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Oscar Walter Cisek - DAS OPFER



Es heben meine schwanken Hände

In den Tag dies Herz, ein zitterndes Tier,
Das in mir lag, äugte

Durch Dickicht und schwarzen Wald.
      Aber nirgend leuchten Die süßen Feuer der Gnade, Und mein Opfer sehnt sich Zurück nach dem Atem Der finsteren Pflanzen, Zurück nach dem Moos, Denn jeder Lichtflug Entfernt ihm die Zeit, Kein Himmel beugt sich Ãœber den Schmerz.

      Nur wenn der Abend herabsteigt Von der Gewölke Stufen, Schaukelt das Meer An meine Ufer leiser, Kreisen die Vögel Besänftigend über dem Land. Dann wird auch die Herzlast In den Händen leichter, Dann schwebt sie leise hinüber Zu den Hängen der Nacht.
      Und spät in die wartende Bangnis Meiner Hände sinkt Wie ein weißer Falter Ein Stern.
      Oscar Walter Cisek, 1897 als Sohn eines Kaufmanns in Bukarest geboren, studierte nach dem Abschluß des Bukarester deutschsprachigen Gymnasiums Literatur- und Kunstgeschichte in München, stand längere Zeit in verschiedenen europäischen Ländern im diplomatischen Dienst, entfaltete eine rege publizistische Tätigkeit im In- und Ausland {Deutsche Tagespost, Hermannstadt, Arbeiterzeitung, Temesvar, Ideea europeanä, Contimporanul, Cugetul romanesc, Literarisches Echo, Prager Presse u.a.), veröffentlichte Gedichte im Hermannstädter Frühling, Erzählungen im Ostland und Klingsor und fand echoreiche Anerkennung mit den Erzählungen des Bandes Die Tatarin . Es folgten mehrere Romane {Unbequeme Liebe, 1932; Der Strom ohne Ende, 1937; Vor den Toren, 1950; Reisigfeuer, 1960—63), sowie zahlreiche Novellen, Erzählungen {Am neuen Ufer, 1956), Ãœbersetzungen, und Essays. Der einzige Gedichtband Ciseks erschien 1934 bei Wolfgang Jess in Dresden unter dem Titel Die andere Stimme. Anerkannt und durch mehrere hohe Auszeichnungen geehrt starb O. W. Cisek 1966 in Bukarest.
      Wenn auf Ciseks Lyrik, die trotz ihres hohen Ranges heute im Bewußtsein der literarischen Öffentlichkeit nicht sonderlich gegenwärtig ist, die auch — rein quantitativ gesprochen — tatsächlich hinter seiner Epik zurücktritt, bei gelegentlichen Anlässen hingewiesen wurde, so war es jedesmal auch das Gedicht Das Opfer , das als Beleg zitiert wurde. Tatsächlich spricht sich darin nicht nur die typische Welterfahrung dieser Gedichte aus, sondern auch die künstlerische Verfahrensweise des Autors wird hier besonders greifbar. Die Bilderfülle, der überquellende Reichtum metaphorischer Anschaulichkeit, wird in einer gestochen scharfen, klar gegliederten Struktur gebändigt und diszipliniert, der ekstatische Aufbruch des Innern nach außen hin gerundet umschlossen.
      Die äußere Gliederung dieses freirhythmischen reimlosen Zeilengedichtes offenbart deutlich die bändigende Strenge: Der vierzeiligen, expositiven Eingangsstrophe entspricht die ebenfalls vierzeilige resüm-mierende Schlußstrophe; die großräumigeren Mittelstrophen von jeweils zehn Zeilen bekunden eine antithetische Haltung, so daß der Dreh- und Angelpunkt dieses Gedichtes genau in der Mitte, in der Zäsur zwischen den beiden Langstrophen liegt. Die einzige Unregelmäßigkeit in den Aufbau bringt der Punkt am Ende der zwanzigsten Zeile, doch wird auch er überwunden durch das folgende dann, das den Gedanken fortsetzt, dem wenn aus der fünfzehnten Zeile antwortet und so die Unterbrechung aufhebt.
     
Mit einer ekstatischen, expressiv gewollten Geste beginnt die erste Strophe. Dem außergewöhnlichen Vorgang entspricht seine Evokation in ungewöhnlicher, von sprachlichen Inversionen gehobener Redeweise. Das lyrische Ich hebt sein Herz in den Tag; es öffnet sein Innerstes und Tiefstes erlebniswillig dem größeren, stärkeren und umfassenderen Geschehen. Doch tritt es damit nicht bloß in Bereitschaft aus sich heraus, es bietet sich nicht nur selbst dar, sondern erwartet auch Antwort, erlösendes Echo. Ja der augenblickliche Aufbruch ist nur letztes, entschlossenes Ergebnis eines schon 'länger währenden äugenden Suchens und Bangens, ist ein Opfer, das 'die Erlösung des Ich bewirkensoll.
      Denn die Ausgangssituation des Ich, seine Eingeschlossenheit in sich selbst, ist, wie das die Metaphern Dickicht und schwarzer Wald nahelegen, unbefriedigend, bedrückend, ist Not. In dieser Lage unternimmt das Ich den entschlossenen Versuch, das lastende Dunkel und die nothafte Leere von sich zu streifen. So kann die prinzipielle Frage, ob es für das Ich eine Selbstrettung gibt und auf welchem Weg diese speziell zu erreichen ist, als thematische Dominante des ganzen Gedichtes genommen werden.
      In der ersten Strophe wählt das Ich den Weg 'der totalen Öffnung nach außen hin, das völlige Heraustreten aus sich selber. Wird dieses Opfer der Selbstaufgabe sinnvoll sein, wird der Tag, das äußere, große, kräftige Weltgeschehen dem loh Erlösung sein von seiner Mangelhaftigkeit? Das ist die thematische Teilfrage, die den Eingang des Gedichtes bewegt. Die ersten Zeilen der zweiten Strophe antworten darauf mit eindeutiger Verneinung: Aber nirgend leuchten I Die süßen Feuer der Gnade. Die Antwort hatte sich schon in der ersten Strophe vorbereitet. Auf schwanken Händen wurde ein zitterndes Herz in den Tag gehoben. Die Unsicherheit der erwarteten Gnade war damit schon von Anfang an gegeben. Nun bleibt sie ganz aus. Ja die Lage des Ich verschlimmert sich mit seiner Tag-Erfahrung: Denn jeder Lichtflug I Entfernt ihm die Zeit. Angesichts des größeren Geschehens wird dem Ich die Zeitlichkeit allen Seins wie auch seine eigene Flüchtigkeit als zusätzliche schmerzliche Lebenstatsache bewußt. So gestaltet sich die Schlußfolgerung und erste Antwort auf die thematische Frage durchaus negativ: Kein Himmel beugt sich I Ãœber den Schmerz. Oder, wie es im Gedicht Schlaflied heißt: Jeder Klang zerrinnt in der Welt, I Die vor deiner Nähe verebbt.
      Ausgespart blieben in der bisherigen Betrachtung des ersten Teiles die Zeilen 7—10, bei denen uns zwei Deutungsmöglichkeiten offen zu stehen scheinen. Aus Enttäuschung über die Antwortlosigkeit des
äußeren Seins erwacht im Ich die Sehnsucht Zurück nach dem Atem I Der finsteren Pflanzen, I Zurück nach dem Moos . . . Die Metapher finsteren Pflanzen klingt deutlich an den schwarzen Wald aus der ersten Strophe an, jene des Mooses läßt sich durchaus auch auf diesen Sachbereich beziehen. Das hieße dann, daß das durch seinen Aufbruch enttäuschte, nun tiefer leidende Ich sich nach seinem Anfangszustand zurücksehnt, der vor aller Selbstöffnung und Welterfahrung liegt. Es ist dies eine Deutung, die vom Wort und der Struktur her nahegelegt wird, während eine zweite eher von der Logik getragen erscheint. Finstere Pflanzen und Moos können nämlich mit gutem Recht auch für sich, ohne Beziehung zu dem schwarzen Wald genommen werden. Dann haben sie zweifelsohne eine andere Bedeutung, eine engere, die nicht von Assoziationen angereichert ist, und meinen etwa einfache Formen des Lebens, Urformen der Existenz, die immer gegenwärtig sind und von keiner Zeidichkeit angefochten werden. Das aber hieße, daß das Ich hier noch einen zweiten Selbstrettungsversuch unternimmt. Wie es eingangs bei dem ereignishaften Geschehen um Antwort anhielt, so tastet es hier einen mythisch-zeitlosen Raum nach dem begehrten und unentbehrlichen Echo ab. Auch der bleibt stumm, die erste Hälfte den Gedichtes verharrt in negativer Seinserfahrung.
      Der zweite Teil bekundet in jedem Sinne gegenteilige Haltungen, der Wille zur Antithetik ist auf allen Ebenen deutlich erkennbar. Im Metaphern- und Bildersystem weicht der Tag aus dem ersten Teil hier dem Abend und der Nacht; dem ekstatischen Hinausheben des Herzens wird durch das leisere Schwanken des Meeres repliziert; der bestürzende Lichtflug wird im besänftigenden Kreisen der Vögel zurückgenommen. Das unruhvolle, unternehmende Suchen des Ich, das im ersten Teil scheiterte, wird hier ersetzt durch die Haltung des geduldigen Empfangens, der Schmerz weicht der Erfüllung. Wohl verschließt sich dieser zweite Teil weit mehr als der erste in eine Metaphorik, die nicht direkt in Begriffe übertragbar ist, doch soviel kann mit Sicherheit erkannt werden: die Antwort auf die existentiellen Fragen des Ich teilt sich hier mit, die Erwartung wird erfüllt. Der Stern aus der letzten Zeile steht dafür; im Verein mit Abend, Meer und kreisenden Vögeln löst er die wartende Bangnis, erleichtert die Herzlast und bewirkt den beseligenden Zustand der schwerelosen Schwebe. Woher und wodurch diese Erfüllung geschieht, ist freilich nur mit äußerster Behutsamkeit aussprechbar. Der sich niedersenkende Abend, das leise schaukelnde Meer, die besänftigend kreisenden Vögel, der falterhafte Stern sind allesamt Befindlichkeiten, die auf Halbtöne gestimmtsind. Nicht der Wirbel des Tages, nicht das gewaltige Geschehen wird zur Erfüllung und Antwort für das sehnsüchtigbangende Ich, sondern das Halblicht, die sanfte Geste, der leise Bereich, die warme Verschwiegenheit, wie es im Gedicht Verzückung heißt. Die Kommunikation mit dem umgebenden Dasein kommt nicht durch die ekstatische Geste des Austrittes aus sich selber zustande, sondern durch das Horchen auf die andere Stimme, auf die leiseren Zwischentöne des Seins. Die Botschaften aus dessen verborgensten und verschwiegensten Tiefen können nicht selbstbewußt erzwungen, sondern nur demütig empfangen werden.
     

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