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«Michael Kohlhaas» und Lacans Konzept des Begehrens



In der Konzeption der symbolischen Kastration bei Lacan ist das Begehren eine zentrale Kategorie. Sich davon zu trennen, das Begehren der Mutter auszufüllen, verlangt, sein eigenes Begehren zu finden. Unsere erste Frage wird also sein: Was begehrt Kohlhaas, was treibt ihn ?

In der Konfrontation mit dem Junker muß Kohlhaas sich als unzulänglich und machtlos erkennen - sehr im Unterschied zu dem Bild, das er als erfolgreicher Kaufmann von sich haben mag. Die Demütigung, in die er sich versetzt sieht, reaktiviert die Todesangst des narzißtischen Ichs der Spiegelphase, so könnte man deuten; d. h., die Demütigung gleicht einer Bedrohung seiner Ich-Identität. Zum Verursacher der Bedrohung, dem Junker, nimmt Kohlhaas eine auf Rivalität gegründete Beziehung auf - er will ihn beseitigen und an seine Stelle treten. Letzteres zeigt die Wahl seiner Kampfmittel, die für einen Junker, nicht aber für einen Kaufmann charakteristisch sind: Erklärung der Fehde, Erlassung von Mandaten usw. - so als wollte er klarmachen, wer der bessere Junker sei. Diese imaginäre Identifikation mit dem Rivalen ist der Kampf mit dem eigenen Spiegelbild, in dem das Subjekt sich selbst, aber entfremdet wahrnimmt. Bei dem Kampf mit dem Spiegelbild-Rivalen geht es um die Anerkennung des Subjekts durch den anderen, wobei das Objekt in den Hintergrund tritt - so wie Kohlhaas das eigentliche Streitobjekt, die beiden Pferde, zeitweilig völlig zu vergessen scheint. Die Rivalitätsbeziehung läßt eine Fülle von Größenphantasien hervorbrechen: Kohlhaas tritt auf als eine Mischung aus Kaiser und Christus, er nennt sich «einen Statthalter Michaels, des Erzengels» , einen «Reichs- und Weltfreien, Gott allein unterworfenen Herrn » . Als ihm seine Kampfmittel genommen sind, tritt er in eine neue erotisch-aggressive Rivalitätsbeziehung, nämlich zum Kurfürsten von Sachsen. Ihm will er «wehtun », das ist Kohlhaas mehr wert als das Leben - eine merkwürdige Verschiebung im Vergleich zu seinem ursprünglichen Wunsch, nämlich der Wiederherstellung seiner beiden Pferde und der Bestrafung des Junkers.

      Dieser neue Wunsch wurde Kohlhaas von der Zigeunerin suggeriert; sie übergab den Zettel mit der Prophezeiung nicht dem eigentlichen Adressaten, sondern Kohlhaas und machte den Kurfürsten dadurch zu einem Gehetzten. Die Zigeunerin trieb dabei ein Begehren, das uns nicht näher erläutert wird. Welche Rechnung hat sie mit dem Kurfürsten zu begleichen ? Jedenfalls wird Kohlhaas zum Vollstrecker ihres Wunsches; sie wird sein Komplize, aber Kohlhaas auch der ihrige! Es geht also nicht um das ödipale Begehren für die Mutter, sondern um das Begehren der Mutter, dem Kohlhaas unterworfen scheint. Ãober seine Frau Lisbeth, die ihn störend an seine Pflichten als Familienvater erinnert, geht Kohlhaas hinweg. An ihre Stelle wird die Zigeunerin gesetzt, deren Pläne seine Größen- und Rachephantasien stützen. Und was wird aus den Pferden als Phallussymbol in unserer ersten In-terpretation ? Der Phallus ist auch bei Freud nicht nur Symbol des männlichen Organs, sondern das, was zur Vollständigkeit fehlt . Er ist also Signifikant der imaginären Ganzheit des Ichs. In diesem Sinn wären die Pferde Phallussubstitute . Ihre Ruinierung entspräche einer Bedrohung der über imaginäre Identifikation erreichten Einheit des Ichs. Aber auch die Kapsel mit dem Zettel kann in diesem Sinn als Phallussubstitut aufgefaßt werden .
      Die Zweiteilung der Autorität wäre mit Lacans Unterscheidung von imaginärem und symbolischem Vater zu erklären, wobei auch der Brandenburger das Urteil nicht allein fällt, sondern im Namen des Kaisers in Wien - dieser als oberste symbolische Gesetzesinstanz nur ein Name.
      Endet die Erzählung also mit der Annahme der symbolischen Kastration, erkennt Kohlhaas die Grenzen seines Ichs an und verzichtet auf Allmachtsphantasien ? Mit dem doppelten Urteil wird zum Schluß ein raffinierter, witziger Ausweg gefunden: Einerseits beugt sich Kohlhaas dem Rechtsspruch und nimmt die Strafe für seine Mordbrennereien auf sich, er verzichtet darauf, sein eigenes Recht setzen zu können; andererseits triumphiert er über seine beiden Rivalen. Der Junker wird bestraft und der Kurfürst von Sachsen vernichtet, denn Kohlhaas verschlingt vor seinen Augen auf dem Richtplatz den Zettel mit der Prophezeiung des kurfürstlichen Schicksals. Damit rettet er seine Ãoberlegenheitsphantasien. Der Zettel war mit Mundlack versiegelt , so als nähme Kohlhaas teil am Verzehr der Hostie, die die Teilnahme am ewigen Leben eröffnet; gleichzeitig erinnert die Szene an den Auserwählten des Herrn, den Propheten, der Gottes Wort verschlingt. Kohlhaas, eben noch der Gesetzesübertreter, präsentiert sich als der Auserwählte, der dem gesetzlosen, verirrten Volk das Gesetz des Vaters bringt - hier ist es aber eine Prophezeiung der Mutter . Die Prophezeiung besagt: In der Zukunft, in der Geschichte wird man ein Urteil fällen. Kohlhaas bleibt das letzte Wort - eine Anspielung auf das Metier des Schriftstellers, ebenso wie die Schrift auf dem Zettel, die ihm

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