Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

Referat Projekt, Charakterisierung, Interpretation, Papier, Essay
Sonstige

Index
» Sonstige
» Mitleid oder Genugtuung

Mitleid oder Genugtuung



An diesem Beispiel - nehmen wir in concreto die Version, die uns das Evangelium des Matthäus überliefert - wird nun ein weiterer Sachverhalt deutlich, der für die Erörterung des Schmerzes als literarisches Thema zu bedenken ist. Die Leidensgeschichte Christi ist in all ihren Aspekten darauf angelegt,unser Mitgefühl zu erregen. Hier wird jemand unschuldig ans Kreuz geschlagen. Es gibt aber auch noch eine ganz andere Weise, Schmerz literarisch darzustellen: nämlich als verdienten Schmerz.
      Plötzlich ist die Sicht eine ganz andere. So wird im grimmschen Märchen Schneewittchen die »gottlose Stiefmutter« am Ende der gerechten Strafe zugeführt:
Aber es waren schon eiserne Pantoffel über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.
Der Leser wird hier eindeutig dazu aufgefordert, den fremdem Schmerz als gerecht anzuerkennen und eine positive d. h. mitleidende Einfühlung, die in ihm aufkommen mag, zu blockieren.
      Das Gleiche gilt für den Showdown im klassischen Wildwestroman . Märchen und Western wie auch der Detektivroman der Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Mickey Spillane und viele Werke der Science Fiction implizieren besonders radikal die positive Bewertung fremden Schmerzes, wenn er als gerechte Strafe ins Spiel gebracht wird. Auch die patriotisch-nationalistische Kriegsliteratur ist hier zu nennen, mit den durch die Jahrhunderte gleichartigen Anekdoten des miles gloriosus, die auf ein unverrückbares Feindbild bezogen sind. Militärische Heldenverehrung bedeutet nichts anderes als Verachtung des Feindes. »Ziel des Krieges ist der Mord«, heißt es bei Tolstoj: Andrej Bolkonskij sagt es zu Pierre Besuchow in Krieg und Frieden? In diesen Zusammenhang gehört auch der Agenten-Thriller während des Kalten Krieges.
      Sobald aber eine Darstellung etwa das psychische Leiden eines Straftäters zum Zentrum werden lässt, findet automatisch eine positive Einfühlung des Lesers statt und es kommt zu einer ambivalenten Haltung. In seinem Schmerz und seiner Todesangst wird der Kriminelle selbst zum Opfer. Man denke an die Schlusskapitel von Truman Capotes Roman Kaltblütig . Es gibt ganz offensichtlich literarische Verfahren, mit denen auch dem schwärzesten Straftäter die Menschenwürde zurückgegeben werden kann: durch zentrale Darstellung seiner Leiden im Strafvollzug, Verfahren, die in unserem Jahrhundert Mode geworden sind - aber auch schon von Dostojewskij in den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus praktiziert wurden.
      So können Wunde und Schmerz jeweils physisch oder psychisch veranschaulicht werden und dies jeweils wiederum so, dass dem Leser das Gefühl des Mitleids oder das Gefühl der Genugtuung angesonnen wird. Hieraus ergeben sich acht Grundmöglichkeiten, Schmerz zu veranschaulichen. Und jede dieser acht Grundmöglichkeiten lässt die sozialen und geistigen Auswirkungen des Schmerzes mehr oder weniger ausführlich erkennen.
      Schmerz als literarisches Thema
Veranschaulichung Implizierte Reaktion des Lesers
Physische Wunde ® Mitleid © Genugtuung/Freude
Psychische Wunde © Mitleid ® Genugtuung/Freude
Schmerzensäußerung © Mitleid © Genugtuung/Freudein Reaktion auf physische Wunde
Schmerzensäußerung ® Mitleid ® Genugtuung/Freudein Reaktion auf psychische Wunde
Die literarische Praxis zeigt, dass diese Grundmöglichkeiten in ein und demselben Werk kombiniert auftreten können. So ist Goethes Werther eine Mischung aus 3 und 7, Hemingways Schnee auf dem Kilimandscharo eine Mischung aus 1, 3, 5 und 7 und das Evangelium des Matthäus aus dem gleichen Grund eine Mischung aus 1, 3, 5 und 7, wobei hier innerfiktional aufseiten der Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten sowie der Kriegsknechte die Reaktionen 2, 4, 6 und 8 zu verzeichnen sind, ohne dass aber diese Reaktionen auf den Leser übergehen. Auch Kafkas Erzählung In der Strafkolonie arbeitet mit zwei verschiedenen Einstellungen gegenüber den Leiden dessen, der hingerichtet wird, wobei der Leser die Positionen 1, 3, 5 und 7 einnimmt.
     

 Tags:
Mitleid  oder  Genugtuung    

Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)
Deutsche landschaften
Ideologie und theorie
Literaturinterpretation
Eine literaturgeschichte in geschichten
'klassiker' der gegenwart

 

 

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com