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Kalendererzählungen der Jahrhundertwende



Noch 1911 stellte Adolf Meschendörfer die gleichen Anforderungen an die Kalender wie etwa Traugott Teutsch zwanzig oder dreißig Jahre früher; ein Zeichen dafür, daß das Niveau noch keineswegs zufriedenstellend war: 'Der Kalender ist das einzige Buch, welches der Kleinbürger und der Bauer sich alljährlich anschaffen; es soll knappe und sichere Auskunft über alles geben, was mit der Notdurft des Lebens zusammenhängt, es soll den Zusammenhang des Einzelwesens mit dem Volke und der Menschheit herzustellen helfen, dem kleinen Mann des Volkes ein Weltbild aus der Enge seines Lebens erblicken lassen. Es soll aber auch als Erziehungsmittel betrachtet werden und dem Volke eine Fülle von Anregungen und Eindrücken vermitteln, die es auf neue Gebiete führen: Fäden knüpfen, die es mit der Kultur immer enger binden."

Gemäß diesen Forderungen wurden dann auch die Beiträge für die Kalender ausgewählt und auch die Erzählungen immer noch lehrhaften Prinzipien untergeordnet, oft auf Kosten der Qualität. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Zahl einheimischer Schriftsteller nicht größer geworden war, so daß die Auswahl an Erzählungen, die sich für eine Veröffentlichung in Kalendern eigneten, gering sein mußte. So findet man in dieser Periode im allgemeinen die gleiche Situation wie früher vor: Die Kalendermacher waren meist ihre eigenen Geschichtenschreiber, unterstützt von einigen Mitarbeitern. Das Ergebnis ihrer Tätigkeit für die Kalender war eine breite Palette von Erzählungen, die von der reinen Tendenzdichtung bis zur Heimatdichtung als getreues Spiegelbild sächsischen Lebens reicht. Die Kalender waren nach wie vor ein wesentlicher Faktor im literarischen Leben Siebenbürgens. Wurde dabei auch viel künstlerisch Wertloses geschaffen, so waren doch zahlreiche Kalendererzählungen Bausteine für die Entwicklung der siebenbürgischen Literatur.
      Aus der großen Anzahl der Kalender, die bis 1890 existierten, kristallisierten sich nun die besten heraus. Die führende Rolle unter ihnen nahm der Kalender des Siebenbürger Volksfreundes ein. Von Ludwig Michaelis, dem Herausgeber des Kalenders in den ersten neunziger Jahren, stammen einige charakteristische Geschich-ten, wie Die Johannisglocke von Unterteil und Des Paschas Vermächtnis. Die erste Erzählung führt in die Zeit der Reformation. Das Schicksal von Marie und Georg, die jahrelang um ihre Liebe kämpfen müssen, da sie vom falschen Kirchenvater um das Erbe betrogen und von dessen Sohn mit Rache verfolgt wurden, verbindet der Autor mit dem Schicksal der ganzen Gemeinde, die durch die Türken vernichtet wird. Seine zweite Erzählung auf historischer Basis, Des Paschas Vermächtnis, hat die Belagerung Hermannstadts in den Jahren 1659/60 zum Gegenstand. Wieder ist ein Einzelschicksal in die geschichtlichen Ereignisse eingebettet. Die Witwe Letz erkennt in dem bei ihr einquartierten Pascha ihren vor dreißig Jahren von den Türken geraubten Sohn. Ein Nervenfieber, dem sie später erliegt, macht diese Aussage unglaubwürdig. Da auch der Pascha Opfer einer Krankheit wird — interessant die Bestattungszeremonie —, löst erst das von ihm zurückgelassene Gebetbuch das Rätsel: es enthält den Namen seiner Mutter.
      Vor allem nach 1896, als der Kalender in veränderter Ausgabe erschien, wurden die Bemühungen um niveauvolle Erzählungen spürbar. Allerdings fehlte 'den Erzählungen der .moderne' Einschlag, es gibt keine überraschenden Ereignisse und keine Zerfaserung der Seelenbewegung, aber es ist Leben und Wahrheit, und eine Sammlung der besten Erzälilungen des Volksfreundes wäre ein gutes Unterfangen". Von 1896—1918 stellte sich der Kihnder allmählich auch mehr in das Gegenwartsgeschehen hinein, aucri durch die Thematik der Erzählungen. Allgemein stehen nach wie vor einheimische Stoffe im Vordergrund. Zahlreiche Autoren wandten sich beispielsweise einem Thema zu, das in jener Zeit die Gemüter bewegte: das Für und Wider der Auswanderung nach Amerika.
Ernst Jekelius bot im Kalender des Siebenbürger Volksfreundcs Erzählungen, die durch ihre stilistische Form angenehm auffallen. Sie tragen episodischen Charakter, behandeln aber auch wesentliche Probleme der Zeit. Kontraste 9 muß nachdenklich stimmen, wenn man sieht, was aus dem ehemaligen sächsischen Landsmann wurde, der sich, als Graf zur Erholung in die Heimat gekommen, mehr für Pferderennen interessiert als für das Leben seiner Mitmenschen. In Die Dollarnadel werden rege Diskussionen über einheimische Zustände geführt, und zwar über die Grenzen zwischen Rückständigkeit und Tradition in der sächsischen Kleinstadt. Reine Tendenzdichtung mit belehrendem Inhalt, der den Leser allzu deutlich auf das Anliegen hinweist und deshalb verstimmt, schrieb Jakob Friedrich Graef.
      In der angegebenen Periode stellten auch mehr und mehr Schriftstellerinnen ihre Fähigkeiten in den Dienst der Kalender. Neben Luise Helfenbein und Regine Ziegler waren es noch Julie Jikeli und vor allem Anna Schuller-Schullerus. Sie behandelten zahlreiche Probleme sächsischen Dorflebens und dokumentierten immer wieder die gleiche Zielsetzung: Kampf gegen Vorurteile und für den Fortschritt in Denken und Handeln sowie die sittliche Erziehung des Mitmenschen. Allerdings gibt es unter den Erzählungen eine ganze Reihe, die keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
     
   Vor allem Luise Helfenbein trat mit ihren Erzählungen konsequent für eine sittliche Erneuerung auf dem Dorfe ein, gleichzeitig aber auch für die Wahrung sächsischen Brauchtums. So versucht sie, ihren Lesern klarzumachen, daß Kinder nicht eine 'Anlage" in der Ehe sind wie Haus und Hof. Daß Widerspenstigkeit gegen die Ordnung, Trunksucht und unmenschliches Verhalten letztlich jedem einzelnen selbst schaden und mitmenschliche Beziehungen zerstören, kann der Leser ihren Erzählungen Der Freiheit die Gasseu, Die neue Zeit und Die einäugige Krausin entnehmen. Die Verfasserin warnt, wie viele ihrer Zeitgenossen, auch davor, dem Fernweh nachzugeben und die vertraute Gemeinschaft zu verlassen. Oft bedürfe es erst einer rauhen _ Schule oder eines abschreckenden Beispiels, um die Jugend vor diesem Schritt zu bewahren.
     
   Ein wesentliches Anliegen des Volksfreundes war die Pflege der Mundart. Damit folgte er, wie auch andere Kalender, der Strömung der Zeit, die die sächsische Mundartdichtung_ als Quelle echter Kunst endeckte. 'Wohl liest sich das Sächsische nicht leicht, aber es macht dem Volk nicht nur Freude, es zu lesen, es liegt in seiner Pflege eine solche Stärkung unseres Volkstums, daß kein Kalender sich dieser Pflicht entziehen sollte." Bedeutendes auf diesem Gebiet hat Anna Schuller-Schullerus geleistet, die in diesem Kalender — und auch in anderen — eine ganze Reihe von Mundartdichtungen veröffentlichte. Seit 1877 erschienen _ im Kalender des Siebenbürger Volksfreundes auch heitere Geschichten in sächsischer Mundart: Vum Schemmel Titz, einer Art Hermannstädter Eulenspiegel. Diese Figur wurde vor allem durch die Skizzen von Ludwig Michaelis beliebt, der sie gegen spießbürgerliche Enge und Ãœberheblichkeit zu Felde ziehen ließ. Später schrieb auch Ludwig Fritsch Schemmel-Titz-Geschichten, die von scharfer Beobachtungsgabe zeugen.
      Ein zweiter bedeutender Hermannstädter Kalender ist der Neue und alte Hauskalender. Er steht mit seinem belletristischen

Teil ganz im Zeichen zweier Autoren, die an anderer Stelle behandelt werden: Johann Leonhardt und Julius Theiß.
      Seit 1890 erschien der Neue Volkskalender, als dritter im Bunde der Hermannstädter Kalender. Durch ihn kam ein neuer Aufschwung in den Wettbewerb der Kalenderliteratur. Wenn er auch den beiden schon vorhandenen Kalendern keine ernsthafte Konkurrenz machen konnte, so versuchten doch seine Herausgeber, durch eine möglichst große Reichhaltigkeit des Inhalts den Anforderungen eines Kalenders gerecht zu werden. Einen breiten Raum nehmen hier G. A. Schullers Geschichten aus der Geschichte ein, die von 1909—1918 fortlaufend erschienen und in knapper Form und flüssigem Still Begebenheiten und Verhältnisse aus der Vergangenheit darlegen. Schuller beweist dabei auch Talent zur humoristischen Darstellung.
     
   Aus der Menge der Erzählungen dieses Kalenders ragt Oskar Wittstocks Der Mönch von St. Margareth heraus. Zunächst gewinnt man den Eindruck, es handle sich um eine der vielen sächsischen Geschichten, in denen der stolze, bisweilen auch habgierige Vater durch seinen Eigensinn das Lebensglück seiner Tochter zerstört. Durch eine überraschende Pointe verleiht Wittstock der Erzählung eine feste Basis und macht sie sozusagen zu einer kulturhistorischen Schilderung. Eine gewisse Bereicherung für den Neuen Vnlkskalender stellt eine Sammlung von Momentaufnahmen Oskar Wittstocks dar, die unter dem Titel Aus meinem Skizzenbuch erschienen.
Zu den Hermannstädter Kalendern gesellte sich als Kronstad-ter Gegenstück der Sächsische Hausfreund22, die neue Folge des Kronslädtcr Kalenders, der mit dem 104. Jahrgang 1908 sein Erscheinen einstellte. Im Hinblick auf ein hohes Niveau des literarischen Teils wurden zahlreiche Erzählungen aus der binnen-cleutschen Belletristik übernommen, und zwar in einem solchen Ausmaß, daß der heimische Charakter des Kalenders beeinträchtigt wurde. So bleiben nur Johann Leonhardts Stadtgeschichten Der Konzertbericht 23 und Der gesprengte Ofen M erwähnenswert, denen seine Dorfgeschichten Die Unrechte und Der Müller Kloos2Ö vorausgegangen waren. Auch Regine Ziegler und Anna Schuller-Schullerus veröffentlichten hier Erzählungen, die aber nicht zu ihren besten gehören.
      Egon Hajek weist mit seiner Erzählung Der Tanz der Kalenderliteratur eine moderne Richtung. Geschildert wird in dieser Geschichte das Seelenleben des Junggesellen Bernhard. Zwanzig Jahre hatte dieser als Richter im Amt und zu Hause täglich dasselbe getan, bis ihn ein überwältigendes Ereignis — ein Wahn-sinnsanfall seines Bürokollegen — aus dem seelischen Gleichgewicht bringt. Fixe Ideen gewinnen Raum in ihm und treiben ihn schließlich selbst zum Wahnsinn. In seiner Verwirrung hält er die Zimmerlampe für die Sonne und glaubt, seinetwegen habe sich der Lauf der Gestirne umgekehrt. Damit ist für ihn das ersehnte Ereignis eingetroffen. Bei seinem Veitstanz im Zimmer steckt er sich selbst in Brand. Nur knapp entgeht er dem Tod. Der Sächsische Hausfreund hatte mit dieser Erzählung den Mut bewiesen, seinen Lesern anspruchsvollere Kost vorzusetzen. Das war moderne Literatur, wie sie Meschendörfer und seine Mitarbeiter immer wieder in den Karpathen forderten. Gemäß der neuen Strömung in der einheimischen Literatur steht die künstlerische Gestaltung im Vordergrund.
      1905 erhielt Kronstadt noch den Deutschen Volkskalender. 30" Unter der Redaktion von August Jekelius erlangte er bald seinen gebührenden Platz neben den anderen Kalendern. Einige der Erzählungen verdienen hier Erwähnung, zunächst August Jekelius' Bilder aus der Vergangenheit mit dem Titel Aus fahrender Zeit.' Es sind drei Erzählungen, deren Handlungsablauf jeweils durch die Kämpfe zwischen den kaisertreuen Sachsen im Burzenland und den benachbarten Seklern bestimmt wird. Der Prediger von Honigberg ist die zentrale Figur der ersten Geschichte. Er ruft als Führer seiner Gemeinde die Bauern zum Kampf und will sich selbst an ihre Spitze stellen. Der Ãœbermacht der Husaren weichend, kann er kaum selbst sein Leben retten. Die zweite Erzählung, Anna, basiert auf einer wahren Begebenheit. Der Legende zufolge soll sich unter den ungarischen Husaren, die im Kampf bei Honigberg fielen, ein Mädchen befunden haben. Daraus macht A. Jekelius eine Liebesgeschichte, in der das sächsische Bauernmädchen Anna ihrem geliebten Husaren heimlich als Ehefrau in den Kampf folgt und mit ihm zusammen den Tod findet. Viel Lärm um nichts schildert ein heiteres Ereignis vor Tartlau, als Sekler ihre gestohlenen Gewehre suchen. Bemerkenswert sind außerdem zwei Erzählungen Julius Orendis: Das trbe und Die Müllerin33, zwei echte sächsische Dorfgeschichten, die den Menschen im Konflikt mit Moral und Gesetz zeigen.
      Unter den Kalendern, die außerdem in dieser Periode erschienen, verdient noch der Bistritzer Handkalender Erwähnung. Er wurde seit 1882 herausgegeben und enthielt anfangs zahlreiche literarische Beiträge von J. Fr. Graef.
      Wurde auch der Wert einer Reihe von Kalendererzählungen in Frage gestellt, so muß man doch berücksichtigen, welche Auf-gäbe diese Geschichten zu erfüllen hatten. Erzählungen wie Egon Hajeks Tanz sind zwar von beachtlichem künstlerischen Niveau, erreichen aber nicht das breite Leserpublikum. Deshalb konnten die Kalender in der angegebenen Zeitspanne ihr Profil auch nicht wesentlich ändern, d. h. sie blieben ein Bildungs- und Erziehungsinstrument. Mit der zunehmenden Zahl von Buchausgaben und dem Wandel des Bildungssystems verloren die Kalender in der Folgezeit ihre maßgebende Rolle und büßten ihren Platz im literarischen Geschehen Siebenbürgens ein.

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