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Lacans Konzeption des Ã-dipus



Das Gesetz, das mit der Kastrationsdrohung durchgesetzt werden soll, ist in erster Linie das Inzestverbot. Die Wirkung dieses Verbots für den Sohn ist: Alle Frauen sind erlaubt, wenn auf die eine verzichtet wird. Als Repräsentant dieses Verbots erscheint der Vater. Er ist jener Dritte, der durch seine Anwesenheitund sein Wort die enge duale Beziehung zwischen Mutter und Kind unterbindet, der den Wunsch des Kindes nach symbiotischer Einheit mit der Mutter beschneidet. Lacan spricht von der « symbolischen Kastration», und das heißt: Trennung vom mütterlichen Objekt, das als verloren gelten und in Zukunft durch andere Objekte substituiert werden muß .

      Die symbolische Kastration wird daher auch als Voraussetzung dafür angesehen, daß überhaupt ein Wunsch entstehen kann; sie schafft also erst, was sie zu verbieten scheint: den Wunsch, oder wie es in der Terminologie Lacans heißt: das Begehren, und das Recht darauf. Nur wer wünschen, begehren kann, findet Objekte, für die zu streiten, zu arbeiten, zu leben sich lohnt. Nur wer sicher weiß, was er begehren darf, welche Rechte er hat, ist sicher im Genießen des gewählten Sexualpartners, im Genießen der Früchte seiner Arbeit - ohne Angst, sie nicht verdient zu haben. Die Kastration in diesem Sinn muß also gesucht, sie darf nicht vermieden werden; sonst beherrschen Ungewißheit und Zweifel das Subjekt. Lacan hebt die narzißtische Dimension des Ã-dipus-Schemas hervor: Das Kind bildet ein erstes Ich im sogenannten Spiegelstadium , und zwar aufgrund der Wahrnehmung der eigenen Gestalt im Spiegel als einer ganzen, vollkommenen sowie, und das ist entscheidend, der Anerkennung dieser Wahrnehmung durch den zustimmenden, bewundernden Blick der Mutter. Als Folge dieser Spiegelidentifikation glaubt das Subjekt sich immer schon mit einer Einheit und Vollkommenheit ausgestattet, der es real nicht entspricht. Es ist auf Hilfe angewiesen, es muß sich ständig den Wünschen anderer beugen. Diese erste Ich-Gewißheit ist also eine Täuschung, die die Abhängigkeit des menschlichen Subjekts übertüncht - und sie ist Quelle auch aller späteren Selbstüberschätzung, aller Größen- und Allmachtphantasien. Dieses erste Ich ist narzißtisch, da es auf der erotisch-aggressiven Beziehung zu seinem Ebenbild beruht, und es ist äußerst fragil, ständig von Angst vor Zerfall bedroht. Es kann sich allein in der Konkurrenz mit dem anderen bestätigen. Die Rivalität würde jedes menschliche Zusammenleben unmöglich machen, wenn das Kind nicht lernte, die Sprache zu gebrauchen. Die Einführung in die Sprache, in die symbolische Ordnung, wie Lacan sagt, führt dazu, daß das Subjekt - statt zu handeln - sein Begehren artikuliert. In die Sprache wird das Kind vor allem von der Mutter eingeführt; sie trennt es dadurch vom ursprünglichen Körper-Sein und eröffnet die Möglich-keit, sich anderen zu- und von der Mutter wegzuwenden; sie unterstützt damit, willentlich oder nicht, den Kastrationsprozeß. Symbolische Kastration bedeutet in der Lacanschen Theorie daher auch Eintritt in die symbolische Ordnung, die Sprache, welche die ursprüngliche Aggressivität der Rivalitätsbeziehung - wie sie in der ödipalen Beziehung des Knaben zum Vater wieder auftaucht - zu verbalisieren und damit zu überwinden erlaubt. Die ödipale Konstellation ist für La-can deshalb auch nicht mehr an ein bestimmtes Lebensalter gebunden. Was wird in dieser Perspektive aus den Positionen < Mutter > und im ödipalen Dreieck? Die Mutter als Inbegriff des Begehrten ist nach dieser Konzeption eine nachträgliche Wirkung des Verbots, die nachträgliche Phantasie des Subjekts vom paradiesischen Zustand mit der Mutter. Der ödipale inzestuöse Wunsch erscheint so nicht mehr als Wunsch nach tatsächlicher genitaler Vereinigung mit der Mutter, sondern erstens als Wunsch nach einem Ort vor jeder Trennung, als Phantasie von totaler Geborgenheit und Erfüllung; zweitens als Wunsch des Subjekts, vom Blick der Mutter in seiner Einmaligkeit und Größe bestätigt, anerkannt zu werden; und drittens als Wunsch, für die Mutter alles zu sein, ihr Begehren auszufüllen und nicht zuzulassen, daß sich ihr Begehren auf etwas Drittes richtet. Dem Vater kommt eher eine befreiende denn eine repressive Funktion zu. Er ist nicht Vollstrecker der Kastration, spricht auch keine Drohung real aus, sondern symbolisiert das Gesetz, das zunächst im Inzestverbot besteht. Lacan führt die Unterscheidung zwischen imaginärem und symbolischem Vater ein. Der imaginäre Vater wäre das Bild des allmächtigen, allwissenden, brutalen, kastrierenden Vaters, das sich das Kind macht; zu ihm entwickelt es eine rivalisierende Beziehung der Haßliebe, ihn sucht es zu beseitigen oder zu ersetzen. Der symbolische Vater ist Funktionsträger des Gesetzes, er steht symbolisch für die Ordnung, der das Kind sich unterwerfen soll. Lacan spricht daher auch von der Instanz « Name-desVaters» . Der tatsächliche Vater ist eine Mischung aus beiden, immer aber schwächer als der symbolische Vater.
     

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