Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt

Referat Projekt, Charakterisierung, Interpretation, Papier, Essay
Sonstige

Index
» Sonstige
» Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse

Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse



Die konsequenteste sozialhistorische Orientierung liegt darin, syn-chronisch wie historisch Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse zu betreiben. Man mag dabei die Anwendung auf die Gegenwart als bezeichnen, solange eine Verwechslung mit den genannten literaturgeschichtlichen Unternehmungen ausgeschlossen ist. Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse zu betreiben heißt vor allem nach der Rolle zu fragen, die Li-teratur im Leben der Menschen spielte und spielt. Dieses Interesse ist insofern der < Funktionsgeschichte > der Literatur verwandt, setzt aber im Gegensatz zu deren Praxis konsequent bei den realen historischen Subjekten an: den Menschen. Zentral ist, daß dieses Vorgehen Ernst macht mit der Einsicht, daß der als bloß materielle Zeichengestalt bedeutungsleer ist und erst als Resultat der in der Rezeption vorgenommenen Bedeutungskompletion zum wird. Oder vereinfacht: Erst im Umgang lebendiger Menschen mit Literatur hört diese auf, bloß bedrucktes Papier zu sein. Literaturwissenschaft in sozialhistorischem Interesse hat zum Gegenstand nicht die Literatur in der Potentialität des Textes, sondern als rezipierte; oder entsprechend, mit Blick auf die Genese, als produzierte. Insofern ist diese Sozialgeschichte der Literatur Beschreibung der < Realität der Literatur > und fällt - unter Einbezug von Formen der Mündlichkeit - weithin zusammen mit der < Sozialgeschichte des Lesens > oder allgemeiner des Rezipierens; das Lesen ist ja nur seine vom Medium Manuskript, Buch, Zeitschrift etc. bestimmte Form. Andere Medien sind ebenso zu betrachten, z. B. Theater, Film, elektronische Medien.
      Damit stehen die Menschen im Mittelpunkt des Interesses, weniger die Texte. Alle rezeptionsästhetischen Konstruktionen, um funktionsgeschichtliche Aussagen allein aus den Texten heraus zu treffen, sind ja durch historisch-empirische Befunde stets leicht als spekulative Spielereien zu erweisen, die einen sehr weiten Wissenschaftsbegriff voraussetzen. Wichtig ist deshalb, keine begrifflichen und methodischen Verwischungen zu gestatten, am wenigsten solche, die dazu führen könnten, die sozialgeschichtliche Rekonstruktion auf ein textinterpre-tatives Verfahren zu reduzieren. Das Konzept der vermeidet zugleich den platten Dualismus der älteren Literatursoziologie: die Aufspaltung des Umgangs der Menschen mit der Literatur in eine Jargon gesprochen - < falsche > Widerspiegelungen ebenso dienlich sein wie < richtige >; und andererseits den Lesern < falsche > Rezeptionen ebenso nützlich wie < richtige > - das meint aber nicht den Verzicht auf diese Unterscheidung: Gerade die Abweichung von der richtigen Bedeutung, als Autorintention, als hermeneutisch ermittelter Textsinn etc. ist aufschlußreich. Daß derart der Sinn der Texte nicht der rezeptionsästhetischen Beliebigkeit überlassen, sondern auf einem wie auch immer feststellbaren Sinn insistiert wird, bedeutet nur nicht, daß diese Sozialgeschichte der Literatur nach immer neuem Sinn der Texte fragt, ihr Verstehen in hermeneutischem Fortschritt optimieren will. Vielmehr ist dieses Verstehen nur Instrument, nur Hilfsmittel für die Erfassung der historisch-empirischen Funktion der Werke, etwa im Abgleich dessen, was der hermeneutische Wissenschaftler feststellt und wie die historisch-empirischen Leser ihn funktionalisierend und nach ihren eigenen Zwecken sich aneignend verstanden haben. Die Funktion der Literatur für die Rezipienten ist nicht gebunden an ihr < richtiges >, d. h. dem Textsinn adäquates Verstehen, sondern steht dazu in einem komplizierten Verhältnis: Auch ein textdeformierendes Verstehen kann für die ja stets als Bedürfnissubjekte zu denkenden Rezipienten funktional sein. Wichtiger als die Unterscheidung von richtigem und falschem Verstehen des Textsinns kann die Kategorie der Arbeit am Problem sein. Deshalb ist die sozialhistorische Erklärung nicht daran zu messen, ob sie zum Verstehen des Textsinns beiträgt. Wo es möglich ist, ist selbstverständlich eine Verbindung mit der sozialhistorischen Interpretation sinnvoll.
      Jener Universalitätsanspruch, wie er der < Literaturgeschichte als Sozialgeschichte > zum Problem wurde, kann hier nicht aufkommen. Was - zum Beispiel - die Zeitgenossen gar nicht rezipierten, muß man nicht unter Bezug auf deren sozialhistorische Befindlichkeit erklären wol-len. Das trifft auf manche Werke des « Sturm und Drang » zu, die erst ein Jahrhundert später aus literarhistorischem bzw. historistischem Interesse aufgeführt wurden. . Daß derart den populären Werken besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, mag eine Absage an die Negativitätsästhetik beinhalten, die den Wert eines Kunstwerks nach dem Grad seiner Abweichung von den Erwartungen der Rezipienten bemaß. Aber es heißt nicht, die Zustimmung der Zeitgenossen zu der Instanz zu machen, die den Wert der literarischen Werke bestimmt: Sind doch so auch Defizite eines gesellschaftlichen Zustandes konstatierbar, ja sogar seine Pathologie.
      Noch aus einem anderen Grund ist Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse nicht auf den Textsinn konzentriert. Die Beschreibung der «Realität der Literatur^ des Umgangs der Menschen mit ihr und der Rolle, die sie für sie spielt, kann sich nicht beschränken auf die kognitive Ebene. Wer intellektualistisch verkürzt auf richtiges oder falsches < Sinnverstehen >, dem ist offenbar die Erfahrung verlorengegangen, daß das Lesen eines literarischen Textes nicht nur darin besteht, eine < Sinnkonstitution aus Geschriebenem > zum Ergebnis zu haben, sondern daß es seine Funktion darin hat, für den Leser ein bestimmtes Lektüreerlebnis zustande kommen zu lassen. Die kognitivistische Verkürzung auf die «Bedeutungsproduktion aus dem Text> läßt eben das verschwinden, was die Besonderheit von Literatur ausmacht. Real, d. h. zum sozialen Faktum, wird Literatur gerade dadurch, daß sie ästhetisch erfahren wird; und dieser Begriff der ästhetischen Erfahrung betont die Einheit von Sinnverstehen und literarischem Erleben, in das Momente wie Lust, Sinnlichkeit, Vergnügen, Betroffenheit oder Beteiligung am Text eingehen.
     
   Nur als ein willkürlich gewähltes Beispiel für diese Art des Arbeitens können hier einige Einsichten über die Situation in der Sozialgeschichte des Lesens im späten 18. Jahrhundert angedeutet werden. Es ist ein Paradox, im Ergebnis ein blinder Fleck in der Wissenschaftsgeschichte, daß - von professionellen Lesern abgesehen - die Romane des späten 18. Jahrhunderts überwiegend von Frauen gelesen werden. Fast alle Beteiligten, von den Autoren und Ästhetikern des 18. Jahrhunderts bis zu den heutigen Literarhistorikern, wissen dies sehr wohl. Aber mit wenigen Ausnahmen verdrängen sie es: Die textorientierte Literaturwissenschaft lebt mit der unzutreffenden Fiktion eines geschlechtsneutralen Lesens, einer geschlechtsneutralen Literatur.
     
Die sozialhistorische Situation erklärt sich aus ihrer historischen Genese: daß sich mit der Entwicklung des modernen Bürgertums auch die moderne Differenzierung der Geschlechtercharaktere ausbildete und daß dies eine für Männer und Frauen verschiedene materielle und geistige Lebenssituation zur Folge hatte. Diese ist sozialgeschichtlich spezifisch für die Frauen zu beschreiben, lektürebezogen z. B. über das Vorhandensein der zum Lesen nötigen materiellen Mittel und der zeitlichen Positionierung der Lesesituation. Darüber hinaus ergeben die Restriktion in den realen Handlungsmöglichkeiten sowie die in ihrer Spezifik historisch neue Geschlechtsrolle als Hausfrau, Gattin und Mutter und andere Faktoren eine eigene Bedürfnisstruktur. In ihr entstehen, wie es scheint, aus Defiziten in der weiblichen Rolle, also der Konzentration auf die neuen Aufgaben in der familiären Emotionsund Beziehungsarbeit , bestimmte Anforderungen lS an die Lektüre, die mit für die Dominanz des Familienromans mit seiner zentralen Liebeshandlung ursächlich sind.
      Für die Konstituierung bürgerlicher Weiblichkeit durch die Romanlektüre ist nicht nur die Modellierung der weiblichen Rolle auf der inhaltlichen Ebene wichtig. Noch wichtiger ist, daß die Leserin für ihre Bedürfnissituation im Lesen und durch die Anwendung bestimmter Rezeptionsmuster bestimmte Gratifikationen erhält. Diese liegen nicht einfach in oder < phantasiehafter Ersatzbefriedigung >, sondern in der Teilhabe an Handlungszusammenhängen, in der Möglichkeit zu affektiven Beziehungen zu fiktiven Figuren, im projektiven Agieren in einer Rolle mit anderen Handlungsmöglichkeiten oder in empathischer Erfahrung und der Übernahme fremder affektiver Zustände.
      Die qualitativen Merkmale weiblichen Lesens, etwa die Dominanz des stofflichen Interesses, gründen im späten 18. Jahrhundert in der literatursoziologischen Situation. Sie entsprechen zudem der geringeren formalen Bildung der Frauen - im Verhältnis zu den Männern, die deshalb das weniger disziplinierte Lesen der Frauen mit Mißtrauen betrachten; und mit Mißtrauen vielleicht sogar gerade deshalb, weil sie selbst ja keine Romane lesen und argwöhnen, daß sich ihnen die Frauen in einen Bereich unkontrollierter affektiver Erfahrung entziehen. Eben diese qualitativen Merkmale des weiblichen, lustbetonten, aus der Sicht der Männer mit ihrer höheren formalen Bildung literarisch < inkompetenten >, weil vom stofflichen Interesse bestimmten Lesens allerdings werden dann im 19. Jahrhundert - im Zuge der Ver-festigung der zunächst gesellschaftlich formierten Geschlechtscharaktere zu vermeintlichen Natureigenschaften - ausgewiesen als feste weibliche Eigenschaften.
      Das Beispiel des weiblichen Lesens im 18. Jahrhundert zeigt - über den historischen Fall hinaus -, daß Literaturwissenschaft in sozialgeschichtlichem Interesse zwangsläufig auf die Frage stößt, was die Bedingungen sind für die Lesekultur sozialer Gruppen in bestimmten historischen Situationen wie für literarische Kultur überhaupt. Eines ihrer genuinen Arbeitsfelder ist deshalb auch die Erforschung der literarischen Sozialisation. Denn ihr ist bewußter als der philologischen Literaturwissenschaft, wie wenig selbstverständlich es ist, daß Literatur auf Dauer überhaupt Realität hat.
     

 Tags:
Literaturwissenschaft  sozialgeschichtlichem  Interesse    

Die avantgarde der 60er und 70er jahre
Moderne / postmoderne literatur
Zwischen klassik und romantik
Drama und theater
Ästhetische theorie, dialektik und dekonstruktion
Paul celan und sein umfeld - deutschsprachige literatur der bukowina

 

 

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com