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Michael Königes - dramatik



Michael Königes wurde 1871 in Zeiden als Sohn eines wohlhabenden Bauern geboren. Der Vater untersagte dem überdurchschnittlich Begabten nach Abschluß der Volksschule eine weitere Ausbildung und bestimmte ihn zum Bauernberuf. So verbrachte Michael Königes sein Leben auf dem Grundbesitz an der Burzen und betrieb die Schriftstellerei als 'Sonntagsarbeit".
      Königes kam über die engeren Grenzen seiner Heimat kaum hinaus, doch wie er seine Zeit erlebte und in seinem dichterischen Werk gestaltete, beweist, daß er die Ereignisse bewußt aufnahm. Die sozialen Widersprüche in seiner Heimat regten Ihn zu energischer Stellungnahme an und bestimmten seine kritische Haltung der bestehenden Ordnung und der historischen Vergangenheit gegenüber. Dabei aber läßt Königes sich in seiner sozialpolitischen Einstellung oft von den konkreten Erscheinungsformen der Klassenwidersprüche seiner nächsten Umgebung fesseln, ohne die tieferen Zusammenhänge immer klar zu erkennen. Dieser Umstand hat ihm die Einschätzung als Querkopf und Nörgler eingebracht und darüber hinaus die Aussagekraft und künstlerische Verwirklichung seines Werkes beeinträchtigt. Die Sozialkritik als Grundthema seiner Schriften führte zu 'einer gewissen Eingleisigkeit der Betrachtung und literarischen Methode".
      Nach der Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien hat sich Königes als Mitglied im Zentralausschuß des Nationalrates für die politische Aktivierung der Deutschen in Rumänien eingesetzt. Seiner Einstellung wegen wurde er oft als 'Volksverräter" verunglimpft. Er starb 1955 in Zeiden.
      Königes gehört mit seinem Schaffen in die Tradition der volkstümlichen Dichtung. Er schrieb Dramen, Erzählungen, Gedichte, selbstbiographische Aufzeichnungen, geschichtliche und politische Aufsätze.
Karl Kurt Klein spricht der siebenbürgisch-sächsischen Dramatik um die Jahrhundertwende im Vergleich zur Lyrik und Epik mehr Eigenständigkeit zu, betont aber gleichzeitig ihren Gelegenheitscharakter im Hinblick auf ihre Entstehung. Auch Königes beginnt mit einer Gelegenheitsdichtung, Wer hat die Hosen an?, einemzweiaktigen Lustspiel in Mundart. Die weiteren schriftstellerischen Ambitionen des Bauerndichters wurden durch den Ortspfarrer und Literaten Johann Leonhardt angeregt, der Königes ob seines ersten Lustspiels nur wenig Achtung entgegenbrachte: 'Nur wer ein fünf-aktiges Drama geschrieben habe", könne den Anspruch auf den Titel eines Dichters erheben.
Im Winter 1902—03 entstand Gewalt und Recht, ein Trauerspiel in fünf Aufzügen, als Antwort auf diese Herausforderung. Der Gedanke der Provokation kann aber auch bezüglich der Stoffwahl und der Wirkung des Dramas weitergeführt werden. Gewalt und Recht war eine Herausforderung für die siebenbür-gisch-sächsische Literatur der Zeit, in dem Sinne, daß der Autor Gegensätze im sozialen Gefüge der Sachsen aufdeckte, die bisher in der dramatischen Kunst kaum Gestaltung gefunden hatten.
      Die Richterwahl in einer sächsischen Gemeinde und die damit verbundenen Konflikte bilden den Stoff der Darstellung. Königes kennt die sozialen Verhältnisse im siebenbürgischen Dorf, er hat sich sein persönliches Urteil darüber gebildet und ist bemüht, in seinem Erstlingswerk all seine Erkenntnisse mit Nachdruck mitzuteilen. Subjektive Leidenschaftlichkeit und mangelnde Distanz zu dem Dargestellten wirkt sich negativ auf die künstlerische Gestaltung aus. Den Personen wird jede Entwicklungsmöglichkeit genommen, ihre Aufgabe ist es, den Überzeugungen des Autors Ausdruck zu verleihen, ohne dabei eine dramatische Eigenexistenz zu führen; sie informieren, erklären, äußern Schlußfolgerungen, die der Autor als mitteilungswürdig erachtet, die aber selten das Resultat einer logischen Charakterentwicklung sind.
      Als einzige Ausnahme kann die Gestalt des alten Hannes genannt werden, die sich durch innere Sicherheit und moralische Festigkeit auszeichnet. Durch diesen Charakter tritt dem Publikum eine festgefügte sittliche Ordnung entgegen, eine Welt, in der Recht Recht und Unrecht Unrecht ist, auch dann, wenn es sich um sein Urteil über den eigenen Sohn handelt. Die Maßstäbe sittlichen Verhaltens, die der alte Hannes für seine eigene Familie setzt, sind Grundsätze, nach denen sich auch eine größere Gemeinschaft zu richten hat, wenn sie fortbestehen will.
      Sein Sohn Peter, gewesener und neugewählter Richter, vertritt im Gegensatz zu seinem Vater ein neues Recht, das Recht des Stärkeren: 'Solange ich der Stärkere bin, brauche ich den Galgen nicht zu fürchten. Es gibt nur ein Recht, und das ist das Recht des Stärkeren." Richter Peter hat alle Mittel angewandt, um in den Besitz dieses Rechtes zu gelangen; er hat, mit diesem Ziel vor Augen, Frau und Kind verlassen, ist eine neue Ehe eingegan-gen, erpreßt seine Mitbürger, wuchert mit seinem Kapital, legt schließlich einen Meineid ab und ist — nach seiner eigenen Aussage — auch zu größeren Schandtaten bereit, falls ihm jemand das Recht des Stärkeren streitig machen sollte.^ Solches Verhalten ist — wie Königes es in seinem Drama deutlich macht — kein individuell bedingter Einzelfall. Der Meineidrichter findet die Rechtfertigung für seine Taten in der gesellschaftlichen Praxis der Zeit: 'Wenn Fürsten und Könige ihre Völker zum Kampf aufbieten, dann heißt es selbstverständlich für Wahrheit und Recht — nur für Freiheit und Recht! Bei Freund und Feind. In Wirklichkeit geht es um die niedrigsten Instinkte des Menschen, nur um Vergewaltigung, um Diebstahl und Mord." Von solcher Rechtspraxis leitet der Richter Peter seine Gedanken über das weltliche und göttliche Recht ab: 'Jedes Gericht und jeder Gerichtshof ist eine Schneiderwerkstatt. Die Geklagten sind die Kunden. Sie kommen und gehen, gearbeitet wird nach Maß und Auftrag. Güte und Wert des Tuches wird nach Ansehen und Stand der Person ausgewählt und zugeschnitten." Indem der Zeidener Bauerndichter derartige gesellschaftliche Widersprüche zur Sprache bringt, gewährt er Einblick in die großen Gegensätze seiner Zeit.
      Dabei hat Königes von der dramatischen Struktur her nicht den alten Hannes, sondern Martin, den zweiten Richterkandidaten, als Gegenspieler Peters bestimmt. Diese Gestalt ist aber blaß gezeichnet, wirkt unentschlossen, und manches in ihrem Verhalten ist unmotiviert . Seine Ansprüche auf das Richteramt werden indirekt durch die Nachbarväter begründet, als deren Sprecher Galter auftritt: 'Richteramt und Richterwürde ist das Höchste, was die Gemeinde zu vergeben hat. Doch nicht um der Willkür zu frönen, um mit Amt und Würde Mißbrauch zu treiben. Wenn der Bauer seine Kuh im Stall halten muß, so darf der Richter seine Ochsen den anderen Bauern ins Mähgras treiben." 8 Somit schließt sich die Gemeinschaft in ihren Erwartungen von Richterrecht und Richterpflicht den Überzeugungen des alten Hannes an. Die gemeinsame Front, die sie gegen den Vertreter des neuen Rechtsbegriffes bilden, steht unter dem Banner eines überlieferten Rechts, das skrupellos bedroht wird.
      Mit dem I

II.

Akt ist der eigentliche Konflikt gelöst, das Drama hätte damit enden können. Königes hat durch diese vorläufige Lösung der ursprünglichen Konfliktsituation realistisch geurteilt; der Streber siegt über all jene, die an dem hergebrachten Rechtsbegriff festhalten. Der Bauer Martin wird von Peter nicht nurin der Bewerbung um das Richteramt besiegt, er wird auch in seinen Anschauungen von Recht und Unrecht widerlegt. Das Unrecht triumphiert öffentlich. Königes versprach sich wahrscheinlich von einer derartigen Lösung des dramatischen Konflikts wenig Bühnenerfolg. Er setzt das Drama fort, indem er die Linie der sentimentalen Verstrickungen, die in den ersten drei Aufzügen angedeutet werden, weiter verfolgt. Entgegen allen dramatischen Voraussetzungen wird das Drama im letzten Teil zum Trauerspiel. Elemente des naturalistischen Dramas werden vom Autor herangezogen, und in einer Reihe unmotivierter Einzelszenen fällt der beabsichtigte tragische Schluß zum trivialen Ende ab. Die Lösung des sozialen Konfliktes wird jetzt der ausgleichenden Gerechtigkeit überlassen: 'Das Tun und Lassen jedes Menschen zeitigt seine Folgen. Für diese Folgen hat der Mensch einzustehen, der sie heraufbeschwor."
Was die Handlungsführung betrifft, hat Königes in diesem Erstlingsdrama die Verflechtung der einzelnen Handlungsabschnitte ,zu einem organischen Ganzen nicht durchführen können. Die dramatische Folgerichtigkeit fehlt, die Funktion der einzelnen Szenen bleibt ungenügend motiviert. In diesem sogenannten Trauerspiel gibt es Szenen, die eher Lustspielcharakter haben und unserem heutigen Empfinden nach komisch wirken.
      Nach Königes' eigenen Angaben war das Drama in gereimten Versen und im Dialekt verfaßt worden. Im Jahr 1903 wurde es von einer Zeidner Dilettantengruppe mit Erfolg aufgeführt. Auch in Schäßburg sollte das Stück gespielt werden, doch das Presbyterium lehnte mit der Begründung ab, daß 'ein junger Bauernsohn nie ein dramatischer Dichter sein könne" n. Nach einer erfolgreichen Aufführung in Kronstadt nahm das Hermannstädter Berufstheater das Stück in den Spielplan des Jahres 1904 auf. Die Aufführung war ein großer Erfolg. Königes wurde bei jedem Aktschluß stürmisch gerufen und, als er den Saal verließ, von Ovationen begleitet. Auch der Theaterkritiker des Siebenbiirgisch-Deutschen Tageblattes bemerkte: 'Wie man sich auch zum Stück stellen mag: es kann kein Zweifel sein, daß es eine Talentprobe ist, die jeden zwingt, den Dichter ernst zu nehmen."
Die Aktualität der dargestellten Problematik brachte dem Verfasser den Vorwurf ein, lebende Personen aus seiner Umgebung als Vorbilder für seine dramatischen Gestalten verwendet zu haben. Königes wies diesen Vorwurf mit der Versicherung zurück, ein Stück schreiben zu wollen, in dem Johann Leonhardt, der Ortspfarrer von Zeiden, hinter der Hauptfigur für jedermann erkenntlich werde. Und so entstand 1904 Der hochehrwürdige Herr, ein

Drama in fünf Akten. Obwohl Königes in der Zeichnung der Hauptgestalt von einem lebenden Vorbild ausging — und ihm deshalb die nötige Distanz in der Behandlung seines Stoffes fehlte —, wirft auch dieses Drama eine Fülle von Problemen auf, die sicherlich für die Gegenwart des Jahres 1904 nicht belanglos waren. Die Kirche als ein Mittelpunkt im Leben der Siebenbürger Sachsen wird im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Berechtigung hin untersucht. Es muß Königes in der Handlungsführung dieses Dramas mehr Geschicklichkeit zugesprochen werden, als er für sein Erstlingswerk beanspruchen darf. Abgesehen von der Durchgestaltung der einzelnen Szenen ordnen diese sich fast ausnahmslos einer Grundidee zu: Aufdeckung der Widersprüche, die durch die Kirche und deren Vertreter im gesellschaftlichen Leben ausgelöst werden. Diese Widersprüche zeigen sich als Gegensätze zwischen Pfarrer und Gemeinschaft, als Unterschiede der Bildung, als Divergenzen zwischen Schule und Kirche und schließlich zwischen den einzelnen kirchlichen Würdenträgern.
      Die Gruppierung der Bauern im Wirtshaus nach ihrer Einstellung zum Pfarrer zeigt von Anfang an die Spaltung der Gemeinde durch das eigennützige Walten des Ortspfarrers. Illustriert wird dieses Verhalten durch den Streit zwischen Kirche und Schule um 3000 Kronen, die der verstorbene Kirchenvater Thieß der Schule hinterlassen hat und die jetzt der Pfarrer für die Kirche beansprucht.
      In der Gestalt des Bauern Franz hat der Zeidner Bauerndichter einen freisinnigen Charakter zu gestalten versucht. Königes war sich der Schwierigkeiten eines offenen Kampfes gegen die Kirche vollauf bewußt. In der zwiespältigen Haltung des Predigers hat er das endgültige Versagen im Aufbegehren gegen überlieferte geistige Bevormundung mit seinen tragischen Konsequenzen für den Einzelmenschen gezeigt. Weitere Widersprüche deckt Königes durch die Gestaltung der Lebensführung kirchlicher Würdenträger auf. Er zeigt, daß die Berufung in den geistlichen Stand oft keine uneigennützige Angelegenheit ist und daß häufig materielle Interessen die Triebkraft sind, die dieser Berufswahl vorausgehen. Das moralisch-sittliche Bild, das Königes von den Vertretern der Kirche entwirft, ist wenig schmeichelhaft. Recht und Wahrheit werden durch zahlreiche Handlungen des Pfarrers in ihr Gegenteil verkehrt; das Recht des Stärkeren, der sich diesmal hinter die kirchliche Autorität verschanzt, macht wahre Rechtsbegriffe zuschanden. Im Handlungsverlauf erfüllen die Gestalten ihre vorgezeichnete Bestimmung. In der Charakterisierung des Predigers zeigt sich das dramatische Talent Königes', aber auch dessen Grenzen er-weisen sich hier vielleicht am deutlichsten. Neben den Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Spielern und Gegenspielern gewinnt die Predigergestalt gerade durch ihre Widersprüchlichkeit an Bedeutung. Wahrheits- und Gerechtigkeitssinn, Pflichtbewußtsein und berufliche Bestimmung geraten in dieser Gestalt durch den sich zusehends vertiefenden Gegensatz zur Institution, der er eigentlich dient, ins Wanken. Sein ursprünglich gerader Charakter läßt in ihm die Ahnung dämmern, daß er seine Kräfte in falsche Dienste gestellt habe, gleichzeitig aber hemmt das ihm anerzogene Unterwürfigkeitsgefühl der Autorität gegenüber seine eigene Entschlußkraft. Der Prediger zerbricht an diesem Konflikt. Königes konnte diese inneren Widersprüche dramatisch nicht gestalten. Die Personen sind zwar lebendiger als im Drama Gewalt und Recht, doch gelingt es dem Autor nicht immer, den nötigen Abstand zu gewinnen. Man fühlt oft allzu deutlich, daß Königes selbst durch seine Gestalten spricht.
      In der Darstellungsart ist Königes auch in diesem Drama vom Naturalismus beeinflußt. Mißstände und soziale Unzulänglichkeiten werden breit aufgerollt; die Einführung des sterbenden Kindes, das umständliche Verweilen beim Schmerz der Mutter, die Gestaltung der geistigen Umnachtung, in die zwei Personen gedrängt werden, und anderes dürften die naturalistische Darstellungsweise zum Vorbild gehabt haben.
      1912 hat Königes das Drama Der hochehrwürdige Herr in Kronstadt im Selbstverlag herausgebracht. Da an eine Aufführung auf einer siebenbürgischen Bühne nicht gedacht werden konnte, reichte der Verfasser es beim Raimund-Theater in Wien ein. Nach kurzer Zeit erhielt er die Nachricht, daß das Stück im nächsten Winter zur Uraufführung gelangen werde. Es sollte aber nicht dazu kommen. 'Es hatten hier", schreibt Königes, 'etliche Herren der Kirchenführung die Hand im Spiele, denen alles daran lag, eine Aufführung zu verhindern. Das Stück stellte einen Pfarrer der Landeskirche in ein allzu schiefes Licht. Alle Bemühungen von Seiten der Direktion waren vergebens, das Stück wurde höheren Orts und von der Polizei nicht zur Aufführung zugelassen. Da griff die Direktion zum letzten Mittel, sie arrangierte mit Hilfe der Sozialdemokratischen Partei in einem größeren Hörerkreis eine Vorlesung des Stückes, der ich beiwohnte."
Die Hinwendung Königes' zum Geschichtsdrama erfolgte nach des Autors eigener Aussage im Zusammenhang mit dem Studium der Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt. Die histo-rischen Dramen Paulus Benkner, Harteneck und Stephan Ludwig Roth wurden in einer späteren Schaffensperiode abgeschlossen. Die Komödien des Verfassers sind bisher noch nicht im Druck erschienen. Selbst die Angaben über ihre Titel, ihre Entstehungszeit und die erhaltenen Manuskripte sind ungenau. Sicher aber bleibt, daß Königes in der Komödie eine ihm gemäße Darstellungsart gesehen hat, daß er sich um die Verwirklichung eines Lustspiels bemühte, das neben kleinen menschlichen Schwächen gesellschaftliche Unzulänglichkeiten dem Lachen preisgibt.

     
  

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