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Klassisch-romantische Nachklänge im siebenbürgischen Realismus des I9. Jahrhunderts



Das Verständnis für klassisch-romantische Dichtung, die Neigung zu ihr ist auch in den Jahrzehnten allmählicher innerer Ausrichtung auf Realistik durch die Schule gefördert worden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstand man humanistische Bildung als Aneignung antik-klassischer und klassizistischer Literatur, und bloß die Proportionen zwischen fremdsprachiger Ãoberlieferung des Altertums und muttersprachlicher Dichtung neuerer Zeiten, in der die poetische Erfahrung der altenVölker wiederaufgenommen wurde - bloß diese Proportionen änderten sich, und zwar zugunsten des Neuen. Im Vergleich zu den humanistischen Gymnasien mit einheitlichem Bildungsziel, wie sie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auch in Siebenbürgen bestanden, hatte das Schulwesen der zweiten Jahrhunderthälfte manche Veränderung im Sinne einer universalen Ausbildung durchzumachen, die mit Hilfe mehrerer, als gleichwertig geltender Unterrichtsfächer verwirklicht werden sollte. Insgesamt - führte Oskar Netoliczka aus - brachte diese Entwicklung der klassizistischen Erziehung manche Einbuße.

      Und doch, wer damals, vor einem Jahrhundert und etwas mehr, die Oberschulen in Siebenbürgen besuchte, bekam eine Fülle von Kenntnissen aus Sprache und Sprachkunst der Griechen und Römer sowie aus der Gedankenwelt mitteleuropäischer Klas-sizistik mit auf den Lebensweg. Mittelschulkonferenzen in den achtziger Jahren lassen diesbezügliche Bemühungen deutlich werden, sie zeigen gerade für unseren Bereich des Latein- und Deutschunterrichts günstige Bedingungen an, so daß Hermann Jekeli, der darüber in seiner Arbeit Die Entwicklung des siebenbürgisch-sächsischen höheren Schulwesens referierte, bloß eine Vernachlässigung der neueren deutschen Dichtung, der Werke romantischer und realistischer Schriftsteller feststellte; erst nach der Jahrhundertwende wurde die nachklassische Literatur - etwa Hebbel, Keller, Storm - in Lehrplänen und Lehrbüchern stärker beachtet.
      Klassisch-humanistische Bildungstradition ist übrigens in ganz Siebenbürgen gepflegt worden, in dieser von Nicolae Balotä als 'Pädagogische Provinz" im vollgütigen Goethe'schen Sinn bezeichneten Region. Die schon relativ früh wahrgenommene, 'prophetisch-lehrhafte" Berufung wurde von den in ihrer Heimat und auch jenseits der Karpaten tätigen Erziehern in der Tradition der griechischen und römischen Antike aufgefaßt, was all den mit Humaniora bezeichneten Wissenszweigen einen Vorrang einräumte. Eindeutig war bei George Barifiu und seinen Gesinnungsgenossen die zuweilen noch in 'messianisch-romantischen" Formen zum Ausdruck gebrachte Ausrichtung auf Rom, nicht auf das Rom des Niedergangs, sondern auf das des Stre-bens nach dem idealen Staat.
      Wie Vorhaben und Leistungen der Erziehung im klassischen Geist aufeinander abzustimmen waren, konnte aus der Sicht der Schulanstalten, ihrer Planer und Mitarbeiter einigermaßen abgeschätzt werden. Weniger leicht war es, die Masse der Schulgänger und Absolventen zu beurteilen, Antwort auf die Fragen zu geben, wie tief und wie dauerhaft literar- und kulturhistorisches Wissen an die Lernenden vermittelt wurde. Eher meßbar war das Vermittelte bei Schriftstellern, die sich dazu geäußert haben, oder an deren Werken eine derartige Ausrichtung ihres Bildungsgangs abzulesen ist. Dabei ist vor allem ein Umstand der Untersuchung wert: Wer von den späteren Autoren eine humanistische Erziehung älteren Stils genossen hatte, war dadurch auch in seinem dichterischen Schaffen vorgeprägt und auf eine bestimmte Linie festgelegt. Eine gewisse Entfernung, nicht aber eine völlige Lösung aus ihren Koordinaten ist ihm, seinem Denken und Dichten später möglich gewesen. Wenn der betreffende Schriftsteller gar in seinem Beruf damit beschäftigt war, Klassisch-Humanistisches an andere weiterzugeben, dann wurden seine literarischen Texte beinahe nur aus dessen Geist genährt.
      Johann Karl Schuller , nach Studien in Leipzig und Wien Gymnasiallehrer und Rektor in Hermannstadt, später Schulrat der evangelischen Lehranstalten in Siebenbürgen, gleichermaßen verdient als Historiker, Sprachforscher und Volkskundler, fühlte sich zeit seines Lebens auch zum dichterischen Schaffen hingezogen, als Verseschmied oder, wie er sich imTitel eines Gedichtbandes selbst bezeichnete, als 'Versemann". Den Anfang in dieser Betätigung machten die 'schriftlichen Ausarbeitungen", zu denen er als Obergymnasiast im Fach der Poesie bzw. Poetik verpflichtet war und die 'in gebundener Rede verfaßt werden mußten". Ein Dichter zu sein, glaubte er indes nicht, so sein offenes Geständnis, und er war auch kein solcher, hat es wohl, bei seiner Anlage und unter der Last seiner Gelehrsamkeit, im Korsett der vielen erzieherischen Verpflichtungen und wissenschaftlichen Zielsetzungen gar nicht sein können. Etliche Anknüpfungen an Texte Schillers machen es uns leicht, Schuller ins Gefolge des Dichters mit dem ähnlichen, etymologisch verwandten Namen zu verweisen.
      Im Erzieher-Zögling-Verhältnis kreuzten und verbanden sich eine Weile die Lebensbahnen Schullers mit denen des Mühlbächers Friedrich Wilhelm Schuster , und zwar gerade zu dem Zeitpunkt, als Schuster die Poesie-Klasse durchlief Studien in Leipzig, Lehrer- und Schulleitertätigkeit in seiner Vaterstadt gaben, unter gewandelten Bedingungen der germanistischen und folkloristischen Forschung, Schusters Leben zunächst eine der Biographie seines Lehrers ähnliche Richtung, und nur die längere seelsorgerische Tätigkeit des Jüngeren - in Broos - brachte dann schließlich eine Abweichung. In seiner vielgestaltigen, von Formbewußtsein zeugenden Lyrik hat er Schuller weit hinter sich gelassen, ohne freilch damit auch schon den Rang der Vorbilder zu erreichen, der namhaften Romantiker und jungdeutschen Poeten, von Goethe und Schiller zu schweigen.
      Wir fassen hier bloß einen Aspekt ins Auge, nämlich inwieweit er, nach allen Phasen klassisch-humanistischer Ausbildung, von dieser in seinem Dichten geprägt worden ist. Auch an ihm können wir feststellen, daß er einst ein gelehriger, Flexibilität beweisender Schüler der Poetik-Klasse war und sich auch im späteren Leben als eifriger Dis-cipel betragen hat. Belegstellen zu dieser Behauptung greifen wir aus Horst Schuller Angers Vorwort zu einer Auswahl aus Schusters Schriften. Der Unterwälder Autor -lesen wir - 'hat sein Dichtertum nicht als Lebensaufgabe aufgefaßt, seine künstlerische Haltung und Beschäftigung war in erster Linie von formal ästhetischen Interessen bestimmt. Ihn reizte das meistersingerhafte Spiel mit Rhythmen und Reimen"; seine Lyrik gehört 'zu der damals allgemein vorherrschenden biedermeierlich-epigonalen Literatur", 'zu dieser veräußerlichten und eklektischen Form literarischen Erbeantritts"; auf 'einen Großteil" seines poetischen Schaff ens trifft - wie 'für viele seiner Zeitgenossen" - zu, 'daß durch die verfügbare Form rückwirkend Empfindung heraufbeschworen wurde. Auch das Nebeneinanderdichten von Texten mit sozialpolitischem Wirkungsanspruch und solchen, die private Gefühlsbeteuerungen eng ausmalen, teilt Schuster mit dem Durchschnitt seiner lyrischen Zeitgenossen deutscher Zunge" . Bei ihm - darf man ergänzen - ist willig aufgenommene klassische und nachklassische Bildung übermächtig, und der an sich positive Sachverhalt der Belesenheit nimmt ihm die Freiheit, zu jenem Stadium poetischer Gestaltung vorzustoßen, das der siebenbürgischen Dichtung, bei aller Verspätung in der Aneignung und Anwendung klassisch-romantischer Ã"sthetik, einen höheren Rang eingetragen hätte.
      Diese nicht nur innerhalb der Gemarkung einzelner Gaue, sondern auch jenseits der Grenzen Siebenbürgens wahrnehmbare Ranghöhe schimmert in Gedichten Michael Alberts auf. Solches wurde auch Friedrich Wilhelm Schuster bewußt, so daß er sich, wie einem Brief an Josef Haltrich zu entnehmen ist, in die Nähe der unvermutet aufgetauchten Begabung wünschte. Auch Alberts Bildungsweg und Berufsleben ist vom klassischen Humanismus und seinen neueren Ausprägungen bestimmt worden, was sich einer kurzen Selbstdarstellung entnehmen läßt. Dem Besuch der Schäßburger Lateinschule schlössen sich philosophische, theologische und germanistische Studien in Leipzig, Berlin und Wien an. Seine langjährige Lehrtätigkeit - in ihr hatte er seinen 'wahren Beruf" erkannt - stand mit der Schriftstellerei in 'bestem geistigen Einklänge", und nur zeitlich schränkten erzieherische Pflichten die 'Arbeit der Feder sehr ein". Wenn Michael Albert die in ihn, einen potentiellen Nationaldichter, gesetzten Hoffnungen als Lyriker doch nicht erfüllte, ist das nicht seiner Verwurzelung in klassischer Gedankenwelt zuzuschreiben, wußte er sie doch in ihrem Wesen zu erkennen und ihre Lehren zu nutzen, andererseits zeitgemäß aufzulockern, sondern es ist eher einer provinziellen Befangenheit anzulasten, einem Verhaftetsein im Zweitrangigen, in formaler Hinsicht einem gewissen Mangel an selbstkritischer Strenge, der sich im Geltenlassen auch weniger belangvoller poetischer Produkte kundtat.
      Und doch - wie einnehmend ist Michael Albert auch als Lyriker, wie gewinnend sein Anliegen, im Vergleich zu anderen Autoren, bei denen Rhetorik das dichterische Konzept beeinträchtigte oder gar verdarb. Damit meinen wir nicht nur manche Gedichte Friedrich Wilhelm Schusters, sondern auch solche des vor allem als Erzähler bekanntgewordenen, selbst in seinen Versen zur Epik neigenden Kronstädters Traugott Teutsch . Sein Bestreben, geisteswissenschaftliche Studien und den ihm als Schulmann, aber auch sonst anhaftenden akademischen Habitus und sein Auftreten als dem sächsischen Gemeinwesen verbundener Stadtbürger ins Ã"sthetische zu wandeln, konnte er nur zumTeil in dieTat umsetzen, vermochte er sich doch kaum von seinem Hang zur Gelehrsamkeit und zur Lehrhaftigkeit sowie von seinem mit wahrem Schriftstellertum unvereinbaren Geltungsdrang und der ihn zumal im Alter kennzeichnenden Selbstüberschätzung zu lösen.
      Der Vorwurf rhetorischen Leerlaufs, der Phrasenhaftigkeit.kann auch einem anderen Schriftsteller nicht erspart werden, so sehr man doch zugeben muß, daß seinen von ihm selbst Zeitgedichte genannten Poemen auch die Tugenden des rednerisch aufgebauten lyrischen Diskurses eignen; gemeint ist Friedrich Krasser . Seine naturwissenschaftlichen Studien bzw. die nicht vorrangig klassisch-humanistische Ausbildung bewirkten bei ihm einerseits Aufgeschlossenheit für Fortschritte der Forschung und Interesse für ideologische Wandlungen, andererseits eine gewisse Gleichgültigkeit für traditionelle Werte, für das Gegebene schlechthin. Wie auch bei anderen konnte sich solche Anlage und Geisteshaltung in der dichterischen Praxis mit weitgehender Selbständigkeit im Umgang mit dem umsichtig perpetuierten Literaturverständnis der Goethe- und Schillerzeit verbinden, mit einer größeren Distanz zu den Zwängen, die von solchem Erbe ausgingen, was paradoxerweise eine Vorliebe für einen Autor aus jener Zeit nicht ausschloß, ergab sich doch die Neigung aus freiem Entschuß und entsprang mehr oder weniger unbefangenem Sinn. So ist der in Wien zum Arzt ausgebildete Friedrich Krasser, dem, bei seiner sozialistischen Einstellung, keineswegs politischer Konformismus nachgesagt werden kann, ein Verehrer und gar Nachahmer Schillers gewesen. Oder sollte mit der Kennzeichnung 'Nachahmer" zurückhaltender umgegangen werden? 'Pathos und Freiheitsenthusiasmus", bemerkte Arnold Kartmann, 'wie sie den Zeitgenossen aus der Ideenlyrik Schillers vertraut waren, kennzeichnen Krassers Gedichte. Allerdings kann nicht einfach von einem Einfluß gesprochen werden .Diese Ausdrucksweise beruht auf der tieferen haltungsmäßigen Affinität Krassers zu Schiller. Aus der Intention der Gedichte heraus ist Krasser Revolutionär auf dem Gebiet des Geistigen wie Schiller und bleibt, politisch gesehen, im Bereich der Utopie."
Noch einen weiteren Dichter und seine Abhängigkeit oder relative Unabhängigkeit von klassisch-romantischen Schaffensprinzipien wollen wir schließlich erwähnen, Viktor Kästner . Da es ihm versagt blieb, Studien im Ausland zu betreiben - er besuchte die Vorlesungen der Hermannstädter Rechtsfakultät -, ihm auch sonst bloß das zu Gebote stand, was das sächsische Volk an sprachlichem Ausdruck, an Denkweise, Empfindungen hergab, und ein nur indirekter Einfluß der Literatur aus österreichischen und deutschen Ländern von ihm aufgenommen werden konnte, ist auch seine Abhängigkeit von den Hauptströmungen deutschsprachiger Dichtung relativ gering geblieben; ein profilierter 'Bildungsdichter" im Sinne klassischer oder romantischer Modelle wurde er jedenfalls nicht, wohl zum Nutzen der Mundartdichtung, die in seinem Schaffen einen ersten Höhepunkt aufzuweisen hat. Er ist also nicht ins Spangenmieder einer übermächtigen poetischen Tradition eingezwängt worden; andererseits war es möglicherweise zu wenig, was er sich aus dem Erbe deutscher Klassik und Romantik angeeignet hatte. So sind wir, Adolf Schullerus zufolge, 'nicht berechtigt, Kästners dichterische Entwicklung mit großen Strömungen der deutschen Dichtung in Beziehung zu setzen. Nicht die Romantik, nicht die jungdeutsche Bewegung hat auf ihn eingewirkt, dazu hätte es einer geschlosseneren Berührung bedurft". Geringfügigeres, darunter aber zum Teil echte Literatur, nämlich Mundartdichtung von da und dort, war es, was schöpferische Impulse in ihm freisetzte. Indirekt ist damit auch eine Einstrahlung klassischer und romantischer Poetik eingetreten, zehrte doch die volkstümlich empfundene, volkssprachlich gelautete Dichtung vom klassischen Kräftepotential.
      Bevor dazu übergegangen sei, die einzelnen Formen realistischer Literatur und ihren Grad der Abhängigkeit von Klassik und Romantik zu erörtern, ist noch einiges Allgemeine über die - schulische und außerschulische -Verbreitung klassischer Bildung, der damit verbundenen Absichten, der davon bewirkten Folgen zu sagen. Zwar ist klassisches Gedankengut in hohem Maß übernational, daher geeignet, das Geistesleben des Südostens, ja des ganzen europäischen Raumes anzuregen, eine deshalb tatsächlich landauf, landab vielfach genutzte Quelle anspruchsvoller Erziehung, und doch haben diese Werte in den einzelnen Völkerschaften des Kontinents jeweils spezifische Ausprägungen erhalten. In Siebenbürgen erfolgte die Rezeption des gleichsam allgemeinverbindlichen mit gewissen Abweichungen bei den Rumänen, den Ungarn und bei den Deutschen, im Einklang mit der Tatsache, daß deren Geistesleben nicht - oder nicht nur - gesamtsiebenbürgisch, sondern von den volklichen Grundströmungen bestimmt war. Emanzipatorisch-revindikative Momente kennzeichneten den rumänischen Bildungstrieb, dem, vor allem seit die Repräsentanten der ,Siebenbürgischen Schule' in der zweiten Hälfte des 18. und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mit ihren Schriften aufgetreten waren, ein kämpferischer Zug eignete, was auch der Dichtung einen militanten Charakter verlieh. Die emanzipatorischenTendenzen der Ungarn hatten eine andere Zielrichtung - sie waren gegen die österreichische Vorherrschaft gewandt -, und das Bangen um das Weiterbestehen ihrer Vormachtstellung in Siebenbürgen ließ sie auf allen Ebenen des gesellschaftlichen, administrativen, kulturpolitischen Lebens nach spezifisch magyarischen Seins- und Verkehrsformen Ausschau halten und danach trachten, diese durchzusetzen. Trotz aller davon ausgelösten Abwehrstellung der Andersnationalen konnte dennoch ein wohltuender Einfluß auf diese ausgeübt werden, beispielsweise auf die Siebenbürger Sachsen: durch Studien an ungarischen Universitäten, durch publizistische Kontakte, durch Annäherung auf wissenschaftlichem Gebiet.

     
   Auch bei den Siebenbürger Deutschen hat der Existenzkampf, in dem es um Erhaltung des Gegebenen, doch auch um Erneuerung ging, dem Bildungsstreben deutliche Akzente gesetzt, nicht immer zu dessen Vorteil. Beim Lesen eines längeren Aufsatzes von Stefan Sienerth, Kritik und kulturelles Selbstbewußtsein. Zur Entwicklung der sie-benbürgisch-deutschen Literaturbetrachtung von ihren Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts} kann man dessen innewerden, daß neuhumanistische Schulung und Bildung, daß idealistischer Gesinnungsunterricht neben allem unbestreitbaren Nutzen für Dichter, Kritiker und Publikum auch eine Gefahr in sich barg, natürlich nur für den, der vor Mißdeutungen nicht gewappnet war. Um das Selbstbewußtsein der Volksgenossen zu heben, billigte man sich bei der Beurteilung ihrer Lage und ihrer künstlerischen Gestaltungen Sonderkriterien zu, man war geneigt, eigene Leistungen auf allen Gebieten zu überschätzen und einen komplizierten Mechanismus der Täuschung und Selbsttäuschung in Gang zu halten, scheinbar dazu legitimiert durch Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis und seine überragenden Hervorbringungen In der nicht streng realistischen Kunst, die Erhöhungen im klassischen und romantischen Sinn zuließ, glaubte man, das passende Instrument gefunden zu haben, über sich selbst hinauszuwachsen und sich in aller Rechtschaffenheit unterhaltsam zu illu-sionieren.
      Hier wird gelegentlich auf rumänische, auf ungarische Parallelen hingewiesen, wie sie in der Kulturlandschaft Siebenbürgen zwanglos auftraten, und so sei es gestattet. einmal nicht nur das jenseits der Sprachgrenzen, sondern das jenseits der geographisch-politischen Demarkationen Liegende, das in den benachbarten Provinzen Ba-nat und Bukowina sich abwickelnde literarische Geschehen aufzuzeigen. Ã"hnlich klassikbezogene Bildungsverhältnisse und ein davon bedingter Lesergeschmack ver-anlaßten ein Fortleben älterer Gestaltungsprinzipien, das In-Szene-Treten einer Nachklassik und Nachromantik in der bereits vom Realismus dominierten Epoche. Im Banat ist es besonders ein Autor, der in diesem Zusammenhang genannt werden kann: Johann Nepomuk Preyer . Der aus Lugosch stammende, nach Gymnasialunterricht inTemeswar und Szeged, in Großwardein, Preßburg und Pest ausgebildete Jurist, der als Rechtsanwalt und Richter, in den bewegten vierziger und auch in den folgenden fünfziger Jahren als Bürgermeister vonTemeswar tätig war, hat sich bis in sein Alter klassischen Mustern verpflichtet gefühlt: sowohl in seinen Gedichten als auch in den Dramen Canova , Die Sulioten , Hannibal und Hunyadi Ldszlö , diesen 'Schiller-nden" Schauspielen, wie sie von Heinz Stänescu bezeichnet wurden. Zur Verdeutlichung seiner Eigenart wurden jedoch auch die Namen der Dichter Nikolaus Lenau, Ferdinand Freiligrath und Georg Herwegh herangezogen. Radegunde Täuber faßte ältere und neuere Meinungen zu Preyers literarischem Schaffen sowie künstlerischen Vorbildern zusammen und fügte das Ãobermittelte zu einem differenzierten Bild. Preyers Aufgeschlossenheit für das literarische Geschehen führte dazu, daß er 'Strömungen wie Klassik, Romantik und Vormärzliteratur gleichermaßen auf sich wirken ließ, und daß er im eigenen Schaffen diesen Einflüssen verhaftet blieb"; er war 'kein Neuerer auf literarischem und ästhetischem Gebiet", vielmehr praktizierte er den 'hohen Stil" von Schillers Geschichtsdramen, was spätere Betrachter in ihm einen 'geschmackvollen Nachahmer Goethes und Schillers", einen 'Autor 'epigonaler, klassizistischer Haltung" sehen ließ.

     
   In vielem von derlei Auffassung des Poetischen abweichend, in manchem vergleichbar, besonders durch die Bindung an die literarische Konvention, bietet sich das Werk eines Vertreters buchenländischer Literatur dar - das von Ernst Rudolf Neubauer . Der in Iglau Geborene kam, nach Studien in Prag undWien, 1850 als Gymnasiallehrer nach Czernowitz, später, 1872, als Gymnasialdirektor nach Radautz, wo er auch starb. Lyrische Dichtungen, darunter das Poem Die Ideonen , wiesen ihn in die Nachfolge älterer, klassischen Modellen verhafteter Lyrik.

     
   Aus dem Vorangegangenen läßt sich entnehmen, wie wenig man um die Mitte und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereit war, auf Klassik und Romantik sowie auf Propagierung ihrer Ã"sthetik zu verzichten. Hieraus ergibt sich, daß der Realismus, der auch in Siebenbürgen in seine Rechte trat, deutliche Spuren früherer Etappen aufwies. Dies ist im übrigen auch sonstwo der Fall gewesen. HelmuthWid-hammer - wir greifen es aus einem Forschungsbericht - zeigt in seiner Untersuchung Realismus und klassizistische Tradition. Zur Theorie der Literatur in Deutschland 1848-1860 auf, daß 'der Realismus-Begriff der Jahrhundertmitte einer bewußt erneuerten klassizistischen Tradition verpflichtet ist und von hier aus die politischen, ethnischen und ästhetischen Normen und Funktionen der neuen Literatur definiert";17; dies war kein geradliniger Vorgang und keine vorbehaltlose Aneignung, mitunter wurde Thematisch-Gehaltliches der Ãoberlieferung verworfen, die sogenannte klassische Form jedoch akzeptiert, ja sie fand 'oft enthusiastischen Beifall" .

     
   In der rumänischsprachigen Literatur wirkte klassisches Bildungsgut weiter, so daß sich ein 'Realismus des klassischenTyps" herausbildete, der u.a. vom einflußreichen Literaturtheoretiker und Kritiker Titu Maiorescu gefördert wurde und in der Zeitschrift 'Convorbiri literare" das Bild bestimmte; um die Jahrhundertwende hat Duiliu Zamfirescu den klassischen Realismus verfochten, allerdings in einer fortentwickelten, offenen Form, die Ãoberhöhungen, Beschönigungen und idyllisierendenTendenzen entgegenwirkte.

     
   Wir lassen uns im folgenden auf eine Rubrizierung des Realismus ein, obwohl wir uns einst davor verwahrt haben, Werke realistischen Schaffens in verschiedene Fächer einzuordnen und den Begriff aufzuspalten, Realismus habe schließlich mit sich selbst identisch zu sein, was aus seinem Konzept falle, sei nicht realistisch. In der Praxis wird man freilich nicht umhinkönnen, Rand- und Ãobergangsphänomene zu diagnostizieren, und man wird das in jeder Hinsicht normgerechte Produkt kaum auffinden. Gerade auch bei kleineren Literaturen läßt sich das für eine gewisse Strömung oder künstlerische Leitlinie Typische nicht ohne weiteres herausschälen, die einzelnen Autoren werden bald hier, bald dort zu Exemplifikationen herangezogen und in manchem Fall, weit über ihr relativ bescheidenes artistisches Credo, weit über die in ihren Texten beschlossenen Keime sinnvoller Ausdeutung, Gegenstand wuchernder Interpretationslust. Obwohl es also richtig gewesen sein mag, wie wir glaubten, uns selbst auffordern zu müssen, bei der Erörterung der siebenbürgisch-deutschen 'Prosaliteratur den Gesichtspunkt und die Erfordernisse des kritischen und des poetischen Realismus in einem zu sehen und vom Realismus schlechthin zu sprechen", ohne dabei die Tatsache zu ignorieren, daß es 'mehrere spezifische Ausprägungen des poetischen und kritischen Realismus gibt", wollen wir, soweit das Objekt der Untersuchung es zuläßt, ein wenig zur Differenzierung diesbezüglicher Erörterungen beitragen. Daß wir dabei nicht zu belangen sein müssen, dürfen wir wohl Fritz Martinis Geschichte der deutschen Literatur entnehmen, in der im umfangreichen Kapitel über den Poetischen Realismus eine Reihe recht verschiedenartiger Erzähler vorgestellt wird: ein gut Teil dessen, was, von Immermann über Stifter zu Keller, Raabe, Storm und zu anderen, in der Dichtung des vergangenen Jahrhunderts Rang und Namen hatte.
      Da mit dem Erbe auch idealistische Weltsicht transportiert wurde, ist die in seinem Umkreis entfaltete Wirklichkeitskunst mit idealischen Zügen behaftet, was - zusammen mit anderen Faktoren - eine Poetisierung des Stoffes verursachte und den Poetischen Realismus entstehen ließ. Analogien in der deutschsprachigen Literatur anderer Räume ermöglichen es, siebenbürgische Autoren, wie Friedrich Wilhelm Schuster oder Michael Albert, und ihre Schriften dieser Spielart des Realismus zuzuweisen. An einer eingehenderen Untersuchung der Problematik fehlt es noch. Den Blickpunkt unserer Ausführungen im Auge, drängt es sich auf, eine möglicherweise dereinst durchgeführte Analyse bei den humanistischen Bildungsvoraussetzungen der in Frage kommenden Schriftsteller zu beginnen und mit weltanschaulich relevanten, in diesem Fall eine Sympathie zur Klassik bekundenden Ã"ußerungen fortzusetzen. Außer den Werken von Schuster und Albert verdienen wohl am ehesten die dichterischen Arbei-tenTraugottTeutschs und Viktor Kästners unsere Aufmerksamkeit.
      Wir wollen uns hier darauf beschränken, auf einen einzigenText hinzuweisen, der in diesen Deutungszusammenhang zu passen scheint und bisher kaum literarhistorisch gewürdigt wurde: auf die längere Erzählung Aus den Papieren eines Landpredigers von Franz Obert . Sie ist 1865-1866 erstmalig erschienen, im Kronstädter Sächsischen Hausfreund, und auch in Oberts Sächsischen Lebensbildern enthalten. In dem Buch Franz Obert. Sein Leben und Wirken wurde sie von Eduard Morres hoch eingeschätzt - als Oberts bedeutendste Erzählung -, der Beurteiler ließ es aber bei einem recht allgemeinen Kommentar bewenden, die dort folgenden superlativischen Ã"ußerungen sind literaturgeschichtlich nicht genauer; immerhin enthalten sie einen wichtigen stofflichen Hinweis - wir erfahren, wer der porträtierte Landprediger gewesen ist: 'Hier hat der Sohn dem Vater, dessen Jugend er in freier Gestaltung bis zu dessen Verlobung erzählt, ein Denkmal von hervorragender Schönheit gesetzt. Die volkstümliche, lebendig fließende und fesselnde Darstellungsweise verrät eine ungewöhnliche Befähigung zur Erzählungskunst und läßt seine stark hervortretende Neigung zur Schriftstellerei begreiflicher erschei-
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   nen.
      Ludwig Binder und Carl Göllner beleuchteten vor allem das gesellschaftliche, sozialkritische Moment der Schilderung. Dieser Zug ist nicht zu übersehen, und doch erscheint uns derText gerade durch die poetische Schau der Dinge und solcher-artige Gestaltung bemerkenswert - Qualitäten, durch die uns Oberts kunstgerechtes Weltverständnis sowie seine charakteristische Haltung zur Welt vertraut werden.
      Obert war selbst Landprediger - in Schaal -, als seine Erzählung zum ersten Mal erschien, am Anfang seiner Laufbahn als Geistlicher, die ihn später auch in andere Dorfgemeinden führte und ihn schließlich zum Kronstädter Stadtpfarrer aufrücken ließ. Der Tod seines Vaters Daniel Obert 24 mag nachgewirkt haben, als die Schilderung entstand, der Einfluß seiner Persönlichkeit, die in sympathischem Licht abgebildet wurde. Es erscheint uns recht wahrscheinlich, daß sich der schriftstellernde Sohn auf selbstbiographische Aufzeichnungen des Vaters stützte, die vermutlich abgerundet wurden, im Vorgang des Ãoberarbeitens, mit den erforderlichen Kürzungen und Ergänzungen. Schon die Ich-Form der Erzählung dünkt uns ein Indiz dafür, die daraus sprechende weitgehende Identifikation mit dem Vater und dessen Jugendleben, denn eine selbstbewußte Natur, wie Franz Obert eine war - seinem Vater darin ähnlich -, hätte ohne Vorlage, ohne die Impulse, die von einem noch so lückenhaftenText ausgehen, wohl die dritte Person, das Erzähler-Er, für die Darstellung gewählt. Die Ãoberschrift Aus den Papieren eines Landpredigers ist deshalb buchstäblich zu verstehen, nicht als Fiktion, und der Titel, mit dem das Manuskript einst versehen worden war, Erinnerungen eines alten Mannes, wie auch der recht lineare, die Zeitenfolge wahrende Verlauf des Geschehens, das weniger von Phantasie als von Rechtschaffenheit im Berichten und Bekennen zeugt, weisen die Urheberschaften an der Arbeit, und sei es bloß eine teilweise Zugehörigkeit, eher Daniel Obert zu. Nicht zu vergessen ist auch, daß im Text wiederholt von tagebuchartigen Aufzeichnungen die Rede ist.
      Unbestritten bleibt durch solche Vermutungen die Affinität, die zwischen diesen Vertretern zweier Generationen bestanden hat, als erste und wichtigste Prämisse für das Abfassen einer derartigen Handschrift. Sympathie des einen für den anderen, den Betagten, klingt aus den Schilderungen und macht ihr Fundament tragfähig. Diese Zuneigung mag mehrere Gründe gehabt haben, die uns weiter nicht beschäftigen müssen, ein Motiv wollen wir aber herausgreifen, jenes der verwandten Ausrichtung des Bildungsdranges bei Obert senior und Obert junior. Gemeinsamkeiten lassen sich besonders hinsichtlich klassisch-humanistischen Wissens und Gestaltungswillens erkennen, die ja für beide wie auch andere im 19. Jahrhundert herangewachsene Generationen gleichermaßen verbindlich gewesen sind. War für den Ã"lteren vor allem Schillers Werk eine unerschöpfliche Quelle geistiger Bereicherung, so ist dieser Dichter dem Jüngeren nicht minder zum Inbegriff künstlerischen Ingeniums geworden. In seinen Lehrjahren, beispielsweise während der in Klausenburg verbrachten Zeit, machte Franz Obert von dem Angebot, eine dortige Bibliothek zu benutzen, 'fleißig Gebrauch" und widmete sich so auch Schillers und Goethes Werken; die 'Klassiker oder jüngere Schriftsteller " dienten ihm zur Unterweisung seiner Kinder, der er in der Stille seiner Landpfarrei nachging; an den Schillerfeiern 1859 und 1905 war er mit mancher Initiative beteiligt.

     
   Ãober die schon früh gepflegte, tiefwurzelnde Beziehung des Predigers Daniel Obert zu Schiller und damit wohl auch über Typisches zu Gehalt und Form der Erziehung in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erteilt die Erzählung reichlich Aufschluß. Die Dramen, besonders Die Räuber und Kabale und Liebe, erweckten in dem Schüler unauslöschliche Eindrücke und regten ihn zu Fragen und Meditationen an, namentlich über die ihn nicht befriedigenden tragischen Schlüsse, die im Mißverhältnis zu dem versöhnlichen Geist christlicher Religion stehen; dieser Gegensatz bewirkte in ihm, einem zuweilen zur Einsamkeit neigenden Burschen, Niedergeschlagenheit und Schwermut. Bei wiederholtem Lesen wechselte die Vorliebe für die Hauptgestalten der SchillerschenTheaterstücke, immer aber brachte ihm die Lektüre Gewinn: 'Die idealen Gestalten seiner Werke umschwebten mich, dunkle, aber mächtige Gefühle erweiterten mein Herz."

   Auch zu Schillers Lyrik hatte der Heranwachsende eine lebhafte Neigung gefaßt, und er eignete sich ihren Geist in den damals üblichen Formen des Memorierens und Anfertigens dichterischer Etüden an. 'Oft brachte ich", erfahren wir, 'ganze Nachmittage damit zu, Schiller'sche Gedichte zu memorieren, unter welchen ich der Glocke den Vorzug gab, die ich, auch als ich sie schon fehlerlos auswendig wußte, oft von Anfang bis zu Ende laut hersagte." Die poetischen Versuche im klassischen Stil wurden von der Schule gefördert, sie gehörten zu den Pflichten des musischen Unterrichts, denen sich auch Daniel Obert zu fügen hatte, 'mit schwerer Angst und großen Sorgen", doch widmete er sich ihnen nach und nach auch aus eigenem Antrieb. Der Aufgabe, 'eine Elegie auf den Tod einer Jungfrau in beliebigem Versmaß zu dichten", entledigte er sich durch 'einen herzhaften Griff in den reichen Reminiscenzenschatz Schiller'scher Gefühle und Verse und brachte in kürzester Zeit vier sechszeilige Strophen zusammen", die durch zu große Nähe zum Vorbild Anstoß erregten und ihn über die 'so vielen Menschen von Natur innewohnende und durchaus nicht unberechtigte Eigentümlichkeit, Gelesenes nachzuahmen", eine Eigentümlichkeit, die allmählich 'vom Nachbilden zum Selbstschaffen" überleiten kann, nachsinnen ließ.29Wie er es, zwar in bescheidenem Maß, schaffte, diesen Ãobergang für sich zu vollziehen, wird desgleichen vorgeführt: Im Karzer las er Schillers Gedicht Sehnsucht; Stunden später setzte er einige eigene Strophen aufs Papier.

     
   Verinnerlichung der Konflikte, Ausgleich der Widersprüche, Zurückweichen auf den Lebenskreis des einzelnen oder der überschaubaren Gruppe, Gemüthaftigkeit und andere Wesenszüge des Poetischen Realismus kennzeichnen die Erzählung Aus den Papieren eines Landpredigers, ohne daß man in ihr gewissermaßen die Veranschaulichung einer Paragraphensammlung dieser Stilrichtung vermuten darf. Die gedämpften Töne werden mitunter vom Ausdruck des Protestes unterbrochen, Gegensätze klaffen in entscheidenden Momenten auf, die Beschränkung auf Heimisches bedeutet nicht Vorspiegelung illusionärer Geborgenheit, sie beruht nicht auf einem Abschwächen des dem Haupthelden, einem Jugendlichen ländlichen Herkommens, eigenen Wirklichkeitssinnes, und Gemüthaftigkeit artet nicht in Sentimentalität aus. Die Gleichgewichtigkeit in der epischen Anlage, das Maßvolle und Besinnliche der Schilderung ist wohl auch ein Erbteil neuklassischer Bildung, von der einge Proben gegeben wurden. Der Ich-Erzähler erweist sich ihr gegenüber empfänglich, weniger für 'lateinische Pensen", die ihn nicht befriedigt haben, sein 'Geist lechzte nach Nahrung anderer Art", nämlich nach Schillers Werken. Er war aufnahmebereit, zum Unterschied von vielen Mitschülern, denen an ihrer Ausbildung wenig lag. Mit Befriedigung konnte er feststellen, wie er - es sind seine Worte - 'geistig zu erstarken begann", wie das 'Verlangen nach geistiger Nahrung" ihn zu intellektueller Beschäftigung leitete und durch diese die 'Spannkraft des Geistes" wuchs. Um so mehr mußte es ihn treffen, daß er, der relativ Mittellose, bei einer Verteilung von Auslandsstipendien übergangen wurde; er fand sich jedoch damit ab, ja sein Entschluß, 'im Lande bleiben zu wollen", gewährte ihm, 'einmal ausgesprochen, innerste Befriedigung. Das sollte meine Rache sein, daß ich blieb, daß in mir eine Kraft brach lag. die etwas hätte leisten können. Die Schuld davon trug nicht ich, sondern diejenigen, welche mir eine verdiente Unterstützung nicht zukommen ließen. [...] Ich rächte mich, indem ich entsagte. Die Geißel, die ich schwang, traf mich selbst".

     
   Als der Poetisierung abgeneigt, ja entgegengesetzt, es sei denn, man räumte ihr im Ausmalen von Zukunftsvisionen einen Platz ein, zeigte sich eine weitere Variante des Realismus. Ihr Bereich war die unbeschönigte Wirklichkeit, und ihr Erscheinungsbild verband sich bisweilen mit einer aktivistischen Note, einem dynamischen Entwurf, der dem Poetischen Realismus fremd ist. Wir sprechen von kritisch-realistischer Literatur, deren Stoff und Thema die bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen und überhaupt sozial-politischen Auseinandersetzungen wie ihre Auswirkungen auf das Leben des Individuums und der Gemeinschaft waren.
      Bis zum Ãoberdruß hat man sich in den ersten beiden Jahrzehnten nach 1945 mit dem Kritischen Realismus nicht nur der rumänischen, sondern auch der rumäniendeutschen Literatur befaßt, anfangs vor allem unter dem Gesichtspunkt der Kämpfe um gesellschaftlichen Fortschritt, die wichtige Rolle, aber auch die Grenzen des Bürgertums, sein allzuleicht demonstriertes schmähliches Versagen hervorstreichend. Schon in den letzten sechziger Jahren und während der beiden anschließenden Jahrzehnte ist, bei gleichzeitigemVerzicht auf die vom Phantom des Sozialistischen Realismus gekrönteTheorie. das Bild differenzierter und vollständiger geworden durch relativ zahlreiche Kommentare etwa zur Prosa Traugott Teutschs und Michael Alberts. Stellungnahmen neueren Datums erweisen sich auch heute, nach der Diskreditierung ideologischer Bevormundung in Rumänien, größtenteils als gültig, wenngleich es mitunter notwendig erscheint, das Geleistete von den Effekten der Einseitigkeit und Oberflächlichkeit zu befreien.

     
   In die gleiche Kerbe wie schon mehrmals in diesen Aufzeichnungen schlagend, wollen wir auch hier eine Empfehlung im Sinne unseres Themas aussprechen: Voraussichtlich ist der Forschung gedient, wenn man den bürgerlichen Realismus sozialkritischer Ausrichtung mit den über Jahrzehnte fortwirkenden gesellschaftlichen Auffassungen der Klassiker und Romantiker in Verbindung bringt und damit die Chance nutzt, bei den schon für den Poetischen Realismus reklamierten Autoren und bei anderen die Verflochtenheit einzelner Züge undTendenzen zutreffend zu erhellen.
      Wir können hier bloß mit wenigen Strichen die Kontur der Problematik verdeutlichen, und zwar durch einige Bemerkungen zu Michael Albert und Traugott Teutsch. Beide neigen eher dem Poetischen als dem Kritischen Realismus zu, so sehr sie auch, freilich durch nicht allzuviele Schilderungen, zu einer Literatur kritischer Strenge beigetragen haben.
      Aufschlußreich ist Alberts Zeitungsaufsatz Geistesströmungen . Der Realismus, nicht bloß im ästhetischen, sondern im sämtliche Lebensbereiche umfassenden und im Geist der sich rasch fortentwickelnden Naturwissenschaften umformenden Sinn, hat die idealen Kräfte so sehr geschmälert, daß alle weiteren Angriffe auf diese auf der Bühne der Satyrspiele und nicht mehr auf jener derTragödie abzulaufen scheinende dem Ideal versetzten Hiebe nehmen deshalb die der komödienhaftenTheater-vorstellung gemäßen Formen an und zeigen sich als 'Gemütsdusel, Hirngespinste, Seichtigkeit, Schöngeisterei, Phrase". Deutlich wird jedoch in diesem unwürdigen Vorgang auch die 'Notwendigkeit von dem Wiederaufbau der idealen Welt" mit Hilfe der Naturwissenschaften, und das auch in Siebenbürgen, wo auf dieses Ziel hingearbeitet werden müsse: '[...] wir bedürfen einer gewaltigen Erhebung der Gemütskräfte, eines neuen Schwunges der Tatkraft, einer neuen Begeisterung für ideale Ziele"; bei der unumgänglichen Konsolidierung sicherer Lebensgrundlagen wird sich auch eine 'erneute Heimatsliebe" einstellen. Es dürfte klar sein, daß bei einer solchen Anschauung der Dinge kaum radikale Kritik, sondern eher wohlwollende, volkserzieherisch wirksame Darstellung des Gegebenen und Hinlenkung auf zukünftige Hebung des Gemeinschaftsbewußtseins zu erwarten war.
      Noch weiter als bei Albert, dem zumeist dochWirklichkeitszugewandten, klafften Idealvorstellungen und Wirklichkeitsbefund bei Traugott Teutsch auseinander, standen Zukunftsvisionen und Gegenwartsempfinden im Gegensatz. Das 'betont schöngeisternde Gehabe", das Georg Scherg an einem seiner Romane bemängelte , tat dem Wirklichkeitsgehalt seiner Schilderungen Abbruch, und die sarkastischen Kommentare Adolf Meschendörfers zu Teutschs Selbstbiographie, Ein siebenhürgisches Dichterleben, sind hinsichtlich des Wahrheitsgrades der poetischen HervorbringungenTeutschs nur zu richtig: Der Kronstädter Landsmann einer älteren Generation erweist sich in seiner Gegnerschaft zur Moderne als 'armer Don Quijote", dem, in der 'Enge des Horizontes", jeder Maßstab abhanden gekommen ist; in seinen Gestaltungen offenbarte er sich nicht als legitimer Fortsetzer klassischer Traditionen, sondern als 'Anhänger des damals bei uns allgemein verbreiteten idealistischen Epigonentums der Klassiker." Wenn überhaupt von Realismus bei Traugott Teutsch die Rede sein könne - muß man aus Meschendörfers polemischen Glossen schließen -, dann nur in einer relativ verminderten, dem Zeitgeist nicht adäquaten, altvaterischen Form.
      Nicht sehr verheißungsvoll mag es sein, unter diesen Auspizien auf Texte zurückgreifen zu wollen, die auf dem Feld des Kritischen Realismus und unter dem besonderen Gesichtswinkel klassisch-romantischer Komponenten belangvoll sind, sowohl von der Warte sozial-politischer Meinungsbildung aus , als auch vor allem von jener der ästhetischen Einschätzungen. Bessere Chancen der Bewährung hatte Albert, der künstlerische Gesichtspunkte in höherem Maß gelten ließ als Teutsch; dieser hatte sich stärker als Albert der Nationalen Erbauungsliteratur verschrieben und huldigte damit einem 'ästhetisch indifferenten Realismus"; die beiden waren - Dieter Kessler zufolge - geradezu an zwei Polen angesiedelt: 'Traugott Teutsch bezeichnet den Pol einer extremen Nationalen Erbauungsliteratur, Michael Albert den der ästhetischen Gegenposition."

   Wir nehmen jene Texte vor, die den Bürgerlichen Realismus - das Beiwort als gemeinbürgerlich verstehend - schon an einem relativ äußerlichen Merkmal erkennen lassen, am Titel. Bei Michael Albert bietet sich die Erzählung Das Haus eines Bürgers der Prüfung an, Ein Bild aus dem Stadtleben des sächsischen Volkes. Wir wollen nicht wiederholen, was andernorts über die 'Darstellung des inneren Zusammenbruches eines alten Bürgerhauses" , ihren Wert und ihre Wirkung gesagt worden ist. Von 'ihrer Gewitterstimmung und ihren scharfen Röntgenaufnahmen der menschlichen Seele, ihren Wahrheitsaugenblicken, die man nicht mehr vergißt" , sondern uns der Frage zuwenden, welche Rolle klassischhumanistische Bildung in dem Bürgerhaus spielt, in das der Autor uns Einblick gewährt. Dem Niedergang der geschilderten Familie und überhaupt der bürgerlichen Welt im Siebenbürgen der sechziger Jahre, als der damals ins Werk gesetzte staatliche Dualismus die Gesellschaft erschütterte, entspricht die veräußerlichte, stark reduzierte Funktion der klassizistischen Ãoberlieferung. Diese existierte vor allem auf der Ebene der Parodie, ob es sich nun um Goethes Reineke Fuchs oder Schillers Handschuh und ähnliches mehr handelte. Wenn man aber unter Alberts Novellen und Erzählungen nach bezeichnenden, ausgeprägten Ausdrucksformen für einen sich selbst nicht durch Schwäche und Unwahrhaftigkeit bloßstellenden Bürgerlichen Realismus kritischen Zuschnitts sucht, hat man in dieser Erzählung ein sprechendes Beispiel.
      Gehen wir auf gleichem Weg - der Wahl aufgrund der Werktitel - an Traugott Teutschs Epik heran, so werden wir auf sein 'Historisches Gemälde" Die Bürger von Kronstadt verwiesen, was nicht unergiebig für unsere Ermittlungen ist. Wenngleich sich die Handlung rund zwei Jahrhunderte vor Entstehung und Veröffentlichung des kleinen Romans abspielt, ist die Schilderung doch deutlich vom Geist des 19. Jahrhunderts geprägt; eine der Personen, Girdo, erscheint gar als 'Repräsentant einer dilatorischen Epoche, wie das 19. Jahrhundert eine war - wenn man will, als eine vom Dichter in anachronischer Weise hineinprojizierte Gestalt". Zeitgenössisches Empfinden wirkt sich jedoch auch in der Kennzeichnung der anderen aus, Männer wie Frauen, obgleich der Autor im Vorwort betont, er habe den 'Konstellationsverhältnissen" der Vergangenheit Rechnung getragen und sei schon durch die Sprechweise seiner Helden bemüht gewesen, sich 'nicht historisch und künstlerisch an ihrem Charakter" zu versündigen. Unverkennbar ist jedenfalls, am Detail wie auch an der Gesamtkomposition, daß der Verfasser durch all die bildenden, formenden Lern- und Studienetappen, die späthumanistischen Erziehungsphasen hindurchgegangen ist, die er in seiner Lebensbeschreibung kennzeichnet, und daß er, in nachklassischen, nachromantischen Zeiten lebend, sich von den ästhetischen Folgen der Klassik und Romantik nicht freimachen konnte und wollte, von seiner einst bevorzugten Lektüre .

     
   Im übrigen stellt sich beim Lesen undWiederlesen derVeröffentlichungenTeutschs heraus, daß sie besser sind als ihr Ruf: Zwar sind sie nicht so vortrefflich, wie ihr Verfasser in seiner Verblendung meinte, doch auch nicht so schlecht, wie das Urteil einer ganzen Reihe von Zeitgenossen und Nachbetrachtern uns glauben machen wollte. Ist Teutsch auch weniger herb im Brandmarken gesellschaftlicher Untugenden als Albert, im Verurteilen unbürgerlicher, bürgerfeindlicher Gesinnung, so ist er doch nicht unkritisch. Manche Gemeinsamkeit verbindet die beiden, ihre Schriften sind einander nicht diametral entgegengesetzt, sondern benachbart, vermutlich deshalb, weil die Bildung der zwei Autoren, bei allen Unterschieden, in derselben klassisch-humanistischen Tradition wurzelt. Insoweit hatte Traugott Teutsch ein gewisses Recht, im Namen des 'verklärten Dichterfreundes" Albert sich gegen Meschendörfers 'Moderne" zur Wehr zu setzen, bloß die Form, in der dies geschah, hätte etwas weniger gestrig sein dürfen.

     
   Ein privilegiertes Gebiet literarhistorischer Ermittlungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war die volkstümlich-kämpferische Dichtung. In ihrem Bannkreis ist zunächst jede poetisierende Neigung und behutsam kritische Ã"ußerung verdächtig gewesen, bemaß man doch künstlerische Qualität nach der Schärfe des Tadels an gesellschaftlichen Zuständen. Nach und nach ist man von solcher Fehldeutung abgekommen und hat die revolutionären Kampfschriften und überhaupt die politische Literatur demokratischer Ausrichtung sachlicher zu beurteilen versucht. Eine genaue Durchsicht der Studien könnte dazu beitragen, nunmehr unbeeinflußt von den im Osten bis vor kurzem noch zur Staatsdoktrin gehörenden Leitlinien und den daran geknüpften Wunschvorstellungen, ein bis ins einzelne zutreffendes Bild vom Anspruch und Rang dieser Dichtung zu entwerfen. Das - nach den Irrgängen des Anfangs -nicht mehr sehr rege Bedürfnis, sich mit dieser Materie auseinanderzusetzen, könnte möglicherweise wieder geweckt werden, um beispielsweise die Poeme Friedrich Kras-sers noch detaillierter, als es bisher geschehen, aus den biographischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu deuten. Um Quellenlage und auch Interpretation steht es - dank der von Harald Krasser besorgten Ausgabe Offnes Visier. Gedichte und Lebensdokumente - nicht schlecht, und doch wäre es zu wünschen gewesen, daß Arnold Kartmann seine neues Dokumentationsmaterial einbeziehenden Forschungen fortgesetzt und zu gutem Abschluß gebracht hätte. Gerade weil das soziali-stisch-darwinistisch-atheistische Engagement des streitbaren Mannes seine literarhistorische Plazierung scheinbar problemlos vollziehen ließ, darf man wohl die Forderung nach sorgfältiger Untersuchung unter dem Blickwinkel klassizistischer, idealistischer und romantischer Sozialutopien äußern.
      Arnold Kartmanns Beschäftigung mit Friedrich Krasser, zunächst Zusammenfassung veröffentlichten Dokumentationsmaterials , ist vor allem auf die ungewöhnlich breite Rezeption einzelner Gedichte ausgerichtet gewesen, auf die schier ins Ungemessene gehende Verbreitung der Texte in Europa und in der Neuen Welt. Uns geht es weniger um ihre Rezeption durch andere als die Rezeption anderer durch Friedrich Krasser.
      Zur Verfügung steht uns, aus der Hinterlassenschaft Harald Krassers, ein Teil der maschinengeschriebenen Familienchronik, die Otto Fritz Jickeli verfaßt hat, nämlich jene Schilderungen, die sich auf Friedrich Krasser, Jickelis Großvater, beziehen. Fragmente sind, in vereinfachter Form, veröffentlicht worden, die meisten Seiten der 1952 entstandenen Aufzeichnungen wurden der Ã-ffentlichkeit jedoch nicht zugänglich gemacht. Sie sind ihr auch nicht zugedacht gewesen, sondern waren bloß zum Familiengebrauch bestimmt; für das Leserpublikum entwarf etwa zur gleichen Zeit der Literaturhistoriker Harald Krasser ein Bild seines Großonkels, übrigens im geistigen Austausch mit Jickeli, der in ästhetischen Fragen, wie er selbst bezeugt, der Nehmende war. Die Familienchronik bietet Details, die in der notgedrungen sachlichen, von Harald Krasser geschriebenen Einleitung zur Ausgabe des Offnen Visiers fehlen mußten, und sie enthält auch hinsichtlich der von uns verfolgten Problematik einige Fingerzeige.
      In dem Heranwachsenden waren, in höherem Maß als bei Jugendlichen sonst, verneinende Kräfte aktiv, die ihn in einen Gegensatz zu sich selbst brachten sowie zu jenen, die seinen Lebenswandel tadelten, und sei es auch in den vorsichtigsten Formen, schließlich zu der Gesellschaft und ihren führenden Schichten, d.h. zum Adel, zur Offizierskaste, zur Beamtenschaft und zum Klerus. Sein aufsässiges 'Nein!" betraf zunächst die meisten Formen geistig-künstlerischer Ãoberlieferung, und nur allmählich ist er, der vor allem von den emporstrebenden Naturwissenschaften angezogen war, für einiges aus dem Bereich humanistischen Wissens und Gestaltens gewonnen worden. Wenn man sich vorhält, daß seine Grundeinstellung zu den Dingen anfangs vorwiegend negativ war, so darf einen nicht wundern, daß er in mancher Frage konsequent in Abwehrstellung verharrte. Seine Abneigung gegen die christliche Kirche äußerte sich bereits im Knabenalter und nahm schon damals mitunter heftige Formen an, was auf frühe Verletzungen seines Empfindens schließen läßt. Man kann vermuten, daß - zumindest unbewußt, war doch sein Verhältnis zur Mutter nicht schlecht -sich in seinem polemischen Unglauben eine Reaktion auf die Haltung der Mutter zeigte, die, evangelisch, in manchem von puritanischer, eher calvinistisch anmutender Strenge war.
      Krassers komplexhafte Opposition konzentrierte sich auf die ihm nach wie vor verhaßten höheren Stände, während er für die wenig berechteten und wenig bemittelten Volksklassen zunehmend Sympathie gewann und diese Neigung in Wort und hilfreicher Tat als Arzt und Menschenfreund oft bewies. Empfänglich war er, bereits seit seiner Studienzeit, für sozialistische Lehren. Diese, in ihrer Krasserschen Apperzeption, wurden von dem Volkswirtschaftler Jickeli folgendermaßen gekennzeichnet: 'Ich glaube, daß man manche Anklänge an das Kommunistische Manifest findet, der Haß gegen die Kasten der Adligen und Priester weist auf Saint-Simon hin, während an August Comte der Glaube an das Dogma der Naturgesetze erinnert. Dabei darf freilich nicht vergessen werden, daß gewisse Thesen einzelner Schriftsteller zum Gemeingut der sozialistischen Literatur geworden sind."
Ã"hnlich eigenwillige Lyriker sozialkritischer Ausrichtung wie Friedrich Krasser hat es in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Siebenbürgen noch weitere gegeben, deren Abkehr von der herrschenden Ideologie ihres Zeitalters wie auch von der Kunstpraxis früherer Generationen sich auf verwandte Art geäußert hat, wenngleich sie zumindest in den gewählten literarischen Formen älteren Vorbildern verpflichtet sind und sich so beispielsweise der prägenden Kraft Goethescher oder Schillerscher Strukturen nicht entziehen können.
      Halten wir uns, mit diesen Bemerkungen, in der Nähe der Arbeiterdichtung auf, so müssen wir auch die Dorfliteratur und den Dorfrealismus erörtern. Michael Markel hat sich mit Zuordnungsfragen der siebenbürgischen Dorfliteratur auseinandergesetzt, und die Lektüre seiner Studie zeigt, daß diese Problematik bei ihm in guten Händen ist. Klarheit in terminologischen Fragen, Genauigkeit in den Abgrenzungen, Vorsicht im Ãobertragen binnendeutscher Sachverhalte auf karpatenländische Verhältnisse, Schlußfolgerungen, die nicht bloß bisher vertretene Meinungen resümieren, sondern das vorgegebene Wissen auch bereichern, prägen seiner Untersuchung das Qualitätssiegel auf und lassen es wünschenswert erscheinen, der Bogen der Betrachtung werde dereinst alle einschlägigen, auch die bislang nicht analysierten Werke umspannen. Zutreffend ist es, daß Markel die siebenbürgische Dorfliteratur und den von ihr herausgebildeten Dorfrealismus nicht bloß unter stofflich-thematischen Gesichtspunkten sieht, sondern sie auch als stilistisches Konzept wertet, als Strömung oder 'Literaturbewegung": Der Dorfrealismus gilt ihm als 'konturierte Literaturbewegung der Jahrhundertwende".3 Was an klassizistisch-idealistischen Vorstellungen in der siebenbürgischen Dorfliteratur nachwirkt - als das eher Uneigentliche -, wird in seiner Arbeit an mehreren Stellen veranschaulicht.
      Vielleicht wäre es gut, bei der Untersuchung der literarisch gestalteten Bauernwelt eine Dimension stärker zu beachten, die mit der bald intensiver, bald schwächer hervortretenden 'akademischen" Grundierung der ländlichen Schilderungen in gewissem Maß zusammenhängt, nämlich den Volksglauben in seinen verschiedensten Auswirkungen auf das Denken undTun der Handlungsträger. Vor allem der siebenbürgische Sagenschatz, gesammelt von Friedrich Müller und wirksam verbreitet während des Aufschwungs eines gebietsspezifischen Dorfrealismus, hat mythische Ãoberlieferungen dem Landbewohner und seinen geistigen Betreuern, darunter den volkstümlichen Autoren, nahegebracht und als Identitätszeichen belangvoll werden lassen. Die nur zu sehr von der Gefahr platter, einfallsloser Darstellung bedrohte Schau dörflicher Verhältnisse hatte durch einen Zuwachs an phantastischen Momenten zu gewinnen, durch den ihr realistischer Charakter keineswegs in Frage gestellt wurde. Auch religiöse Motive, die bei den zahlreichen Verfassern aus dem Geistlichenstand oder aus der Lehrerschaft nicht verwundern, könnten einer sorgfältigen Erörterung unterzogen werden. Dabei würde sich herausstellen, ob die Autoren die Ansprüche ihrer humanistischen Ausbildung, ihres am klassischen Modell und am christlichen Glaubensgrundsatz geschulten Denkens und Empfindens in Einklang zu bringen vermochten mit der Dorfwirklichkeit, mit deren Sach- und Geisteskultur oder ob sie sich, wie in Zeiten eines weniger direkten, weniger dringend geforderten Realitätsbezugs in der Kunst, über den Köpfen des Leserpublikums in kaum verbindlichen Ã"ußerungen ergingen.
      Ein wichtiger Zweig realistischer Dichtung in Siebenbürgen ist noch anzuführen, die geschichtliche Literatur. Auch in ihr wird ein Verhältnis zwischen Attitüde und Methode erkennbar, das uns dazu berechtigt, den Historischen Realismus nicht allein in dem Umstand konkretisiert zu sehen, daß in einzelnen Romanen, Erzählungen, Versgeschichten Ereignisse aus der Vergangenheit geschildert werden. Die Wirkungskraft und Ausstrahlung der um geschichtliches Geschehen kreisenden Gestaltung, die Faszination durch den der Geschichte zugewandten literarischen Text war vor der Jahrhundertwende so bedeutend, daß man Leistungen auf diesem Gebiet zu den bemerkenswertesten einer deutschsprachigen Literatur in Siebenbürgen zählte und als Proben und Beweise einer 'Blütezeit" dieses Schrifttums insgesamt wertete. Die 'Blütezeit" jedoch wegen der damals überwiegenden 'nationaltendentiösen Geschichtsdichtung" samt und sonders als Zeit des Historismus zu verstehen, erscheint uns nicht richtig. Und das, schon weil jene, die die Epochenbezeichnung 'Blütezeit" eingeführt haben, sich nicht auf historische Belletristik - und sei es auch im weitesten Sinn - festlegen wollten und durften, haben doch die Protagonisten des siebenbürgi-schen Dichtergipfels sich nicht nur der Darstellung geschichtlicher Episoden und Gestalten gewidmet.

     
   Ein letztes mal sei in den vorliegenden Aufzeichnungen daran appelliert, den sie-benbürgischen Realismus im engen Zusammenhang mit der klassisch-romantischen Bildungstradition zu sehen. Der prof essorale Zuschnitt historischer Prosa, Versepik oder Dramatik ergibt sich mitunter daraus, daß sich die Autoren eingehend mit dieser Hinterlassenschaft beschäftigten, bzw. aus der Adaption neuerer Muster deutscher Literatur, die aber, wenn auch nicht direkt, ebenfalls auf klassisch-romantischem Erbe fußen. Auch in ihrer Eigenschaft als Verfasser historischer Schauspiele, Novellen und Romane sind die bereits mehrfach genannten Autoren Friedrich Wilhelm Schuster, TraugottTeutsch und Michael Albert von der Ãoberlieferung aus Goethes und Schillers Zeiten nicht zu lösen, und die kulturhistorische Novellistik Gustav Seiverts sowie die Versepik Gustav Schullers - bei aller Billigung neuerer Anschlüsse - dürften bei genauerem Studium ebenfalls eine Fülle von Konnotationen der gemeinten Art aufweisen.
      Im realistischen Schaffenskonzept ist eine gute Dosis klassikfeindlicher und antiromantischer Einstellung enthalten gewesen, und je zielstrebiger es vertreten wurde, desto weniger glaubte man sich an ältere ästhetische Grundsätze gebunden. Konsequenz im mathematisch exakten Maß wirkt jedoch im künstlerischen Bereich deplaziert, und die voranstehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, wie wenig in Siebenbürgen Tabula-rasa-Allüren üblich waren. Die literarischen Texte in der Epoche des Realismus weisen häufig klassisch-romantische Reminiszenzen auf, die mehr als bloß zufällige, beiläufig eingefügte Anklänge sind. Die dichterische Produktion der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vor Augen, ist die Behauptung wohl nicht zu gewagt, daß ein realistisches Schaffen in Siebenbürgen ohne Klassik und Romantik nicht auskam, daß eine Vereinbarung, ein Zusammenwirken der verschiedenen Geistesströmungen dem Wesen, dem künstlerischen Wollen und Vollbringen der Schriftsteller entsprach. Dies Fazit resümiert auch etwas von dem stilistischen Vermächtnis des 19. an das beginnende 20. Jahrhundert, das sich mit naturalistischen Forderungen konfrontiert sah, sich jedoch vor allem durch einen der Ãoberlieferung gegenüber aufgeschlossenen Realismus legitimierte.
     

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Klassisch-romantische  Nachklänge  siebenbürgischen  Realismus  I9.  Jahrhunderts    





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