Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sonstige

Index
» Sonstige
» Michael Albert - BAUERNSTUBE

Michael Albert - BAUERNSTUBE



Draußen rieselt der Regen;

Dem Dorf entgegen
Schlägt aus dem Walde der Wind.
      November ist es, der Abend beginnt
Zu dunkeln nach kurzer Tageszeit.
      Da werden die Dächer weiß â€” es schneit.
      Vom Lutherofen um Bank und Schrein Strahlt gaukelnd der Flamme rötlicher Schein. Die Katze, die glatt sich das Haar geleckt, Liegt auf dem Herd, lang ausgestreckt. Gleichmäßig tickt an der Wand die Uhr, Doch träge wandeln die Stunden nur. Die Mutter, die junge Tochter beginnen, zum erstenmal heute den Hanf zu spinnen, Den neuen Hanf, so weich, so weiß. Der Frauen Lust, der Frauen Preis.

      Der Bauer sitzt auf der geblümten Truh':
Nun ist er Herr, nun hat er Ruh'.
      Im warmen Stalle geborgen sind,
Des Pfluges entlastet, so Pferd wie Rind.
      Das Futter hat er in trockener Scheune,
Den Mais im Korbe, das Korn in Kisten,

Das Stroh liegt angehäuft in Dristen,
Im Keller unten da gären die Weine,

Und eingelegt in der Butte ruht
Der Kohl, der Küche gepriesenes Gut.

     
Ein still Behagen durchwebt den Raum, Halb ist's ein Wachen und halb ein Traum. O Bauernstube in Wintersruh, Wo ist ein seliger Heim als du?
Michael Albert , Nachkomme eines alten Trap-polder Bauerngeschlechtes, verbrachte sein Leben, wenn wir von den Studienjahren in Jena, Berlin und Wien absehen, in engprovinziellem Rahmen als Gymnasialjprofessor in Schäßburg. Abklingendes Biedermeiertum und Heimatkunst, ablehnende Haltung dem Naturalismus gegenüber, aber auch rückhaltlose Suche der Wahrheit in manchen seiner Werke — sind einige künstlerische Kennzeichen.
      Als Epiker pflegt er die allgemein beliebte Dorfgeschichte und die historische Novelle , seine Dramen behandeln meist auch geschichtliche Stoffe .
      Wenn auch ein großer Teil seiner lyrischen Produktionen unter dem Zeichen der sehr vergänglichen Gelegenheitspoesie steht, so stoßen einige seiner Gedichte zu einem lyrischen Realismus eigenster Prägung vor.
      Nachstehendes Gedicht entstand 1888, wunde vermutlich erst im Band, der nach Alberts Tod zusammengestellt wunde, gedruckt; wir entnahmen es dem Band Michad Albert, Ausgewählte Schriften, Literaturverlag, Bukarest, 1966.
      Der vom Lutherofen ausgehende rötliche Schein faßt nicht nur alle in der Stube befindlichen Gegenstände und Personen zu einem einheitlichen Bild zusammen, sondern verleiht ihm auch seine idyllische Traulichkeit und Gemütlichkeit.
      Das Naturbild des Eingangs mit dem rieselnden Regen, scharfen Wind und nachmaligen Schnee ist dazu angetan, ex contrario die Atmosphäre der Bauernstube in Winterruh' vorzubereiten, sie herbeizuwünschen. Wie um den Inselcharakter dieser Behaglichkeit zu unterstreichen, ist sie in diesen unfreundlichen Novemberabend hineingestellt. Funktion dieser ersten Strophe ist es, durch Kontrast die Eigenschaft der Stube als Zufluchtsort zu unterstreichen.
      Der Blick des Dichters, als der eines unbemerkten Gastes, der sich eingeschlichen hat, ruht auf seinem Beobachtungsgang auf all den Gegenständen, die Zeichen der ruhigen Beschaulichkeit sind .
      Statisch, gleichsam als Objekte die zur Einrichtung des Zimmers gehören, werden auch die Personen aufgefaßt; die Nebenpersonen — Mutter und Tochter und das Kernstück des Bildes — der Bauer.
      Trotz der glorifizierenden Sicht gelingt es dem Dichter die typischsten Züge siebenbürgisch-sächsischer Bauernmentalität einzufangen: Hängen am Besitz, Abgeschlossenheit, Tüchtigkeit und Auf-sich-gestellt-sein.
      Versorgte Pferde und Rinder, Futter in trockener Scheune, Mais und Korn in Kisten, Wein und Kraut im Keller und nicht zuletzt der neue Hanf 50 weich, so weiß I Der Frauen Lust, der Frauen Preis sind Ergebnis einer mühevollen, aufreibenden Arbeit. Sie allein sind die Gewähr für die Ruhe und Selbstsicherheit des Bauern, sie allein sichern die alles überstrahlende Behaglichkeit.
      Dieses Wunschbild einer Möglichkeit des Lebens, die — weil auf kleinsten Raum beschränkt, noch überschaubar — entlockt dem Dichter eine wehmütig-sehnsüchtige Frage: O Bauernstube in Wintersruh, I Wo ist ein seliger Heim als du? Diese Lebensmöglichkeit, er ist ihrer nicht teilhaftig, sie ist ihm nur erinnernd gegeben: halb ist's ein Wachen und halb ein Traum.
      Michael Albert, der zusammen mit einer ganzen Generation des siebenbürgisch-sächsischen Bürgertums beim Hereinbrechen des modernen Industriezeitalters eine gewaltige Krise durchmachte, der den Mechanismus der kapitalistischen Welt nicht durchschaute, suchte im kleinsten Kreis, im Heimatdorf, fern von allen destruktiven Kräften eine letzte Möglichkeit humaner Lebensführung. Diese Existenz, die alles Erregende meidet , die nur in der Abkapselung bestehen kann, die in der eigenen beschränkten Häuslichkeit ihre Erfüllung findet, diese von Albert ersehnte Rettungsmöglichkeit — sie war geschichtlich ein Anachronismus.
     

 Tags:
Michael  Albert  -  BAUERNSTUBE    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com