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Lukäcs



Georg Lukäcs' bereits 1916 veröffentliche Theorie des Romans enthält Beiträge zu einer Klärung des Gattungsbegriffs ,Bildungsroman', die von der Literaturtheorie und der Literaturhistorie zu ihrem Schaden lange nicht recht aufgenommen wurden. Zwar benutzt Lukäcs selbst nicht den Terminus ,Bildungsroman', sondern spricht von ,Erziehungsromanen', er zielt damit aber ganz offensichtlich auf die von Dilthey umrissene Wilhelm Meister-Tradition. Mit seinen Ãoberlegungen geht Lukäcs inhaltlich über Diltheys Andeutungen entschieden hinaus: Er stützt sich auf eine geschichtsphilosophisch fundierte Gattungstheorie, allerdings auch auf eine subtile und geistvolle Deutung der Texte, insbesondere des Wilhelm Meister selbst.

      Lukäcs hat später die philosophische Position seiner Romantheorie 'im Prozeß des Ãobergangs von Kant zu Hegel", also im Umkreis des deutschen Idealismus lokalisiert . Das bedeutet eine Ãobereinstimmung mit der geistesgeschichtlichen Situation, in der die Gattung des deutschen Bildungsromans zuerst hervorgetreten war. Die daraus resultierende innere Affinität zu seinem Gegenstand erlaubte dem frühen Lukäcs dessen kongeniale Deutung und begriffliche Erfassung. Allerdings behaupten sich viele Thesen und Beobachtungen, die Lukäcs zur Thematik und zur Struktur des Romans, insbesondere des Bildungsromans vorträgt, auch abgelöst von seinen philosophischen Prämissen: Sie sind keineswegs derart fest an seine spekulative Geschichtsphilosphie und deren 'völlig unfundierten Utopismus" gebunden, daß sie von einer Kritik an diesem gedanklichen Hintergrund ebenfalls getroffen werden müßten.
      Lukäcs' Grundthese ist, daß die Form des Romans 'wie keine andere ein Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit" ist . Das Epos hatte zu einem Weltzustand gehört, in dem der Lebenssinn unmittelbar gegeben war und das Subjekt sich in organischem Zusammenhang mit seiner Welt fühlte. Als diese Einheit zerfiel, trat an die Stelle des alten Epos der Roman: Dessen Helden sind auf der Suche nach dem verlorenen Sinn , und die 'innere Form" des Romans ist geprägt von der 'Wanderung des problematischen Individuums zu sich selbst" .
      Die so definierte Gattung präsentiert sich Lukäcs zufolge in zwei Typen: Auf der einen Seite steht der Roman des 'abstrakten Idealismus", in dem der idealerfüllte Held in eine aktive und kämpferische Auseinandersetzung mit der Welt geführt wird. Auf der anderen Seite steht der Roman der 'Desillusionsromantik", dessen Held sich ins eigene Innere zurückzieht, weil er jeden Versuch, sich in der äußeren Welt zu verwirklichen, 'a priori als aussichtslos und nur als Erniedrigung" empfindet . Zwischen diesen beiden Typen steht als eine vermittelnde Variante der Wilhelm-Meister-Typus, d.h. der Bildungsroman, dessen Thema 'die Versöhnung des problematischen, vom erlebten Ideal geführten Individuums mit der konkreten, gesellschaftlichen Wirklichkeit" ist . Bei Werken dieser Art ist vorausgesetzt, daß die Kluft zwischen Subjekt und Welt überbrückbar ist und daß sich in der vorgefundenen Gesellschaft die Möglichkeit eröffnet, eine als sinnvoll erlebte Existenz zu führen. Allerdings entrinnen auch die Bildungsromane nicht dem Weltzustand der Entzweiung und des Sinnverlusts. Um die Entwicklung ihrer Helden zu einem guten Ende zu bringen, müssen sie 'notwendigerweise bestimmte Teile der Wirklichkeit idealisieren, romantisieren" . Bei Novalis etwa strebt die Erzählung 'in eine völlig problemfreie, problemjenseitige Sphäre, für die die gestaltenden Formen des Romans nicht mehr ausreichen" .
      Diese Schwierigkeit erkennt Lukäcs noch deutlicher in jenen Werken, die in den folgenden Epochen an den Wilhelm Meister anzuschließen versuchen. Der Glaube an die Möglichkeit einer harmonischen Lösung der Bildungsgeschichten wird zunehmend schwerer begründbar. Das führt zum Vordringen resignativer Töne, ja zur Annäherung an die 'Desillusionsromantik", wofür die erste Fassung des Grünen Heinrich ein deutliches Beispiel wäre. In der späteren Fassung von Gottfried Kellers Roman allerdings erkennt Lukäcs bei aller Abschwächung des Goetheschen Optimismus doch ein Fortwirken der Wilhelm-Meister-Tra&i-tion, insofern zwar 'die Einsicht in die Diskrepanz zwischen Innerlichkeit und Welt" unvermeidlich wird, aber doch 'eine handelnde Verwirklichung der Einsicht in diese Dualität" zustandekommt . Eine Gefährdung des Bildungsromans sieht Lukäcs darin, daß er den Bezug auf die Spannung zwischen sinnsuchendem Subjekt und widerständiger Welt verliert und damit ideell entleert wird. Gustav Freytags Soll und Haben kann als Muster für eine solche Triviali-sierung der Gattung dienen .
      Die wichtigste Erkenntnis Lukäcs' zum Bildungsroman ist die begriffliche Präzisierung des Grundproblems der Gattung, daß es nämlich um die Suche nach einem Lebenssinn in einer als fremd und feindlich erfahrenen Welt geht, wobei der Weg des problematischen Helden auf das Ziel einer harmonischen Lösung ausgerichtet ist. Neben diesen allgemeinen Thesen enthält die Romantheorie des jungen Lukäcs noch zahlreiche, außerordentlich scharf gesehene und erhellende Einzelbeobachtungen, die sich auf den Goetheschen Wilhelm Meister und andere Exempel der Gattung beziehen lassen. Dazu gehören die Ãoberlegungen zur Rolle der erzählerischen Ironie, die sich gegen den Helden der Geschichte, aber auch 'gegen die eigene Weisheit" des Erzählers richtet . Bedeutsam scheint auch die Beschreibung der ambivalenten Stellung des Roman-Protagonisten: Einerseits wird er zum integrierenden Medium der auf Totalität angelegten epischen Weltdarstellung erhoben, andererseits wird er 'zum bloßen Instrument, dessen Zentralstellung darauf beruht, daß es geeignet ist, eine bestimmte Problematik der Welt aufzuzeigen" .
      Auch heute noch gilt Lothar Köhns Feststellung, daß Lukäcs' Theorie des Erziehungsromans' 'zu dem wenigen wirklich Grundlegenden [gehört], was bisher über den Gegenstand gesagt wurde", und daß sie gleichwohl 'für die Erforschung des Bildungsromans als historischer Struktur noch nicht ausreichend fruchtbar gemacht worden ist" .
     

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