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Nah und fern, oben und unten, links und rechts



Raumerfahrung ist immer gegliedert. Das heißt: Welt, die räumlich begegnet, hat immer ihr >nah< und >fernoben< und >untenrechts< und >linksbe-deutet< ihm etwas in dem Sinne, dass es zum Zeichen genommen wird, das uns nonverbal etwas bedeutet, so wie man etwa sagt: »Er bedeutete ihm, zu schweigen«, oder »Erbedeutete ihm, stehen zu bleiben.« Verstandene Bedeutung >be-deutet< unsimmer etwas, ist immer Situierung, Orientierung, Daseinsvollzug: Existenz.

      Solche Orientierung kann auch das Insichgehen im Denken an den Tod sein.
      Man denke an Wandrers Nachtlied von Johann Wolfgang Goethe.

      Ãober allen Gipfeln
Ist Ruh,

In allen Wipfeln
Spürest du

Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.

      Warte nur, balde
Ruhest du auch.
      Die Sinne werden mit ihrer Wahrnehmung nacheinander auf eine Nullstelle gebracht: Der Gesichtssinn nimmt keine Bewegung wahr , der Tastsinn bekommt fast nichts zu spüren , der Gehörsinn bekommt nichts zu hören . Die Sinne sehen sich nacheinander abgestellt, so dass sich aus dieser Art und Weise, Natur zu erfahren, das Denken an den Tod nahe legt. Das Nahelegen ist hier wörtlich zu nehmen, denn die Nullstellen der Sinne kommen auf das erlebende Ich zu . Aus solcher Reduktion der Außenwelt in die wahrnehmende Innerlichkeit aber kommt es zu einer neuen Hinwendung zur Außenwelt: zum haltenden Blick des Abschieds, mit Grauen untermischt, denn der Stillstand in der Natur ist ja gerade keine substanzielle Parallele zur Endlichkeit des individuellen menschlichen Daseins. Die Natur kennt kein »Generalende« . Das menschliche Dasein steht heraus, nimmt sich hier in seiner Existenz wahr.
      Die Raumerfahrung wird in Goethes Gedicht durch Sehen, Spüren und Hören konstituiert. Der Gesichtssinn nimmt aber in der menschlichen Wahrnehmung ganz offensichtlich eine Vorrangstellung ein. Goethes Gedicht ist gesehene Natur.
      Je nach der Situation, in der das Ich-Hier-Jetzt steckt, kann ein bestimmter Sinn ein besonderes Gewicht bekommen. Man denke an die Bedeutung des Hörens und Fühlens in manchen Erzählungen Edgar Allan Poes, die uns den Menschen in dunklen verschlossenen Räumen vorführen, so die Grube und das Pendel und der Bericht des A. Gordon Pym. Aber auch völlige Dunkelheit schaltet das innere Sehen nicht aus. Ja, die Leistung der Einbildungskraft ist primär ein inneres Sehen . Kant definiert die Einbildungskraft als »das

Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen« .
      So ist erlebter Raum immer gesehener Raum, sei er vorgestellt oder gegenwärtig. Worauf ich hinaus will, ist, dass unabhängig davon, welcher Sinn uns den Raum als erlebten Raum jeweils vorherrschend nahe bringt, die Reaktion des Ich-Hier-Jetzt stets im Sehen zentriert ist und von daher nah und fern, oben und unten, rechts und links unterscheidet. Die Gliederung des erlebten Raums durch die Begriffspaare nah/fern, oben/unten, rechts/links geschieht automatisch. Sie liegt dem Raumerleben voraus und macht jeweils von sich aus keine Unterscheidung zwischen positiv und negativ, zuträglich oder abträglich.
      Allerdings können nah und fern jeweils positiv oder negativ besetzt werden, je nachdem, was oder wer dem Ich-Hier-Jetzt nah oder fern ist. Wer sagt,
Es geht eine dunkle Wölk' herein, Mich deucht, es wird ein Regen sein, Ein Regen aus den Wolken Wohl in das grüne Gras.hat damit Unheil indiziert, das sich unabweislich nähert und nicht abgewendet werden kann . Nähe wird durch das heraufziehende Unheil negativ besetzt. Wer aber sagt,
Dich rufen alle meine Lieder: O komm, Geliebte, mir zurück!hat damit Nähe positiv und Ferne negativ besetzt . Dasein als das In-der-Welt-sein eines Ich-Hier-Jetzt bringt Welt immer in die Nähe: aus einer Situation heraus. Nah im erlebten Raum heißt, dass etwas in den Zugriff unserer Aufmerksamkeit genommen und dadurch präsent ist. Dasein, so hat Heidegger in Sein und Zeit deutlich gemacht, ist immer in der Beseitigung der Ferne begriffen. Zu solcher Beseitigung gehört »Ausrichtung«, d. h. Orientierung. Alles, was begegnet, nämlich aus einer Situation heraus uns angeht, haben wir uns nahe gebracht und prüfen es auf seine Zuträglichkeit oder Abträglichkeit. Mit einem Wort: nah und fern sind räumliche Kennzeichnungen, die von sich aus kein Urteil über das, was nah oder fern ist, mitführen.
      Anders liegen die Dinge offensichtlich mit dem Begriffspaar oben/unten. Das In-der-Welt-sein führt zu einem Lernprozess: So wird der Sturz bereitsvom Kind als abträglich erfahren, als alltägliches Hinfallen. Der Sturz ist Un-fall, ein Fall, der nicht vorkommen sollte, weil er das normale Funktionieren des aufrechten Gangs unterbricht: als Störung. Aufstieg und Niedergang werden zu Metaphern des Positiven und Negativen. So wird das Oben positiv besetzt, das Unten negativ. Man spricht von Oberschicht und Unterschicht, von Ãobermensch und Untermensch, vom Obenauf-Sein und vom Unterliegen. Der Aufstieg kann allerdings im christlichen Sinne zum Abstieg umgedeutet werden - und dennoch bleiben Oben und Unten auch in solcher Umdeutung eines empirischen Verlaufs in ihrer ursprünglichen Bedeutung in Kraft: als Positives und Negatives. Das heißt: Oben und Unten sind aufgrund der Schwerkraft, die uns >herabzieht< wertbehaftet. Es lassen sich lediglich Einzelfälle konstruieren oder benennen, die das tatsächliche Oben als ein eigentliches Unten ausweisen, ohne damit aber die ursprüngliche, dem Begriffspaar oben/unten inhärente Hierarchie außer Kraft zu setzen.
      Die klassische Veranschaulichung des Sturzes aus der errungenen Höhe in die Tiefe liefert uns die Geschichte von Daedalus und Icarus, wie sie Ovid in den Metamorphosen erzählt:
Da begann sich der Knabe des kühnen Flugs zu trauen Und verließ seinen Führer: von Himmelssehnsucht gezogen, Stieg er noch höher hinan. Die Nähe der raffenden Sonne Schmelzt das duftende Wachs, das Bindemittel der Federn, Schon ist das Wachs zerflossen: jetzt schwingt er nur noch die Arme, Aber er fasst keine Luft - es fehlen ihm gleichsam die Ruder -, Und sein Mund, wie er schreit nach der Hilfe des Vaters, im blauen Wasser versinkt er. Das Meer hat nach ihm den Namen erhalten.
Ã"hnlich liegen die Dinge mit rechts und links. Auch hier schafft die Erfahrung eine natürliche Besetzung: rechts wird gegenüber links ausgezeichnet. Weil die meisten Menschen Rechtshänder sind, genießt die rechte Hand eine Vorzugsstellung gegenüber der linken Hand. Wer ausgezeichnet wird, »sitzet zur Rechten Gottes« und nicht zur Linken.
      Man darf jedoch nicht vergessen, dass solch natürliche Hierarchisierung von oben und unten, rechts und links empirisch zustande gekommen ist. Als reine Ordnungsbegriffe, die den Raum gliedern, behalten sie diesseits ihrer hierarchischen Verwendung die Möglichkeit, wertfrei in Anschlag gebracht zu werden. Nah und fern erhalten ihre Bewertung ohnehin erst im einzelnen
Fall, werden somit als räumliche Kennzeichnungen durch Erfahrung nicht hierarchisiert.
      Oben und unten, rechts und links bilden sozusagen das Fadenkreuz, in dem Raum durch Nähe und Ferne dessen, was dem Ich-Hier-Jetzt begegnet, erlebt wird.
      Für den Dichter stellt sich die Aufgabe, die einem Ich-Hier-Jetzt aus einer Situation begegnende Welt, d. h. Dinge und Menschen, in ihrem räumlichen Stellenwert zu indizieren. Wir sagen dann, seine Darstellung sei >überzeu-gend

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Nah  fern,  oben  unten,  links  rechts    





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