Feststellung ist doch zweifellos ein Wink, mit dem uns Puschkin auf die richtige Fährte setzen will, die er aber dann sofort wieder spielerisch vor uns verbirgt. Und »richtige Fährte« meint hier, wir haben uns klar zu machen, dass wir es bei dem, was folgt, mit Träumereien zu tun haben, und nicht, dass wir positivistisch klären sollen, was Marja denn da tatsächlich gelesen hat.
      Die poetologische Differenz, so hatte ich anfangs definiert, ist die Differenz zwischen der innerfiktionalen Begründung und der außerfiktionalen Begründung eines innerfiktionalen Sachverhalts. Es lässt sich nun im Hinblick auf Puschkins Schneesturm hinzufügen: Die innerfiktionale Begründung ist eine causa efficiens, die außerfiktionale Begründung eine causa fi-nalis. Innerfiktional nimmt der Fremde den Platz des nicht erschienenen Wladimir in der Holzkirche von Shadrino ein, weil Wladimir im Schneesturm in die Irre gegangen ist und der Fremde zufällig zu dieser Kirche geführt wurde. Von außerfiktionalem Standpunkt aber wird der Schneesturm eigens geschaffen, damit sich der Fremde und Wladimir in ihm verirren, denn Puschkin legt die innerfiktional tatsächlichen Erlebnisse seiner Heldin so an, dass sie dem entsprechen, was sie zutiefst wünscht.
      Marja ist es, die hier >dichtet

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