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Neun Bukarester Thesen zu Literaturentwicklung und Forschungsperspektiven: Deutschsprachige Literatur des Auslands



Vorbemerkung
Sie haben sich nie getroffen, der italienische Grundschullehrer aus dem Alpendorf

V.

und der polnische Diplomingenieur Johann Müller aus Warschau. Die erfundenen Figuren, die ihr Leben in der zugewiesenen Welt des Erzählten vollenden, berichten aber gleichermaßen von irritierenden, seelisch krank machenden Lebenserfahrungen.


      Müller, 'Deutscher aus Lodz, Kämpfer des PPS, Pawiak-Häftling und Verbannter"1, jetzt in den vierziger Jahren deutscher Besatzung in Warschau wohnend, gelingt es in einer riskanten Rücksprache mit seinem Freund, dem 'Offizier des Reichs-Sicherheitsdienstes" der SS, Stuckler, die Jüdin Irma Seidenmann aus der Gestapo-Zentrale in der Schuch-Allee zu befreien. Wegen eines 'idiotischen Zigarettenetuis mit den Initialen LS." hatte man ihre Tarnung als Maria Magdalena Gostomska, 'Witwe eines polnischen Offiziers", durchschaut und sie bei den Deutschen denunziert. In der Konditorei 'auf der Koszykowa-Straße", wo beide das gerade Erlebte besprechen, gerät Müller ins Grübeln.
      'Mein Gott", denkt er, 'was muß ein Deutscher wie ich leiden, ein unvollendeter, ganz und gar nicht auf deutsche Weise organisierter Deutscher mit einem Fehler im Herzen, der dies alles durch die Brille slawischer Erfahrung sieht, so ein Deutscher, angesteckt von der gesegneten Krankheit des Polentums", 'dem Galopp der Phantasie". Er, der 'sich selbst weiterhin zum Teil als Deutscher und zum Teil als Pole fühlte", begreift infolge der kriegerischen Verhältnisse die 'ganz dünne Scheidewand", die ihn zum Leben zwischen den Kulturen zwingt. 'Er fühlte sich ratlos und vom Lauf der Geschehnisse verhöhnt" und 'schüttelte den Kopf über sein eigenes krüppeliges Schicksal".
      Das Schicksal der Figur aus dem zweiten Text ist gleichfalls ,krüppelig'. Der Held der kurzen Geschichte in Diarienform 'absolviert [...] den Lebenslauf oder vielmehr Todeslauf des wahren Künstlers auf das mustergültigste". Ihm, den man als 'Säufer und orgiastischen Opportunisten" einschätzt, hat man 'die Stelle als Aushilfslehrer gnadenhalber gegeben". In dem einsamen Bergdorf vollendet er sein kurzes Leben, nachdem er sich 'im Unfrieden" von der Familie, den Freunden, 'der Stadt", dem Franziskanerorden und der Kirche getrennt hat, 'aus der Literatur wieder geschieden" ist. Er hat in diesem Alpendorf Südtirols 'eine Emigration in das Innerste Innere des Heimatlands" vollzogen.
      Was den Polen und Deutschen, den biederen Bürger Müller, vor allem ahnungsweise berührt, eher von den zufälligen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, der deutschen Besatzungsmacht, der Judenverfolgung und dann der sowjetischen Invasion ausgelöst wird, das gerät dem paßamtlichen Italiener und deutschsprachigen Südtiroler, dem Künstler zur Existenzkrise: '[...] es war in seinem Fleisch und Blut, daß er ein Dichter war und ein Dichter mußte nicht viel schreiben, dafür aber wesentlich, nichts als das Wesentliche".
      Der junge Dichter und Lehrer sieht nicht nur die Müller'sche ,Scheidewand'. Als Künstler der Wahrheit verpflichtet, rebelliert er mit den Wörtern gegen 'die bornierten Landespolitiker" und die ,unterdrückerische' Kirche, schreibt er wider das 'wortlose einander Befummeln" der Literaten und ihre Literatur, 'die er in dieser klein-krämerischen Provinz für nicht existenz erklärt". Er glossiert das 'Deutschsein", das 'Bauernsein" und das 'Katholischsein" in ihrem 'kleinkrämerischen, nachtragenden Abwehrkampf gegen das Fremde [...] aus dem Süden [...], das das Deutsche auffraß, das zugleich das Gute war [.. .]". Der Dichter 'hatte die Literatur und die Gesellschaft umstürzen" und die 'verlorene Existenz" von allem verdeutlichen wollen. Doch man hatte 'ganz einfach so getan, als höre man ihn nicht", 'als existiere er gar nicht" . Die kurze Erzählung räumt dem Dichter nur wenigeTage des Dahinvege-tierens ein: das Ende eines Lebens in tödlicher Vereinsamung.
      Die knappe und gezielt einseitige Vorstellung der beiden Texte bezieht sich auf den Roman Die schöne Frau Seidenmann des polnischen Autors Andrzej Szczypiorski und auf den Text Winterende der vorgeblich österreichischen Autorin Luciana Glaser. Eine literaturkritische Würdigung beider dichterischen Leistungen ist nicht vorgesehen, auch keine Auseinandersetzung mit der vom Innsbrucker Schriftsteller Walter Klier pseudonym veranstalteten Entlarvung fragwürdiger Verleger- und Kritikermaßstäbe. Die thematische und inhaltliche Skizzierung macht das bereits deutlich, denn sie wählt so aus, daß der Bezug zum Anliegen der nachfolgenden Ãoberlegungen ersichtlich wird.
      Wer sich am Gespräch über die Literatur von Autoren beteiligt, die als Angehörige von Minderheiten unter sprachmehrheitlich anderen Bedingungen leben und schreiben, wer die Analyse ihrer Werke unternimmt, ihre Einschätzung versucht und nach Methoden der Darstellung fragt, der muß sich bewußt sein, daß er das vertraute Terrain eines deutschen Literaturraumes verläßt und den Standard germanistischer Ãobungen zu modifizieren hat. Was den Autor, seine Arbeit und die Verbreitung seiner Werke hier philologisch berechenbar macht, den geläufigen Fragestellungen und bewährten Methoden als adäquater Gegenstand zugehört, das Gewohnte ist dort einer interkulturellen Komplizierung ausgesetzt.
      Die grundsätzlichen Bedingungen dafür führen die beiden Texte beispielhaft vor. Der Autor und seine literarische Leistung existieren wie seine Mitbewohner und potentiellen Leser in einer mehrdimensional eingebundenen Minderheitenkultur. Die vielfach gebrochenen und untereinander verknüpften Bezüge gesellschaftspolitischer, soziokultureller und kulturgeschichtlicher Umstände der eigenen Kultur, der Heimatkultur und der Herkunftskultur bilden im austarierten Idealfall jenes Netz von Verbindungen, die Minderheitenkultur zulassen. Kulturelle Eigenständigkeit scheint also eher geborgt zu sein, impliziert Unsicherheit für die Identität, erweist sich als ein oszillierendes Gebilde, das sein leicht irritierbares Vorhandensein aus der Reaktion auf die Umstände bezieht.
      In diesem - hier sehr verkürzt wiedergegebenen - gesellschaftlichen und kulturellen Kontext bewegt sich der Schriftsteller im Interferenzfeld der Sprachen und der mehrfarbig erfahrenen und einsprachig wiedergegebenen Welt, die sein Leben und Denken ausmacht. Aus solchen Bedingungen ergeben sich die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen für den dilettierenden Literaten, der von der kulturellen Enge der Sprachgruppe profitiert und sich für affirmatives und erbauliches Sprechen loben läßt. Dieselben Konditionen gelten gleichermaßen für den Literaten als Künstler, dem die Enge vor allem Beengung ist, wo man seiner produktiv-provokativen Weltdeutung die Rezeption erschwert oder gar verweigert, seinen Rückzug in die intellektuelle Führungsschicht der Gruppe ignoriert, bedauert, vielleicht nicht einmal zur Kenntnis nimmt, ihn als Intellektuellen unter Intellektuellen somit unbehelligt beläßt, vom Agieren der Autoren, Kritiker, Editoren, Verleger kaum noch etwas merkt und des Autors publizistisches Fremdgehen in Deutschland womöglich als kulturelle Fahnenflucht beargwöhnt. Das Dilemma des Schriftstellers ist leicht erkennbar, des guten und des schlechten, denn beide haben für sich, völlig unterschiedlich, ein Krisenbewußtsein zu akzeptieren, wenn es von ihrem Gewissen als Autor und damit als Sprecher für die Ã-ffentlichkeit ausgelöst wird.
      Der Diplomingenieur Johann Müller aus Warschau und der nicht benannte Schriftsteller aus dem Bergdorf V, mit welchem der früh verstorbene Südtiroler Dichter Norbert C. Käser gemeint ist, leben diese Zusammenhänge in ihrer ausgedachten Welt vor, die Grundsätzlichem in der historischen Wirklichkeit nachspürt. Die Germanisten sollten beiden Figuren folgen, aber sie nicht nur in der Konditorei an der Kosc-zykowa-Straße und im Lehrerhaus des Weilers

V.

befragen. Für eine solche Erkundigung sind Vorüberlegungen nützlich.
      Die folgendenThesen und ihre Erläuterungen können als Orientierungshilfe solche Absichten unterstützen und der erforderlichen Ãoberprüfung Richtung geben. Sie basieren auf der jahrelangen Beschäftigung mit dieser Literatur, den Autorbiographien, den unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen in den einzelnen Gruppierungen und der politischen, journalistischen wie literaturkritischen Reaktion darauf. Die Informationen und Reflexionen sind von grundsätzlicher Art, wobei im einzelnen nicht auf die jeweilige wissenschaftliche Kommentierung gezielt eingegangen und darum auf die Literaturzusammenstellung am Schluß der Ausführungen verwiesen wird.

      These I: Literatur
Es kann im Prinzip kein Zweifel daran bestehen, daß es zur Zeit Literatur in deutscher Sprache gibt, die außerhalb des binnendeutschen Sprach- und Literaturraumes unter Sprachminderheitenbedingungen geschrieben, veröffentlicht und gelesen wird.
      Diese Aussage gilt nicht für sämtliche deutsche Minderheiten. Urteilt man in diesem Zusammenhang lediglich für die Zeit nach 1945, dann kann von einer nennenswerten Literaturszene bei den muttersprachlich deutschen Bewohnern in Frankreich , Italien , Rumänien , Ungarn, der Sowjetunion, Israel und mit Einschränkungen in den USA und Kanada gesprochen werden. Diese Szenen unterliegen, mit den Ausnahmen einer gewissen Stabilität in Ungarn und Italien, derzeit einem Wandel, verbunden mit der deutlichenTendenz einer fortschreitenden Verringerung von Produktion und Bedeutung.
      Die personellen, organisatorischen und materiellen Belege für diese Bedingungen sind leicht nachweisbar. Sie ergeben sich aus dem Wirken der Autoren, der verlegerischen Leistung von Buchproduktion und der des Handels von Distribution, der publizistischen Unterstützung durch Zeitungen und anderer Periodika, der Einbeziehung in weitere regionale und nationale Kommunikationssysteme, durch den Zusammenschluß von Autoren, die Durchführung von Veranstaltungen und nicht zuletzt aus dem geläufigen Gebrauch einer Bezeichnung, auf die man sich geeinigt hat, z.B. ,el-sässische' oder ,ungarndeutsche Literatur'. Der Nachweis über Leserzuspruch und Wirkung im regionalen bzw. gruppeninternen Rahmen, im nationalen, dort unterstützt durch Ãobersetzungen, und im internationalen, vornehmlich des deutschen Literaturmarktes gewohnter Definition, kann - bei der anhaltend unzulänglichen Kenntnislage -mit einem geringen Effekt angenommen werden.

      These II: Wissenschaft
Im deutlichen Unterschied zur journalistischen Publizistik, die in der Regel auf die aktuellen politischen Ereignisse reagiert, der Geschichtswissenschaft und der Soziologie haben Literatur- und Sprachwissenschaft, allgemein gesagt: hat die Germanistik, bis heute die literarische Kultur der Deutschen im Ausland als systematisch zu behandelnden Forschungsgegenstand und damit als Teil des eigenen Curriculums nicht akzeptiert.
      Die Ursachen für diese fachspezifische Abstinenz hängen zusammen mit der fachgeschichtlichen Hypothek einer engen Verbindung von Wissenschaft und Ideologie während des Nationalsozialismus und der bis heute fehlenden Aufarbeitung, mit weithin verbreiteter Unkenntnis und immer noch gepflegten altlinken Vorurteilen durch Hochschullehrer, mit den innen- und außenpolitischen Rahmenbedingungen einer Kultur- und Wissenschaftspolitik der Bundesrepublik Deutschland, die über Jahrzehnte kulturelles wie wissenschaftliches Engagement in dieser Sache der kulturpolitischen Fürsorgepflicht aus politischer Opportunität nicht zuließen, mit den begreifbaren innenpolitischen Empfindlichkeiten und Isolierungsmaßnahmen jener Staaten, in denen deutschsprachige Gruppen leben. Die weithin bekannte Auseinandersetzung über die müßigen Nachfragen, ob es denn solche Literatur überhaupt gäbe und diese als selbständige, nationalliterarischeTeilliteratur oder generell als deutsche Literatur bzw. Literatur deutscher Sprache, als vierte oder fünfte zu behandeln sei, demonstriert die Unsicherheit einer Fachwissenschaft, die sich von überflüssigen nationalliterarischen wie nationalphilosophischen Ansprüchen irritieren läßt und die eigentlichen Entstehungs- wie Wirkungszusammenhänge nicht wahrzunehmen in der Lage ist.
      Vom Beginn der siebziger Jahre bis zum Ende der achtziger Jahre findet die Forschung außerhalb der Hochschule statt. Sie wird in den Landsmannschaften und anderen Vereinigungen vor allem unter Aspekten der kulturellen Selbsterhaltung betrieben. Sie ist lokal-, regionalgeschichtlich und biographisch orientiert, verfährt werkbeschreibend und monographisch. Eine Auseinandersetzung, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, tragen wenige Einzelpersönlichkeiten, vor allem Germanisten, die mit ihren Beiträgen vorrangig die Ziele der Materialerfassung, der Literaturbeschreibung und Informierung von Ã-ffentlichkeit, weniger Probleme von Methode und Bewertung verfolgen. Im Hinblick auf allgemeine germanistische Fragen sind die Beiträge von Norbert Mecklenburg, die Arbeiten des Verfassers und jetzt die Ãoberlegungen von Norbert Otto Eke zu nennen. Diese werden ergänzt durch Veröffentlichungen, welche sich im besonderen mit den spezifischen Problemen der Literatur einer deutschsprachigen Gruppe beschäftigen. Dazu zählen die Ã"ußerungen von Heinrich Stiehler und Peter Motzan über die rumäniendeutsche Literatur, von Adrien Finck über die elsässische Literatur, von Hartmut Fröschle über die deutschkanadische sowie von Annelore Engel und vom Verfasser über die sowjetdeutsche Literatur. Diverse Veranstaltungen zum Thema undVorträge im In- und Ausland, die Betreuung von Buchreihen flankieren diese Bemühungen von fachlicher Reflexion und öffentlicher Information.

     
   These III: Aktuelle Entwicklung
Aufgrund des unmittelbaren Zusammenhangs von politischen Gegebenheiten und Minderheitenexistenz, von nationaler Kulturpolitik, Sprachzustand in der Minderheit und Literatur haben die - im demokratischen Sinne - inkonsequenten gesellschaftspolitischen Veränderungen Ende der achtziger Jahre vor allem in Ost- und Südosteuropa einen negativen Einfluß auf die deutsche Sprache und Literatur in diesen Ländern.
      Während sich im europäischen Raum die kulturellen Verhältnisse in Italien stabil halten, die französische Zentralgewalt die sprachliche Erosion im Elsaß administrativ begünstigt, in Ungarn die Diskrepanz zwischen organisatorisch und verbal vorgezeigter und tatsächlicher kultureller Substanz weiterhin offiziell verdeckt wird, scheint der Exodus der deutschsprachigen Bevölkerung aus Rumänien und der Sowjetunion unaufhaltbar.
      Damit ergibt sich derzeit aus dem Negativeffekt für die deutsche Literatur in Rumänien und der UdSSR ein Positiveffekt für die Forschung in Deutschland. Die Zuwanderung von Literaturwissenschaftlern und Historikern, eine im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands allgemeine Hinwendung zur Bearbeitung deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts, ein modifiziertes Selbstverständnis der Landsmannschaften und Organisationen des Kulturaustauschs. die bevölkerungspolitisch begründeten Maßnahmen der Bundesregierung zur Förderung deutscher Minderheiten führen insgesamt zu einer breiteren Belebung der Forschungsaktivitäten. Dies bezieht sich wiederum vorrangig auf historische, soziologische, aber auch sprachwissenschaftliche, weniger literaturwissenschaftliche Themen. Die Hochschulgermanistik ist weiterhin praktisch nicht beteiligt, auch wenn die Erweiterung der Definition von Germanistik als Kulturwissenschaft und interkulturell zu betreibendes Fach die inhaltlichen und methodischen Möglichkeiten dazu anbietet.
      Analyse

These IV: Literatur
Literatur von Sprachminderheiten, die durch geopolitische Entscheidungen oder wanderungsgeschichtliche Vorgänge entstanden sind, ist immer literarische Kultur, deren Existenz durch innenpolitische sowie eigene kulturelle Beharrungsleistung eine Existenz auf Zeit ist und deren quantitative wie qualitative Erscheinung auf diesen Voraussetzungen beruht.
      Die Ãoberprüfung der kritischen Auseinandersetzung mit deutscher Literatur des Auslands gibt Auskunft über den müßigen Bezeichnungsstreit um Benennungen wie ,deutsche Literatur', ,Minderheitenliteratur', ,Nationalitätenliteratur', ,auslandsdeutsche Literatur' usw. Sie läßt aber eben auch unausgesprochen erkennen, daß die entscheidende Frage übergangen wird, ob bereits das Vorhandensein von bedruckten und zu wenigen Büchern gebundenen Seiten sowie die Etikettierung als z.B.,ungarndeutsche' oder,deutschkanadische Literatur' und die Dokumentation von Autorentätigkeit und Publikationen es seriöserweise gestatten, von einer jeweils eigenständigen Literatur zu sprechen, was allgemein stillschweigend angenommen wird.
      Wenn man sich darauf grundsätzlich einigen kann, daß die Entwicklung einer eigenständigen Literatur unmittelbar abhängig ist von stabilen, weitgehend homogenen Sprach- und Gesellschaftsverhältnissen und daß nach diesen Voraussetzungen zwischen Sprachgemeinschaft, Sprache und Literatur ein enges Wechselverhältnis vom Autor zum Leser und vice versa gegeben ist, dann muß erst einmal grundsätzlich bedacht werden, worum es sich denn dabei handelt, das in Sprachminderheiten literarisch dokumentiert wird. Diese Frage verstößt gegen kein Sakrileg - obwohl man manchmal in Gesprächen den Eindruck hat -, kann also auch nicht als ketzerisch oder unsachlich abgetan werden. Kontinuierliches Veröffentlichen und ansehnliche Buchmenge im Regal, eigene Verlage, Zeitschriften und ein mehr oder minder professionelles, dabei zumeist hermetisches Kritikergespräch vorsichtiger Einschätzung von Literatur, politisch so geboten oder nachbarschaftlich geraten, im kleinsten Kreis jener wenigen Intellektuellen, die auch die anderen Medien führen, Arbeitssitzungen bestimmen und Autorenvereinigungen füllen, - das ist zwar personell und organisatorisch unter Umständen eindrucksvoll. Literatur und literarisches Leben werden jedoch im Sinne einer weitgefaßten Definition damit noch nicht geleistet, sondern lediglich suggeriert.
      Die Literaturkritik hat bisher überwiegend gehandelt, ohne die Konditionen der Literatur präzise zu kennen, die sie mit einem Instrumentarium handhabt, das für -vereinfacht gesagt - selbständige Literaturen einzelner Sprachgemeinschaften oder Staaten entwickelt worden ist.
      Die unausgesprochene Konfliktsituation des Autors zwischen den Kulturen mit seiner literarischen Produktion für eine literarische Szene auf Zeit, die den Zufallsentwicklungen im politischen und kulturellen Raum ausgeliefert ist, muß als wesentliches Merkmal solcher Literatur angesehen werden. Der Autor steht zwischen Minderheitenanspruch auf existenzbestätigende Dokumentation und eigenem Anspruch auf Kunst und daran gebundene Rezeptionsforderungen von potentiellen Lesern, tatsächlichen Lesern, Ãobersetzungsmöglichkeiten, Publikationschancen auf dem deutschen Literaturmarkt und eigenen Rezeptionserwartungen. Diese Umstände steuern in Minderheiten zusätzlich Literaturentstehung, Themenwahl, Stoffsuche und Textsortenentscheidung, den Grad der künstlerischen Transformation und die Qualität. Wer diese Implikationen bei der Lektüre und Analyse vernachlässigt oder gar übersieht, der handelt an den tatsächlichen literargesellschaftlichen Verhältnissen vorbei, was bislang fast regelhaft geschehen ist.

      These V: Wissenschaft
Die immer noch fehlende Ausweitung der literaturwissenschaftlichen Fragestellung auch auf die Literatur deutscher Sprache des Auslands und die Integration einer solchen Ergänzung für die curricularen Planungen von Lehre und Forschung an den Hochschulen verhindern eine der Sache angemessene differenzierte Methodendiskussion und Bearbeitungssystematik .
      Die literarkritische Auseinandersetzung weist derzeit Symptome sowohl der Intensivierung als auch der Extensivierung auf. Politische Veränderungen in Mitteleuropa, die erwähnte Zuwanderung von Wissenschaftlern aus Rumänien und der UdSSR, die plötzliche Aktualität der Kultur einer eigenständigen Minderheitenkultur der Sorben mit einer spezifischen Literatur auf dem Gebiet Deutschlands und natürlich der Zeitgeist - auch germanistische Themen unterliegen Modetrends - begünstigen das wissenschaftliche Engagement.
      Bei einer Durchsicht der Forschungsbeiträge während der vergangenen zwanzig Jahre fällt auf, daß beschreibende Darstellungen und personenorientierte Analysen dominieren, dagegen Grundsatzfragen der literarkritischen Beschäftigung mit solcher Literatur bis auf Ãoberlegungen in wenigen Beiträgen vermieden werden, daß im wesentlichen in enger Perspektive bezogen auf Einzelautoren oder Minderheiten ohne interkulturellen respektive komparatistischen Zugriff gearbeitet wird. Dabeiwirkt sich zusätzlich negativ aus, wie nachhaltig die Forschung innerhalb anderer Minderheiten deutscher oder anderer Sprache, innerhalb der deutschen Germanistik ignoriert wird.
      Folglich bleiben wesentliche Aspekte des adäquaten Zugangs ausgeblendet. Dazu zählen die Ãoberprüfung und die Modifizierung des methodischen Instrumentariums für die Behandlung von Literatur, die vor allem von sozialgeschichtlichen und sozio-kulturellen Voraussetzungen her existiert. Das gilt auch für die vernachlässigte Rezeptionsorientierung im Sinne der Frage, wer dieser Literatur als geistiger Realität bedarf sowie als Forschungsgegenstand, und zwar innerhalb der Minderheit, im Heimatstaat, im deutschsprachigen Mitteleuropa, und wer sie überhaupt wahrnimmt und wessen der Autor bedarf, um als Autor überhaupt bestehen zu können.
      Damit hängt die Wertungsproblematik unmittelbar zusammen, der offenkundig durch die Literaturkritik ausgewichen wird, um Schonraum zu gewähren, mit der unzulässigen Begründung, der potentielle künstlerische Herkunftsraum sei bescheiden und darum sei Rücksichtnahme legitimiert. Die Kunst ist nicht teilbar, und wer dennoch meint, Kunst teilen zu können, der muß sich fragen lassen, wie es um seine wissenschaftliche Redlichkeit und Verantwortung bestellt ist, mit der er für eine literarisch ungeübte Ã-ffentlichkeit orientierende Urteile abgibt und sich einer versierten Fachwelt stellt. Eine solche Beugung der Kritik hebt Kritik auf und kündigt den so notwendigen Dialog mit den Fachkollegen der jeweils nationalen und deutschen Philologie auf.
      These VI: Aktuelle Entwicklung
Die Abstinenz der Hochschulgermanistik gegenüber diesem Teilaspekt ihres Forschungsgegenstandes hält an, bei allgemeiner Ausweitung der wissenschaftlichen Aktivitäten, welche sich quantitativ, weniger qualitativ, zugunsten der Darstellung von Detailbereichen und synoptischen Zusammenfassungen auswirken.
      Eine generelle gesellschaftspolitische und kulturelle Ã-ffnung der Nationalstaaten für den ungehinderten Gedankenaustausch, verstärkte Assimilationsneigung und Wanderungsbewegungen, nicht mehr kompensierbare Schädigung der kulturellen Substanz vor allem des Deutschen als Muttersprache sowie die zunehmend liberale Handhabung von Minderheitenrechten verhindern nicht nur die Stabilisierung von relativ eigenständigen Minderheitenliteraturen, sie begünstigen Profilverlust und ihre Reduzierung. Eine so reduzierte literarische Leistung geht einher mit zunehmender materieller und organisatorischer Subvention des jeweiligen Kulturbetriebs durch deutsche Einrichtungen, mit einer raschen Ausdehnung der Forschungsaktivitäten in Deutschland, die hauptsächlich von nicht-universitären Einrichtungen getragen werden.
      Nach einer ersten Phase der Sammlung und Information folgt nunmehr eine weitere Phase der vermehrten Materialsichtung, Einzelanalysen und Gruppenleistungen für öffentliche Aufklärung, der Konferenzen, Feldforschung, Literaturgeschichtsschreibung, und das bei voraussichtlich andauernd geringem Interesse für Grundsatzfragen. Literatur der deutschen Bevölkerungsgruppen im Ausland ist der Wissenschaft zunehmend ein historisches Phänomen der Kulturgeschichte, weniger ein gegenwärtiges der literarischen Erfassung von mehrsprachiger Welterfahrung zwischen den Kulturen.

      These VII: Literatur
Deutsche Literatur des Auslands bleibt als Randerscheinung deutscher Literatur und der jeweiligen Nationalliteratur des betreffenden Heimatstaates eine literarische Leistung vor allem mittelmäßigerTaiente, welche innerhalb des Rahmens gruppenkulturel-1er Selbsterhaltung Funktion haben und vom bundesdeutschen Literaturbetrieb mit seinen spezifischen Mechanismen der Verteilung, Konsumierung und Bewertung weitgehend ausgeschlossen werden.
      Literatur deutscher Sprache wird innerhalb deutschsprachiger Gruppen des Auslands auch zukünftig entstehen, allerdings mit rückläufiger Tendenz hinsichtlich Quantität und Qualität. Die sich fortsetzende Verminderung der Kohärenz deutscher Sprachgemeinschaften führt zu einer Verminderung der Begabungsentwicklung und verhindert sicherlich nun erst recht die Entwicklung einer als geschlossen zu bezeichnenden Literaturszene und eines Kommunkationsgefüges mit einem eigenen Gepräge, i Die deutsche Literatur des Auslands wird weiterhin nicht in der Lage sein, feine eigene Literaturszene zu etablieren, wenn man von der früheren rumäniendeutschen und der Südtiroler Literatur mit ihren ungeklärten Rezeptionsverhältnissen dabei absieht. Das hat grundsätzlich zu tun mit den Produktions- und Rezeptionsbedingungen. Weil ein begabter Schriftsteller, der durch die künstlerische Transformation seiner Erfahrung einer ihn umgebenden Lebenswirklichkeit ins Allgemeingültige die kulturelle Enge der Gruppe mit seinemTun verläßt, aber auch praktisch mit der Suche nach Verleger, Leser und Kritiker auf dem deutschen Literaturmarkt, verliert die Gruppenkultur an künstlerischer Substanz, weil sie sie nicht tragen kann. Wirksam werden dann jene Autoren, die, von der Konkurrenz des Begabten befreit, den begrenzten Ansprüchen einer allgemeinen Verständlichkeit und dem kulturbestätigenden Anspruch vor allem von führenden Funktionären entgegenkommen bzw. mit ihrem Talent genügen, das jedoch dem deutschen Literaturmarkt unerheblich erscheint.
      Die Literatur aber bleibt, aus der Sicht der Gruppe, ein wichtiges Indiz eigenen Kulturlebens, eine unentbehrliche schriftliche Leistung zur Stützung der deutschen Sprache und zur Demonstration kultureller Eigenständigkeit, mit der in Konkurrenz zu anderen Sprachgruppen relative kulturpolitische Autonomie beansprucht werden kann. Wie weit Talentenge, reduzierte Sprachkompetenz mit entsprechendem Leserverhalten und sich vermindernde Buchmenge die Einrichtungen von Verlagen, Zeitschriften, Buchhandel, Literaturkritik, Literaturwissenschaft usw. in einem Umfang des funktionierenden Literaturlebens erhalten oder sogar konstituieren können, ist in höchstem Maß fraglich.
      Es besteht eine deutlich erkennbare Neigung, die schon vorhandene Divergenz zwischen einem reduzierten Literaturleben und einer wachsenden Einrichtung von literaturverwaltenden Institutionen mit entsprechendem Personal auszuweiten, dadurch Ansprüche zu vertreten, die eigenem Funktionsverständnis mehr dienen als einer öffentlich korrekterweise bestätigten Begrenztheit des Gegenstandes ,Minderheiten-literatur'. Einen öffentlichen Markt für diese Literatur gibt es nicht, einen wissenschaftlichen nur eng begrenzt.
      These VIII: Wissenschaft
Es ist davon auszugehen, daß die deutsche Literaturwissenschaft eine gezielte Beschäftigung mit deutscher Literatur des Auslands weiterhin als irrelevant ansehen wird.
      Das hängt ursächlich zusammen mit deren rückläufiger Bedeutung, einer unzulänglichen Aufarbeitung auch dieses Teils der germanistischen Fachgeschichte, der Scheu des Wissenschaftlers vor dem komplexen interkulturellen Zusammenhang der Entstehung, einer inzwischen fehlenden philologischen Auseinandersetzung an deutschsprachigen Fakultäten im Ausland und dem Desinteresse der jeweiligen nationalen anderssprachigen Philologien und auch der Germanistik. Wenn es dennoch zu einem sporadischen Engagement durch die hiesige Literaturwissenschaft kommt, dann erfolgt das zumeist aufgrund einer Beobachtung gelegentlicher Zuwanderung von Autoren in den deutschen Sprachraum, außergewöhnlicher kultureller oder kulturpolitischer Ereignisse, journalistischer Impulse, individueller Neigungen einzelner Germanisten, aufgrund von Profi-lierungsgelegenheiten durch aktuell bedingte Forschungsaufträge und mögliche thematische Zusammenhänge wie beispielsweise dem Regionalismus-Aspekt.
      Dennoch bleibt das Faktum bestehen, daß es sich um Literatur deutscher Sprache handelt und sie damit auch Teil des Aufgabenbereichs der deutschen und der jeweils anderen nationalen Germanistik bzw. Philologie ist. Um allerdings dieser Literatur philologisch gerecht zu werden, ist der standardisierte Netzüberwurf des wissenschaftlichen Zugriffs zu überprüpfen und zu modifizieren, und es sind Umstände zu kalkulieren, die für die literarischen Verhältnisse in dem hiesigen sprachlich-literarisch geschlossenen Kulturraum kaum eine Rolle spielen. Sozialgeschichtliche Aspekte und soziologische, orientiert an den Vorstellungen Pierre Bourdieus vom sozialen Feld als mehrdimensionaler Raum', sind hilfreiche Erweiterungen für die Nachfrage. Auch der Blick über den Zaun in die Gefilde der Nachbarphilologien kann nur nützlich sein, zumal es beispielsweise eine sehr ergiebige Forschung zu den Commonwealth-Literaturen gibt. Auf dieses Erfordernis ist vor allem vom Verfasser, aber auch von anderen Kollegen wiederholt hingewiesen und an paradigmatischen Vorstellungen erläutert worden.
      Zu den bislang nicht genügend geklärten Voraussetzungen für eine sachgerechte Auseinandersetzung zählen die fachgeschichtliche Vergewisserung und ideologiekritische Klärung der Beiträge aus der Zeit vor 1945, die Ausrichtung der Perspektive auf komparatistische, interkulturelle Verhältnisse besonders der Literaturentstehung und des interliterarischen Einflusses, die Durchführung von schonungslosen Rezeptionsanalysen in Zusammenhang mit der Berücksichtigung paratextueller Bedingungen, eine Analyse der literarkritischen Sortierungsmechanismen, ihrer Steuerungselemente im gruppendynamischen Gefüge einer Minderheit, eine gleichermaßen offene Diskussion der Wertungs-Problematik und derWertung hinsichtlich weit verbreiteter trivialer Qualität und mehr artistisch konstruierter denn künstlerisch geschaffener Literatur, die differenzierte und seriös geführte Diskussion über literargeschichtliche Darstellung und deren keineswegs gewisses Erfordernis, letztlich die Frage nach der Relevanz für den germanistischen Auftrag. Daraus folgt, daß für größere Projekte wie literargeschichtliche Darstellungen oder die Berücksichtigung in Handbüchern zuvor eine entsprechende Grundsatzklärung herbeigeführt werden muß, will man den Anspruch einer sachgerechten Behandlung des Gegenstandes aufrechterhalten.
      These IX: Aktuelle Entwicklungen
Wie grundsätzlich überall folgt die Entstehung und die Beachtung von Literatur bei den deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen im Ausland nicht nur poetologisch-künstlerischen Bedingungen. Es besteht jedoch für die neunziger Jahre die Neigung, literarische Produktion und die Pflege von Literaturleben Forderungen aus dem kulturpolitischen Raum unterzuordnen und entsprechend zu funktionalisieren, ohne Beachtung des Kreativitätspotentials und der Bedarfssituation. Die literarkritische Auseinandersetzung wird sich wohl, vor allem abseits der Hochschulgermanistik, zunehmend der Materialsammlung und deren Beschreibung widmen, dann der Darstellung sowohl einer überdetaillierten und überbewerteten Dokumentation als auch einer problematischen Vereinfachung im Sinne einer popularisierenden Information der Ã-ffentlichkeit.

      Kurze Nachbemerkung
Die Autoren und ihre Literatur in den ausländischen Provinzen deutscher Sprache sind ein Teil der gesellschaftlichen und kulturellen Enge ihrer Bevölkerungsgruppe und Region. Der Schriftsteller dort und der Beobachter hier müssen sich fragen, ob der 'Weltschauplatz [...] dort wirklich vor der Tür zu liegen" scheint und man 'keine Angst" zu haben brauche, 'daß der literarische Extrakt zu dünn und zu dürftig ausfalle". Mit seinem Diskurs in der Enge ist Paul Nizon denjenigen Zusammenhängen gefolgt, welche für die Literaturentwicklung in dem Alpenstaat und in den Minderheitengruppierungen Vergleichbares ansprechen.
      Nizon spricht von der 'Furcht vor der Enge", die der Autor als Künstler erlebt. Und er erläutert die Folgen, welche sich aus der literarischen Hinwendung zur Enge und der Flucht vor ihr ergeben. Versucht ein Schweizer Schriftsteller sich an den 'schweizerischen Alltagsmaterialien", dann gelingt ihm keine Kunst in jenem 'selbstverständlich lebensvollen Sinne, [...] wie er es von anderen Literaturen her kennt", denn dann 'läuft er Gefahr, lokal zu werden": und das heißt ,unecht', ,gekünstelt', unwahrscheinlich', ,lächerlich ,langweilig' und ,unbedeutend'. Aber dann gebe es ja noch die Möglichkeit der 'physischen Flucht", 'um die Enge zu sprengen" und die künstlerische Flucht: 'Der Ausstieg in die Ãoberhöhung, das Sich-Versteigen in die Vergeistigung [.. .]."

   Nizon geht vom Literaten als Künstler aus. Er meidet das Urteil über den Dilettanten, dem die Enge behagt, zumindest kaum bewußt ist, und der die Provinzialität seines Tuns nicht zu reflektieren vermag. Um ihn aber muß der Katalog der Fluchtwilligen erweitert werden, wenn man Nizons Ausführungen als hilfreiche Unterstützung beim Nachdenken über die deutsche Literatur des Auslands hinzuzieht.
      Hinhören und aufhorchen muß man aber auch, wenn eine Literaturstudentin und Minderheitenangehörige nachdrücklich erklärt, sie sei es leid, sich mit der Literatur ihrer Bevölkerungsgruppe wissenschaftlich auseinanderzusetzen, weil es ihr sinnlos erscheine, ein Objekt weithin trivialer Qualität zu betrachten, für das es außerdem kaum Leser gebe. Und man kann es nicht mit der Abwehrgeste des Belästigten von sich weisen, wenn ein Hochschulgermanist dem anderen Kollegen erklärt, die philologischen Klimmzüge für jene Minderheitenliteratur seien ja durchaus verdienstvoll. Aber man solle keinen Illusionen derart folgen, daß es hier einen philologisch interessanten Gegenstand gebe, der im Ausland entsteht, hier überhaupt keine Leser habe, auf die hiesige Kultur und Literatur keinen Einfluß ausübe, frei von innovativer poe-tologischer wie künstlerischer Leistung sei, insgesamt marginal für welche Form der Betrachtung auch immer, überwiegend provinziellen Zuschnitts und somit bar jeglicher utopischer Qualität.
      Die Bedenken, so salopp sie auch vorgetragen werden, sind gravierend. Sie lassen sich nicht vom Schreibtisch des Philologen wischen. Denn in derTat wird es dann problematisch, wenn die Beschäftigung mit jener deutschsprachigen Literatur im Ausland auf eine kleine Gruppe von verdienstvoll Engagierten beschränkt bleibt und die Einsicht wächst, Minderheitenliteratur sei größtenteils provinziell, was rasch belegt ist, und der 'Provinzialismus in der Kunst", also auch in der Literatur, habe 'Bedeutung nur als ethischer Rückhalt", wie Cesare Pavese meint, und erscheine darum kaum noch für die philologische Betrachtung geeignet.

     
   Demjenigen, der so konsequent fordert, soll man zuhören, ihn aber auch korrigieren angesichts undifferenzierter Auslassungen über einen Sachverhalt, der bei angemessener Zielvorgabe und Fragestellung für die Germanisten als Beobachtungsgegenstand Sinn macht. Nur muß aufgepaßt werden, daß nicht eine Situation eintritt, die den interessierten Philologen zum 'Leser auf der Stör" macht. Denn diese sind beruflich damit beschäftigt, den Lesern das Lesen abzunehmen. 'Sie tragen die Uniform des Leseinstituts ,Legissima', ein weißes Hemd mit offenem Kragen und ein gelbseidenes, schwarzbetupftes Halstuch", und im 'Koffer führen sie die Lesebrille mit sich". Sie haben 'Bibliotheken zu stimmen, alte Bücher mit ihren Augen aufzufrischen und die neuen Bücher zu lesen".

     
   Hermann Burgers Berufsleser bewegen sich mit Würde durch die Satire und handeln zuverlässig professionell. Der Verfasser diesesTextes neigt immer häufiger dazu, die Herren in ihrer ausgedachten Welt als Kollegen anzusprechen. Er betont jedoch: er neige dazu.
     

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