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Poetologische Definition des Realismus



Es sei deshalb an dieser Stelle eine poetologische und damit generelle Definition des Realismus eingeschaltet. Sie kennzeichnet den Realismus als nur eine Möglichkeit, Veranschaulichungen zu konstituieren.
      Ein literarisches Kunstwerk ist dem Realismus zuzurechnen, wenn es
1. an keiner Stelle ein Naturgesetz verletzt ;
2. durchgehend psychologisch plausibles Verhalten präsentiert;

3. den Zufall und das Außergewöhnliche nur dem menschlichen Wirklichkeitssinn entsprechend zulässt;
4. eingebrachte Lebenswelten und Tolstoj, Keller und Fontane, William Dean Howells und Henry James, sondern auch Tschechow, Joseph Conrad, Joyce, Proust, Musil, Döblin, Dos Passos, Theodore Dreiser, James T. Farrell und William Faulkner. Aus der englischen Literatur seien Dickens und Thackeray genannt sowie die Pioniere des Realismus Henry Fielding und Jane Austen. Solche Auflistung darf aber nicht vergessen machen, dass der Realismus natürlich viel älter ist als die Epoche seiner Herrschaft, die im 19. Jahrhundert einsetzt und im 18. Jahrhundert vorbereitet wurde. Man denke nur an den pikaresken Roman mit Lazarillo de Tormes als vollendetem Beginn sowie an so viele Erzählungen in Boccaccios Decamerone und an manche der Exemplarischen Novellen des Cervantes ...
      Angesichts einer solch erdrückenden Menge von Namen ist zu fragen: Wer ist dann eigentlich kein Realist im Sinne der gegebenen Definition? Antwort: Homer, Dante, Swift, E. T. A. Hoffmann, Kafka. Man lese nur die Odyssee, Die Göttliche Komödie, Gullivers Reisen, Der goldne Topfund Die Verwandlung. Ich möchte behaupten: Was unser Jahrhundert anbelangt, so hat Franz Kafka den Realismus überwunden, flankiert von Jorge Luis Borges - soweit es die erzählende Prosa betrifft. Für das Drama ist Samuel Beckett zu nennen.

     

Solche Ãoberwindung scheint einen Zug zum Elitären zu haben. Dass Kafka, Borges und Beckett zu Mode-Erscheinungen wurden, heißt nur, dass sie ins Gerede gekommen sind. Man gilt etwas, wenn man über sie spricht. Der Hauptstrom der Literatur des 20. Jahrhunderts wird jedoch immer noch vom Realismus bestimmt. »Good reading for the millions« lautet etwa der Leitspruch der New American Library. Und der Fischer Taschenbuch-Verlag offeriert »das gute Buch für jedermann«. Solche Werbung impliziert Wissensvermehrung. Dem Leser wird suggeriert, dass er etwas Brauchbares lernt.
      Der Realismus, wie er im 19. Jahrhundert in der Literatur herrschend wurde, ist zweifellos ein Produkt der Aufklärung. Die Literatur, insbesondere der Roman, wurde zu einem Instrument der Aufklärung, von Kant definiert als »der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit« . Es geht um die Beherrschung von Natur und Geschichte. »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung«, wie ihn Kant hier formuliert hat .
      Die Aufklärung setzt die Kunst einem Legitimationszwang aus, dem die Literatur, insbesondere die Gattung des Romans dadurch Rechnung trägt, dass sie dem Leser, dessen Prototyp jetzt der Zeitungsleser ist, Erkenntnisse liefert. Das Zeitalter des Fortsetzungsromans mit anonymen Zielgruppen beginnt. Die Poetik des Fortsetzungsromans steht zur Diskussion . Man bedenke, dass sowohl Madame Bovary als auch Schuld und Sühne zunächst als Fortsetzungsromane in Zeitschriften erschienen sind! Der Autor wird zum Beobachter der Wirklichkeit. Das Aktuelle wird zum Vorzugsgegenstand, Realisten sind selber unermüdliche Zeitungsleser. Zola schreibt 1880 in seiner Programmschrift Der Experimentairoman, der Autor eines Romans habe »die Tatsachen aus der Natur zu nehmen und dann ihren Mechanismus zu studieren. [...] Am Ende ergibt sich dann eine Erkenntnis über den Menschen, eine wissenschaftliche Erkenntnis in seinem individuellen und sozialen Verhalten« . Die Brüder Goncourt rechtfertigen ihren Roman Germinie Lacerteux aus dem Jahre 1864 im Vorwort mit dem Argument: »[...] der Roman, der sich mit den Pflichten wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit beladen hat, darf, billigerweise, auch die Rechte wissenschaftlicher Forschung beanspruchen und Bewegungsfreiheit für sich fordern« . Flaubert äußert sich gegenüber George Sand, er »glaube, dass die große Kunst wissenschaftlich und unpersönlich« sei . Balzac hat akribische soziologische Studien betrieben, um die Comedie humaine schreiben zu können.
      Diese Hinweise mögen genügen, um in Erinnerung zu bringen, dass für den realistischen Romanautor nicht die Phantasieleistung, sondern das exakte Beobachten der Wirklichkeit zur Kardinaltugend wurde . Das literarische Kunstwerk will mit seinen Deskriptionen und Analysen >wissenschaftlich< bestehen können, wenn sich auch die Autoren dabei keiner bestimmten wissenschaftlichen Schule anschließen müssen.
      Allerdings werden bald die Außenwelt und die Innenwelt als die beiden Re gionen der Aufklärung jeweils ihren dogmatischen Theoretiker hervorbringen: Karl Marx und Sigmund Freud, deren Theorien dann wiederum die literarische Praxis beeinflusst haben. Hier tut sich ein Problem auf. Für den Marxisten kann auch ein Märchen realistisch sein, wenn es den Klassenkampf richtig erkennen lässt, so wie ein realistischer Roman unrealistisch sein kann, wenn er den Klassenkampf nicht richtig erkennen lässt. Und richtig heißt: richtig im Sinne des Marxismus. Freud wiederum macht deutlich, dass es einen Realismus der Innenwelt gibt, der im Sinne meiner hier explizierten generellen Definition des Realismus nicht realistisch wäre. So wird zum Beispiel in Hoffmanns Sandmann die subjektive und phantastische Wirklichkeit Nathanaels schließlich als objektive Wirklichkeit der Fiktion gestaltet. Die Romantik liefert uns viele Beispiele eines Realismus der Innenwelt, nämlich der realistischen Abbildung von Traumwelten, die aber nicht sofort erkennbar als solche gekennzeichnet werden. Man denke an Puschkins Schneesturm.
      Ein solcher Realismus der Innenwelt bringt jedoch nur unter bestimmten Bedingungen Resultate hervor, die der generellen Definition des Realismus Rechnung tragen, wenn auch nur täuschend. Man denke an Dostojewskijs Schuld und Sühne, an Julien Greens Leviathan oder an Faulkners Sanctuary, um nur ganz handgreifliche Beispiele zu nennen.
      Wir betreten mit solcher Ãoberlegung die faszinierende Region einer Tagtraumliteratur, die einer vorgetäuschten realistischen Poetik unterworfen wird, einer Gattung, die auch wesentliche Bereiche des Hollywood-Films beherrscht und deren Wurzeln in der europäischen Romantik mit dem ihr vorausliegenden englischen Schauerroman als Inspirationszentrum zu finden sind. Die Erkundung der Nachtseite der Seele ist gewiss nicht nur aus heutiger Sicht der Aufklärung zuzurechnen.

     
Es ist also zwischen zwei Wirklichkeiten zu unterscheiden: der Wirklichkeit der Innenwelt, die ihr Leben im Träumen hat, und der Wirklichkeit der Außenwelt, deren Wesensmerkmal das Tatsächliche ist. Wenn hier von literarischem Realismus die Rede ist, so ist damit ausschließlich die Orientierung an der Außenwelt, der empirischen Realität, gemeint, in die die Innenwelt als explizit dargestellte Subjektivität eingegliedert ist. Beide Welten können in ein und demselben literarischen Text auch gleichberechtigt fusioniert werden, dann aber ist der Text kein realistischer mehr. So lebt Adelbert von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte von der phantastischen Voraussetzung, dass ein Mensch seinen Schatten verlieren kann, bei ansonsten realistischer Darstellung von Psychologie und Milieu der Charaktere.
     

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