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Joseph von Eichendorff - MONDNACHT



Es war, als hätt der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nun träumen müßt.
      Die Luft ging durch die Felder, Die Ähren wogten sacht, Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht.
      Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, Flog durch die stillen Lande, Als flöge sie nach Haus.


      Mondnacht gehört zu den bekanntesten Gedichten von Eichendorff, es ist durch R. Schumanns Vertonung volkstümlich geworden. Ãœber die Entstehungszeit der Gedichte Eichendorffs ist allgemein wenig bekannt. 1837 erschien ein Band Gedichte, welcher auch die Mondnacht enthielt. Das Gedicht ist seither in alle Werkausgaben von Eichendorff aufgenommen worden. Wir entnahmen es der Bibliothek der Deutschen Klassiker, Bd. XVII, Druck und Verlag des Bibliographischen Instituts, Hild-öurgshausen, 1881, S. 485.
      Das Gedicht Mondnacht, wohl das berühmteste von Eichendorff, weist jenen volkstümlich schlichten Ton und eine innige Beziehung zur Natur auf, die man allgemein als Wesensmerkmale der romantischen Lyrik schätzen gelernt hat. Die alte deutsche Volksdichtung hatte Eichendorff vor allem durch die Vermittlung Görres, Brentanos und Arnims in Heidelberg kennengelernt, doch würde man dem Dichterunrecht tun, wollte man ihn reduzieren auf die Koordinaten, die sein Name schon enthält: Eichen — Dorf. E. Ermatinger hört darin Waldesrauschen und Dorfeinsamkeit, das friedliche Genügen darin.
      Die Rezeption der Volksdichtung, die große Liebe zur Natur sind bei Eichendorff persönlich und generationsmäßig bestimmt. Das Welterleben dieses Spätromantikers wird mit Hilfe der damals so geläufigen Requisiten Wald, Mond, Burg u.a. ausgesprochen. Das Gedicht Mondnacht enthält sie schon im Titel. Die Eigenart und der Wert der Eichendorffschen Lyrik kann nur dann aufgewiesen werden, wenn man jenseits des Gängigen die besondere Handhabung vor allem des Naturbildes erfaßt.
      Ein faszinierendes Bild dieser Art steht in Mondnacht schon nach wenigen Worten vor dem geistigen Auge des Lesers. Auffallend sind zunächst die kosmischen Dimensionen, die es entfaltet: Himmel und Erde als Liebespartner. Die Vorstellung wird in Bewegung gesetzt durch Handlungen, die jedoch der menschlichen Sphäre entliehen sind, er küßt sie, sie träumt von ihm im Blütenschimmer, der ihr etwas Bräutliches verleiht. Menschliches und Grandioses werden vereint. Dabei geht Eichendorff keineswegs beschreibend vor. Es geht ihm nicht darum, detaillierte Sondereindrücke einzufangen. Ganz im Gegenteil, der Wortschatz schon überrascht durch seine poetische Fixiertheit: Himmel, Erde, küssen, träumen — das sind lyrische Urwörter, die immer schon als Träger dichterischen Aussagens verwendet wurden. In dem Umgang mit diesen Wörtern erinnert der Stil Eichendorffs an denjenigen volkstümlicher Ausdrucksweise, in der die Begriffe auch ohne jede individualisierende Vertiefung, sozusagen flächenhaft verwendet werden, eine Ausdrucksweise, die besonders das Märchen kennzeichnet. Lind auch die formelhafte Wendung Es war. . ., mit der das Gedicht einsetzt, beschwört eine Märchenwelt herauf. Der Dichter verläßt erklärtermaßen die Realität. Das ganze Gedicht steht im Konjunktiv, dem Modus der Irrealität. Nicht Wirklichkeitsbeschreibung ist also die Absicht des Dichters, sondern das Hervorzaubern einer märchenhaft-schönen Welt. Es ist eine Welt der Liebe, der Befriedung. Die ruhige Satzführung schafft die sprachliche Melodie, welche die Stimmung der Mondnacht meisterhaft einzufangen versteht. Doch wird weder der Mond, noch die Nacht genannt, die besondere Beleuchtung des Bildes entsteht vielmehr indirekt, durch den matten Schimmer der Blüten, durch das Träumen der Erde.
      Unmerklich ändert die zweite Strophe die Blickrichtung. Die aus der Nacht auftauchenden Bilder scheinen irgendwie erdgebundener. Auch diesmal werden sie aber zu einem eigenartigen Leben erweckt durch die Bewegungsverben, die allmählich von gehen über wogen zu rauschen werden, d.h. zu Vermittlern einer Melodie, die der Wald an-stimmt. Luft, Felder, Ähren — auch dies sind lyrische Urworte, doch kennzeichnen sie zum Unterschied zu denen der Eingangsstrophe eine Welt der Reife, des Höhepunkts, des Sommers vielleicht. Schon aus diesem Grunde kann das Gedicht nicht als reine Naturbeschreibung: gewertet werden, denn es fixiert nicht einen besonderen Augenblick des Naturerlebnisses, er registriert vielmehr Stimmungen und Bewegungen, welche die Natur in ihrer Gesamtheit durchpulsen.
      Die Stille der Verzauberung weicht in dieser zweiten Strophe der ruhigen, gleichförmigen Bewegung. Die letzte Zeile versucht dafür einen Abschluß zu finden. Sie richtet den Blick wieder nach oben, sie hält die Bewegung auf durch das statische So sternklar war die Nacht. Hier fallen zum ersten Mal Vokabeln, welche das Bild deutlich als Mondnacht kennzeichnen: Nacht und sternklar. Mit dieser Festlegung scheint die Loslösung von der zauberhaften Märchenwelt versucht zu werden. Das Und mit dem die letzte Strophe beginnt, erstrebt ebenfalls Distanzierung. Jetzt erst tritt das lyrische Ich in Erscheinung. Es gliedert sich ein in die Landschaft der beruhigenden und gleichzeitig zauberhaften Stille.
      Die Natur, so wie sie durch die magische Gewalt des dichterischen Wortes entstanden ist, erweist sich als ersehnter Entfaltungsort für die dichterische Seele. Sie gehört in diese Welt, sie wird von ihr beflügelt. Die verallgemeinernde Bildgebung verrät erst an dieser Stelle ihre tiefere Berechtigung. Die stillen Lande, der Flug nach Haus erweitern nämlich das Naturbild endgültig zur Seelenlandschaft. Die Ruhe in der Natur, ihr Friede erweckten und ermöglichten zugleich die Sehnsucht der Seele nach Ruhe und Heimat. Die Natur als Mittlerin zur Selbsteinkehr, zur Selbstfindung — dieses ist wohl ganz allgemein romantisches Weltgefühl. Man versteht dessen besondere Ausprägung bei Eichendorff nur dann, wenn man sich vor Augen hält, daß das Gedicht Mondnacht unter der Spannung eines Konjunktivs steht, eines Wunsches also, der zugleich als Irrealität erkannt wird.
      Die bezaubernde Darstellung der Natur ist also nicht poetischer Selbstzweck; hier wird eine Gegenwelt aufgebaut, die Schutz bieten soll vor der zerstörerischen Gewalt der zivilisierten Welt. Die Seeler das Ich, befindet sich in stetiger Wanderschaft, in ständigem Suchen nach dieser heilen Welt, doch bricht bei Eichendorff zum ersten Mal ganz deutlich das Wissen von ihrer Irrealität durch, vor dem sich die romantischen Dichter vor ihm noch hatten bewahren können. Die Lyrik des Spätromantikers Eichendorff muß daher als weitere Stufe, als' wachsendes Beunruhigtsein verstanden werden, als Ausdruck gesteigerten Mißbehagens an der bürgerlichen Welt, das die Dichtung seit der Klassik und bis zur Moderne als Wesensmerkmal durchzieht. Das Reich der Natur und der Poesie als Rückzugsmöglichkeit, als unantastbarer
Besitz ist nicht mehr Sicherheit, es wird vom Dichter je und je sehnend erahnt — als flöge sie nach Haus.
      Die Suche nach dem Heilen innerhalb einer feindlichen Welt, das Wissen um seinen Verlust, geben dem Dichter das Bewußtsein seiner Gefährdung,' seines Ausgeliefertseins . Die harmonisch-stillen Mond- und Waldbilder Eichendorffs erhalten erst .durch diese Grundmelodie ihre poetische Berechtigung. Sie dringt mehr .oder weniger deutlich hervor. Im Gedicht Mondnacht klingt sie verhalten durch eine bezaubernd-märchenhafte Welt des Als-ob.
     

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