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Literaturgeschichte -Mentalitätsgeschichte



Literarische Texte bilden Schnittpunkte ganz verschiedener Diskurse. Sie verbinden Meinungen und Ãoberzeugungen, Absichten und Wünsche, Redeweisen und Sprechformen, zu denen auch die nonverbalen Sprachen wie Körpersprachen, Gestik u. ä. zu rechnen sind. Alle diese Elemente verweisen auf Diskurse unterschiedlichster Art, in die sie eingebunden sind, auf die sie sich beziehen und die ihnen auch die Regeln und Deutungsschemata der jeweils spezifischen Deutung von Welt vorgeben. Bei der Interpretation des literarischen Textes ist diese Vernetzung in die einzelnen Diskurse zu berücksichtigen: Sie verfährt in dem Sinne historisch, als das Material, das im Text montiert ist und hier seinerseits auf variable Weise reflektiert und literarisiert wird, aus unterschiedlichen Sichtweisen und Bewertungen historischer und sozialer Realität erwächst. Dabei liegt es auf der Hand, daß die Collage der Diskurse im literarischen Text auf jeweils besondere, nicht zuletztauch von Gattungskonventionen oder Erfordernissen des < Sitzes im Leben > geprägte Weise erfolgt. Sicher richtig ist auch, daß einzelne Gattungen wie der Roman, die Formen der Schwankdichtung oder andere dialogische Textformen diesem diskurstheoretischen Ansatz eher entsprechen als stärker monologische Formen wie das Epos oder auch konventionalisierte lyrische Formen wie der Minnesang. Dennoch gilt auch in diesem Fall, daß die historische Realität nicht unmittelbar in den Text Eingang findet, sondern in der kollektiven « memoria » des Epos ebenso wie in den stereotypen Darstellungsmustern des Minnedienstes die unterschiedlichsten Deutungsmöglichkeiten historischer oder gesellschaftlicher Erfahrungen zum Tragen kommen, deren Sinn nur aus ihrem Verbund: dem literarischen Text selbst, ablesbar ist.

      Die Frage, welche Konsequenzen daraus für die Reformulierung einer Sozialgeschichte der Literatur zu ziehen sind, ist bislang nicht abschließend zu beantworten. Wie so oft in der Geschichte der Philologien scheinen mir aber auch in diesem Fall wichtige Anregungen aus benachbarten Disziplinen zu kommen: zum einen aus der , welche die französische Geschichtsschreibung der letzten Jahrzehnte maßgeblich geprägt hat und die für die veränderte Konzeption einer Sozialgeschichte der Literatur wichtige Perspektiven eröffnet; zum anderen aus wissens- und kultursoziologischen Konzeptionen, deren Relevanz für literaturwissenschaftliche Problemfelder inzwischen in immer stärkerem Maße berücksichtigt wird.
      Literaturgeschichte und Mentalitätsgeschichte
Liegt der Hauptmangel des Konzepts einer < Literaturgeschichte als Sozialgeschichte > in der Ãoberzeugung von einer Homologie zwischen Literatur und Gesellschaft, so ist demgegenüber bereits in der älteren deutschen Sozialwissenschaft - z. B. bei Karl Lamprecht und Max Weber -, dann vor allem in der französischen Mentalitätsgeschichtsforschung die Notwendigkeit gesehen worden1, zwischen den objektiven Gegebenheiten und materiellen gesellschaftlichen Strukturen auf der einen, dem Verhalten der historischen Subjekte auf der anderen Seite noch eine dritte Ebene des Verstehens und des Wissens anzunehmen. Die Besonderheit dieser «dritten Ebene> liegt darin, daß sie das Verhalten der Subjekte prägt, ihrerseits aber auch von den gesellschaftlichen Gegebenheiten und den Handlungsmöglichkeiten der Menschen ge-prägt ist. Hinzu kommt, daß sie keineswegs einheitlich ist, sondern folgende Denkformen umfaßt:
A) die unterschiedlichsten Deutungsmuster und Verstehensmodelle von Wirklichkeit, mittels derer die Menschen ihre diffuse Wahrnehmung gesellschaftlicher Prozesse zu ordnen sowie historische Veränderungen zu deuten und ihr alltägliches Leben zu organisieren vermögen;
B) kategoriale Formen des Denkens, die - wie z. B. die Kategorien und - «als eine Art dem Denken selbst entzogen sind »;
C) Einstellungen zu elementaren Phänomenen des Lebens wie Sexualität und Liebe, Krankheit und Angst, Tod und Vergänglichkeit. Es liegt auf der Hand, daß diese Gegenstandsbestimmung der Mentalitätsgeschichte außerordentlich vage bleibt und deshalb auch zu Recht als vortheoretisch und diffus kritisiert worden ist. Hinzu kam die Kritik von literaturwissenschaftlicher Seite, daß die Mentalitätshistoriker zwar auch literarische Texte berücksichtigt, diese aber zu bloßen Dokumenten historischer Prozesse herabgemindert und ihrer besonderen Literarizität beraubt hätten. Die Neigung, die «Differenz zwischen lebensweltlichen Einstellungen und Literatur einzuebnen und dabei vor allem die Vermittlung durch die literarische Form zu vernachlässigen», schien bislang die Relevanz der Mentalitätsgeschichte für die Literaturgeschichte einzuschränken, wenn nicht sogar in Frage zu stellen. Dennoch sehe ich in der aktuellen Diskussion um Probleme und Möglichkeiten einer Mentalitätsgeschichte auch Perspektiven für eine Sozialgeschichte der Literatur, die nicht dem «Ableitungs»-, sondern dem «Beziehungs»-Sinn verpflichtet bleibt. Im Mittelpunkt stehen dabei jene Deutungsmuster von Wirklichkeit, mittels derer die historischen Veränderungen verstehbar werden und die das Denken und Handeln der Menschen nachhaltig prägen.
      Deutungsschemata sozialer Wirklichkeit
«Weltbilder», «Geschichtsbilder» oder «attitudes mentales» sind als vorstrukturierte und in der Regel als präreflexive Formen des Wissens von der Wirklichkeit zu verstehen. So sind im Mittelalter vor allem zwei Formen der Deutung von sozialer Wirklichkeit denkbar: Entweder wird Gesellschaft als binäres oder als triadisches System unter-schiedlicher Stände oder < Ordnungen > gedacht oder mit Hilfe sozialer Metaphern wie dem Bild von der Gesellschaft als Körper, dessen einzelne Organe und Glieder einander ergänzen sollen. Dementsprechend sind auch die Vorstellungen von möglichen Formen der Vergesellschaftung oder Kommunikation der Subjekte vorstrukturiert, ebenso die Verstehensmöglichkeiten von einer personalen Bindung zwischen Gott und Mensch.
      Was aber zeichnet diese Deutungsmuster aus, und inwiefern unterscheiden sie sich von anderen Formen des Wissens und Verstehens von Wirklichkeit? Die wichtigsten Besonderheiten sind:i. Neben den Gesetzen und Konventionen gibt es in jeder Gesellschaft Vorstellungsmuster, die im Unterschied zu den Gesetzen und Konventionen nicht bewußt realisiert oder gar reflektiert werden, sondern unbewußt wirken. Sie repräsentieren Denk- und Verhaltensweisen, welche die unterschiedlichsten Bereiche des gesellschaftlichen und des privaten Lebens einer Epoche strukturieren. Dabei kann davon ausgegangen werden, daß die Einstellungen zu Fragen der Gesellschaft, der Herrschaft und des Fürstenamtes in wesentlich höherem Maße Gegenstand der Reflexion sind als z. B. Fragen des sozialen Prestiges und der Ãoberlegenheit über andere. So hat Georges Duby auf die lange Zeit selbstverständliche Geltung des triadischen Gesellschaftsmodells hingewiesen, dessen erste Belege bereits aus dem n. Jahrhundert datieren und dessen Gültigkeit bis ins 18. Jahrhundert nachzuweisen ist. Gesellschaft wird danach als hierarchische Ordnung der Krieger , der Kleriker und der Handarbeiter gedacht. Zwar wird dieses Modell im Laufe der Zeit erweitert, differenziert und den veränderten sozialen Gegebenheiten angepaßt; aufgehoben wird es jedoch erst, als im 18. Jahrhundert aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen Denkmodelle dieser Art der sozialen Wirklichkeit nicht mehr genügten. Bis dahin aber wurde die feudale Gesellschaft ganz selbstverständlich und trotz aller gegenläufigen Entwicklungen entsprechend diesem triadischen Modell dargestellt und interpretiert. Dabei war zwar nicht das triadische Modell selbst Gegenstand der Reflexion, wohl aber seine je unterschiedliche Ausformulierung und Erweiterung.
      Noch weitgehend der Reflexion entzogen ist demgegenüber ein anderes Beispiel feudaladliger Mentalität. Georges Duby hat beim frühmittelalterlichen Adel auf eine Lust an der Verschwendung und der aufmerksam gemacht, die einer periodischen Verschleuderungvon Gütern und Produktion jeglicher Art gleichkam, für die Demonstration der eigenen Ãoberlegenheit aber offensichtlich unabdingbar war. Dabei wurde diese Verschwendung nur in den seltensten Fällen im Hinblick auf Nutzen oder Schaden reflektiert, sondern zumeist nur praktiziert, und dies nach Normen, die verbindlich wirkten, obwohl sie offensichtlich nicht bewußt waren. In literarischen Texten der Zeit hingegen sind die unterschiedlichsten Gebrauchsweisen dieser Regeln denkbar. Sie können - z. B. in der didaktischen Literatur - lediglich zitiert und damit bestätigt werden. Sie können - wie in der Schwank-, Fabliaux- und Novellendichtung - höchst raffiniert ästhetisiert, verlacht und in Frage gestellt werden. Sie können aber auch - z. B. im höfischen Roman - in Meinungen und Handlungen unterschiedlicher Figuren erprobt und diskutiert, dialogisiert und an ihre Grenzen geführt werden. Alle diese Gebrauchsweisen stellen unterschiedliche Modi der Reflexion von Wirklichkeitserfahrungen dar. Weder bilden sie die realen Strukturen ab, noch < drücken > sie diese , sondern repräsentieren unterschiedliche Möglichkeiten, wie das Material der historischen Erfahrungen in literarischen Texten erörtert und erprobt, d. h. aber auch bewußtgemacht werden kann.
      2. Mentalitäten oder Weltbilder wirken kollektiv und verbinden den einzelnen mit seinem Stand oder seiner Familie, seinem Lehnsverband oder einer anderen politischen Ordnung. Sie umfassen « kollektive Sinnwelten und Legitimationsmuster als entscheidende, kausale Voraussetzung für gesellschaftliches wie im Regelfall auch individuelles Handeln » io.
      3. Ideologien, Lehren oder Dogmen zeichnet zum einen eine Tendenz zur Geschlossenheit und zur Ausgrenzung jeglicher Widersprüche aus, zum anderen sind sie nur in verbindlichen Formulierungen, d. h. in der Regel in schriftlicher Form denkbar. Demgegenüber ist für Mentalitäten einerseits eine Logik der Partialisierung kennzeichnend, andererseits bilden sie nicht bestimmte «< Zustände > mit genauen Konturen, die einfach darstellend beschreibbar sind; eher sind es funktionierende Mechanismen, Reaktionsarten, die sich unterschiedlich artikulieren können Mentalitäten sind immer eine Summe von Möglichkeiten unterschiedlicher Bandbreite, innerhalb gewisser Grenzen voll von Widersprüchen und daher an Meinungen und Verhaltensweisen zwar abzulesen, ohne mit ihnen identisch zu sein. Sie sind etwas wie der des Denkens und Verhaltens »." Mentalitäten also sind aus den unterschiedlichsten «Beziehungsbündeln» I zusammengesetzt, erreichen jedoch niemals jene Tendenz zur

Demonstration «idealer Gegensatzlosigkeit» I3, die für Ideologien und andere Lehren, Regeln oder Normen charakteristisch ist. Demgegenüber ist für Mentalitäten ihr « Beziehungssinn » T kennzeichnend: Sie bilden eine Summe von Meinungen und Wertvorstellungen, deren «Sinn nur durch die Kombination dieser Einzel-Elemente entsteht». So sind Weltbilder häufig triadisch - wie im Falle des Gesellschaftsbildes von den - oder dualistisch-antithetisch gebaut. Dementsprechend wird das Ideal gerechter Herrschaft anhand von Schreckensbildern ungerechter, weil dem eigenen Vorteil, nicht dem verpflichteter Herrschaft erläutert; das Bild vom gehorsamen, seinen ständischen Aufgaben verpflichteten Bauern anhand seines Gegenbildes, die Isolation des gesellschaftlichen Außenseiters als Verlust seiner ständischen Bindungen und menschlichen Züge perhorresziert. In all diesen Fällen wird das richtige anhand des falschen Verhaltens erläutert, die ideale anhand der verwerflichen Herrschaft, der Gehorsam gegenüber Gott anhand der Gefahren des Teufels. Daran wird deutlich, daß Mentalitäten nur als Strukturen unterschiedlicher Meinungen und Wertungen denkbar sind, nicht aber diese Meinungen und Wertungen selbst bezeichnen.
      Für die Ausgangsfrage nach den Möglichkeiten einer Sozialgeschichte der Literatur ist das insofern von Bedeutung, als auch in literarischen Texten die Mentalitäten oder Weltbilder nicht als manifeste Lehre zutage treten, sondern in den unterschiedlichsten Textfunktionen zerstreut sind, z. B. in den Handlungsmöglichkeiten der literarischen Figuren, in den Erzählerkommentaren, in den Stilisierungen der dargestellten Wirklichkeit. Die Aufgabe der Interpretation besteht dann darin, den Zusammenhang dieser Einzelelemente als komplexe Struktur sichtbar zu machen. Auch in diesem Fall gilt, daß die einzelnen Elemente isoliert nicht sinnvoll sind, sondern ihr Sinn erst aus ihrer Kombination erwächst. Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß auch diese Elemente zumeist nur interpretiert und auf die unterschiedlichste Weise dialogisiert in den literarischen Text eingehen: Sie können affirmiert oder in Frage gestellt, ästhetisiert oder verlacht, überhöht oder kritisiert werden; abhängig ist das nicht zuletzt von den literarischen Gattungen, denen die entsprechenden Texte zuzurechnen sind.
      4. Mentalitäten zeichnen sich durch «Mechanismen der Selbstzensur und der Selbstberichtigung aus. Sobald verbindliche Grenzen der Ãoberzeugungen und Wertmaßstäbe überschritten werden, erscheinen Meinungen als undenkbar, Verhaltensweisen als < unvorstellbar > odergar als

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