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Kleists «Michael Kohlhaas»5 und Freuds Ã-dipuskomplex



Ausgangspunkt wäre also: Ein in der Position des Sohns befindlicher Protagonist versucht, einen anderen, der für ihn die Position des Vaters einnimmt , als Nebenbuhler auszustechen oder zu beseitigen. Die Protagonisten eines ödipalen Konflikts in der Literatur können, aber müssen nicht als Väter oder Mütter auftreten; sie treten nur in die Funktionen ein, die diesen zukommen, sie substituieren also Vaterbzw. Mutterfiguren.

      Kohlhaas hat es mit mehreren Autoritäten zu tun: dem Junker Wenzel, der ihm an einer Zollschranke unrechtmäßig zwei seiner Pferde abnimmt und sich in der Folge als lächerliche Autorität erweist; der Junker wird später - in seiner Funktion, die Rechte des Kohlhaas einzuschränken und dessen Rache auszulösen - ersetzt durch den Kurfürsten von Sachsen; dieser ist als oberster Landesherr zwar eine höhere Autorität, aber ebenfalls eine eher lächerliche Figur, die Kohlhaas' Mut und Todesverachtung um so glanzvoller erscheinen lassen. Die dritte Autoritätsperson ist der Kurfürst von Brandenburg, eine respektable Person, deren Anordnungen sich Kohlhaas schließlich beugt. Als Mutterfiguren kämen die zwei Frauen in Frage, mit denen Kohlhaas es zu tun hat: seine Frau Lisbeth, die durch - zumindest mittelbare -Schuld des brandenburgischen Kurfürsten stirbt. Nach ihrem Tod wird Lisbeth ersetzt durch die geheimnisvolle Zigeunerin, die Kohlhaas wie eine Doppelgängerin seiner Frau vorkommt und ihn, erfolgreicher als Lisbeth, im Kampf gegen den sächsischen Kurfürsten unterstützt. Die Frauen erscheinen in der Erzählung also nicht als inzestuöse, begehrte Objekte, die vor einer brutalen Vaterfigur geschützt werden müssen6, sondern als Figuren, die den Helden hilfreich im Kampf gegen die Autorität unterstützen und immer auf seiner Seite sind . Die Zigeunerin wird übrigens von Kohlhaas stets genannt, die beiden Kurfürsten sind seine < Landesväter >.
      Wir haben es durchaus mit einer für das Ã-dipus-Schema typischen Dreiecksstruktur zu tun. Nach dem psychoanalytischen Modell muß der in der Position des Sohns Befindliche auf die Zerstörung des Vaters sinnen, und er muß auf die Gewinnung des väterlichen Rechts aus sein. Anfangs verhält sich Kohlhaas nach diesem Muster: Er zerstört den Besitz des sächsischen Landesvaters, nämlich Land und Leute, und setzt sein eigenes Recht . Als Kohlhaas schon fast gezwungen ist, sich dem kurfürstlichen Gesetz zu beugen, gibt ihm die Zigeunerin den entscheidenden Fingerzeig, wo die verletzliche Stelle der Autorität sich befindet: im Wissen um sein Geschlecht, verstanden als Vater-, Herr- und Regentschaft . Kohlhaas jauchzte über die Macht, so heißt es im Text, « die ihm gegeben war, seines Feindes Ferse, in dem Augenblick, da sie ihn in den Staub trat, tödlich zu verwunden» . Dieser Zettel, den Kohlhaas in einer Kapsel und an einem seidenen Faden um den Hals trägt , scheint das Todesurteil des Kurfürsten zu enthalten; jedenfalls erlangt Kohlhaas durch ihn einen grandiosen Sieg über den Kurfürsten. Dieser ist bereit, zur Erlangung des Zettels alles zu tun; Kohlhaas jedoch verschlingt den Zettel, nachdem er ihn gelesen hat, vor den Augen des Kurfürsten, der daraufhin in Krämpfen niedersinkt und ohnmächtig, wie entmannt auf dem Boden liegt.
      Eine Schwierigkeit unserer Interpretation scheint zu sein, daß das Objekt, um das sich alles dreht, nicht die Mutter als Begehrte bzw. eine sie substituierende Frauenfigur ist, sondern zwei Pferde. Anfangs stolze, wohlgenährte Rappen, werden sie Kohlhaas erst abgenommen, dann zugrunde gerichtet und kommen an den Schinder. Man könnte in ihnen Phallussymbole sehen, also Symbole der männlichen Potenz. Die Ruinierung dieser Pferde würde dann für die Kastrationsdrohung stehen. Wir befänden uns im zweiten Akt des ödipalen Dramas, in dem die Besetzung der Mutter als libidinöses Objekt bereits erfolgt ist und nun die Kastrationsangst und die Mutter als helfende bestimmend sind. Zu klären wäre dann, wieso sich die Haß-Liebe des Kohlhaas nur auf einen der beiden Kurfürsten richtet: Der Kurfürst von Sachsen scheint den schwachen Teil der Vater-Imago zu verkörpern, den von der Mutter nicht anerkannten und im Bunde mit ihr zu qua-lenden Teil. Der Kurfürst von Brandenburg würde für den Teil der Va-ter-Imago stehen, der die starken, potenten, die Mutter besitzenden Teile verkörpert. Im Unterschied zum Kurfürsten von Sachsen wird der Brandenburger von der Zigeunerin anerkannt - sie prophezeit ihm eine Zukunft. Dieser Vater übernimmt die Verkündung des Urteils für Kohlhaas' Taten: auf Landfriedensbruch steht Tod. Das ist ein eindeutiger Bruch der Kohlhaas zugesagten Amnestie. Um so mehr verwundert sein geradezu freudiges Einverständnis mit diesem Todesurteil. In der Logik der bisherigen Interpretation könnte diese Haltung als von Schuldgefühlen diktierte Selbstbestrafung anzusehen sein, als Selbstbestrafung für das gegen den Vater gerichtete Konkurrenzstreben: die Usurpation der feudalen Privilegien, die Selbstjustiz und das Ansich-reißen der Macht im sächsischen Staat.
      Bei aller Plausibilität in einzelnen Punkten ist eine solche Interpretation doch unbefriedigend. Die Argumentation verbleibt fast ausschließlich auf der sexuellen Ebene, und die Erzählung ist zu eingeschränkt als personales Drama aufgefaßt, ganz abgesehen von der Fragwürdigkeit der Symbolinterpretationen.
      Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat -gestützt auf die Erkenntnisse der strukturalen Linguistik, die Freud noch nicht zur Verfügung standen - dessen Theorie neu interpretiert und weitergeführt.
      Auch der Ã-dipus-Komplex wurde unter dem Aspekt der Sprache und gestützt auf die Erkenntnisse der strukturalen Ethnologie neu beschrieben. Im folgenden soll Lacans Sicht kurz skizziert werden, bevor an einigen Punkten aufgezeigt wird, wie eine ödipale Interpretation des Kohlhaas-Textes im Sinne Lacans aussehen könnte und welche Folgerungen daraus für die psychoanalytische Literaturwissenschaft zu ziehen wären.
     

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