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Paul Fleming - AN SICH



Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,weich keinem Glücke nicht, steh' höher als der Neid,vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.
      Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren, nimm dein Verhängnis an, laß alles unbereut, tu' was getan muß sein, und eh' man dir's gebeut. Was du noch hoffen kannst, das wird auch stets geboren.

      Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an. Dies alles ist in dir, laß deinen eitlen Wahn,und eh' du fürder gehst, so geh in dich zurücke. Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, dem ist die weite Welt und alles Untertan.
      Die Lyrik Paul Flemings nimmt literaturhistorisch gesehen eine Schlüsselstellung ein, sie steht zwischen Walther von der Vogelweide und Johann Christian Günther auf dem Wege zu Goethe. Fleming wurde 1609 in Hortenstein , am 5. 10. geboren. Seine Gedanken- und Erlebnislyrik wurde von zu der Zeit unüblich weiten Reisen mitgeformt und schwankt zwischen Lebensfreude und Todesstimmung. 1640, am 2. 4. starb er, erst 31 jährig in Hamburg. Nach seinem Tode erschienen seine dichterischen Werke 1642 unter dem Titel Poemata.
     
Eine nicht alltägliche Form der Widmung bildet den Titel des wohl bekanntesten und berühmtesten Gedichts von Paul Fleming, des Sonetts An sich. Nicht alltäglich für eine Zeit, in der die Panegyrik, die hochgestellten Persönlichkeiten oder im besten Fall der Geliebten gewidmete Lyrik blühte. Für eine Interpretation ist dieser Titel von größtem Interesse: er bestimmt thematisch wie formal das Gedicht, indem er ein Selbstgespräch des Dichters andeutet und somit die Person anzeigt. Gespräch mit oder an sich heißt aber auch Distanzierung zu sich, die eigene allgemein-tmenschliche Substanz wird dem Dichter zum Objekt, der sich hier gleichsam an den eigenen Erkenntnissen von der Welt aufrichtet, zum Lehrer seiner selbst wird. Wohlweislich aber vermeidet Fleming die erste Person, er spricht sich an als ein du, weitet damit die Perspektive und gleichzeitig — wie wir sehen werden — den Gültigkeitsanspruch der erkannten Lebensregeln. Das Gedicht präsentiert sich als problemreiche Selbstbesinnung in einer Zeit des Untergangs und der Nichtigkeit aller Werte, deren Grund-erle'bnis der 30 jährige Krieg war, jedoch stellt Fleming — auch darin sich von den meisten seiner Zeitgenossen unterscheidend — dieser Nichtigkeit der Welt und des Menschen die Besinnung auf ewige, unzerstörbare Werte entgegen, nicht Klage über die Vergänglichkeit und Unsicherheit des Daseins, sondern Bejahung des Lebens, das die Vergänglichkeit in sich aufnimmt und aufhebt durch die Kraft des Willens und der Weisheit. Zu einer solch heroischen Lebenshaltung rangen sich die Größten jener Zeit durch — beispielsweise Gryphius, Angelus Silesius —, zu einem christlich gefärbten Stoizismus, dessen Devise lautete, aktiv dulden und heroisch leben, kunstvoll und indivduell geformt in diesem Sonett Paul Flemings.
      Das Gedicht beginnt mit einer Aufwärtsbewegung in Antithese zu einer außerhalb des Textes liegenden Erfahrung des Lebens, setzt also unvermittelt den Leser in seine Problematik, die als Rückschluß sich erkennen läßt. Der Vers Sei dennoch unverzagt deutet auf eine im Verhältnis zum Menschen negative Lage der Welt, zu der er in kausalem Zusammenhang sich befindet. Trotzdem die Welt ein Jammertal ist, ruft der Dichter «ich Mut zu, will er nicht verzagen und nichts für verloren geben. Der Anfang setzt also gleich einen Gegensatz: damit befinden wir uns mitten in der Problematik der Epoche und in Entsprechung bei der häufigsten Stilfigur des Barock, der Antithese: der Mensch zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Da sich wider den Menschen Glück, Ort und Zeit verschworen haben, da der Krieg die Nichtigkeit aller Werte demonstrierte, ist der Mensch, überpersönlichen Mächten ausgeliefert, nur auf sich selbst gestellt und er schwankt zwischen affektiver Weltsucht und von der Ration gefordeter Weltflucht. In dieser Zerissenheit ist das Ich einziger Halt, seine Bewahrunghöchster Wert, Zweck und Maßstab des Daseins. Nicht haben sondern sein bestimmt den Menschen, er orientiert sich personalistisch, die Bewährung des Ich setzt der un-sinnigen Außenwelt die sinnvolle moralische Welt der Seele entgegen, woraus folgt, daß der ideale Menschentypus des Barock, hier konkret der Flemings, das starke Gemüt, der großmütige, unwandelbare Charakter ist: Sei mir in allem Handel / Ohn' Wandel I Steh feste heißt es andernorts bei Fleming. Unser Gedicht aber im Lichte dieser Erkenntnisse, die es selbst enthält, ist zu lesen als die Mündigkeitserklärung des für sich selbst verantwortlichen Menschen, dessen Schicksälsgefühl dem Selbstgefühl entspringt.
      Schon gleich der zweite Vers beweist individuelle Formung dieser Gedanken bei Fleming: nicht nur vor den Unbilden der Welt soll der Mensch nicht verzagen, sondern sich auch im Glücke nicht überheben . Das beweist auch, daß das Selbstbewußtsein des Dichters nicht mit Selbstüberhebung gleichgesetzt werden darf, auf dem Weg zu Ausgeglichenheit und Gleichmut ist die Beherrschung der Affekte eine unüberspringbare Stufe: steh' höher als der Neid. Ist das Ich einzig realer Wert, so folgt daraus logisch, daß der Mensch Selbstgenügen suchen muß, daß er, wie Fleming sagt, sich an sich selbst vergnüge. Nur so kann er auch das Leid mißachten, daß sich die ganze Welt, Glück, Ort und Zeit wider ihn verschworen haben. Äußerst kunstvoll ist diese erste Strophe aufgebaut: die Perspektive, hier konkret die an-gesprochene Person, ist durch den Titel bestimmt. Eingangs wurde die Offenheit des Gedichts erwähnt, daß nämlich im Gegensatz zu etwas außerhalb von ihm Liegendes entsteht; Vers drei und vier aber nennen, indem so die Strophe doch abgerundet wird, jenes Verderben beim Namen, nennen die Welt, die sich wider den einzelnen verschworen hat: doch unabhängig von ihr steht der in sich selbst verankerte Charakter. Diese Problematik illustrieren nun die folgenden Strophen, die thematisch eigentlich nichts neues hinzufügen. Sie konfrontieren den Menschen mit allen ihm zuwiderseienden Situationen und weisen ihm dafür die richtige Haltung an. Auch diese Häufung, ja Ballung von Beispielen für dieselbe Tatsache, von Einzelbildern, die in sich schon das Ganze enthalten, indem sie es nur von verschiedenen Seiten beleuchten, ist ein dem Barock eigenes Stilprinzip und hat durch Mißbrauch oft zur leeren Gestik des Schwulst geführt.
      Mit einer vollständig ausgeführten Antithese beginnt Strophe zwei: Ãœberwindung des Schicksals bedeutet seine Annahme, was immer den Menschen betrübt, was immer ihn labt, er halte alles für erkoren, beuge sich selbst dem Verhängnis und bereue, das heißt beklage nichts. Hinter dieser Haltung steht der unverbrüchliche Glaube an eine positive Kraft, die die Welt bewegt, steht das Vertrauen zu Gott: Was Gott beschleußt I das ist und heißt I das Beste, sagt Fleming in einem Trostspruch. Solche

Haltung entzieht sich der Ration, der Mensch kann nur glauben, daß Gott das Beste beschleußt und hat er es denn beschlossen I so will ich unverdrossen 1 in mein Verhängnis gehn, I kein Unfall unter allen I soll mir zu harte fallen I ich will ihn freudig überstehn. Das spricht von Leibniz und der besten aller Welten.
      Aber kein passives Erleiden der Welt heißt solche Haltung, die weit entfernt ist von einem modernen Fatalismus: der Mensch ist frei, insofern er sich der Notwendigkeit unterstellt, er tut, was getan muß sein und ehe man ihm's gebeut. Die Schlußzeile der zweiten Strophe, von außerordentlicher Plastizität und Ausdruckskraft, in faszinierender Setzung der Worte, spricht von einem unerschütterlichen Vertrauen in ein sinnvolles Dasein, macht dieses sogar vom Ich abhängig: die Hoffnungskraft des Menschen trägt ihre Realisierung in sich, was der Mensch noch hoffen kann, das wird auch stets geboren. Nicht Vertröstung auf ein jenseitiges Dasein — wie es jener Zeit eignete —, sondern auf der Erde noch glaubt Fleming an die Verwirklichung positiver menschlicher Werte, damit einen Gedanken formulierend, der weit über seine Zeit hinausreichte. Strophe drei weitet die Perspektive; nicht mehr nur an sich, an den Menschen schlechthin wendet sich nun das Gedicht mit jenem man. Jeder, das besagen die folgenden Verse, ist selbst seines Glückes Schmied , es hängt also weder an der Zeit, noch an den Umständen, ob einer sich realisiert oder nicht. Und so ist Klage wie Lob dem selbst-bewußten Menschen nicht eigen, und nicht in einer solchen Haltung soll der Mensch beharren, aber auch nicht in sich und der Welt verschlossen; er soll alle Sachen dieser Welt an-schaun, um zur Erkenntnis zu gelangen, dies alles sei in ihm: Dies alles ist in dir, I laß deinen eitlen Wahn, mahnt der Dichter und gemahnt in der Aussage an Goethes Faust, der fest stehn und hier sich umsehn soll. Der eitle Wahn meint im Konntext der Zeit alle menschlichen Leidenschaften und Streben nach nichtigen und unerreichbaren Dingen, er schließt, thematisch gesehen, alles Vorhergesagte in einem Bild zusammen: der Mensch lasse sich nicht beeinflußen von Glück, Unglück oder seinen Affekten, das Zentrum der Welt, ein sinnerfülltes Dasein, dies alles ist in ihm. Dieser Glaube bestimmte nicht zuletzt das Verhältnis der Mystiker zu den Dingen der Welt, Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir. I Suchst du Gott anderswo, fehlst du ihn für und für, formulierte unvergleichlich Angelus Silesius die unio mystica. Da der Schwerpunkt der Welt das Ich ist, so heißt Weiterschreiten eigentlich der Weg nach innen: Und eh' du für der gehst, I so geh' in dich zurücke.
      Die Form des Sonetts war im Barock sehr beliebt, da sie dem Antithesenstil entgegenkam in ihrer Zuspitzung auf eine Pointe hin. Auch Fleming baut sein Gedicht dergestalt auf, alle Verse sind zugespitzt auf das Ende, welches sie vorbereiten: Weltbeherrschung, in logischer Entspre-chung zu vorher Gesagtem, ist Selbstbeherrschung. Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, I dem ist die weite Welt und alles une-tertan, formuliert Fleming einen Gedanken, der, schon bei Wakher von der Vogelweide vorhanden, als konstitutives Prinzip noch die Ethik der Klassik mitbestimmte.
      Das Sonett An sich dient der Illustrierung eines gedanklichen Sachverhalts und ist ein typisches Beispiel für die Gedankenlyrik der Epoche, gleichzeitig aber auch eines ihrer realisiertesten. Die Lyrik des Barock ist weitgehend Ausdruckskunst, das dichterische Bild untersteht den Gesetzen der Poetik, die Form überwiegt, was sich durch Ãœppigkeit des Kolorits, starke Farben, Pathos des Sprachgestus und kunstvolle Reihung der Bilder verrät. An sich ist eine einheitliche, grandiose Anschauung des Lebens und der Welt, die dem Vergänglichen der Erscheinung die Erfüllung der Seele mit höchsten menschlichen Idealen entgegensetzt. Dieses persönlich erkämpfte Bewußtsein demonstriert die Souveränität der ihrer selbst-sicheren Person, die durch sich die Welt erkennt und beherrscht.
     

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Paul  Fleming  -  AN  SICH    





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