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Michael Albert - Das dramatische Werk



Die Hinwendung Michael Alberts zur Dramatik ist gleichermaßen auf persönliche und geschichtliche Beweggründe zurückzuführen. Zunächst war es der Erfolg, den sein Dichterfreund Traugott Teutsch mit der Schwarzburg gehabt hatte, der Albert dazu bewog, selbst heimische Stoffe aufzugreifen und dramatisch zu gestalten. Andererseits bildeten die nationalen und sozialen Gegensätze in Siebenbürgen den günstigen Rahmen für die Aufnahme dramatischer Werke, die direkt oder mittelbar auf solche Widersprüche hindeuteten.

      In rund einem Jahrzehnt — sieht man vom Ur-Hutten ab — entstehen die bedeutendsten dramatischen Schriften des Autors, Die Flandrer am Alt , Sachs von Harteneck und Ulrich von Hütten .
      Erste dramatische Versuche waren ihnen schon um 1850 vorausgegangen. Bereits in den ersten Jahren auf der Lateinschule hatte Albert Lustspiele im Stile der Rokokodichtung zu schreiben begonnen. Sie befinden sich im Nachlaß des Dichters. 1857—1860 entstanden hauptsächlich Entwürfe, so Lord Code. Lustspiel, 1859; Die Poeten; Till Eulenspiegel. Lustspiel in fünf Akten, 1859; Die Zwerge , Schauspiel in einem Akt, 1860, und Karl der Zwölfte. Trauerspiel in fünf Akten, 1860. Ausgearbeitet hat Albert nur die letzten zwei, das Drama um den Schwedenkönig sowie den im Gefolge der Zwerge entstandenen Ur-Hutten.
      Das Dramenprojekt Karl der Zwölfte wurde schon in der Studentenzeit begonnen und ist zwischen 1860—61 in Bistritz beendet worden. 'Vorläufig definitiv" beiseitegelegt, folgen schon ein Jahr später zwei weitere Fassungen und 1866 eine neue Umarbeitung.
      Das Dramenfragment belegt, wie auch der Till und der Ur-Hutten, die Auseinandersetzung des jungen Autors mit kleinbürgerlichen Verhältnissen. In diesem Sinne hat man im Text mit Recht eine 'Selbstrechtfertigung" des jungen Dichters gesehen. Er 'brauchte die Karikatur einer Abenteuergestalt mit allen ihren negativen Eigenschaften, um seinen eignen Abenteuerdrang zu bändigen" 3.

     
Möglicherweise hat Albert am Stoff auch der Umstand gefesselt, daß der Ritt Karls X

II.

aus der Türkei bis nach Schweden auch durch Siebenbürgen führte. Doch geht es dem jungen Autor nicht so sehr um die Darstellung geschichtlich bezeugter Tatsachen, hier, wie übrigens auch in den späteren Dramen, ist Albert vielmehr bestrebt, allgemeinere historische Gesetzmäßigkeiten in den Griff zu bekommen. Karl ist fest davon überzeugt, daß Kampf und Volk nur Mittel sind, um seine Machtbestrebungen zu verwirklichen. Auch lag in der Absicht des Dichters, was nicht zuletzt auf die in Siebenbürgen und unter den Sachsen existierenden Verhältnisse bezogen werden kann, zu zeigen, daß jedes politische Abenteuer, das den Interessen einer größeren Gemeinschaft widerspricht, verurteilt werden muß.
      Parallel zu Karl X

II.

hat Albert die Gestalt Till Eulenspiegels beschäftigt. Der Entwurf zu diesem Stück — Albert hat es nicht ausgeführt — deutet auf eine ähnliche Problematik: das Unbehagen an muffig-kleinstädtischer Enge. Das Fragment ist 'eine stark satirische Konzeption, die unmittelbar gegen die Kleinstädterei" gerichtet ist.
Einen ersten Höhepunkt erreicht die kritisch-satirische Auseinandersetzung mit patriarchalisch kleinlichen Lebensformen in den ersten Bearbeitungen des 'Hutten"-Stoffes. Der Ur-Hutten zeugt, wie mit Recht betont worden ist, von 'einem revolutionärem Schwung, von einer satirischen Kraft" 5, der man bei dem später immer mehr zur Versöhnung neigenden Autor kaum noch begegnen wird.
      Die in den achtziger Jahren entstandenen Theaterstücke markieren, rein stofflich betrachtet, einen Umschwung. In ihnen dramatisiert Albert zum erstenmal heimische Geschichte. Das geschieht nicht so sehr dem Historismus zuliebe, sondern vielmehr mit der Absicht, anhand des historischen Stoffes Gegenwartsprobleme zu erörtern. Die Auseinandersetzung mit sächsischen Lebensformen, vorwiegend aus der eigenen Zeit, bildet von nun an die dominierende Thematik seines dramatischen Schaffens, wenn auch die Haltung des Autors weniger kritisch ist.
      Das erste Schauspiel dieses Zeitabschnittes, Die Flandrer am Alt , war zugleich auch das erfolgreichste von Alberts Stük-ken. Noch im Erscheinungsjahr sind elf Rezensionen im In- und Ausland zu verzeichnen, und schon ein Jahr später erreicht das Drama in manchen Ortschaften Siebenbürgens gleich mehrere Aufführungen.

Die Fabel des Schauspiels weicht im wesentlichen nicht von der historischen Wahrheit ab. Die Zeit der Handlung fällt in das Jahr 1150, der Schauplatz liegt in den südlichen Teilen Siebenbürgens. 7 Das Geschehen setzt mit dem Verlassen der alten Heimat ein. Wir erfahren manches über die Gründe , die die 'Flandrer" bewogen, ihrem Herkunftsland den Rücken zu kehren. Trotz allem empfinden die Einwanderer ihren Entschluß als eine 'Art Schuld, die gerade die Familie des Führers wie einen Faden auf der langen Reise hinter sich herzieht" 8. Im neuerworbenen Heimatland muß nicht nur die ungebändigte Natur bezwungen werden, Kämpfe gegen äußere Feinde sowie verschiedene Irrungen und Wirrungen kommen hinzu.
      Der zentrale Konflikt bestimmt die Szenenfolge. Abwechselnd wird die Bühne von Rumänen oder 'Sachsen" beherrscht. Sein technisches Können stellt Albert gleich eingangs unter Beweis. In der ersten Szene schon ergänzen Botenbericht und Mauerschau das auf der Bühne Gebotene. Die breit angelegte zweite und zugleich letzte Szene des ersten Aktes stellt die ankommenden Einwanderer dar. Dabei wird nochmals der schwierigen Lage in der alten Heimat gedacht, die Fährlichkeiten des langen Weges werden erzählend nachvollzogen und die Zukunft im neuen Heimatland planend präfiguriert:
Kein Edling lebt in diesem Volke mehr: Denn edel ist der freie Bürger nur.
Daß der Autor es mit der historischen Wahrheit nicht so genau nimmt — beispielsweise läßt er Hermannstadt gleich als Stadt entstehen —, ist der geringfügigere Fehlgriff. Den gröberen begeht der Dramatiker mit der nun folgenden Akzentverlagerung von der Haupt- auf die Nebenhandlung, die mehr und mehr in den Vordergrund gerückt wird. Möglicherweise hat dem Schillerverehrer Albert das Verhältnis von Wallensteins Lager zu den übrigen Teilen der Trilogie vorgeschwebt, als er nach der zweiten Szene des ersten Aktes seinem Schauspiel intimere Bereiche erschließen wollte und die Liebesgeschichte zwischen Arnold, Siwa und Hilde vordergründig werden ließ. Zwar erhält diese ihren Stellenwert: 'dadurch, daß Arnold ein Ritter ist, wird seine Untreue Hilde gegenüber, seine Liebe zum Kumanenmädchen Siwa, nicht nur stellvertretend für seinen Abfall vom eigenen Volkstum, sondern auch zum Signum einer volksfremden Klasse." Doch kann damit, ja selbst mit der leuchtenden Gestalt Siwas, die zur
Verkörperung der Natur und Poesie wird , der dramentechnische Konstruktionsfehler nicht behoben werden. Widersprüche objektiver Natur, wie Verletzung von Normen sie zeitigt, bringen dem Ritter Arnold und Siwa den Tod. Das Kumanenmädchen überstrahlt jedoch in seinem freiwilligen Flammentod nicht nur den zeitweilig finster und hartherzig wirkenden Hermann, sondern die neuen Ansiedler insgesamt. Die Welt, in der diese sich genügen, wird durch Albert folgendermaßen umrissen:
Geduldig, fleißig, zuverlässig, folgsam, Baust du ein Haus und hütest treu die Schwelle. Dir kreisen die Gedanken nicht in's Große; Nie aus dir selbst treibt dich die Leidenschaft 2um kühnen Wagespiel um Glück und Ehre. n
Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe Alberts gehen so weit, daß er selbst in einem geplanten 'Festspiel" nicht beschönigend eingreift.
      Ermutigt durch den Erfolg der Flandrer, die ihm den Ruf eines 'Volksdichters" eingebracht hatten, begann Albert schon 1884 Studien im Hinblick auf ein neues Drama zu betreiben. Zwei Jahre später war das 'Trauerspiel in fünf Akten"_ Harteneck bereits abgeschlossen. Obwohl bühnenwirksamer als die Flandrer, hat dieses Stück nicht denselben Publikumserfolg verzeichnet. Auch die Stimmen der Kritik sind etwas zurückhaltender; man konnte damals noch nicht beurteilen, ob dieses Drama Alberts bester Wurf sei oder nicht. Da sein Dramenschaffen noch nicht abgerundet war, blieb diese Entscheidung späteren Generationen vorbehalten. Erst im nachhinein wurde erkannt, daß es ihm besser als in seinen andern dramatischen Werken gelungen war, das konfliktreiche tragische Geschehen zu erfassen.

     
   Der Dramatiker stützt sich hier nicht nur auf ein geschichtliches Vorbild, auf das Schicksal des Kornes Sachs von Harte-neck, sondern er hat auch von anderen Vorgeformtes verwertet, etwa das Harteneck-Dmma. von Traugott Teutsch. Doch stellt Albert, zum Unterschied von andern Bearbeitern desselben Stoffes, diesen tragischen Helden der sächsischen Geschichte 'vor allem als staatsmännischen Kämpfer für die Rechte seines Volkes gegen die Ãœbergriffe der magyarischen Feudalherren dar" 13. Geschichtlicher Ãœberlieferung zufolge14, forderte der Sachsenkomes

1702, daß in Zukunft jedermann — auch der Adel — Steuern zahlen solle. Dementsprechend plädiert Alberts Harteneck vor dem Landtag:
Doch wißt! auch Eure Willkür muß zerbrechen.
      Das Recht des Menschen hat verwirkt, wer nur
Das Recht des Starken kennt; in diesem Hause

Sind wir bedrängt, sind wir Euch preisgegeben.
      Des Landes größte Lasten wälztet Ihr

Auf uns're Schultern und den Hohn dazu,
Da Ihr Kraft Adels Privilegiums

Nicht Steuern mögt von dem Ertrag der Güter,
Und Euern Hörigen die Kraft gebricht,

Der Last gerechtes Maß für sich zu tragen.
      Die Zeit muß kommen — also künd' ich Euch —

Wo es nur Bürger gibt im freien Staat
Und wo die Burg der Sonderrechte sinkt.

     
   Das ist wohl der Grund, warum die Adligen in Harteneck ihren Todfeind sahen und ihn zu vernichten trachteten.
      Albert weicht von der historischen Wahrheit insoweit ab, als er Elisabeth, die Gemahlin Hartenecks, Selbstmord begehen läßt. Diese Tat erweist sich als organischer Bestandteil der Dichtung: die von Albert nicht bloß erhoffte kathartische Wirkung seines Helden, der 'die Schuld auf sich nimmt und in voller Freiheit stirbt" 16, setzt schon im Stück ein. Der Autor selbst hat sich ihr nicht entziehen können, und seine Dramenfigur Elisabeth handelt dementsprechend.
      Anfangs erscheint Harteneck als strenger Richter der 'nationalen moralischen Krise", deren Inbegriff der Schäßburger Bürgermeister Schuller von Rosenthal ist. Aus dem Gegensatz zu Schuller von Rosenthal ergibt sich zunächst die Konfliktsituation. In keinem andern Theaterstück Alberts ist ein solches Aufeinanderprallen der Kräfte zu spüren als im Harteneck. Die Atmosphäre der Gefahr, des ungehemmten Fortschreitens zur Katastrophe, die harte, strenge Aufeinanderfolge von Schlägen in einer Situation innerer und äußerer Spannung — Merkmale einer echten Tragödie — kommen nirgends so unmittelbar zum Ausdruck. Ohne 'allen Stillstand, in stetigem lückenlosen Fortgang" spielt sich 'logisch und psychologisch folgerichtig die Verwicklung einfach, ungezwungen und durchsichtig ab" 18. Der Richter Harteneck tritt ins Lager der Gerichteten über, sobald er sein gutes Gewissen verliert, sobald er, als Mitwisser eines Mordes, mit-

S
schuldig wird. Solche Momente tragen dazu bei, die Spannung zuerhöhen und den Konflikt zu verschärfen. Doch unterläuft Albert auch bei diesem Drama ein Fehler, denn erneut artet eine Ne-
ben- zu einer Haupthandlung aus.

     
   Es ist aber auch möglich, daß gerade das Ãœberschneiden der
beiden Handlungsebenen, der innern, der kleinen häuslichen Welt
Hartenecks, und der äußeren, der großen nationalen Aufgabe, alseigentlicher Konflikt des Stückes konzipiert worden ist, was
schließlich in der Seele Hartenecks zum Widerspruch zwischenaufrechter Gesinnung und schlechtem Gewissen führt. So gesehen, ist es eindeutig, daß die moralische Schuld zum Vehikel einer sozialen und nationalen Intrige wurde, so daß sein Fall von seinen politischen Gegnern, den ungarischen Feudalherren, betrieben werden konnte. Dieser Umstand macht Harteneck der Tragödie würdig. Vornehmlich dieses Stück dokumentiert Alberts dra-
matisches Formkönnen. Die Sprache ist 'zunächst durchaus dra-matisch, das Wort ein Spiegel der That, nirgends zu breit für den Ausdruck einer Stimmung und Empfindung, von klarer durchsichtiger Schönheit ohne jene üppig wuchernde Gewinde gehäufter Bilder und Gleichnisse" 21.
      Das Drama vom Sachsenkomes erweist sich als Schnittpunkt der bedeutsamsten Linien, die Alberts dramatisches Werk durchziehen. Von hier aus wird klar, daß der leidenschaftliche Freiheitskämpfer Harteneck, dem seine Aufgabe männlich-harte Pflicht und Berufung zugleich bedeutet, einen Vorläufer in Hermann hatte und seinen Nachfolger in der Gestalt Huttens haben wird. Diese nur positive Ziele anstrebenden Kämpfernaturen haben dann jeweils einen oder mehrere Gegenspieler von zweifelhafter moralischer Haltung, wie z. B. Rosenthal, Akton, Arnold, Erasmus. Schon 1856 schrieb Albert das Huttengedicht Ich hab's gewagt. In Wien greift er das Thema wieder auf . Nach der Rückkehr in die Heimat beschäftigt ihn der 'zornige Ritter" von neuem; zwischen 1862 und 1867 entstehen dreizehn Manuskripte zu diesem Thema. Nach mehr als zwanzigjähriger Unterbrechung nimmt er 1888 die Arbeit wieder auf. Inzwischen hat sich in seiner Gedankenwelt und in der dramatischen Konzeption vieles geändert.
      Im letzten Drama Alberts tritt seine Weltanschauung am eindeutigsten in Erscheinung. Man hat das Stück aus diesem Grunde auch als 'Bildungsdichtung" eingestuft. Auf die Frage, was den Dichter fast sein ganzes Leben dazu getrieben hat, sich mit die-sem Stoff zu beschäftigen, hat die Kritik eine treffende Antwort zu geben versucht: 'Hütten ist für Albert der revoltierende, nonkonformistische Schriftsteller, in dem sich Geist und Schwert, Tat und Gedanke glücklich vereinigten, der Mann eines kämpferischen Humanismus; auf sich selbst gestellt, schließt er sich der Partei seiner Wahl an, versucht ihr auf seine Weise zu dienen, wird aber auch von ihr zurückgestoßen, denn er und Luther sind zwei verschiedene Wege, so bleibt er, der Herold der Wahrheit, der Kom-promißlosigkeit, allein, und seine Standhaftigkeit bringt ihm den Untergang." 2"
Im Sinne verfeinerter Kunst gestaltet Albert das überzeugend im Schlußmonolog Huttens. Der Umschwung von metaphysischer Todessehnsucht zu letzter bekenntnishafter Revolte kennzeichnet nochmals die psychische Wesensart, die Größe dieser Kämpfernatur:
Ein Sinken ist's — ein unablässig Sinken

In tiefe Stille — [...]
Ich hab's gewagt! Gewonnen wird die Schlacht.

   Als zweites differenzierendes Formelement wäre die in den Blankverskontext eingeschlossene Prosaszene zu betrachten. Sie war allerdings schon im Harteneckdrama anzutreffen und wurde dort wie hier zwecks Kennzeichnung sozialer oder atmosphärischer Unterschiede eingesetzt. Man begegnet ihr fast immer da, wo Bedrohung des Haupthelden oder lauernde Gefahr schlechthin suggeriert werden sollen. Alberts Meisterschaft kommt in diesem Drama vor allem in der Gestaltung der Massen zum Ausdruck. Auch gelingt es ihm, das 'Gesamtleben der Zeit nach seinen Hauptströmungen und Hauptträgern" in den fünf Akten 'bühnengerecht" zusammenzudrängen.

   Für das teilweise Mißlingen des letztgenannten Dramas läßt sich als Grund folgendes anführen: Während sich die stilistischkünstlerischen Mittel Alberts anreichern, während sein Gestaltungsvermögen im Banne des Rampenlichts das Crescendo von anfänglichem Experimentieren über erstes Gelingen zu dichterisch reifen Gestaltungen verzeichnet, ist im weltanschaulichen Bereich mit fortschreitendem Alter ein Rückschlag, ein verzagendes Sich-Bescheiden feststellbar, das letztlich negative Auswirkungen im Lebenswerk Alberts, im Hutten-Drama, zeitigt.
      Die gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen der siebenbürgisch-sächsischen Literatur in den Jahren 1890—1

  
   Etwas intensiver als in der vorangegangenen Zeit entwickelte sich die sozial-ökonomische Struktur Siebenbürgens in den Jahren vor und nach 1900 im kapitalistischen Sinne. Alle Wirtschaftszweige und Lebensbereiche, besonders in den Städten, in denen Industrie und Arbeiterschaft zahlenmäßig wuchsen 1, wurden von diesem Vorgang erfaßt, selbst wenn es nicht allen Zeitgenossen bewußt wurde oder sie gelegentlich auch versuchten, diesen Prozeß aufzuhalten oder ihm auszuweichen, etwa durch das gewerbliche und ländliche Genossenschaftswesen. Besonders die Tätigkeit von Karl Wolff ist hier anzuführen, da vieles, 'was auf dem Gebiete der Politik und für die wirtschaftliche Hebung" der Siebenbürger Sachsen in dieser Zeit getan wurde, 'in erster Reihe auf ihn," zurückgeht. 2 Wichtig war vor allem, daß er und Gleichgesinnte das Genossenschaftswesen der Sachsen nach Raiffeisenschem Muster einrichteten und im allgemeinen eine Erneuerung des sächsischen Wirtschaftslebens anstrebten, was nicht nur die positiven Energien, sondern auch die ideologischen Grenzen ihres gesellschaftlichen Denkens und Handelns offenbar werden ließ.
Auch die Literatur der Zeit spiegelt diese Vorgänge, das schöngeistige Schrifttum wie vor allem die Fachliteratur und die in ihrem Sinne geführte Publizistik. Diese verdankte ihre Ãœberzeugungskraft in hohem Maß dem literarischen Geschick der Autoren. Zu nennen wäre hier besonders der volkswirtschaftlich interessierte, schriftstellerisch vielseitige Georg Adolf Schuller. Die durch das Aufkommen kapitalistischer Verhältnisse bedingten wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen auf dem Land und die Versuche, ihren schädigenden Auswirkungen zuvorzukommen und sie zu verhindern, werden beispielsweise im Roman Martin Alzner von Heinrich Schuster eingehend geschildert. Es ist ein vom gesellschaftlichen Standpunkt aufschlußreiches, ja mustergültiges Buch, gibt es doch wohl 'nicht viele Beispiele aus der siebenbürgisch-sächsischen Literatur jener Zeit, wo mit ähnlichem Scharfblick die reale Lage und die Wirkung der ökonomischen Triebkräfte erkannt und einzelmenschliches wie gesellschaftliches Verhalten so als deren Reflex gestaltet worden wären".
      In den Beziehungen der Sachsen zur Staatsmacht und zu den herrschenden politischen Kreisen ergaben sich im Lauf dieser Jahre einige Änderungen. Unter der Führung der 'Schwarzen" hatte sich das sächsische Bürgertum im Jahr 1890, nach längeren Auseinandersetzungen mit oppositionellen Kräften in den eigenen Reihen, den sogenannten 'Grünen", für eine Teilnahme am parlamentarischen Leben entschieden und sich auf eine Politik der Unterhandlungen mit der Regierung eingelassen.
      Der Gegensatz zwischen 'Schwarz" und 'Grün" wirkte sich auch später noch aus und hat auch das kulturelle Geschehen, die Literatur, die Einstellung der Schriftsteller jener Zeit zu Dichtung und Gesellschaft mitgeprägt. Eingehend werden diese Auseinandersetzungen von der politischen Tages- und Wochenpresse reproduziert. 5 Weniger direkt, aber doch unverkennbar, waren die Auswirkungen der politischen Gegensätze auf die schöngeistige Literatur. Daß die 'Schwarzen" eine Einigung mit der den Sachsen wenig günstig gesinnten Staatsmacht durchgesetzt hatten — ein Sieg der Konzilianz, ja auch des Kompromißlertums —, verminderte etwas den polemischen Geist der einheimischen deutschen Literatur.
Da diese im großen ganzen weder vom gesellschaftlichen, noch vom künstlerischen Standpunkt befriedigende Leistungen bot, versuchte die 'grüne" Bewegung diesem abzuhelfen wie freilich auch dem gesamten geistigen und sozialen Leben belebende Impulse zu geben. 7 Ihre Repräsentanten traten dafür ein, Stoffen den Vorzug zu geben, anhand derer sich die Lebensfragen der_ sächsischen Bevölkerung verdeutlichen ließen. Auch wünschten sie, daß eine nationalbewußte sächsische Literatur, wie sie in der Vergangenheit geschrieben worden war, mehr Beachtung finde: so solle die Leserschaft allgemein dazu angehalten werden, 'inneren Anteil an den Schöpfungen unserer Dichtung zu nehmen", die, als 'dichterisch verklärter Volksgeist, eng umgrenzt in der Weite des Blickes" wären oder sein müßten. 8Hieraus ergab sich auch der Appell, die sächsische Literatur müsse volkstümlicher werden,_ eine Aufforderung, die die Verfechter der 'grünen" Bewegung in ihren eigenen literarischen Versuchen zu verwirklichen trachteten.
      Auch die von ihnen verfaßte wissenschaftliche Literatur spiegelte eine traditionsbewußte Gesinnung, was den Wahrheitsgehalt ihrer Arbeiten nicht schmälerte, wie zu befürchten gewesen wäre. Es ließ sich, im Gegenteil, wie Karl Hoch im Jahre 1924 schrieb, die 'besondere Gewissenhaftigkeit hervorheben, 'mit der der Wissenschaftsbetrieb der grünen Generation sich vor jeder Trübung durch die nationale Gefühlswelt hütet" 9. Dies anzumerken ist nichtunwichtig, da die 'grüne Generation" besonders auf wissenschaftlichem Gebiet Wesentliches geleistet hat und — einzelne beachtliche Leistungen ausgenommen — weniger auf dem Gebiet der schöngeistigen Literatur.
      Das sozial-politische Geschehen in den letzten Jahren der hier besprochenen Periode wurde durch den Ersten Weltkrieg bestimmt. Seine Auswirkungen auf das geistige Leben und die Literatur waren vielfältig. In der Einschätzung dieses Ereignisses schieden sich auch die literarisch tätigen Geister. Kriegsfeindliche dichterische Äußerungen sind zahlenmäßig gering, was sich hauptsächlich daraus erklärt, daß sie gegen die Staatspolitik gerichtet waren und nach Möglichkeit unterdrückt wurden. So erging es Johann Schuster-Herineanu, der den Krieg aus der Sicht sozialistischer Ideen ablehnte und bekämpfte. Zahlreiche seiner Gedichte fielen der Zensur zum Opfer, konnten nicht oder nur auf Flugblättern erscheinen. Seine Friedenshymnen — Lebenslieder durften nicht veröffentlicht werden. Literarischen Texten dieser Einstellung standen die Beiträge jener Autoren gegenüber, die sich dazu aufgefordert sahen, 'Kriegsparolen" zu propagieren. n So wurden künstlerisch zumeist fragwürdige Gedichte voll größtenteils falschem Pathos verfaßt, angeblich Zeugnisse über die 'durch den Krieg entflammte, zorndurchbebte, haßerfüllte, schwerringende — und dabei doch stets der Begeisterung treu bleibende Seele" 13.
      Bei der Erörterung der kulturellen Verhältnisse in den Jahren 1890—1918 ist man dazu berechtigt, auf die enge Beziehung zwischen den Gesellschaftswissenschaften und der Dichtung hinzuweisen, selbst wenn im Bewußtsein der Zeitgenossen das Trennende zwischen den einzelnen Gebieten der Wissenschaft und Kunst stärker zu sein schien als das Verbindende. Möglich wurde dies relativ ausgeglichene Verhältnis auch 'durch eine Geisteshaltung, in deren Spiegelbild die Züge eines unmystischen Weltbildes positiver Fortschrittsgläubigkeit einheitlich" hervortraten. Kunst und Literatur erzielten — besonders nach der Jahrhundertwende — eine zusehends größere Breitenwirkung, was, in Anbetracht der vergleichsweise wenigen einsatzbereiten Kräfte, nicht ganz ohne Mißbilligung gesehen wurde: die Kunst entziehe 'der wissenschaftlichen Arbeit Zeit und Arbeitskräfte" 16. Nur zögernd bequemte man sich einzuräumen: 'beide stehen einander doch zuletzt nicht im Wege, sondern fördern sich oder sollen sich fördern."

   Die sächsische Geschichtsbetrachtung erfuhr, allgemein gesehen, um die Jahrhundertwende einige Veränderungen. Verglichen mit der vorhergehenden Zeit ergab sich sowohl eine gewisse Kon-tinuität als auch eine bezeichnende Diskontinuität. Traditionsbewußtsein kam vor allem durch die Wirksamkeit von Friedrich Teutsch zur Geltung, dem Fortsetzer von Georg Daniel Teutschs Lebenswerk. Friedrich Teutsch übte auch auf seine dichtenden Zeitgenossen einen gewissen Einfluß aus, nicht nur durch den Stoff der von ihm verfaßten Bände der Sachsengeschichte, seiner historischen Einzeluntersuchungen und Lebensbilder, sondern auch durch deren Aufbau und Form. Andererseits ist es für gewisse Neuansätze und Neuerungsbestrebungen im historischen Bereich bezeichnend, daß das vordem kaum antastbare historische Werk G. D. Teutschs einer schärferen Kritik unterzogen wurde als bisher, wobei Grundprobleme der sächsischen Geschichtsforschung neu gestellt und überraschend im Sinne der differenzierten historischen Erkenntnis beantwortet wurden, die man durch zahlreiche um die Jahrhundertwende betriebene Einzelforschungen, zumal auf dem Gebiet der Frühgeschichte sächsischer Kolonisation, erzielt hatte. Begreiflich ist es, daß derartige Auseinandersetzungen und ihre positiven Ergebnisse auch auf die Dichtung und das literarische Leben wirkten. Die grundlegenden Quellenpublikationen jener Zeit sowie auch umfangreiche Monographien und Studienw boten den historisch interessierten Erzählern und Dramatikern ein reichhaltiges Stoffgebiet, das von ihnen in gewissem Maß auch genutzt wurde. Gelegentlich haben die Historiker selbst geschichtliche Themen in erzählender Form behandelt oder auch sonst Vorstöße in die Literatur gewagt. So hat beispielsweise Friedrich Wilhelm Seraphin, Mitherausgeber der Quellen zur Geschichte der Stadt Kronstadt, sich auch im Bereich geschichtlicher Dichtung versucht. Auch der Historiker Georg Adolf Schuller verdient in diesem Zusammenhang Erwähnung. Neben einer zweibändigen, erst nach seinem Tod erschienenen Monographie über Brukenthal verfaßte er zahlreiche 'kleinere und größere, aber immer auf gewissenhafter Quellenforschung beruhende Beiträge zur sächsischen Kapitels-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte" 23. Der 'Dichter" ließ sich auch bei diesen Arbeiten nicht verleugnen, da bei ihm stets sowohl 'die Vergangenheit [...] wie die Gegenwart in den Kreis des persönlich Erlebten" traten. So ist auch der Zusammenhang zwischen seinem historischen Abriß Aus der Vergangenheit der siebenbürgisch-sächsischen Landwirtschaft und seinem Erinnerungsbuch Dorfheimat. Lebensbilder aus der Jüngstvergangenheit eines siebenbürger Sachsendorfes leicht herstellbar, ja dieses wirkt als sinnvolle Ergänzung und Vervollständigung des anderen. Auch Otto Fritz Jickeli hat beiden Herren gedient: durch seine umfangreiche Ar-beit über den Handel der Siebenbürger Sachsen in seiner geschichtlichen Entwicklung der Geschichtsforschung und — allerdings vor allem später — mit dramatischen und epischen Arbeiten der schöngeistigen Literatur.
      Obwohl auch von der vorangegangenen Zeit gesagt worden war, daß in ihr die literarhistorische Forschung der Siebenbürger Sachsen eigentlich so recht beginne, ist dieser Beginn nicht für jeden so überzeugend gewesen, daß sich nicht auch von der Jahrhundertwende sagen ließ, sie habe 'das Erwachen der literaturgeschichtlichen Forschung" gebracht. Tatsache ist, daß die Zunahme literarhistorischer Arbeiten mit der gleichzeitigen^ Auffächerung der geschichtlichen, volkskundlichen und sprachwissenschaftlichen Literatur in engem Zusammenhang steht.
      Auch in dieser Zeit spielte Volkskunde im geistigen Leben der Siebenbürger Sachsen eine wesentliche Rolle. Es ließ sich um die Jahrhundertwende, vor allem durch das Wirken des Folkloristen Adolf Schullerus, sogar eine 'Zurückdrängung rechtlichhistorischer Betrachtungsweise zugunsten des Volkskundlichen" feststellen. Im Sinne der Bestrebungen seines Vorgängers Johann Wolff vollzog sich durch A. Schullerus 'die Erweiterung der philologischen Deutschkunde zur Volkskunde"28, ein Vorgang, der einem bewußt wird, wenn man den engen Konnex zwischen Sprachwissenschaft und Ethnographie beachtet, den dieser Gelehrte mit Hilfe des Siebenbürgisch-sächsischen Wörterbuchs aufzeigen wollte29. Bei Schullerus läßt sich übrigens auch von einer persönlichen, direkten Beziehung zur Literatur sprechen, die sich nicht nur in herausgeberischer und literarhistorischer Arbeit niederschlug, sondern auch in einigen, teilweise im sächsischen Dialekt verfaßten, Proben künstlerischer Prosa zum Ausdruck kam.
Auch thematisch wurde die einheimische Volkskunde jener Zeit vielseitiger. Die in verschiedenen Ansätzen weiter zurückreichende Horizonterweiterung der sächsischen Volkskunde auf das Leben der anderen Völkerschaften Siebenbürgens wurde um die Jahrhundertwende besonders durch Heinrich von Wlislocki vollzogen. 32 — Das Bild siebenbürgisch-sächsischer Volkskunde und ihrer Auswirkungen auf die Literatur wäre zu unvollständig, würde man nicht noch an einige Leistungen erinnern, sowohl zusammenfassende Arbeiten als auch zahlreiche Einzelstudien, geschrieben von den Genannten und von Pauline Schullerus, Heinrich Siegmund, Emil Sigerus, Oskar Wittstock und vielen anderen. Von ihnen haben sich Emil Sigerus und Oskar Wittstock auch dichterisch betätigt.
      Das seinerzeitige Wechselverhältnis zwischen wissenschaftlichem Weltbild und Literatur wurde u. a. durch den Umstand bestimmt, daß darwinistische Anschauungen um die Jahrhundertwende in Siebenbürgen immer tiefer Wurzel faßten und auch in sozialwissenschaftliche Bereiche hinüberwirkten. Carl Friedrich Jickelis grundlegendes biologisches Werk Die Unvollkommenheit des Stoffwechsels als Veranlassung für Vermehrung, Wachstum, Differenzierung, Rückbildung und Tod der Lebewesen im Kampf ums Dasein bot sich so auch als Ausgangspunkt geistesgeschichtlicher Betrachtungen an.3i Jickeli, dem 'das große Verdienst" zukommt, in der Zeitspanne der Festigung des Entwicklungsgedankens zu seinem endgültigen Sieg in Siebenbürgen beigetragen zu haben" 35, hat auch zu einer literarischen Schilderung Anlaß gegeben, zu dem Reisebericht Am Roten Meer. Ein siebenbürgischer Kaufmannslehrling forscht in Afrika, verfaßt von Otto Fritz Jickeli, dem Sohn des Naturwissenschaftlers 36. Auch Heinrich Siegmund wirkte in dieser Zeit im Geist des Darwinismus.

   Außer der Entwicklungslehre Darwins und Haeckels wurden um die Jahrhundertwende auch sozialistische Ideen in Siebenbürgen verbreitet. Vereinzelt mag ein Echo davon auch in die Dichtung gedrungen sein, ohne daß vorerst, in den neunziger Jahren — zu jener Zeit, als Friedrich Krasser noch lebte — ein Dichter von seinem Rang sozialistische Gedanken in dichterischer Form propagiert hätte. Erst später, einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, ist die sozialistische Ideenwelt durch Johann Schuster-Herineanu auch mit den Mitteln der Literatur gestaltet worden.
      Der literarische Reflex der Bildungsverhältnisse jener Zeit wurde durch den Umstand bestimmt, daß â€” trotz einer 1890 erfolgten Neuordnung der Beziehungen zwischen der Staatsmacht und den Siebenbürger Sachsen — das Bildungswesen in der Muttersprache zu leiden hatte, und zwar durch die offizielle Schulpolitik, die auf Ausschaltung des deutschsprachigen Unterrichts abzielte. Trotzdem war es möglich, dem sächsischen Schulbetrieb eine gewisse Autonomie zu erhalten und ihn auf die Bedürfnisse der siebenbürgisch-deutschen Verhältnisse abzustimmen. Dies war mit auch ein Ergebnis der pädagogischen Publizistik, besonders des Schul- und Kirchenboten für das Sachsenland. Hier und in anderen Veröffentlichungen zeigte sich, daß auf den in den vorangegangenen Jahrzehnten dominierenden Einfluß der Herbart-schen Pädagogik eine 'Zeit der Reformen" gefolgt war, eine Kennzeichnung, die sich dem Schulhistoriker anbot, um 'die verschie-densten Richtungen und Einflußquellen" zusammenzufassen.3S Volksbildende und -erziehende Bestrebungen wurden auch von anderen Zeitschriften verfolgt, so vor allem von der Volksgesundheit, einer von Heinrich Siegmund herausgegebenen Gemeinverständlichen Monatsschrift für deutsch-ungarische Kulturpolitik, und Adolf Meschendörfers Karpathen.
      Die germanistische Forschung um die Jahrhundertwende steht mit der schöngeistigen Literatur der Zeit in engem ideellem Zusammenhang. So entsprach beispielsweise dem 'festen Glauben der Germanistik, in der Urheimat- und Herkunftsfrage zu .festen' Ergebnissen gekommen zu sein", als 'Gegenstück im Schöngeistigen" ein Schrifttum, das auf das 'Bewußtsein wirken" wollte. Die Hauptvertreter der sächsischen Sprachforschung — Gustav Kisch, Andreas Scheiner, Adolf Schullerus und Richard Huß â€” haben durch ihre Arbeiten den Schriftstellern manches bieten können. Rein äußerlich freilich schienen Dichtung und sprachwissenschaftliche Forschung, wie sie etwa Gustav Kisch als Junggrammatiker betrieb, wenig gemeinsam zu haben. Der angedeutete Zusammenhang trat deutlicher in Erscheinung, als es im Rahmen der Forschung zu einer 'Erweiterung und Ãœberdehnung des Stoffgebietes" kam, durch das Lebenswerk von Richard Huß etwa. Dieser war nämlich nicht nur linguistischen, sondern — allerdings mehr nebenbei — auch literarhistorischen Studien zugewandt.
      Auch in dieser Zeit war das Siebenbürgisch-sächsische Wörterbuch eine der Hauptaufgaben einheimischer Wissenschaft. Die ersten Lieferungen wurden damals fertiggestellt, wodurch das langwährende Stadium der Vorbereitung durch das der Verwirklichung abgelöst wurde. Das ausgedehnte Netz von 'Sammlern" und sie anleitenden 'Vertrauensmännern" zeigt, daß es sich um ein Vorhaben handelt, das das geistige Leben im allgemeinen und dadurch auch das literarische beschäftigte und beeinflußte. In Rechenschaftsberichten zum Fortschritt der Ausarbeitung werden auch zahlreiche Männer und Frauen erwähnt, die am literarischen Leben durch Eigenschöpfungen teilnahmen. Die sprachwissenschaftlichen Arbeiten jener Zeit, die indirekt das Redigieren des Wörterbuchs gefördert haben43, erweisen übrigens deutlich, daß die siebenbürgisch-deutsche Philologie um die Jahrhundertwende und danach an Komplexität gewonnen hatte.
      Bei der Erörterung des Wechselverhältnisses zwischen Philologie und Dichtung ist auch noch auf einen anderen Aspekt hinzuweisen: Für die nunmehr größtenteils hochdeutsch verfaßte Dichtung war es zweifellos nicht ohne Bedeutung, daß man um die Jahrhundertwende den Wurzeln des heimischen Schriftdeutsch nach-ging und den Status einer Hochsprache unter lauter Mundartsprechern einmal näher zu definieren suchte.

     
   Daß die sächsische bildende Kunst um die Jahrhundertwende einen Aufschwung zu verzeichnen hatte, ist für das gesamte künstlerische und geistige Leben der Siebenbürger Sachsen von Bedeutung gewesen. Der Anspruch der Kunst, im gesellschaftlichen Leben eine bedeutendere Rolle zu spielen, stieß auch gelegentlich auf Widerstand. So erschien wohl manch einem Zeitgenossen, der ohne Malerei, Graphik und Bildhauerkunst auszukommen gewohnt war, das Bestreben, 'der Kunst im Volk und in seinem Leben eine Stätte zu bereiten", etwas übertrieben, angeblich wurde 'vielfach über das Ziel" hinausgeschossen, 'wie es bei neuen Bewegungen so häufig der Fall ist" 45. Mit dem Aufkommen einer modernen bildenden Kunst unter den Siebenbürger Sachsen ergibt sich auch eine engere Verbindung zwischen Malern, Graphikern und Schriftstellern. Derartige Kontakte wurden programmatisch gefördert und, jenseits vom Persönlichen, auf wichtige Ziele der Kunstentwicklung und Kunsterziehung ausgerichtet, beispielsweise durch den Sebastian-Hann-Verein oder_ durch Die Karpathen. 4S In dieser Zeitschrift wurden regelmäßig Arbeiten der zeitgenössischen Künstler reproduziert. 47 Abgesehen davon und im Hinblick auf die ideelle, substanzielle Verschmelzung von bildender Kunst und Dichtung ist die literarische Komponente im Schaffen der einzelnen Maler verschieden entwickelt gewesen. Bei allem Interesse an gemeinsamen Zielsetzungen von Dichtern und bildenden Künstlern, das beispielsweise von Arthur Coulin, dem Freund und Berater Meschendörfers in künstlerischen Dingen, bewiesen wurde, zeigt sein Lebenswerk, daß 'er niemals auf Ideenmalerei aus war, niemals literarisch vorgeformte Themen nachzugestalten suchte", es ging ihm vielmehr stets nur 'um Probleme menschlicher Körperschönheit, des Lichtes, der Farbe" 48. Hieraus erwächst ihm selbstverständlich kein Vorwurf, es wird dies bloß als Faktum festgestellt; wichtiger ist schließlich, daß in Coulins Zusammenarbeit mit Menschendörfer die Verbindung zwischen den Künsten als Ausdruck verwandter Bestrebungen, als Symptom einer ganzen Kulturbewegung in Erscheinung trat. 49 Einer eingehenderen Untersuchung wert bleibt dennoch die Frage, in welchem Maß Coulins Zeitgenossen — Robert Wellmann, Fritz Schullerus, Karl Ziegler, Emerich Tamäs u. a. — literarischen Anregungen gefolgt sind, wie andererseits auch, auf welche Weise das graphische oder malerische Prinzip im Werk der Dichter — etwa Eduard Schullerus, Hermann Kloß und Adolf Meschendörfer — zum Ausdruck gebracht wurde.

     
Fur die auf die Arbeiten Friedrich Müllers sowie anderer Vorlauter gestützte einheimische Kunstgeschichte und ihre um die Jahrhundertwende erfolgte Begründung als selbständige Wissenschaft war es von Bedeutung, daß sie — hier wie auch anderswo — 'aus den Grenzen rem philosophischer Anschauung herausgehoben, d. h der spekulativen Beurteilung entrissen wurde" 51. Das Ergebnis dieser Entwicklung zeichnete sich in zahlreichen Arbeiten ab, die auf 'das Endziel unsrer siebenbürgisch-sächsischen Kunstgeschichtsforschung" ausgerichtet waren, auf die 'Gesamtdarstellung aller Zweige der Kunstübung mit Einschluß des Kunstgewerbes" 52. Den bedeutendsten Beitrag zur Verwirklichung dieses Vorhabens leistete Victor Roth. Ihm gelang es, in der Zeit bis Ende des Ersten Weltkriegs das 'abgerundete Bild" des sächsischen 'Kunstgewerbes" zu geben 53 Bemerkenswert ist, daß

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Roth sich auch auf literarischem Gebiet versucht hat, mit Gedichten, aber auch mit einem selbstbiographisch getönten Roman, Andreas Waldhütter, der allerdings nicht veröffentlicht _ worden ist. Neben

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Roths kunsthistorischen Arbeiten gibt es_ eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen auf diesem Gebiet. Ein Verzeichnis der auf siebenbiirgisch-sächsische Kunst Bezug nehmenden Literaturâ„¢ führt sie an und erleichtert es einem, auch auf jene Verfasser hinzuweisen, die sich in der Zeit 1890—1918 nicht nur mit kunsthistorischen, sondern auch mit dichterischen Arbeiten beschäftigt haben, beispielsweise der Lyriker Ernst Kühlbrandt, die Erzähler Albert Amlacher und Friedrich Wilhelm «e-raphin.
      Auf mehreren Ebenen — vom volkstümlichen Gesang zum Konzertwerk und Musikdrama — fand die Berührung zwischen sachsischer Literatur und Musik statt und ergab um die Jahrhundertwende lyrische und szenische Kompositionen unterschiedlicher Qualität. Das Zusammenwirken von einheimischen Musikern und Dichtern wurde damals bewußt gefördert, im Hinblick auf eine Bereicherung des volkstümlichen Liedrepertoires. Das von Franz Her-furth und Friedrich Schiel herausgegebene Sächsische Volksliederbuch ist in dieser Hinsicht aufschlußreich: man sah im Lied einen nicht zu unterschätzenden Faktor 'für die Volksentwicklung" und einen 'Baustein" zur sächsischen 'Einheit im Geist" 56 Mit Befriedigung konnten die Herausgeber feststellen, daß sich — von einer Auflage zur anderen — 'der einheimische Melodienschatz" des Liederbuches 'eines nicht unbedeutenden Zuwachses" erfreue 57 Von den neueren Lyrikern, deren Gedichte hier vertont erscheinen, sind besonders Ernst Kühlbrandt, Karl Römer, Ernst Thullner, Friedrich Wilhelm Seraphin und Franz Herfurth zu nennen. Lieder und Chorwerke spielen übrigens im Schaffen einiger Komponisten jener

Zeit eine besondere Rolle. Von Rudolf Lassei gibt es zahlreiche Kompositionen zu Texten sächsischer Dichter seiner Zeit. Volkstümliche Lieder wurden auch von Hermann Kirchner geschrieben. Er bezeichnete seine erfolgreichen Kompositionen geradezu als Sie-benbürgisch-s'dchsische Volkslieder. Vornehmlich als Liederkomponist wirkte um jene Zeit auch Michael Zikeli. Zahlreiche einheimische Gedichte sind Ausgangspunkt seines nicht sehr anspruchsvollen volkstümlichen Schaffens. In Georg Meyntds Szenenfolgen sind zahlreiche in Mundart verfaßte Lieder eingeschoben, die 'getreu die Liebes- und Schmerzenslyrik des sächsischen Bauern" widerspiegeln. Paul Richter hat desgleichen Vokalwerke komponiert, denen Texte sächsischer Autoren zugrundeliegen. Erwähnung verdienen auch die Lieder der Berta Bock sowie jene, die Gerhard Schuster — unter anderen zu Gedichttexten seines Vaters Friedrich Wilhelm Schuster — verfaßte. Weniger reichhaltig ist in dieser Zeit das heimische Angebot an musikdramatischen Werken.
Abgesehen von der Tagespresse, die — durch ihre Periodizität und Quantität — immerhin auch etwas zur Entwicklung der Literatur beigetragen hat, zumal wenn namhaftere Autoren die Redakteure waren 66, sind es vor allem kulturelle und literarische Zeitschriften gewesen, die um die Jahrhundertwende das Gesicht der Literatur mitprägten. Neben dem Mitte der neunziger Jahre eingegangenen 'Sonntagsblatt" Der Siebenbürgische Volksfreund waren es zunächst die Akademischen Blätter , die hier ins Gewicht fallen. Sie gehören durchaus nicht bloß in die Reihe der 'Standesblätter in engerem Sinne", sondern sind für geistige Neuerungstendenzen in weitergefaßtem Rahmen bezeichnend gewesen. Der polemische, gegen Konzessionen und Kompromisse im ästhetischen Bereich aufbegehrende Geist war auch in ihnen am Werk, freilich etwas richtungsloser und mit geringerer Konsequenz als in den ab 19C7 erscheinenden Karpathen. Immerhin wurden die Akademischen Blätter zum Forum, von dem aus allerlei Attacken gegen Gestriges und Vorgestriges geritten wurden. Sie enthalten so manches 'Zeugnis des Wandels, den die siebenbürgisch-sächsische Literaturkritik" jener Zeit durchmachte, und vollzogen einen 'Bruch mit dem Großteil der vorhergehenden Literaturbetrachtung, die in ihrer Absicht, die heimische Produktion zu fördern, eine meist bejahende Haltung" eingenommen hatte. Neben dieser Zeitschrift läßt sich auch Die Bergglocke anführen, eine Monatsschrift für siebenbür-gisch-deutsche Literatur, Kunst und Ästhetik . Sie war 'Brennpunkt der künstlerischen Bestrebungen, die das literarische Image der Vor-Karpathen-Zeit prägen sollten", und 'Spiegelbildall jener Tendenzen und Orientierungen in der siebenbürgisch-säch-sischen Literatur der Jahrhundertwende", die 'das einheimische Erbe zu bewahren und es vor fremden Einflüssen zu schützen" versuchten. 69 Schließlich — und vor allem — sind es Die Karpathen gewesen, eine Halbmonatsschrift für Kultur und Leben , die im geistigen Bereich eine erneuernde Rolle spielte. 70 Diese von Adolf Meschendörfer herausgegebene Zeitschrift wirkte wie 'der Hecht im Karpfenteich" 71. Sie kämpfte vor allem 'gegen die Unterschätzung der dichterischen Leistung in heimischen Werken" sowie 'gegen die falsche Einstellung der siebenbürgischen Kritik" 72 und trat entschieden für Kontakte zum rumänischen und ungarischen Geistesleben ein. — Für die Entwicklung der Dichtung ist in gewissem Maß auch die wissenschaftliche Publizistik der Zeit von Bedeutung gewesen, schon durch ihre literarhistorischen Arbeiten, besonders die beiden Veröffentlichungen des Landeskundevereins: sein Archiv und Korrespondenzblatt.
      Ein Ãœberblick über die Literatur der hier behandelten Zeit, besonders die Lyrik, bot dem kritischen Blick des Zeitgenossen 'eine größere Reichhaltigkeit als frühere Jahrzehnte". Die durch das Schaffen der einzelnen Generationen mehr oder weniger betonten Hauptzüge des poetischen Ausdrucks in dieser Zeit waren 'eine immer stärkere Einkehr des Dichters in sein eigenes Gefühlsleben", weiterhin 'das bewußte Arbeiten, das Ringen um wirkliche künstlerische Werte", schließlich ein spezifisches Kulturbewußtsein, das bewirkte, daß das Heimatliche 'mehr von innen heraus" ertönte und nicht, 'wie sonst meist, Tendenz von außen her" war. 74 Zum Unterschied von den Schriftstellern der vorangegangenen Epoche, bei denen 'ein bewußtes Einstellen in das sächsische Leben und in das sächsische Volk der Grundton" war, setzte sich die Dichtung jetzt zum Ziel, 'nicht ungelöste Fragen bei uns, sondern Probleme der Menschheit" zu behandeln. Durch dieses Bestreben trat sie 'in jenen Abschnitt", 'in dem sie sich von den unkünstlerischen Fesseln der volkserhaltenden Dichtungstendenzen zu befreien und reineren künstlerischen Zielen nachzustreben suchte" 76.
     

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