Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Paul Celan

Paul Celan



SINGBARER REST — der Umriß dessen, der durchdie Sichelschrift lautlos hindurchbrach, abseits, am Schneeort.
      Quirlend unter Kometenbrauendie Blickmasse, auf die der verfinsterte winzige Herztrabant zutreibt mit dem draußen erjagten Funken.
      — Entmündigte Lippe, melde, daß etwas geschieht, noch immer, unweit von dir.
      Paul Celan wurde im Jahre 1920 in Czernovitz geboren. Nach schrecklichen Erfahrungen arbeitete er als Lektor beim Verlag Cartea Rusä in Bukarest. 1947—1948 lebte er in Wien, um danach in Paris Germanistik und Sprachwissenschaft zu studieren. Ab 1959 lehrte er deutsche Sprache und Literatur an der Ecole Normale SuipeVieure. Neben seinen neun Lyrikbänden ' schuf er auch zahlreiche kongeniale Ãœbersetzungen aus dem Russischen und Französischen. 1970 schied er freiwillig aus dem Leben. Vorliegendes Gedicht ist dem sechsten Band entnommen.


      In einer technisierten Konsumwelt hat ontologische Dichtung scheinbar ihre Daseinsberechtigung verloren. Metaphorisch-raunendes Sprechen gilt als ästhetisch veralteter Trick. Die junge Generation der bundes-deutschen Dichter rebelliert gegen lyrisch-privatisierende Mythen, sie will den verhüllenden Systemcharakter kapitalistischer Ausbeutung ent-mythisieren, entschleiern. Der Mensch wird vor allem als gesellschaftliches Wesen lyrisch betastet und abgehorcht.
      Paul Celan ist dagegen konsequent und unbeirrbar einen Weg gegangen, dessen Folgerichtigkeit unter den deutschen Nachkriegsautoren ihresgleichen vergeblich sucht. Er hat sich einen Themenkreis abgesteckt, den er immer wieder sprachlich zu erobern suchte: Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sprache versteht sich als Welt in und über der Welt und reflektiert unablässig ihre Conditio: Ihr mit mir ver- / krüppelnden Worte, ihr meine geraden: ... Unverloren konnte sie nur bleiben, indem sie nicht Wirklichkeit reproduzierte, sondern Wirklichkeit schuf, selbst Realität wurde, darin lag ihre Freiheit und ihre Grenze.
      Stilistisch gesehen ging der Weg von der feierlichen Langzeile und der Genitivmetapher zu Reduktion und Verknappung. Es wäre verfehlt, Celans Dichtung als ungesteuerte Bildwucherung surrealistischer Herkunft einordnen zu wollen. Innerhalb des Gedichtraumes dominieren eigene Gesetze, die ein präzises poetisches Verfahren — Vielstrahligkeit als Exaktheit — durchschimmern lassen. Das Verfahren aber transzendiert sich selbst und den Sprachrealismus zugleich: Alles ist weniger, als I es ist, I alles ist mehr. Nicht mehr Mimesis, Nach-ahmung ist das lenkende Prinzip; nicht mehr nachvollziehbare Erlebnisse und Ganzheiten der Erfahrung sind strukturbestimmend, sondern Versatzstücke des konventionellen Beziehungssystems werden lose aufeinander abgestimmt, verwirklichen sich assoziativ, bleiben aber in der imaginierten Landschaft sinnerschließende Bausteine. Das titellose Gedicht besteht aus kurzen, fast kantigen Verszeilen, die Ãœbergänge wirken ungewohnt. Die Strophen verschiedener Länge scheinen kaum von einem Sinnkonnex zusammengehalten. Symptomatisch für Celans spätere Lyrik sind die kühnen substantivischen Komposita {Sichelschrift, Kometenbrauen, Blickmasse, HerztrabanT), die mit Beiwörtern gekoppelt werden und zwischen denen hintergründige Beziehungen herrschen, sowie die Kargheit des übrigen Wortmaterials. Die Unbestimmtheitsfunktion der Determinanten , die crstmal genannte Dinge mit bestimmtem Artikel versieht, Unbekanntes als etwas Bekanntes und Gewußtes darstellt, trägt zur Vertiefung des Rätselcharakters bei.
      In seiner strengen Ökonomie stiftet das Gedicht aber doch eine Wirklichkeit, es entwirft einen auf das Minimum reduzierten, belebten Kosmos. Komet und Trabant sind Elemente, die in einer Sinnverknüpfung stehen könnten, ebenso Blick, Brauen, Herz, Lippe als Beweismenschlichen Seins. Der Schweif des Kometen suggeriert die Sichelschrift; der singbare Rest verweist auf die in der letzten Strophe angesprochene Lippe. Der Raum scheint abgegrenzt, bewacht, aber nicht gänzlich verschlossen; jemand bricht hindurch, lautlos-heimlich, abseits und am Schneeort zwar, aber trotzdem: Ausbruch ist möglich, Ausbruch jemandes, dessen Umrisse singbar sind.
      In der zweiten Strophe wird die Beschaffenheit dieses Raumes ertastend angedeutet. Er steht im Zeichen des Kometen , der mit seiner Sichelschrift einen Bezirk absteckt und beherrscht, worin menschliches Erkennen — das Auge — nichts mehr leistet, zur Blickmasse herabgemindert und von den Kometenbrauen beschattet wird. Diese Masse ist jedoch noch nicht abgestorben, quirlend zeigt sie noch Leben und sendet dadurch Rufsignale. Der Trabant des Herzens reagiert darauf und kommt von draußen mit dem Lichtsinn, dem erjagten Funken; damit wird die Möglichkeit der Befreiung gegeben, sobald der Funken die Blickmasse erreicht und sie mit echtem Sehvermögen begabt. Von hier aus läßt sich der Bezug zur ersten Strophe anhellen, die in ihrer elliptischen Satzform, ihrem abrupten Einsatz unverständlich blieb, was durch die doppelte Metaphorik bestärkt wurde.
      Das Herz, ebenso wie das Auge von Sichelschrift umzingelt, fand die Kraft, mit einem Teil semer selbst die Grenze zu durchstoßen und dabei sogar die menschlichste Eigenschaft — das Singen — zu bewahren. Obwohl der Herztrabant das Mal der Kometenherrschaft noch trägt , eroberte er sich draußen doch eine Lichtquelle und kommt als potentieller Retter zurück: etwas geschieht. Weltlosig-keit kann wieder zu Welt rückverwandelt werden. Das ist Re-ligio, aber durchaus persönlich und human, Hoffnung jenseits der Hoffnungslosigkeit. Da etwas geschieht, kann die Lippe, die im Kometenraum der Sprechfähigkeit beraubt wurde , wenn auch noch nicht singen, so doch wenigstens melden. Der Herztrabant hat singbare Umrisse, er kann die Blickmasse befreien und der Lippe das Singen ermöglichen.
      Meldung ist auch dieses Gedicht, das Erlösung ankündigt, in der Einheit von Blick und Herz und Lippe. Es ist ein verschlüsselt-bitte-res Antimärchen einer Welt, die nicht mehr märchenhaft-einfache Lösungen zuläßt. Eine mögliche Lösung ist die dichterische Sprache als magischer Akt der Befreiung: Das Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem — gewiß nicht immer hoff-nungsstarken Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht. Gedichte sind auch in dieser Weise unterwegs: sie halten auf etwas zu.
Daß das Nicht-Selbstverständliche auch das Unverstandliche werden kann, ist eine Gefahr, die man auf sich zu nehmen hat... . Celan hat diese Gefahr voll und ganz auf sich genommen und ist den schmalen Grat zwischen dem Immer-noch und dem Schon-nicht-mehr des Gedichts gegangen ...
     

 Tags:
Paul    Celan    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com