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Peter Barth - DER ÜBERGANG ZUM TAG



Die Nacht ist finster. Nirgend ein hervorbrechender Mondenschein. Die Wolken ziehen leise, leise dahin auf ihrer weiten Reise ins Endlose des Raums hinein.
      Das Astgezweig am kahlen Baum schrickt auf aus seinem starren Traum Ein Luftzug bringt aus weiter Ferne den Atemzug der vielen Sterne, die allverdeckt von Saum zu Saum.
      Mein Pfad erstreckt sich dmmergrau und mndet in die dunkle Au, die voller Zauber ist, voll Schweigen, das nur den finstern Nchten eigen, den Nchten ohne Licht und Tau.

      Ich geh. Wohin, das wei ich nicht. Allein mein Blut im Herzen spricht, mein Auge sucht das Ungewisse, sucht hinzudringen durch die Risse der Dmmerung zum Morgenlicht.
      Denn sachte lichtet sich im Rund der Buchenhang. Am Ackergrund erblinkt ein Tmpel, eine Hecke, und pltzlich reckt ein Himmelsrecke sich, in der Hand den Fackelbund.

     
Peter Barth wurde am 2. Juni 1898 in Blumenthal geboren, wo er auch heute als Apotheker im Ruhestand lebt. Sein erster Gedichtband erschien 1933 unter dem Titel Flammengarben im Keller Verlag Temesvar. 1939 gab Dr. Heinz Kindermann, der auch eine Einleitung zeichnete, einen zweiten Gedichtband heraus, und zwar mit dem Titel Die Erde lebt. Der Band erschien beim A. Lusor Verlag in Wien. Peter Barth hat auerdem in vielen Zeitschriften verffentlicht, so in den Banater Monatsheften, im Klingsor u.a. Das lyrische Werk Barths beluft sich auf etwa 18.000 Gedichte, wie der Dichter selbst in einem Interview mit NW -Kulturredakteur Franz Heinz mitteilte, und ist in stndigem Wachsen begriffen, da er tglich — ebenfalls nach eigenem Gestndnis — drei Gedichte schreibt. Peter Barth vertritt die Meinung". der Unmittelbarkeit des lyrischen Ausdrucks, er ist fr den ersten Gu des Gedichts, an dem er nach der Entstehung nicht mehr feilt. In nchster Zukunft soll der Kriterion Verlag eine Auswahl aus dem Schaffen Peter Barths herausbringen.
      Die Begegnung von Ich und Welt ist allen Gedichten Peter Barths eigen, wodurch das hier interpretierte Gedicht stellvertretend wird fi sein gesamtes Werk. In dieser Begegnung ist es immer wieder die Natur. noch unverflscht und wenig berhrt von der Zivilisation, die erlebt wird. Demnach ist nicht nur Der Übergang zum Tag als Modellgedicht, sondern auch das Naturerlebnis als Modellsituation dieses Dichters aufzufassen. Alle Konflikte und menschliche Problematik werden in eine gewisse Art und Weise des Naturerlebnisses transponiert, welches in seinen traditionellen Elementen begriffen wird. Das Dichter-Ich findet sich in der Natur, beide aber im Gedicht wieder, die Landschaft, aussagend auch ber die Befindlichkeit des Menschen, wird gleichsam zur Richtschnur in der Realitt. Auch ist dieses Gedicht ein Versuch, die geographische Landschaft zur Seelenlandschaft umzusetzen.
      Die Bewegungsdynamik des Gedichts ist im Titel schon festgehalten, der auch die Richtung der Zeit festhlt als Bewegung im Raum: das Erwachen der Natur an einem Frhlings- oder Herbstmorgen. Da es nur diese beiden Jahreszeiten sein knnen, beweisen neben dem kahlen Baum, Adjektive wie starr. Man knnte sogar den Herbst ausschlieen und behaupten, da es sich um einen Frhlingstag handelt. Dafr spricht die Tatsache, da es sich um eine Nacht handelt ohne Tau, und vor allem der pltzliche, intensive Sonnenaufgang.
      Sehen wir uns zuerst diese Nacht nher an, in der, zeitlich gesehen, das Gedicht beginnt: die sie charakterisierenden Attribute individualisieren sie nur wenig, sie ist finster, ohne Licht und Tau und ohne Mondenschein. Auch die Landschaft bleibt im allgemeinen, wird topographisch nicht genauer bestimmt, es ist ein Übergang zum Tag berall und immer. Der Eintritt des lyrischen Subjekts in diesen Raum — und darber hinaus in das Gedicht — geschieht parallel dazu durch allgemeine Gefhlsuerungen, ohne da eine spezifische Bewutseinslandschaft geprgt wird, was Einmaligkeit des Erlebnisses und eigenartige Sprachhandhabung voraussetzt. Zwar lt das lyrische Subjekt die Na-tur auf sich wirken, doch ohne von ihr verndert zu werden, noch sie verndernd, die Natur wird nicht als dmonische Gewalt erfahren, sondern beide — Natur und Dichter-Ich — scheinen vorgegeben. Dadurch aber gelingt es Peter Barth im ersten Teil des Gedichts , eine mrchenhafte Atmosphre heraufzubeschwren, was Strophe 3 dann konkret ausspricht: . .. die dunkle Au, I die voller Zauber ist, voll Schweigen, I das nur den finstern Nchten eigen, I den Nchten ohne Licht und Tau. So erhlt dieses Gedicht jenseits einer Einmaligkeit und Individualitt doch eine persnliche Note.
      In Assoziationen — die wiederholten Aufzhlungen rcken in die Nhe des Epischen und mithin des Erzhl-Gedichts — entsteht vor dem Leser das Bild einer Nacht in verhaltener Bewegung . Gleichzeitig weitet sich die Landschaft ins Endlose des Raums hinein. Der Mangel an Licht bedingt, da der erste Teil des Gedichts nur wenig visuelle Elemente enthlt , doch schon die zweite Strophe, wenn auch kaum sichtbar, bringt eine Dynamisierung des Gedicht-Vorgangs, der starre Traum zerbricht durch den Luftzug aus weiter Ferne, als Bewegung dem Ziehen der Wolken gleichsam in der Richtung entgegengesetzt, der mit dem Atemzug der vielen, verdeckten Sterne eine Ahnung des Unbegrenzten, aber auch des Lichts in der Landschaft ansiedelt. Die Landschaft ist vorlufig noch unbelebt, was durch das Fehlen auch des lyrischen Ich — oder berhaupt menschlichen Lebens — unterstrichen wird. Durch den Hinweis aber auf die Bewegung von der Dunkelheit zum Licht erleben wir ein Vor-Er-wachen der Natur , im Luftzug aus weiter Ferne kndigt sich der Morgen schon an.
      Das Gedicht ist im Bewegungsablauf symmetrisch durchkomponiert; der verhalten anwachsenden Bewegung der zwei ersten Strophen steht die intensive — auch innere des Dichters — Bewegung der beiden letzten gegenber, whrend das Mittelstck ein statisches Bild aufweist. Aber nicht nur durch ihre Statik hebt sich die Strophe drei heraus, sondern auch durch die Tatsache, da sich hier der Eintritt des lyrischen Subjekts in das Gedicht vollzieht: vorerst nur indirekt angedeutet im Possesivpronomen mein, verstrkt durch die subjektivierte Auslotung des Naturgeschehens, wodurch dieses Geschehen psycholo-gisiert wird, und der Dichter von der Natur Besitz ergreift . Noch fhrt der Weg ins Ungewisse, mndet er in die dunkle Au, und das Gefhl ist der Kompa. Doch schon folgt der Versuch des Auges, als Organ der Erkenntnis, die Dmmerung zum Morgenlicht zu durchdringen. Der her-aufkommende Morgen deutet sich an: erst im Zwischenzustand sowohl des Lichts als auch des lyrischen Subjekts . Im Suchen des Auges wird der Wunsch nach Licht und Morgen angedeutet.
      Symmetrisch zur Finsternis der ersten Strophe steht der Sonnenaufgang am Schlu des Gedichtes: das Ziel der im Titel angegebenen Richtung, der Morgen, konkretisiert sich im Bild des Himmelsrecken mit dem Fackelbund. Nicht er, der Morgen selbst, wird genannt, sondern nur die wolkendurchbrechende Sonne, unter der die Landschaft zu leuchten beginnt. Auch die Natur wird nicht als Ganzes explizit, sondern nur in einigen Elementen stellvertretend gezeichnet: der Buchenhang, der Ackergrund, ein Tmpel, eine Hecke.
      Der Anla dieses Gedichtes ist ein bekannter und sehr einfacher: seit es Lyrik gibt, ist es immer wieder das Verhltnis des Menschen zu der ihn umgebenden Natur. Unbeeinflut und unbeeindruckt von den Kursschwankungen der literarischen Brse schreibt und lebt, nach eigenem Bekenntnis, der Lyriker Peter Barth. Seine Naturbilder bleiben im Gegenstndlichen; das Verhltnis Mensch — Natur ist immer nachvollziehbar und berprfbar; Dichtung wird hier noch als Nach-Bildung der sichtbaren Welt zelebriert, in Gltigkeit der euklidischen Geometrie. Keine hintergrndige Interpretation des Lebens wird versucht, Mensch und Welt befinden sich in Einklang, distanzlos und ungebrochen. Im Verhltnis zu Welt und Sprache erinnert Peter Barth beispielsweise an G. Co?buc . Die Versuche, Natur zu vergeistigen verbleiben im Ansatz . Das ist aussagend ber die Existenz dieses Dichters und sein Welterleben schlechthin. Im ersten Jahrhundertviertel schrieb der groe deutsche Naturlyriker Oskar Loerke bekenntnishaft und definitorisch zugleich: Nicht verndert hat sich die Welt der Natur unter der dnnen bunten Zivilisationskruste, nicht das Leben und die Lebewesen, nicht die Kristalle, Pflanzen, Tiere mit ihren Gesetzen. So gab es, gibt es und wird es geben das Wesen Licht, unverndert. Aber die Technik des Lichts bringt jetzt Osramlampen hervor statt der frheren Ölfun-zeln. Der Lyriker taugt nichts, der schon etwas Rechtes getan zu haben glaubt, wenn er sich in seinen Versen fr eine Beleuchtungsart entscheidet und darber die Wirklichkeit Licht vergit, und umri damit in unbertroffener Prgnanz Stellung und Modalitt der Naturlyrik im 20. Jahrhundert. Der Übergang zum Tag ist in diesem Kontext als Technik des Lichts zu werten.
     

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