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Nichtliterarische Texte lassen es nicht zu, die poetologische Differenz zu denken



Die poetologische Differenz zu denken heißt, den innerfiktionalen Sachverhalt derart in den Griff zu nehmen, dass seine inadäquate Deutung ausgeschlossen wird. Ein solcher Zugriff ist angesichts der Bedeutung eines nichtliterarischen Textes nicht möglich: eine historische Abhandlung über Alexander den Großen hätte kein Recht, eine causa finalis in der Geschichte vorauszusetzen, denn dann wäre sie Dichtung. Anders ausgedrückt: Wir hätten die Gedanken Gottes vor der Schöpfung zu kennen, um Geschichte aus der poetologischen Differenz zu denken, als angelegt nämlich auf ein Ziel hin, das von einem Schöpfer gesetzt wurde. Denn die poetologische Differenz zu denken, ist tatsächlich nichts anderes, als die Gedanken des Autors vor seiner Schöpfung zu denken.

      Noch anders gesagt: Der so genannte Warren Report über die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy hat seiner Natur nach nicht die Möglichkeit, sich selbst zu beglaubigen, denn er ist kein literarischer Text und lässt es deshalb nicht zu, seinen Sachverhalt aus der poetologischen Differenz zu denken. Der Warren Report ist deshalb für immer offen für eine Darstellung seiner Sache aus einem völlig anderen Sachverständnis, er ist Teil eines unendlichen Textes . Dies gilt selbstverständlich auchfür seine Widerlegungen, selbst wenn sie, wie Oliver Stones Hollywood-Film JFK mit der Suggestivität von Dichtung auftreten.
      Man beachte das Paradoxon: Gerade der Tatsachenbericht hat nicht die Möglichkeit, sich selbst zu beglaubigen, wie sie zum Beispiel jeder Erzählung Franz Kafkas inhärent ist. Dichtung ist immer schon >wahrjetzt< - und nie für immer. Der ungelöste Kriminalfall lässt mit der Textsorte, die er hervorbringt, den Unterschied zwischen einem nichtliterarischen und einem literarischen Text auf exemplarische Weise deutlich werden. Der literarische Text ist seiner Natur nach ein endlicher Text und deshalb immun gegen jedes Infragestellen seiner »Daten« .
      Die Bedingung der Möglichkeit der poetologischen Differenz liegt in der Endlichkeit des literarischen Textes beschlossen, der auf Grund seiner Natur ein für allemal festlegt, was als Datum, was als wahr zu gelten hat. Wenn wir einen literarischen Text durchgelesen haben, können wir an dem, was er als Wirklichkeit setzt, nicht mehr rütteln.
      Würde uns der von Shakespeare mit seinem Hamlet beschworene Sachverhalt in der empirischen Wirklichkeit entgegentreten, so wären den Recherchen, die den benannten Sachverhalt verändern könnten, keine Grenzen gesetzt. Gegenüber der empirischen Wirklichkeit und den nichtliterarischen Texten, die sich auf sie beziehen, lässt sich eine poetologische Differenz per definitionem nicht denken: denn die empirische Wirklichkeit hat keinen Urheber , dessen Intentionen wir ermitteln könnten.
      Genau diesen Sachverhalt hat Goethe im Sinn, wenn auch ins Humoristische gewendet und kontextbedingt, als er am 3. März 1785 an Charlotte von Stein schreibt: »Ich habe es oft gesagt und werde es noch oft wiederholen, die Causa finalis der Welt und Menschenhändel ist die dramatische Dichtkunst. Denn das Zeug ist sonst absolut zu nichts zu brauchen.«
Anders ausgedrückt: Einen Urheber der Wirklichkeit gibt es nachweislich nur angesichts fiktiver Wirklichkeit, angesichts der Dichtung. Diesen Urheber sehen wir am Werk, sobald wir die poetologische Differenz denken. Wir denken dann diesen Urheber allerdings nicht als Person, sondern als künstlerische Intelligenz, die nur als Werk ihre Wirklichkeit hat. Könnten wir die Gedanken Gottes vor der Schöpfung denken, dann wäre die Weltgeschichte nachweislich Heilsgeschehen, weil wir die Historie auf die poetologische Differenz ansehen müssten. Alle Geschichte würde zur Heiligen Schrift.
      Literarische Texte, d. h. Texte mit fiktiver Wirklichkeit, sind deshalb völlig anders zu lesen als nichtliterarische Texte. Der literarische Text beglaubigt sich selbst, nicht aber der nichtliterarische Text, denn er ist offen für immer neue Einreden aus einem anderen Sachverständnis.
     

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