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Lust auf Lyrik?
Die Lyrik Hugo von Hofmannsthals entstand vorwiegend in seinen jungen Jahren und steht, zusammen mit den lyrischen Dramen, am Anfang seines Schaffens. Doch ist nicht das der Grund, weshalb unsere Textanalysen mit der Arbeit an den Gedichten beginnen. Die .Textualität', wenn das Kunstwort denn den spezifischen Kunstcharakter der Lyrik zu fassen vermag, die Dichte des Text-,Gewebes' ist bei Gedichten besonders hoch, und kaum eine andere literarische Gattung ist der Etymologie des Text-Begriffs so nahe, kaum eine andere ist aber auch - eben deshalb - so schwierig zu analysieren. Lyrische Texte sind kurz und eben deshalb besonders komprimiert. Die Kürze ist erforderlich, weil die sprachliche Dichte Überblick erfordert und der Text während der Analyse in seiner Gesamtheit mental gegenwärtig sein, gleichsam vor Augen stehen muss. Nun mag es eine pädagogische Sünde sein, ausgerechnet mit dem zu beginnen, was dem Lernen die größten Hindernisse entgegensetzt und die Gefahr in sich birgt, den Schüler schon am Anfang zu entmutigen. Doch bei den kommenden Textanalysen wird niemand den Mut verlieren, der bereit ist, sich konzentriert auf die Texte einzulassen und der Darstellung mitdenkend zu folgen - wodurch zu beweisen wäre, dass wir das Schwierige schon zu Beginn bewältigen und damit für alles weitere gut gerüstet sind.
Der Aufbau dieses Kapitels trägt dem in besonderer Weise Rechnung, was Absicht und Ziel unserer Einführung ist: Es kommen im folgenden jeweils zwei Gedichte ähnlicher Art zur Darstellung; das eine wird in gemeinsamer Arbeit betrachtet, die Analyse des anderen als Aufgabe gestellt. Gegen Ende wird, gleichsam als Nachklang, der Blick auf eine nur in der Moderne existierende, hier aber nicht selten auftretende Gattung gerichtet, für die sich auch einige Beispiele in Hofmannsthals Werk finden: das Prosagedicht. Ganz am Schluss soll es dann um die Frage gehen, mit welcher Art von Text, was die poetische Organi-sation des Sprachmaterials anbetrifft, wir es bei der Lyrik zu tun haben.
Die Beschäftigung mit lyrischen Texten bietet Anlass, eine Unterscheidung noch einmal aufzurufen, die schon im Kapitel über den Textbegriff eingeführt wurde: die Unterscheidung von syn-tagmatisch und paradigmatisch. Ein Syntagma bezeichnet, ausgehend von dem diskursiven Verlauf des Satzes, die Bewegung des Textes in der zeitlichen Abfolge seiner Elemente. Ein Paradigma hingegen stellt diesen Verlauf gleichsam still; paradigmatische Beziehungen finden sich, wie schon oben erläutert, immer dort, wo gleichartige Elemente zueinander in Beziehung treten. Was diese Unterscheidung genau bedeutet und inwiefern sie die Textanalyse nicht etwa kompliziert, sondern im Gegenteil vereinfacht, soll aus der Betrachtung der Texte selbst möglichst anschaulich hervorgehen.
Der erste Beispieltext, das Gedicht 'Wolken", wurde 1892 in den von Stefan George herausgegebenen Blättern für die Kunst veröffentlicht, geht aber wahrscheinlich schon auf das Jahr 1891 zurück und steht somit ganz an jenem reichen Anfang des Hof-mannsthalschen Werkes, der von der Lyrik geprägt ist. Bei der Analyse kommt das Schema zum Tragen, das im Zusammenhang mit unseren Überlegungen zum Textbegriff erstellt wurde; doch zunächst der Text:
WOLKEN
Am nächtigen Himmel Ein Drängen und Dehnen, Wolkengewimmel In hastigem Sehnen,
In lautloser Hast - Von welchem Zug Gebietend erfaßt? -Gleitet ihr Flug,
Es schwankt gigantisch Im Mondesglanz Auf meiner Seele Ihr Schattentanz,
Wogende Bilder, Kaum noch begonnen, Wachsen sie wilder, Sind sie zerronnen,
Ein loses Schweifen ... Ein Halb-Verstehn ... Ein Flüchtig-Ergreifen ... Ein Weiterwehn ...
Ein lautloses Gleiten, Ledig der Schwere, Durch aller Weiten Blauende Leere.
Die Frage nach dem Thema des Textes ist leicht zu beantworten, denn es ist mit dem Titel identisch: Wolken. Es handelt sich bei diesem Gedicht um eine Studie über Wolken und um einen Beitrag zum größeren Themenbereich der Naturlyrik; wir werden im Unterschied dazu später zwei Gedichte betrachten, die der Gedankenlyrik zugehörig sind. Im Verlauf der sechs Strophen von 'Wolken" vollzieht sich eine Beschreibung der Wolken am Nachthimmel, die unter einem besonderen Gesichtspunkt betrachtet werden. Die Wolken befinden sich in schneller, drängender Bewegung, so dass die Beschreibung weniger das Aussehen der Wolken erfasst als ihren raschen Zug über den Himmel. Damit ist schon die Art der Aussage über den betreffenden Sachverhalt gekennzeichnet.
Bei der Frage nach der Art und Weise der Verknüpfungen müssen wir, entsprechend dem eingangs schon skizzierten Charakter der Lyrik, länger verweilen; ihre Beantwortung wird deshalb zurückgestellt. Anders verhält es sich mit Punkt 5, den Zeitverlauf und die Dauer des Textes betreffend. Der Diskurs gewinnt seine Dynamik aus der Sicht auf seinen Gegenstand: Er stellt die Bewegung der Wolken dar und zeichnet sie nach. Auf diese Weise entsteht eine Entsprechung von Text und Thema, ein abbildendes Verhältnis. Zumeist,spricht' in der Lyrik - um nun zu Punkt 5 zu kommen - ein Subjekt in der ersten Person Singular, das deshalb auch als lyrisches Ich' bezeichnet wird. Es ist in die-sem Text nur einmal durch das Possessivpronomen 'mein" benannt; eine unmittelbar angesprochene Person, etwa ein ,Du', ruft der Text nicht auf. Die Kommunikation ist, grammatisch zumindest, auf die ,Sender'-Seite beschränkt, während die Adressaten-Seite ,leer' bleibt.
Wir kommen zurück zu Punkt 2 und zu der Darstellung der Wolken in ihrer Bewegung; man sieht, dass diese besondere Perspektive mit der Frage nach Verlauf und Dauer des Textes verbunden ist. Die Bezeichnungen der Bewegung durchziehen den Text: Drängen, Dehnen, Wolkengewimmel, hastig, Hast, Zug, Flug, schwanken, Tanz, wogen, wachsen, zerrinnen, Schweifen, Weiterwehn, Gleiten - eine große Zahl von Wörtern ähnlicher Bedeutung, gemessen an der relativen Kürze des Textes. Den Eindruck einer drängenden Bewegung vermittelt der Text auch dadurch, dass das Gedicht nur aus einem langen Satz besteht, der durch sämtliche Strophen hindurchläuft. Dauer entsteht ebenfalls durch die Verwendung des in der Alltagssprache eher selten benutzten Partizip des Präsens: gebietend, und, sehr ungewöhnlich, blauend. Diese poetische Konstruktion eines Verbums aus einem Farbadjektiv überträgt eine sichtbare Eigenschaft in einen Verlauf und stellt diesen als dauerhaft dar: Sollte es sich hier um ein Verfahren handeln, dem für das Gedicht insgesamt sinnstiftende Funktion zukommt? Der Eindruck von Raschheit entsteht auch durch die kurzen, abab gereimten Verszeilen im Dreierrhythmus des Daktylos, der eine tänzerisch-schwebende Bewegung verliehen. Dem Text wird damit der Charakter eines Volksliedes, genauer: eines Tanzliedes, verliehen. Kommt das Gedicht wie jeder Text notwendig zu einem Ende, so wird in seinem Verlauf signalisiert, dass dieser Schluss dem Thema in gewisser Weise entgegengerichtet ist. Die Auslassungspunkte in der vorletzten Strophe, zumal in der letzten Zeile 'Ein Weiterwehn ...", weisen auf eine Fortführung der Bewegung hin, so dass der Text als zugleich abgeschlossen und unabschließbar erscheint. Es eignet ihm so wie auch seinem Gegenstand etwas Drängendes; hätte dieses, entgegen den am Himmel ziehenden Wolken, ein Ziel?
Die Verknüpfungen innerhalb des Textes, auf die wir nun zurückkommen, sind in der Lyrik besonders dicht. Vor allem der Reim oder auch die ähnliche Stellung von Wörtern innerhalb des
Metrums schaffen paradigmatische Verbindungen, welche die Alltagssprache im allgemeinen nicht kennt. Allein achtzehn substantivische Reime kennt das Gedicht, so dass sich entgegen dem Eindruck einer Bewegung, der eher mit dem Verb als mit dem Substantiv verbunden ist, eine gewisse Statik einstellt. Diese aber ist von besonderer Art, denn zahlreiche Wörter in Endreim-Position sind substantivierte Verben: Dehnen, Sehnen, Schweifen, Verstehen, Ergreifen, Weiterwehn, Gleiten. Besonders die zweitletzte Strophe, durch ihre Auslassungspunkte am Ende der Zeilen ohnehin schon hervorgehoben, macht aus dieser Substantivierung von Verben geradezu ihr Prinzip. Doch was bedeutet sie? Eine Handlung bedarf, um vollzogen zu werden, immer auch eines Handelnden: Die Wolken gleiten, zum Beispiel. Im Substantiv Gleiten hingegen fallen Subjekt und Prädikat zusammen, so dass das entsprechende Substantiv beides enthält, die Komponente des Handelns und des Handelnden. Indem zum Beispiel aus ich spreche' ,mein Sprechen' wird, kann dies zum Subjekt einer weiteren Handlung werden: 'Mein Sprechen erreicht die Zuhörer." Das Gleiten der Wolken vermag auf diese Weise etwas zu bewirken, und an dieser Stelle ahnt der Leser, warum er in diesem Gedicht ausdrücklich gar nicht vorkommt: Soll er das Gleiten gleichsam aufnehmen und zum Träger einer Handlung machen, die sich nun in ihm vollzieht?
Vor dem Hintergrund der Vermutung, dass die Gestalt des Gedichts sinnsetzend ist und dass sich aus der Analyse der Verknüpfungen, die wir nun fortsetzen, Einsichten in die Bedeutung des Textes ergeben, ist das Klangbild von besonderem Interesse. Wie der Titel,Wolken' schon vermuten lässt, kommt dem Konsonanten ,W' ein besonderer Rang zu: Wolkengewimmel , welchem, wogend, wachsen, wilder, Weiterwehn , Weiten. An weniger hervorgehobener Stelle findet sich das ,W' auch in schwanken, Schweifen, Schwere - Wörter, die wiederum durch ihren Anlaut miteinander verbunden sind. Das ,D', schon anfangs in Drängen und Dehnen, legt gleichsam eine leere Spur und wird nicht weitergeführt, außer im Weiterdenken durch den Leser. Das ,L' hingegen findet sich in lautlos gleich zweimal, sodann in ledig, Leere und lose. Damit schafft der Text eine Kohärenz von Klän-gen, ein Zusammenklingen von Wörtern, die so dicht sind, dass beim lauten Lesen der Inhalt zu verschwimmen droht: Man erhält ein Klangbild. Der Laut wird zwar in lautlos negiert, hat aber durch das Gedicht selbst Bestand, so dass die nächst dem ,W' häufigste Alliteration auf den Text selbst verweist. Dem ,W' indes scheint eine solche Verweisungsfunktion nicht zuzukommen; doch das muss nicht das letzte Wort sein ...
An einer Stelle wird das sonst streng befolgte Reimschema, ja wird der Reim überhaupt durchbrochen. Die dritte Strophe enthält mit gigantisch und Seele zwei Wörter, die nicht reimen, und Seele ist zudem mit dem einzigen Signal des lyrischen Ich, dem Possessivpronomen ,mein', versehen. Diese Wendungen fallen aus dem Duktus des Diskurses gleichsam heraus und stehen in einer Umgebung höchster Verdichtung vereinzelt. Was vollzieht sich an dieser Stelle? 'Gigantisch" ist das einzige Fremdwort im Text, und es ragt, vom Inhalt her wie ebenso durch seine Endposition im Vers, fremd und erratisch aus dem Text heraus. Womit nun ist 'gigantisch" verbunden? Adverbial mit schwanken', sachlich mit dem Schattentanz. Dieses Wort steht ebenfalls fremd im Text - nicht seiner Herkunft nach, sondern wegen seiner Bedeutung, denn ,Tanz' meint immer eine - manchmal populäre, manchmal hoch artifizielle - Kunstform. Mit 'Schattentanz" ver-lässt der Text sein naturhaftes Thema und erreicht die Seele dessen, der spricht. 'Schattentanz" ist auch in diesem liedhaft klingenden Text, der häufig sehr einfache Wörter in fast volksliedhafter Weise verwendet, die einzige Metapher. 'Schattentanz" verweist als Metapher, als ,Sprach-Bild', auf die ,wogenden Bilder' der folgenden Zeile. Nun mögen Bilder durchaus in allen Bereichen des Lebens vorkommen und keineswegs nur in der Kunst. Da aber die Landschaftsmalerei, besonders häufig in der Romantik, den Himmel geradezu als Wolkenstudie gestalten kann, ist der Begriff ,Bild' durchaus doppeldeutig. Um die Aussage zusammenzufassen: Die Bilder des Schattentanzes der Wolken bewegen sich gigantisch auf der Seele des lyrischen Ich und erreichen eben dort, so wie es die folgende Strophe darstellt, ihre höchste Dynamik: 'kaum noch begonnen, / Wachsen sie wilder, / Sind sie zerronnen."
Sodann folgt, was im Kontext des Gedichts besonders befremdlich wirkt: die nur aus substantivierten Verben mit dem unbestimmten Artikel bestehende vorletzte Strophe. Das Ich, so viel lässt sich festhalten, ist mit dem Verlauf des Textes gewonnen worden, auch die Metapher wurde gefunden, das ,Bild' in seiner Doppeldeutigkeit herausgestellt. Doch was bedeuten diese quasi abgerissenen Aufzählungen? 'Ein Halb-Verstehen" bringt uns auf die Fährte, dass hier weniger die Bewegung der Wolken als die Bewegung der Reflexion nachgezeichnet wird. Kann 'in loses Schweifen", ebenso wie 'in Weiterwehn" noch auf die Wolken bezogen werden, ist das 'Halb-Verstehn" und 'Flüchtig-Ergrei-fen" auf den Betrachter, den Sprecher gerichtet? - Nur er könnte verstehen, nur er ,ergreifen'. Nur er oder vielleicht auch der Leser? Das schon genannte 'Weiterwehn" muss nicht allein die Wolken meinen, sondern vermag auch den Leser aufzurufen, der das 'Halb-Verstehn" in das ,Ganz-Verstehn' verwandeln und den Text im Prozess der Lektüre und des Nach-Denkens nachwirken, ,weiterwehen' lassen soll. In einem Moment der Negation, als nämlich die Bilder zerronnen sind, kommt, quasi in die Leerstelle eintretend, das reflektierende Subjekt gleich zweimal ins Spiel: als lyrisches Ich und als angesprochener Leser. Dieses Ich ist so flüchtig wie das nicht genannte ,Du', und doch sind beide für den Text von entscheidender Bedeutung. Sie können nämlich das 'Weiterwehn" in einen Vollzug übersetzen, es seiner Art nach realisieren. Auf diese Weise erlangt die letzte Strophe wiederum eine doppelte Bedeutung - wie schon die 'Bilder" vorher. Das ,lautlose Gleiten' kann sich ebenso auf die nun beruhigte Szenerie der Wolken beziehen oder aber, schlüssiger, auf die Fortsetzung der Bewegung ohne 'Hast" in der nächtlichen Ruhe der Phantasie. 'Ledig der Schwere" wäre dann der sich fortschreibende Text, wäre auch die Vorstellung des Lesers, die dort fortwirkt, wo das Gedicht endet.
Vor dem Hintergrund dieses Ergebnisses ist die Frage nach dem ,Thema' des Textes noch einmal aufzuwerfen. Wie oft in der Literatur, ergibt sich auch hier ein Spannungsverhältnis zwischen dem unmittelbar Gesagten und dem auf einer höheren Ebene hergestellten Sinn. Das Gedicht handeltvon Wolken, zeigt aber an ihrer Bewegung die Dynamik der Phantasie und der Reflexion auf, so dass der , Schattentanz', die einzige Metapher des Textes, auch auf den Innenraum des Menschen - des Sprechers und des Lesers / Hörers - beziehbar wird und sich im Gang des Textes verwirklicht. Einem normalen Vorgang, der Bewegung der Wolken, wird eine höhere Bedeutung abgewonnen, die nun den Bereich der Natur mit dem Innenleben des Menschen verbindet, und dieser ist ,Kunst' wie der Tanz. Obwohl die Wolken konkret gegeben sind, wohnt ihnen eine Symbolik inne, die über die geschilderte Situation hinauswächst. Und auf dieser Symbolebene treffen sich die Thematik und die Bedeutung des Textes.
Die Analyse des folgenden Gedichts, das, ebenso wie 'Wolken", 1892 in den Blättern für die Kunst veröffentlicht wurde, soll nun als Aufgabe gestellt werden.
Aufgabe 1:
Bitte interpretieren Sie, nach dem Muster der Analyse von ' Wolken", dieses Gedicht in einzelnen Analyseschritten. Versuchen Sie zunächst, die Aufgabe selbständig zu lösen! Im Anschluss an das Textzitat finden Sie diese Schritte in Frageform aufgeführt und kommentiert; die Antworten, mit denen Sie Ihre Ergebnisse vergleichen können, werden dann in der Folge gegeben.
VORFRÜHLING
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten.
Lippen im Lachen Hat er berührt, Die weichen und wachen Fluren durchspürt.
Er glitt durch die Flöte Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte Flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte im Neigen Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Durch die glatten Kahlen Alleen Treibt sein Wehn Blasse Schatten.
Und den Duft Den er gebracht, Von wo er gekommen Seit gestern Nacht.
Entsprechend dem Vorgehen bei der Analyse von 'Wolken" wird auch hier zunächst nach dem Thema gefragt, das wiederum relativ leicht zu benennen ist. Die nächste Frage wäre, welchem Genre der Lyrik das Gedicht zuzuordnen ist. Die Art der Darstellung aber verlangt, ähnlich wie bei dem schon analysierten Gedicht, genaueres Hinsehen, wie ja generell bei der Lyrikanalyse mehrere Textdurchgänge erforderlich sind. Zunächst ist eine weitere themenbezogene Frage zu beantworten: An welchem speziellen Phänomen, welchem ,Gegenstand', wird das Thema anschaulich gemacht? Welche weiteren Möglichkeiten hätte es gegeben, das Thema zur Darstellung zu bringen? Was folgt aus der Beobachtung, dass Hofmannsthal das Thema gerade an diesem Phänomen aufzeigt?
Wenn Sie, was sich bei jeder Gedichtanalyse empfiehlt, den Text laut lesen: Fällt Ihnen dann am Klangbild etwas auf?
Wir werfen sodann einen Blick auf die äußere Form: Wie verhält es sich mit der Länge der Verse, wie ist das Reimschema beschaffen, wie würden Sie den Rhythmus charakterisieren? Welchen Charakter erlangt das Gedicht durch dieses Vorgehen: Erinnert es Sie an lyrische Formen, die Sie schon kennen? Vergleichen Sie den Aufbau der Strophen mit dem Verlauf der Sätze: Gibt es hier Übereinstimmungen oder Abweichungen? Ist dieser Aufbau generell der gleiche?
Kennzeichnen Sie nun die Wortwahl: Ist der Text in seiner Wortwahl gelehrt oder eher schlicht? Begründen Sie Ihre Entscheidung für das eine oder das andere!
Betrachten Sie jetzt die Verben: Welcher Art sind sie, in welchem Tempus / welchen Tempora werden sie verwendet?
Sie haben beim Durchlesen bemerkt, dass der Text eine Strophe wiederholt . Finden Sie Argumente für die Streichung einerseits, für die Beibehaltung dieser Strophe andererseits! Gibt es dabei eine Verbindung zum besonderen ,Einsatz' der Verben in den jeweiligen Zeitformen?
Es war schon zu Anfang unserer Textbetrachtung deutlich geworden, dass das Gedicht durchgehend gereimt ist; kennzeichnen Sie die Art der Wörter im Reim und stellen Sie die auch hier vorhandenen Alliterationen heraus! In welchen Strophen wird das Reimschema durchbrochen? Können Sie diese Unregelmäßigkeit interpretieren? Und als letzte Frage zum Reim: Welches Wort steht am häufigsten im Reim und: warum? Denken Sie zurück an den Anfang, die Darstellung des Themas: Worauf ist jenes Wort bezogen?
Einiges ist an diesem Text sonderbar und führt beim Lesen zum Innehalten: Was ist Ihnen als sonderbar aufgefallen? Gibt es für dieses Sonderbare im Text einen Begriff?
Betrachten Sie den Verlauf des Textes vom Anfang bis zum Ende: In welcher Weise würden Sie die Beziehung zwischen Anfang und Ende kennzeichnen?
Was wird im Text an einzelnen Stationen benannt? Kenn-zeichnen Sie diese und vergleichen Sie sie miteinander! Auf welche Erfahrungsbereiche sind diese Stationen bezogen?
Wir hatten im Gedicht 'Wolken" eine symbolische Ebene beschrieben. Finden Sie solche oder ähnliche Symbole auch in diesem Text?
Es ist nun, nach diesen zahlreichen Fragen, Zeit für die Auflösung und die gemeinsame Interpretation des Textes. Dabei werden alle Fragen in der Reihenfolge, wie sie gestellt wurden, noch einmal aufgegriffen, damit wir unsere Eindrücke abstimmen und für die Analyse des Textes nutzbar machen können.
Das Thema ist mit dem Titel identisch: 'Vorfrühling". Mit Titel und Thema hängt auch die Zuordnung des Gedichts zum Genre der Naturlyrik zusammen. Der Vorfrühling wird an einem einzigen Naturphänomen, dem Wind, zur Anschauung gebracht. Es wäre leicht vorstellbar, den Vorfrühling auch an anderen Erscheinungsformen der Natur und des Menschen darzustellen: Man könnte auf die wärmere Sonne, die aus dem Boden sprießenden jungen Pflanzen oder auf die Vorfreude der Menschen auf den bald kommenden Frühling hinweisen. Nichts davon bei Hofmannsthal. Es ist hier allein der Wind, an dem die Atmosphäre des Vorfrühlings aufgezeigt wird. Insofern handelt es sich um die extreme Reduktion des Themas auf faktisch nur ein Motiv. Doch die Besonderheit dieses Motivs wird durch den Verlauf des Gedichts erst entwickelt: Der Wind weht sozusagen in verschiedene Erfahrungsbereiche hinein, ist kein statisches, sondern ein dynamisches Phänomen. Diesen Befund gilt es für die weiteren Analyseschritte festzuhalten.
Zum Klangbild ist zu sagen, dass sich der Text durch eine hohe Klangfülle auszeichnet, die vor allem durch den Vokalismus entsteht: Alle Vokale, auch die umlautenden, kommen zum Einsatz. Dadurch ist dem Gedicht ein besonderer Klangcharakter eigen, der die Bedeutungen auf der Inhaltsebene tendenziell sogar übersteigt. Man bemerkt beim lauten Lesen, wie man sich gleichsam in den Klang hineinsteigert - so weit, dass die Bedeutung der Wörter hinter deren musikalische Qualität zurücktritt.
Ein Blick auf die äußere Form stellt zunächst die relative Kürze der Verszeilen fest, die mit einer hohen Frequenz des Reimsverbunden ist, was wiederum zum musikalischen Charakter des Textes beiträgt. Der Rhythmus ist unregelmäßig, mal dem daktylischen Dreier-, mal dem jambischen Zweierschema zugehörig . Daraus folgt, dass die Bewegung des Windes als eine sehr variable, das Gedicht insgesamt als bewegt erscheint.
Beim Lesen wird Ihnen wohl der Charakter des Gedichts als volksliedähnlich aufgefallen sein; hier ergibt sich eine Verwandtschaft mit der Naturlyrik generell, die, häufig dem Muster der Romantik folgend, ebenfalls in eher schlichter Weise gestaltet ist. Dazu passt der Befund, dass die Sätze mit den Strophen beginnen und enden, also eine Übereinstimmung von Satz- und Versstruktur entsteht. Für die letzte Strophe ist in gewisser Weise eine Ausnahme zu machen, denn es handelt sich hier um einen mit 'Und" beginnenden, grammatisch an die vorherige Strophe anschließenden elliptischen Satz. Mit dem Schluss scheint es etwas Besonderes auf sich zu haben, auf das wir noch zurückkommen werden.
Die Wortwahl ist, entsprechend der Zugehörigkeit des Textes zur Naturlyrik und seinem volksliedhaften Charakter, von eher schlichter Art und vermeidet gelehrte Begriffe. In den Kontext der Beobachtungen, die äußere Erscheinungsweise des Textes betreffend, gehört auch ein Blick auf die Verben. Sie bezeichnen vorrangig Bewegungen und werden im Präteritum wie auch im Präsens verwendet. Auf diesen Unterschied ist noch zurückzukommen. Die zweimal verwendete Strophe mag im Verlauf des Gedichts eine Hemmung, eine Retardierung, bedeuten; auch lässt sich generell feststellen, dass Wiederholungen nicht eben elegant wirken - es sei denn, sie wären mit einer besonderen, auf die Bedeutung des Textes gerichteten Signalwirkung ausgestattet. Eben dies ist der Fall, denn die siebte, mit der ersten identische Strophe leitet den zweiten Teil des Gedichts ein, in dem nun nicht mehr von der Vergangenheit, sondern von der Gegenwart die Rede ist; diese wiederum, ganz am Ende, verweist auf die Vergangenheit zurück. Und auf das Ende des Gedichts wird ebenfalls zurückzukommen sein.
Im Hinblick auf die Reimwörter ist auffallend, dass sie grammatisch verwandt sind: Mit wenigen Ausnahmen stehen entweder Verben oder Substantive im Reim. Diese
Beobachtung lässt darauf schließen, dass die Verbindung von Handlungen zu Gegenständen, die Begegnung des Aktiven und Veränderlichen mit dem statisch Gegebenen ein besonderes Anliegen der Darstellung ist. Auch dies wird im weiteren zu bedenken sein. Alliterationen treten im Text vermehrt auf; sie betreffen zum Beispiel das 'W" , das 'S" , das 'L": 'Lippen im Lachen" sowie das 'Seh": 'schluchzender Schrei". Anklänge enthält der Text auch im Bereich des Vokalismus: 'kahle Alleen"; 'Durch die glatten / Kahlen Alleen"; 'blasse Schatten"; 'Fluren durchspürt".
Die Frage, wo das Reimschema durchbrochen wird, führt uns zum Ende des Textes. Die vorletzte Strophe reimt abba, die letzte abeb: Hier steht also eine Zeile, 'Von wo er gekommen", als einzige des ganzen Gedichts nicht im Reim. Kommt der Wind gleichsam aus einer anderen, mit der gegebenen nicht im Zusammenhang stehenden Welt? Die Frage, auf die Sie schon im Vorlauf eine Antwort versuchen können, ist ein einfaches ,Warum?' -Ein Wort steht dreimal im Reim: 'Wehn". Diese Häufigkeit wird einerseits durch die Wiederholung der ersten Strophe herbeigeführt, andererseits durch die erneute Verwendung des Wortes in der vorletzten. Ist hier das Wehn, das die Tätigkeit des Frühlingswindes bezeichnet, von anderer Art gegenüber dem Anfang?
Auf die Frage, was an diesem Text sonderbar sei, mag es verschiedene Antworten geben. Die eine betrifft die relative Enge und Begrenztheit der Darstellung, die ihr Thema nur an einem Naturphänomen, dem Wind, erfahrbar macht. Sonderbar in der Sprachgebung ist das ,zerrüttete' Haar, denn dieses Adjektiv wird eher auf Familienverhältnisse oder auf die Gesundheit angewandt als auf das Haar: Wovon wäre es zerrüttet - vom Wind oder nicht eher von einem langen Krankenlager? Man kann die Frage nur stellen, aber nicht definitiv beantworten. Bei der Darstellung dessen, was der Wind mit seinem Wehen erreicht oder durchläuft, findet diese rätselhafte Wendung ansatzweise Aufschluss. Hält man bei ,zerrüttet' bereits erstaunt inne, so ist der Ausdruck 'flüsternde Zimmer" wiederum sonderbar oder ,seltsam'. Hier liegt eine bestimmte rhetorische Figur vor, die Metonymie. Dieser Ausdruck bedeutet, dass benachbarte Phä-nomene aufeinander gespiegelt werden, etwa: ,Der ganze Saal applaudierte'. Natürlich applaudiert nicht der Saal, sondern das Publikum, das sich hier befindet. Ähnlich müsste man sagen, dass nicht die Zimmer flüstern, sondern dass in ihnen geflüstert wird - weil jemand schläft, jemand krank ist?
Wir haben das Thema und seine besonderen Darstellungsweisen betrachtet, einen ersten Blick auf die Verknüpfungen innerhalb des Textes geworfen und dabei schon einen Einblick in die Bedeutungsebene gewonnen. Die beiden letzten Fragen aus dem oben erstellten ,Katalog' beziehen sich auf den Textverlauf und die in ihn eingelassenen Symbole. Der Verlauf des Gedichts vom Anfang zum Ende ist zunächst durch eine Anzahl von Beschrei-bungs-,Stationen' gekennzeichnet. Der Wind trifft auf Kummer , schüttelt die Blüten von Akazien, kühlt glühende' Glieder, begegnet Lachen, gleitet durch die Flöte und fliegt schließlich durch die flüsternden Zimmer. Bemerkenswert ist dabei die Verschiedenheit der einzelnen Bereiche, die sowohl Menschliches als auch Naturhaltes betreffen. Der thematischen Einschränkung auf den Wind einerseits entspricht andererseits eine Ausdehnung der Bereiche, in die er vordringt. Paradoxerweise führt hier Reduktion zu Erweiterung. In den Bereichen, die der Wind nacheinander durchläuft, deutet sich zu dem Gegensatz zwischen menschlichen Leben und der Existenz der Natur ein weiterer an: auch das Aufbauend-Heitere steht in einem gegensätzlichen Verhältnis zum Negativen und Schmerzlichen: dem Weinen, dem schluchzenden Schrei. Die Zeilen 'Und löschte im Neigen / der Ampel Schimmer" sind mehrdeutig; in Anbetracht des Strophenanfangs aber kann das Auslöschen des Lichts nicht nur als Signal nächtlicher Ruhe, sondern auch als Zeichen des Todes verstanden werden, so dass sich von hier aus eine Beziehung zur vorletzten Strophe ergäbe, die dann wiederum eine Vorahnung von Tod enthielte: Die kahlen Alleen, schon bekannt aus der ersten Strophe und ihrer Wiederholung in der siebten, könnten sich insofern nicht, wie zunächst anzunehmen, in einem Park, sondern auf einem Friedhof befinden. Für diese Interpretation sprechen auch die ,blassen Schatten'. Der Verlauf des Textes enthält hauptsächlich eine Aufzählung, die, so gar nichtfrühlingshaft, zum Teil auf Krankheit und Tod bezogen ist. Am Ende wird die Darstellung der Vergangenheit zum Präsens hin verschoben, eingeleitet von der wiederholten ersten Strophe, die nun eine andere, deutlichere Präsenz enthält als zu Anfang.
Aufgabe 2:
Bitte versuchen Sie, die Beobachtungen zum Gedicht 'Vorfrühling" zu bündeln und im Hinblick auf die Aussage des Textes zu systematisieren; benutzen Sie dabei das Schema zur Textanalyse von Seite 9!
Nach den beiden Beispielen zur liedhaften Naturlyrik Hofmannsthals sollen nun, im abschließenden Teil dieses Kapitels, zwei Beispiele aus dem Bereich der Gedankenlyrik betrachtet werden. Das erste, 'Manche freilich ...", wurde schon bei der Vorstellung des Autors mit dem Hinweis erwähnt, dass seine letzten beiden Zeilen sich als Inschrift auf dem Grabstein Hofmannsthals finden. Das Gedicht, jünger als die beiden vorigen, entstand 1895 und wurde 1896 in den Blättern für die Kunst veröffentlicht.
MANCHE FREILICH ...
Manche freilich müssen drunten sterben, Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, Andre wohnen bei dem Steuer droben, Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Manche liegen immer mit schweren Gliedern Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens, Andern sind die Stühle gerichtet Bei den Sibyllen, den Königinnen, Und da sitzen sie wie zu Hause, Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben In die anderen Leben hinüber, Und die leichten sind an die schweren Wie an Luft und Erde gebunden:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, Noch weghalten von der erschrockenen Seele Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Viele Geschicke weben neben dem meinen, Durcheinander spielt sie alle das Dasein, Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Was das Thema sei, ist hier weniger leicht zu bestimmen als in den beiden anderen Beispielen und kann jedenfalls dem Titel nicht entnommen werden. Vorläufig ist festzustellen, dass es sich um Aussagen über das menschliche Leben handelt; Genaueres soll dem später hinzugefügt werden.
Der Titel 'Manche freilich ...", zugleich der Beginn des Textes, ist für sich genommen wenig aussagekräftig und zudem syntaktisch ein Problem. Worauf sich ,manche' beziehen mag, ist zunächst unklar;,freilich' ist ein rückbezügliches Wort, mit dem ein Anschluss hergestellt wird - ein wie durch ,indes' oder ,hingegen' sich inhaltlich abgrenzender Anschluss. Deshalb klingt der Anfang wie ein Abschnitt, der sich auf etwas Vorhergehendes bezieht: Doch was geht voraus?
Beim Blick auf die Versstruktur fällt zunächst die eine längere Strophe auf, die zweite, sodann das Fehlen des Reims bei einem durchgehend trochäischen Metrum. Ferner ist auf der Sinnebene des Gedichts ein Gegensatz bemerkbar: zwischen unten und oben, schwer und leicht. Die längere zweite Strophe markiert zugleich eine Zäsur. Waren vorher die beiden Bereiche getrennt und gegensätzlich bezeichnet worden, stellen die dann kommenden drei Strophen Verbindungen zwischen oben und unten, schwer und leicht her.
Worum es in diesem Text gehen könnte, wird bei der Betrachtung der Begrifflichkeit deutlicher. Ein semantischer Schwerpunkt liegt auf Wörtern wie Leben, Geschick und Dasein; allein ,Leben' kommt viermal vor, davon dreimal in Zeilenendposition. Sollte es sich um eine Art,Lebenslied' handeln? Die Verwendung von beschick' weist in diese Richtung, und nimmt man Sterne und Vogelflug dazu, erweitert sich das Begriffsfeld um den Gedanken der Schicksalhaftigkeit.
Das Gedicht ist ,gelehrter' als die beiden vorher betrachteten Beispiele und verweist auf die Antike. Ein Hinweis darauf ist zu-nächst das Fehlen des Reims, sodann das Motiv des Schiffes, das offenbar, wie in der Antike üblich, von Ruderern bewegt wird. Auch die Ausrichtung der Navigation an Vogelflug und Sternen war in der Antike gängig, wobei die Deutung des Vogelflugs auch prophetischen Zwecken diente. Dieses Motiv wird an die Sibyllen, die Prophetinnen angeschlossen, die nach antiker Vorstellung Orakelsprüche ausgaben und sehr alt wurden -angeblich tausend Jahre. Die Schifffahrt wird traditionell seit der Antike als Metapher für den Lebensweg verwendet, die Navigation für das Schicksal. So verdichten sich die Hinweise darauf, dass 'Manche freilich ..." das menschliche Leben darstellt.
Die Menschen nun werden, wiederum nach antikem Vorbild, in zwei Klassen eingeteilt - die Sklaven und die Herrschenden; den einen ist die Schwere und das Dasein ,unten' zugeordnet, den anderen die Leichtigkeit und das Leben ,oben' - beim Steuer des Schiffes oder bei den Sibyllen und den Königinnen. Die formale Entgegensetzung wird hergestellt durch die Opposition von ,manche' vs. .andere'. Kann die Betrachtung der ersten beiden Strophen hier zunächst innehalten, so ist doch noch eine Frage anzuschließen: Sie betrifft den ,Ort', den Status der dargestellten Szenerie. In den beiden vorher betrachteten Gedichten wurden die thematisierten Naturerscheinungen, die Wolken und der Wind, als real gesetzt. Es war anzunehmen, dass beide gegeben waren und die Gedichte das Ziel verfolgten, Wind und Wolken zu beschreiben . Eine solche Funktion kommt den Schauplätzen in 'Manche freilich ..." nicht zu. Weder das Schiff noch das anzunehmende Festmahl im Hause der Herrschenden sind in jenem Sinne als real gesetzt. Sie werden auch nicht, ähnlich den Wolken oder dem Wind, beschrieben, sondern bilden den Hintergrund für ein Geschehen von allgemeiner Bedeutung. Sie illustrieren beispielhaft das ,Unten' und das ,Oben' und treten insofern als eigenständige reale Erfahrungsbereiche gar nicht in den Blick.
Die Oppositionen der ersten beiden Strophen sind deutlich markiert. Um so mehr fällt im weiteren auf, dass die Strenge der
Entgegensetzung in den drei letzten Strophen relativiert wird, bis sie, am Ende, ganz in sich zusammenfällt: 'Viele Geschicke weben neben dem meinen, / Durcheinander spielt sie alle das Dasein". Nach dem Doppelpunkt am Ende der dritten Strophe, der wiederum eine Zäsur markiert, spricht ausdrücklich das lyrische Ich - in den Zeilen: 'Ganz vergessener Völker Müdigkeiten / Kann ich nicht abtun von meinen Lidern". Das Ich steht im Bann einer Geschichte, die Fremdes, Vergangenes, Vergessenes hervorholt, und diese ,Geschichte' ist es auch, die das Thema des Textes bildet. Insofern das menschliche Leben in seiner historischen Dauer, im Zusammenhang mit anderen Völkern und Schicksalen gesehen wird, verliert es einen Teil seiner Individualität und gewinnt einen weiteren, höheren Wert. Der Textverlauf ist der Darstellung eines Prozesses der Entindividualisierung gewidmet, die das Menschlich-Allgemeine erfasst und selbst die .schmale Leier' des Endes noch übersteigt. Zusammen mit dem Gebrauch des Verbums ,weben', das ja auf,Leben' reimt, enthält die letzte Strophe einen weiteren Hinweis auf das Dichtertum, denn die Leier ist nicht nur namengebend für die entsprechende literarische Gattung, sondern auch das Instrument Apolls, des Herrn der Musen.
Damit wird ein Anspruch formuliert, der aus dem Munde des eben zwanzigjährigen Hofmannsthal, der sich in seinen jungen Jahren dem Ästhetizismus verbunden wusste, überraschen mag. Das Leben in seinen historischen und schicksalhaften Verflechtungen reicht über das einzelne Individuum, über die sozialen Unterschiede und sogar über die Dichtung weit hinaus. So betrifft das Erschrecken vor allem die Einsicht, dass die Schicksale der Menschen miteinander verwoben sind. Für jemanden, der sich ,oben' auf der Ebene des ,Leichten' wähnt, sind die dunklen, schweren Schicksale durchaus als Bedrohung erfahrbar, und das stumme Niederfallen ferner Sterne wirkt wie ein lautloser Schlag. Dem Gedicht haftet insgesamt eine Schwere an, die auch in der Wahl des Metrums zum Ausdruck kommt: Gegenüber dem Reichten', auftaktigen Jambushinterlässt der Trochäus mit der betonten Silbe am Anfang den Eindruck von Schwerfälligkeit - verständlich, denn der ,Teil' des sprechenden Ich ist nicht nur das eigene Leben als ,schlanke Flamme', sondern auch das Leiden und Sterben anderer.
Lyrik wurde in der Antike weniger gelesen als gesprochen, wahrscheinlich sogar, wie die Bezeichnung suggeriert, gesungen. Die deutliche Betonung der Antike in Gedanken und Motivik erhält an einer Stelle des Textes besonderes Gewicht. Ein Wort nämlich kann, wenn es nicht in geschriebener, sondern in gesprochener Form verwendet wird, eine andere Bedeutung erhalten: Lider. Passen einerseits die 'Müdigkeiten", ein vom normalen Sprachgebrauch abweichender Plural, zu den Lidern, sind sie andererseits auf die Schwere des Gedichts selber anzuwenden - die wären dann die Müdigkeiten der ,Lieder'. Diese nicht gesicherte, wohl aber mögliche Deutung lässt sich durch ein anderes Bedeutungssignal stützen. In der zweiten Zeile der letzten Strophe wird das Verbum .spielen' verwendet, das durch einen griechischen Philosophen, der den Beinamen des ,Dunklen' trägt, in das europäische Denken eingebracht wurde: Heraklit. Er vergleicht die Welt einem spielenden Kind, kann also den Sinn des Daseins nur in eine Metapher fassen, die sich diesem selbst widersetzt. Dem Spielerischen nun kommt eine besondere Bedeutung für die Kunst, ja für die Ästhetik allgemein zu, denn im Umgang mit den künstlerischen Werken bewegen wir uns nicht in den Grenzen des Wirklichen, sondern im Freiraum des Möglichen. Wenn es keinen Sinn und keine Gerechtigkeit im Schicksal des Menschen gibt, ist damit die Kunst, als Spiel betrachtet, dem Leben ähnlich. Auch der Dichter ist nicht nur ein Mensch unter anderen Menschen; vielmehr ist er mit allen Menschen und deren Schicksalen verbunden, selbst über die eigene Zeit hinaus. Welch ein Anspruch, möchte man meinen; und doch begründet er in diesem Gedicht einen humanitären Gedanken, der, wie der Anfang gezeigt hatte, nicht mit dem Text beginnt und endet, sondern einen Anschluss an Ungesagtes bildet und in dieses zurückläuft. Denn was sein Teil ,mehr' ist, kann angesichts der Unwägbarkeiten des Schicksals nicht benannt werden.
Bevor wir uns, dieses Kapitel abschließend, einem Prosagedicht von Hofmannsthal zuwenden, soll noch, als Aufgabe ge-stellt, ein weiteres Stück Gedankenlyrik zur Darstellung kommen. Das Gedicht 'Was ist die Welt?" ist von allen betrachteten Gedichten das früheste und erschien schon 1890 unter dem Pseudonym Loris Melikow in der Zeitschrift An der schönen blauen Donau.
WAS IST DIE WELT?
Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht, Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht, Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht, Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht
Und jedes Menschen wechselndes Gemüt, Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht, Ein Vers, der sich an tausend andre flicht, Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.
Und doch auch eine Welt für sich allein, Voll süß-geheimer, nievernommner Töne, Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein. Und wenn du gar zu lesen drin verstündest, Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.
Die Aufgabenstellung folgt dem bewährten Schema. Zunächst ist die Frage zu beantworten, was das Gedicht darstellt, sodann die sich sachlich anschließende, aus welchen Motiven das Thema besteht. Was die im Gedicht gestellte Frage anbelangt: Fühlen Sie sich in der Lage, sie für sich zu beantworten? Über die lyrische Form, der das Gedicht zuzurechnen ist, muss nicht viel gesagt werden, denn es handelt sich um eine, die Sie vermutlich kennen: Welche? Betrachten Sie nun das Reimschema. Es ist gegen Ende des Textes anders als bei dieser Form gewohnt: Inwiefern? Bei einem Blick auf die Zeilenanfänge bemerkt man, dass sich einige Wörter wiederholen; was lässt sich daraus schließen?
Nach der Thematik und der äußerlich-formalen Erscheinungsweise gilt unsere Aufmerksamkeit nun den Verbindungen innerhalb des Textes. Wenn Sie auf den Klang der Worte und die bei Hofmannsthal schon mehrfach angetroffenen Alliterationen achten: Welche Wörter werden auf diese Weise miteinander verbun-den? Betrachten Sie unter diesem Aspekt vor allem die erste Strophe! Hier wird auch gleich die Eingangsfrage beantwortet: Von welcher Art ist, grammatisch gesehen, der lange Satz, welcher der Frage als Antwort folgt? Die Antwort ist inhaltlich gleichsam zweigeteilt, da dem Gedicht zwei unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben werden, die auch den gesamten weiteren Verlauf des Textes bestimmen; um welche handelt es sich dabei? Zeigen Sie nun auf, welche grammatische Struktur die letzten beiden Zeilen aufweisen! Können Sie diesen Befund interpretieren? Welche Zeile nimmt genau die Mitte des Textes ein? Nun wiederum die Bitte: Interpretieren Sie diesen Vers und erläutern Sie die Besonderheit seiner Position!
Im Zusammenhang mit dem Verlauf des Textes ist der Anfang zu betrachten. Bei einer eingangs gestellten Frage ist die Dauer des Gedichts von besonderer Art: Was wird mit dem Verlauf des Textes erreicht?
Zum Schluss, noch immer dem Frageschema folgend, ein Blick auf die Art der Kommunikation: Gibt es ein lyrisches Ich, gibt es ein angesprochenes Du? Wie lässt sich dieser Befund deuten?
Aufgabe 3:
Bitte beantworten Sie die aufgeworfenen Fragen schriftlich , bevor Sie mit der Lektüre der folgenden Anleitung' fortfahren!
Die relativ geringe Anzahl der Fragen und die kaum problematische Weise der Antworten führen zu der Vermutung, dieses Gedicht sei leichter zu verstehen als die drei anderen, die bisher analysiert wurden. Deshalb ist auch der nun gemeinsam zu betrachtende ,Rücklauf der Antworten weniger kompliziert als bei der entsprechenden Analyse des Naturgedichts 'Vorfrühling" - ein durchaus merkwürdiges Ergebnis, denn angesichts der tiefsinnigen Frage 'Was ist die Welt", die einen sechzehnjährigen Autor überfordern könnte, wäre ein äußerst komplexer Text zu erwarten. Die Thematik ist mit der Eingangsfrage identisch, das Gedicht gibt in seinem Verlauf eine Antwort darauf . Das Gedicht, das die Welt ist, hat bestimmte Inhalte: aus ihm strahltder Geist der Gottheit , schäumt der Wein der Weisheit, spricht der Laut der Liebe und strahlt 'jedes Menschen wechselndes Gemüt". Doch ist jenes Gedicht auch nur ein Vers, 'der sich an tausend andre flicht", kleiner Teil eines weitaus größeren Textes ist und 'unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht." Das dreifache ,Vergehen' relativiert jenen Vers, zu dem ein Gedicht in der größeren Perspektive dieses Textes zusammenschmilzt. Die beiden Terzette des Sonetts - denn um ein solches handelt es sich hier - schlagen einen anderen Ton an, indem sie die Aussage ,die Welt ist ein Gedicht' umkehren: Das Gedicht ist eine Welt von eigener Art mit ,nievernommenen' Tönen, 'mit eigner, unentweihter Schöne." Die Welt wird durch Kunst repräsentiert, die Kunst wiederum ist eine Welt.
Die Frage nach der Gedichtform war schon beantwortet worden: Es handelt sich um ein Sonett. Im Reimschema ergibt sich indes eine Abweichung vom Gewohnten, denn das erste Terzett reimt cddc und greift damit auf die erste Zeile des zweiten Terzetts über. Die beiden dann noch folgenden Zeilen reimen untereinander ee, bilden also einen Refrain. Hofmannsthal übernimmt damit nicht die in Italien, dem Ursprungsland des Sonetts übliche Form, sondern schreibt mit drei Quartetten und einem Refrain ein ,Shakespeare-Sonett'. Auch die Thematik verweist in diese Zeit. Ist das Sonett der Renaissance von der Liebesthematik beherrscht, erschließt sich zur Zeit des Barock, der Shakespeare als eine Gestalt des Übergangs schon teilweise zuzurechnen ist, der strengen Form des Sonetts die allgemeine Reflexion auf die Befindlichkeit der Welt; das Sonett wird zur Erscheinungsform von Gedankenlyrik. Die Frage nach der Thematik des Sonetts im allgemeinen muss uns hier nicht weiter beschäftigen; wichtiger ist der Hinweis darauf, dass entgegen der Struktur, die durch das Reimschema entsteht, der Unterschied von Quartetten und Terzetten gewahrt bleibt. Durch das zumindest typographische Ende des Satzes nach dem zweiten Quartett wird der Perspektivwechsel betont, der nun wiederum, vor den letzten beiden Zeilen, eine Wandlung erfährt: Hier wird, während das lyrische Ich grammatisch nicht zum Ausdruck kommt, der Leser angesprochen, undzwar mit der ihm eigenen Aufgabe des Lesens: 'Und wenn du gar zu lesen drin verstündest."
Die zunächst noch formale Betrachtung stellt, was die Zeilenanfänge betrifft, Wiederholungen fest: 'Daraus" dreimal, 'Und" viermal, 'Ein" dreimal. Das Gedicht verfährt aufzählend, beschreibend und verfolgt weniger einen Bewegungsverlauf wie in 'Wolken" und 'Frühlingswind": Es stellt etwas fest - die Befindlichkeit, das Wesen der Welt, und hierzu passt die Betonung der männlichen Reime gegenüber den weiblichen. Gewann in den beiden Beispielen aus der Naturlyrik, nicht zuletzt bedingt durch die Dynamik der Texte, der Rhythmus einen eigenen Charakter und eine besondere Ausdrucksqualität, tritt hier diese Komponente hinter ein regelmäßiges jambisches Metrum zurück. Der Klang der Sprache erscheit weniger bedeutsam als die Vermittlung ,geistiger' Inhalte, und so eignet dem Gedicht kaum jene sinnliche Komponente, welche die beiden Naturgedichte auszeichnete.
Bei der Betrachtung der textuellen Verknüpfungen fällt zunächst schon in der ersten Strophe auf, dass es sich bei den durch Alliterationen verbundenen Begriffen um Substantive und Abs-trakta handelt: Geist, Weisheit, Liebe. Der als Antwort auf die Eingangsfrage sich anspinnende lange Satz ist grammatisch nicht vollständig - ein elliptischer Satz. Das gilt auch für seine Fortführung in den beiden Terzetten; selbst der letzte Satz ist noch elliptisch. Die Antwort auf 'Was ist die Welt?" setzt zwei inhaltliche Schwerpunkte: einen optischen und einen akustischen , die sich in der unverbundenen Zusammenstellung von 'Nachhall, Widerschein" am Ende noch einmal wiederfinden. Eine leicht zu übersehende, aber wichtige Verbindung entsteht durch den unreinen Binnenreim von 'lesen" und 'Leben" in der vorletzten und der letzten Zeile: Das Lesen ist in einem Leben nicht abzuschließen und zu vollenden, denn das Buch der Welt reicht über den Erfahrungsraum, die Erfahrungszeit des einzelnen und sogar über dessen Verstehensfähigkeit hinaus. Auch die letzten beiden Zeilen bestehen aus einem elliptischen Satz, weil dieses ,Lesen' nicht abschließbar, die Weltletztlich nicht zu ergründen ist. Mit der zentralen Zeile 'Ein Vers, der sich an tausend andre flicht" stellt sich das Gedicht in den Zusammenhang vieler anderer Texte und relativiert damit zugleich seine eigene Bedeutung: Es ist, obschon eine Welt für sich allein , doch nur Teil eines großen Weltgedichts, das man zwar lesen soll, aber nicht ausschöpfen kann.
Mit dem Verlauf des Textes wird somit zweierlei erreicht: Zum einen führt der Diskurs die Frage, was die Welt sei, einer Antwort zu; zum anderen aber ist das schließlich erreichte Ziel nichts weniger als ein Abschluss, denn jenes Buch der Welt, von dem das vorliegende Gedicht nur ein Teil ist, kann der Leser im Leben nicht ergründen. Zwar vollzieht sich das Entschlüsseln der Welt als Schreiben und Lesen, doch führen diese Handlungen immer nur zu Näherungswerten. Die eingangs geäußerte Skepsis, ob ein so junger Autor denn in der Lage sei, diese schwerste aller Fragen zu beantworten, findet zugleich Bestätigung und Widerstand, denn der Text beantwortet die Frage, indem er die Antwort wiederum in Frage stellt. Ein subtiles Ende, das immerhin den eigenen Text als Antwort begreift - als eine relative, versteht sich.
Aufgabe 4 :
Versuchen Sie nun, wie schon bei der Analyse von 'Vorfrühling", die Ergebnisse zu systematisieren und zusammenzufassen; bitte beziehen Sie sich dabei erneut auf das bekannte Schema der Textanalyse!
Es bleibt in diesem Kapitel die Zeit für einen Blick auf ein Prosagedicht von Hofmannsthal. Zur Erleichterung des Lesers sei gleich angefügt, dass nun die Zeit der Aufgaben vorbei ist und wir uns entspannt dem Text widmen können.
DIE ROSE UND DER SCHREIBTISCH
Ich weiß, daß Blumen nie von selbst aus offnen Fenstern fallen. Namentlich nicht bei Nacht. Aber darum handelt es sich nicht. Kurz, die rote Rose lag plötzlich vor meinen schwarzen Lackschuhen auf dem weißen Schnee der Straße. Sie war sehr dunkel, wie Samt, nochschlank, nicht aufgeblättert, und vor Kälte ganz ohne Duft. Ich nahm sie mit, stellte sie in eine ganz kleine japanische Vase auf meinem Schreibtisch und legte mich schlafen.
Nach kurzer Zeit muß ich aufgewacht sein. Im Zimmer lag dämmernde Helle, nicht vom Mond aber vom Sternlicht. Ich fühlte beim Atmen den Duft der erwärmten Rose herschweben und hörte leises Reden. Es war die Porzellanrose des alt-wiener Tintenzeuges, die über irgend etwas Bemerkungen machte. 'Er hat absolut kein Stilgefühl mehr", sagte sie, 'keine Spur von Geschmack". Damit meinte sie mich. 'Sonst hätte er unmöglich so etwas neben mich stellen können." Damit meinte sie die lebendige Rose.
Es ist unmittelbar augenfällig, dass dieser Text in Prosa verfasst ist; die Analyse muss sich deshalb darauf ausrichten, den ,Gedicht'-Charakter des Textes herauszuarbeiten. Zu Beginn treten drei Verneinungen auf - durch 'nie" im ersten, sodann durch 'nicht" im zweiten und dritten Satz. Diese Verneinungen scheinen zu nichts zu führen, denn der Beginn eines Textes mit der Aussage, was nicht sei, worum es sich nicht handelt, wird scheinbar gar nicht wieder aufgegriffen: Oder kommt der Rede der Porzellanrose, die dem Ich unterstellt, es habe kein Stilgefühl mehr, eine besondere Bedeutung zu? Auch das Adverb 'unmöglich" gegen Ende enthält eine Verneinung. 'Darum handelt es sich nicht", wurde zu Anfang gesagt, doch worum handelt es sich? Der Text enthält einige Hinweise auf kostbare Dinge: die besonders eleganten Lackschuhe, die japanische Vase, und auch die Rose, die im Schnee liegt, wird als kostbar und schön dargestellt - sie ist 'wie Samt, noch schlank". Freilich fehlt ihr etwas: der Duft. Im vom Sternenlicht dämmrigen Zimmer nimmt das Ich den Duft der Rose wahr, den sie nun, in der Wärme, entfalten kann.
Doch was hat es mit diesem Duft auf sich? Der Beschreibung nach, welche die Rose im Schnee liegend darstellt, hätte es sich um eine künstliche handeln können, die jedoch, und hier liegt der Unterschied , nicht duftet. Die Lebendigkeit der Rose, mit dem Duft und seiner Bewegung verbunden, erregt Anstoß und, in der Personifizierung der sprechenden Porzellanrose, Neid. Was das Ich, inzwischen wieder aufgewacht, mithört, beleidigt ihn selbst und dienatürliche Rose gleichermaßen: Es ist die Rede der künstlichen Rose aus Porzellan, die nicht einmal als schöner Gegenstand für sich selbst steht, sondern auf dem Schreibtisch einen Tintentopf schmückt. So entsteht ein Gegensatz zwischen dem ästhetischen Stilgefühl und dem Sinn für die Schönheit der Natur, der indes zugunsten der lebendigen Rose ausgeht, die respektlos und wie ein bloßer Gegenstand als 'so etwas" tituliert wird. Wenn vorher gesagt wurde, die Porzellanrose mache 'über irgend etwas" Bemerkungen, ist damit auch die Rede, die ihrerseits abwertend verfährt, abgewertet. Bei der Schönheit einer lebendigen Rose geht es nicht mehr um Stil und Geschmack , sondern um einen Sinn für Ästhetik, der dem Äs-thetizismus, der Verehrung des Kunstschönen gegen die Schönheit der Natur, entgegengerichtet ist.
Der Text scheint nicht harmonisch zu enden, sondern im Gegenteil einfach abzubrechen: Bedarf die Geschmacklosigkeit einer künstlichen Rose keines Kommentars? Diese kennt ihre Grenzen nicht, und eben diese Grenzen sind es, die der Leser am Ende einsehen und reflektierend erschließen soll. - Das Prosagedicht 'Die Rose und der Schreibtisch" zeichnet sich nicht durch jene Dichte und Konzentration der Textgestaltung aus, die wir aus den lyrischen Gedichten kennen. Ist dies einerseits typisch für das Prosagedicht, so ist andererseits, gleichsam zu seiner Ehrenrettung, auf die auch hier vorhandenen Verknüpfungen hinzuweisen. Jener merkwürdige Satz des Anfangs, darum handle es sich nicht, wird durch den Text hindurchgetragen und kennzeichnet schließlich die Bemerkungen der Porzellanrose, die gleichsam neben der Sache, um die es sich handelt, operieren. Nicht Geschmack und Stil des Ich sind von Bedeutung, sondern es ist seine Geste, die eine ,frierende' Rose rettet und ihr den Duft zurückgibt. Der Text feiert den Sieg der Natur über die Künstlichkeit des Ästhetizismus. Dass er in lyrischer Prosa verfasst ist, in einer Zwitterform also zwischen Prosa und Lyrik, ist insofern selbst schon ein Programm, das mit seiner Thematik eng verknüpft ist. Er verneint jene Künstlichkeit, die lyrischem Sprechen allemal anhaftet und stellt das Schöne der Natur in lyrisch gefärbter Prosa dar.
Am Ende dieses Kapitels, das als erstes der konkreten Textanalyse gewidmet war, mögen Sie die Textbeispiele als kompliziert, die Ergebnisse als komplex erfahren haben. Der Umgang mit Texten, besonders den lyrischen, muss geübt, die Lektüre immer wieder trainiert werden; dafür wurde das Fundament gelegt, damit der Anfang gemacht. Bei der Arbeit an den Texten ergaben sich auch, für den auf die Sprachform der Gedichte konzentrierten Leser vielleicht weniger als in der Perspektive der Autorin, Einblicke in die Besonderheit lyrischen Sprechens.
In der Lyrik wird ein Moment, eine Situation aufgerufen und sozusagen mit Sprachmaterial angefüllt: Der Text erläutert, was Vorfrühling, was die Welt ist. Dabei wird der syntagmatische Verlauf des Textes immer wieder paradigmatisch durchkreuzt: Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass ein lyrischer Text seine Aussagen eher additiv anhäuft als in der Zeit und deren Veränderungen entfaltet; er ist unter diesem freilich wesentlichen Aspekt eher der Beschreibung verwandt als der Erzählung. Wer im Sinne von ,dis-currere' den Text zu durchlaufen versucht, wird bei der Lyrik immer auf Fußangeln stoßen, denn das Syntagma wird durch ein Paradigma ergänzt oder anders gesagt: der lyrische Text spiegelt ein Paradigma auf ein Syntagma. Dem Leser wird deshalb eine doppelte Perspektive abverlangt, nämlich sich einmal auf den dis-kursiv-syntagmatischen Verlauf des Textes, sodann aber auf dessen paradigmatische Struktur einzurichten; man könnte auch sagen: Es wird ihm in der Lyrik eine doppelte Anstrengung angesonnen - nicht ohne dass eine Belohnung winkte, denn das Ineinandergreifen von Sinndimension und Sprachklang macht Bedeutungen hörbar: ein fast musikalisches Erlebnis in der vermeintlich nüchternen Begriffssprache.
Die Lyrik als Textmodus ist durch das Hin und Her von Kette und Schuss im Sinne des text-uellen ,Gewebes' bestimmt; sie enthält eine Vielzahl von Komponenten, in die auch, deutlicher als in anderen Gattungen, der Sprachklang mit einbezogen ist. Lyrik besteht aus dem Sprechen einer Figur und richtet sich an einen Leser oder einen sehr kleinen Kreis von Lesern. Sie ist, zumindest in der neueren Zeit, die Gattung der Individualität und steht damit in ausdrücklichem Gegensatz zu den dramatischen Gattungen, die sich ihrer Naturnach an ein Publikum im Theaterraum richten .
Was ein Text sei und im höchsten Sinne sein kann, wird an keiner Gattung so anschaulich wie an der Lyrik, und deshalb steht dieses erste Analyse-Kapitel in der Nähe der einleitenden Überlegungen zum Textbegriff. Der bei seiner Arbeit vielleicht seufzende Analytiker wird am Ende nicht nur für seine Mühen belohnt, sondern erfährt auch bei seiner Arbeit, was - im strengsten Sinne des Wortes - ein Text ist und was er zu leisten vermag. Mag sein, dass gerade bei einer ,kleinen' Form wie der Lyrik besonders deutlich zutage tritt, dass die gedanklichen Dimensionen lyrischer Texte weitaus größer sind, als es deren Umfang vermuten lässt. Von allen literarischen Texten sind die lyrischen die kunstvollsten; deshalb kommt, was künstlerische Texte zu leisten vermögen an der Lyrik am deutlichsten zur Anschauung. Das heißt umgekehrt aber auch, dass lyrische Texte sich am weitesten von der Alltagskommunikation entfernen und deshalb auch unser Analyseschema gerade bei dieser Gattung revidiert und verfeinert werden musste. Ausdruckskraft und Bedeutungsdimension werden bei der Lyrik dem Sprachklang und der hohen Frequenz uneigentlichen, ,bildlichen' Sprechens abgewonnen. Dabei ergibt sich oftmals eine Überdeterminiertheit, das heißt: ein Element ist mit mehreren Sinndimensionen versehen, kann durch seinen Sprachklang, die Stellung im Reim zusätzliche Bedeutungen über die übliche Semantisierung hinaus erlangen. Die sprachlich komplexeste Gattung ist die Lyrik, die handlungsmäßig komplexeste der Roman. Da dieser aber in unserer Einführung nicht vorkommt, haben wir schon jetzt, am Anfang, die höchste Hürde im Umgang mit literarischen Texten genommen.
Wie wir wissen, verstummte Hofmannsthal als Lyriker und gab das Gedicht als Gattung fast ganz auf. Er trug aber den Gestus lyrischen Sprechens in seine übrigen, späteren Werke hinein, so dass wir nicht der Lyrik, wohl aber einer dem Klanglichen und der sprachlichen Konzentration gewidmeten Schreibweise auch weiterhin - bis zur Analyse des Essays am Ende - noch vielfach begegnen werden.
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