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Johannes Robert Becher - NECKAR BEI NÜRTINGEN



Die Ufer sind so flach, da auch die Wiesen Sanft mitzuflieen scheinen mit dem Flu. Ein uferloses grnes Überflieen, Ein Überflu, drin alles mitziehn mu!

Die Apfelbume blhn. Ein weicher Schimmer
Liegt berm Land. Es blht aus dir heraus.
      Still. Nur der Flu, das Blhn . .. Ich wnsch mir: immer

Mcht ich hier sein. Hier bin ich ganz zu Haus.
      An einem Holztisch sitz ich in der Laube
Und schenk mir ein aus einem hohen Krug.
      Die Nacht, wenn ich auch nicht an Gott mehr glaube,
Ist Wunder voll und rtselhaft genug.
      O Nacht, belebt von Sternen, Mond und Wind — Ob ich dich, Neckar, jemals wiederfind?!
Neckar bei 'Nrtingen ist whrend der Exiljahre, die J. R. Becher in der Sowjetunion verbrachte, entstanden. Der Lyriker hatte als Expressionist anfangs gegen die brgerliche Welt aufbegehrt, unter dem Einflu der Kriegsereignisse und der Oktoberrevolution wurde er zum kommunistischen Kmpfer. Bechers literarischer Werdegang kennzeichnet sich durch ein stetiges Anderswerden, durch das Ringen um die Vereinigung revolutionrer Ideengehalte mit einer schlichten, ansprechenden Form. Die Jahre in der Sowjetunion bezeichnen darin eine wichtige Stufe; der Band Der Glckssucher und die sieben Lasten, 1938 in Moskau erschienen, enthlt Naturgedichte wie dieses und solche, die sich mit groen Gestalten der deutschen Kulturtr-dition auseinandersetzen.
      Ein Dichter, der von Jugend auf seine Feder als Waffe im Kampf gegen die brgerliche Ordnung in Deutschland verwendet hatte, der mit oft agitatorischer Deutlichkeit Mistnde in seinem Lande aufdeckte, ein Dichter, der ohne den Einspruch Gorkis, Rllands und Brechts 1928 wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt worden wre, schreibt im Exil Gedichte, welche die Natur der Heimat preisen. Schon dieses Anliegen deutet darauf hin, da Bechers Anderswerden in jenen Jahren ihm eine neuartige Entwicklung ermglichte. Es ist vor allem die Frage nach den Ursachen des Faschismus, die Frage nach der eigenen Schuld, die Becher schlielich zum Anwalt des wahren Deutschland werden lie. Thomas Mann wrdigte in seiner Rede anllich des 60. Geburtstags von J. R. Becher dessen groe Leistungen in dieser Richtung: Er erfllt sich tatschlich im Patriotismus, und sein Drang zum Dienst an der Gemeinschaft, dem Volke, ist — man lese nur seine Gedichte — zuerst und zuletzt der heie Wunsch, seinem Volke, dem deutschen, zu dienen und ihm ein liebevoller, getreuer Berater nach bestem Wissen und Gewissen zu sein. Ich glaube, der Tag wird kommen, wo ihm das deutsche Volk in seiner Gesamtheit fr diese Liebe Dank zu wissen wird.
      In einer Zeit, als der Faschismus Deutschland vllig diskreditierte, als die Mehrheit des deutschen Volkes sich von jenem Wahn blenden lie, bewies Johannes Robert Becher durch sein kulturpolitisches Wirken, vor allem aber durch die Kraft seines poetischen Wortes, da es noch die besten Deutschen gibt. Diese besten Deutschen, die wahre Heimat gab es damals aber nur im Inneren des Dichters als Wunschtraum, entstanden aus dem Vertraun an den Bestand derjenigen Werte, die fr Becher immer schon die eigentliche Heimat bedeutet hatten: die Landschaft Deutschlands und seine fortschrittlichen Kulturtraditionen. Mit seinen Gedichten wurde Becher selbst zum geistigen Bruder eines Hlderlin, Kleist oder Heine, die zu ihrer Zeit auch die innige Liebe zum Vaterland mit der Sorge um dessen Schicksal verbunden hatten.
      Neckar bei Nrtingen klingt schon im Titel beide Grundtne an: Heimatlandschaft und Kulturerbe; denn der Neckar prgt nicht nur £ine den Deutschen sehr vertraute Gegend, dieser Landstrich ist gleichzeitig durch groartige Leistungen zum Sinnbild einer Kulturtradition geworden. Schiller, Hegel und nicht zuletzt Hlderlin haben dort gewirkt. Besonders an Hlderlin gemahnt der Titel dieses Gedichtes. In Nrtingen, bei der Mutter berwand dieser die Krise, in die er in den Tbinger und Jenaer Jahren geraten war, den Neckar hatte er in seinen Gedichten gefeiert. Der Neckar heit eines davon; die Natur der Heimat wird hier zur Seelen- und Geisteslandschaft gesteigert, zum Ort der Harmonie, der dem Griechentum ebenbrtig ist, einer Harmonie, diezu feiern sich der Dichter berufen fhlte aus der Erkenntnis der gesellschaftlichen Notsituation seiner Zeit.
      Bechers Naturbild verrt sich nicht von vorneherein als Geisteslandschaft. Durch anschauliche, umfassende Vorstellungen gelingt es dem Dichter, das ersehnte Bild der fernen Heimat entstehen zu lassen. Die Beiwrter sanft, uferlos und grn besitzen dabei die Fhigkeit, die ein-zelnenen Bilder Ufer, Flu und Wiesen zu einem Ganzen zu verknpfen und gleichzeitig zum Stimmungsbild zu steigern. Grn deutet auf das stetige und allgegenwrtige Leben, das hier pulst, uferlos auf das Allumfassende, Vereinende dieser Landschaft, auf deren Reichtum . Sanft hingegen kennzeichnet die Schnheit dieser Welt ganz allgemein, schn ist sie in ihrer Flle und in ihrer stndigen Bewegung.
      Dieser groartige Einsatz geschieht in einer feierlichen Tonart, die ebenfalls an Hlderlin erinnert. Der fnffige Jambus, die ruhige Satzfhrung und die strenge Reimbindung gewhrleisten sie.
      Die zweite Strophe wirkt, im Gegensatz dazu, unruhig und zerrissen. Zwar wird eingangs noch versucht, die Ruhe zu bewahren, durch das Aneinanderreihen von kurzen, einfachen Stzen: Die Apfelbume blhn. Ein weicher Schimmer I liegt berm Land. Es blht aus dir heraus. Der letzte davon kann nicht mehr eindeutig als Beschreibung empfunden werden, die Sprechhaltung wird schwankend, denn das dir knnte sowohl als Anrede des Flusses gedacht sein, als auch die Heimat berhaupt meinen. Der Dichter kann denn auch den ruhig beschreibenden Ton nicht mehr einhalten. Still durchbricht sowohl die rhythmische als auch die syntaktische Struktur der Zeile, es bewirkt eine Pause, eine Besinnung, die notwendigerweise zum Ausbruch des Schmerzes fhrt. Unvollstndige Stze bringen stockend dessen Ursache zum Ausdruck. Jetzt erst erscheint das Naturbild als das, was es wirklich ist — Sehnsuchtsbild fr einen, der fern von der Heimat leben mu, der unter dieser Trennung schwer leidet: Nur der Flu, das Blhn. .. Ich wnsch mir: immer I macht ich hier sein. Hier bin ich ganz zu Haus.
      Und somit ist das lyrische Ich aus dem Wunsrhland in die Wirklichkeit zurckgekehrt, die es zu bestehen hat. Fast dnkt die dritte Strophe als Anklammerung an diese Realitt, an ihre berschaubare Dinglichkeit: An einem Holztisch sitz ich in der Laube I und schenk mir ein aus einem hohen Krug. Durch diese festgefgten Bilder kann sich der Dichter wirklich auffangen, er kann stufenweise den ihn gefhrdenden Schmerz um die ferne Heimat berwinden. Zunchst fllt an der Sprechweise dieser Strophe die Unmittelbarkeit, ja Liedhaftigkeit auf; und auch die lyrische Situation, der Dichter beim Wein, klingt an alte Volkslieder an. Die Nacht wird angesprochen, die Wunder und Rtsel der Dunkel-heit knnen schrittweise umgedeutet werden zu Ansatzpunkten der Hoffnung.
      Vom grandiosen Bild des Anfangs ber die schmerzvolle Zerrissenheit der Mittelstrophe findet der Dichter schlielich in liedhafter Schlichtheit zu einer Befreiung und keimenden Hoffnung. Die letzten beiden Zeilen, die dem Gedicht wie ein Schluakkord beigegeben sind, fassen Motive und Stimmungen noch einmal zusammen: die Natur wird feierlich angesprochen und gleichzeitig damit klingt die schmerzvolle Ungewiheit auf, die Sorge um die Heimat. Aus diesen beiden Komponenten bezieht das Gedicht Neckar bei Nrtingen seine poetische Wirksamkeit; eben durch den verhalten mitvibrierenden Schmerz wirkt die feierliche Sprechweise berzeugend.
     

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Johannes  Robert  Becher  -  NECKAR  BEI  NÜRTINGEN    





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